Diese Woche wurde der Christbaum im Herzen des Imperiums aufgestellt. Vor dem Captiol in Washington wuchtete ein Kran die knapp 17 Meter hohe Balsamtanne aus Vermont an den richtigen Platz. Ein Fotograf der “New York Times” hat den Moment festgehalten. Auf der Schnittfläche des abgesägten Stammes sind drei Worte zu lesen: “This end down”.
Nichts konnte meine Freundin Debora zuverlässiger im komische Verzweiflung versetzen als die Flut der abwegigen Anweisungen, Warnungen und Hinweise in diesem Land. “Halten die uns denn für komplett bescheuert?”, seufzte sie, wenn sie auf Pitabrot-Packungen ein Warnschild fand, wonach die Fladen nach dem Erhitzen heiß seien und deshalb vorsichtig aufgeschnitten werden müßten.
Debora, als “Jewish Mom” selbst durchaus sicherheitsbewußt, als Europäerin aber auch der Ansicht, die exzessive amerikanische safety-Kultur sei nur mit einer Extraportion Ironie auszuhalten, ist inzwischen mit ihrer Familie nach Jerusalem ausgewandert. Dort hat man andere Sorgen als die, ob jemand den Weihnachtsbaum falschherum aufstellen könnte.
Hier auch, ehrlich gesagt. Doch spätestens seit McDonald´s einer Kundin Schadenersatz zahlen mußte, weil auf dem Kaffeebecher nicht ausdrücklich vor der Gefahr des Verbrühens durch Heißgetränke gewarnt worden war, wuchert der Warnschilderwald ohne Grenzen.
“Kind vor dem Zusammenklappen herausnehmen”, heißt es auf einem Buggy-Kinderwagen. Das Rowenta-Bügeleisen warnt uns ausdrücklich davor, Kleidung am Körper zu bügeln. Eine Wolldecke bietet laut Beschilderung keinen Schutz vor Tornados. American Airlines schlägt für den Snack im Flieger vor, die Chipspackung aufzureißen, bevor man den Inhalt verspeist. Und auf Erdnüssen der Marke Salisbury ist zu lesen: “Warning: Contains nuts.” All dies und mehr auf der Website wackywarnings.com.
Mein Favorit zum Fest, abgesehen vom Christbaum-Kopfstand: Detaillierte Anweisungen der Umweltorganisation Sierra Club, wie ein ökologisch aufgeklärter Mensch – das ist in Amerika gerade einigermaßen in Mode gekommen, Al Gore und dem himmelhohen Ölpreis sei Dank – beim familiären Weihnachtsmenü die Widerspenstigen auf den Pfad der Erleuchtung führen kann. Im Dialog mit den fiktiven Familienmitgliedern Onkel Burt, Tante Mimi, Schwesterherz und Cousin Mervin können dort ausgefeilte Gegenargumente interaktiv geübt werden.
Zum Beipiel so: “Also wirklich, Merv, ich will dir ja nicht vorschreiben, was für ein Auto Du fahren sollst,” – Cousin Mervin liebäugelt mit einem Hummer – “aber ich denke nicht, daß irgendjemand einen Freifahrschein dafür hat, die Welt zu vermüllen. Wenn wir uns alle um die Zukunft sorgen, sollten wir nach Wegen suchen, unseren schädlichen Einfluß auf den Planeten zu verringern – und nicht versuchen, unsere schwachen Egos mit widerwärtigen, umweltschädlichen Autos aufzublasen!”
Oder wenn Tante Mim findet, so ein bißchen mehr Wärme könne doch nicht schaden:
“Der Begriff der globalen Erwärmung verharmlost die Sache, Mim. Wir sollten eher von einer Klima-Krise sprechen. Ein komplexes System ist aus dem Gleichgewicht geraten, und die Folgen sind wirklich beängstigend. Beim derzeitigen Tempo, Mim, könnte schon Mitte dieses Jahrhunderts die Arktis im Sommer eisfrei sein.”
Wenn das nicht überzeugt!
Trotzdem sind wir in Princeton übrigens sehr stolz darauf, daß UNSER Christbaum mit 32.000 Lichtern mehr Beleuchtung zu bieten hat als das weltberühmte Exemplar vor dem New Yorker Rockefeller Center! Und UNSER Christbaum, übrigens auch ein bißchen höher als der vorm Capitol, ist ein hier gewachsenes und verwurzeltes Exemplar. Beschriftungen à la "oben" und "unten" konnten deshalb komplett entfallen.
(Princeton Post XI)
Dienstag, 27. November 2007
Dienstag, 6. November 2007
Halloween-Horror
Halloween ist vorbei, Gottseidank.
Obwohl - wir hatten natürlich viel Spaß. Vor allem die Kinder. "Wasn't that SO much fun?!", sagten die Erwachsenen. Lehrer, Eltern, Großeltern, digitalkamerabewaffnet.
In N.s Schule war das Halloween-Programm so vollgepackt, daß die Kinder kaum mitkamen. Nach dem Lunch: Spiele-Parcours im Klassenzimmer. Vier Stationen gab es, niemand durfte für eine davon länger als fünf Minuten brauchen, sonst wäre der Zeitplan durcheinandergeraten.
Eine Plüsch-Spinne mit Glitter und einem Magneten bekleben - Bastelstation abgehakt. Etwas Zuckerguß auf einen Fertigkeks in Kürbisform schmieren, Zuckerstreusel drüber - Backstation erledigt. Und so fort, bis es hieß: Nun alle schnell die Kostüme anziehen zur Parade!
Das dauerte lange, weil das Umziehen kompliziert war. Jungs bitte mit einem Freiwilligen-Vater aufs Herrenklo, Mädchen mit einer Mutter aufs Damenklo! Entblößte Unterwäsche im koedukativen Klassenzimmer? Bewahre!
Die Parade durfte nicht so lange dauern, weil danach noch Partys MIT Eltern und Geschwistern angekündigt waren. Aufgeregte Digitalfilmer rannten durcheinander. Es galt, die eigenen Kinder plus vielleicht noch deren Lehrer und Klassenkameraden zu erwischen - gar nicht so einfach, und auf einer Gesamtstrecke von vielleicht 200 Metern gab das eine Menge Rangeleien.
Zurück im Klassenzimmer. Die Gäste trudeln erst langsam ein, weil aus Sicherheitsgründen jeder Erwachsene, der die Schule betritt, zuerst gegen Unterschrift einen Sticker ausgehändigt bekommt, der sichtbar zu tragen ist. Die ersten schauen nervös auf die Uhr, müssen zurück zur Arbeit. Die Kinder singen ein paar Halloween-Lieder, dann ist nochmal Zeit für Gruppenfotos und Filme. Und für Sicherheitshinweise der Lehrerin, was beim Trick-or-Treat in der Dunkelheit alles zu beachten ist. Dann sind wir entlassen.
Zum nächsten Event: Halloween in R.s Kindertagesstätte. N. ist inzwischen schon leicht quengelig. Aber das Ganze nochmal: Parade, Fotos, Party. Heulende Kleinkinder, die im plüschigen Känguruh-Ganzkörperkostüm völlig überhitzt sind. Oder nicht einsehen, daß nach acht Mini-Muffins wirklich Schluß ist.
Zuhause noch eine kurze Pause bis zum Sammeln. Ausruhen? Kein Gedanke. Es wird gekreischt und getobt; "they are all sugared up", sagt meine Nachbarin Sally. Aufgeputscht, zu viel Zucker. Man sammelt sich zum Trick-or-Treat.
Die Kinder interessiert natürlich vor allem eins: Wie komme ich schnellstmöglich zur größtmöglichen Süßigkeiten-Sammlung. Das geht am besten, wenn man von Haus zu Haus RENNT. "Wieviele können wir nehmen?", war die meistgehörte Frage an den Türen. Nicht mal das übliche "trick or treat!" brachten manche über die Lippen, grapschten nur still nach den candies. Um schließlich die Beute heimzuschleppen in ihren riesigen Beuteln oder neon-orangenen, hohlen Plastik-Kürbissen.
In manchen Vorstädten mit langen Wegen und großem Widerwillen, zu Fuß zu gehen, versammeln sich Mütter zu Halloween auf Supermarkt-Parkplätzen. Sie parken ihre SUVs im Kreis, stellen die Candy-Kisten auf und schicken alle Kinder einmal rund. Das spart Zeit und schont die Vorgärten.
Die "gute alte Tante" New York Times stellte allerdings besorgt fest, daß nur sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September die Tendenz zu Zombie-Masken und anderen grausigen bzw. martialischen Halloween-Kostümen wieder deutlich zugenommen habe. Und das gelte für alle marktrelevanten Gruppen: Erwachsene, Kinder - und Haustiere.
Noch eine Schreckensnachricht zum Halloween-Nachklapp? Bitteschön: Ein Spielwarenhersteller mußte seinen "Hit" der Saison, ein grauenhaft verfault aussehendes Plastikgebiß namens "Ugly Teeth", zurückrufen. Das Produkt - made in China - war so kräftig mit Bleifarbe bemalt, daß die Gebißträger ernsthafte Gesundheitsschäden fürchten müssen.
Fazit der Mutter nach neun Stunden non-stop Halloween: Nächstes Jahr mieten wir eine Hütte in den Bergen und schnitzen einfach nur traditionelle Kürbis-Laternen.
"Aber Mama", jammert das größere Kind und umklammert seinen randvollen Sammel-Kürbis, "wir hatten doch so viel Spaß!"
(Princeton Post X)
Obwohl - wir hatten natürlich viel Spaß. Vor allem die Kinder. "Wasn't that SO much fun?!", sagten die Erwachsenen. Lehrer, Eltern, Großeltern, digitalkamerabewaffnet.
In N.s Schule war das Halloween-Programm so vollgepackt, daß die Kinder kaum mitkamen. Nach dem Lunch: Spiele-Parcours im Klassenzimmer. Vier Stationen gab es, niemand durfte für eine davon länger als fünf Minuten brauchen, sonst wäre der Zeitplan durcheinandergeraten.
Eine Plüsch-Spinne mit Glitter und einem Magneten bekleben - Bastelstation abgehakt. Etwas Zuckerguß auf einen Fertigkeks in Kürbisform schmieren, Zuckerstreusel drüber - Backstation erledigt. Und so fort, bis es hieß: Nun alle schnell die Kostüme anziehen zur Parade!
Das dauerte lange, weil das Umziehen kompliziert war. Jungs bitte mit einem Freiwilligen-Vater aufs Herrenklo, Mädchen mit einer Mutter aufs Damenklo! Entblößte Unterwäsche im koedukativen Klassenzimmer? Bewahre!
Die Parade durfte nicht so lange dauern, weil danach noch Partys MIT Eltern und Geschwistern angekündigt waren. Aufgeregte Digitalfilmer rannten durcheinander. Es galt, die eigenen Kinder plus vielleicht noch deren Lehrer und Klassenkameraden zu erwischen - gar nicht so einfach, und auf einer Gesamtstrecke von vielleicht 200 Metern gab das eine Menge Rangeleien.
Zurück im Klassenzimmer. Die Gäste trudeln erst langsam ein, weil aus Sicherheitsgründen jeder Erwachsene, der die Schule betritt, zuerst gegen Unterschrift einen Sticker ausgehändigt bekommt, der sichtbar zu tragen ist. Die ersten schauen nervös auf die Uhr, müssen zurück zur Arbeit. Die Kinder singen ein paar Halloween-Lieder, dann ist nochmal Zeit für Gruppenfotos und Filme. Und für Sicherheitshinweise der Lehrerin, was beim Trick-or-Treat in der Dunkelheit alles zu beachten ist. Dann sind wir entlassen.
Zum nächsten Event: Halloween in R.s Kindertagesstätte. N. ist inzwischen schon leicht quengelig. Aber das Ganze nochmal: Parade, Fotos, Party. Heulende Kleinkinder, die im plüschigen Känguruh-Ganzkörperkostüm völlig überhitzt sind. Oder nicht einsehen, daß nach acht Mini-Muffins wirklich Schluß ist.
Zuhause noch eine kurze Pause bis zum Sammeln. Ausruhen? Kein Gedanke. Es wird gekreischt und getobt; "they are all sugared up", sagt meine Nachbarin Sally. Aufgeputscht, zu viel Zucker. Man sammelt sich zum Trick-or-Treat.
Die Kinder interessiert natürlich vor allem eins: Wie komme ich schnellstmöglich zur größtmöglichen Süßigkeiten-Sammlung. Das geht am besten, wenn man von Haus zu Haus RENNT. "Wieviele können wir nehmen?", war die meistgehörte Frage an den Türen. Nicht mal das übliche "trick or treat!" brachten manche über die Lippen, grapschten nur still nach den candies. Um schließlich die Beute heimzuschleppen in ihren riesigen Beuteln oder neon-orangenen, hohlen Plastik-Kürbissen.
In manchen Vorstädten mit langen Wegen und großem Widerwillen, zu Fuß zu gehen, versammeln sich Mütter zu Halloween auf Supermarkt-Parkplätzen. Sie parken ihre SUVs im Kreis, stellen die Candy-Kisten auf und schicken alle Kinder einmal rund. Das spart Zeit und schont die Vorgärten.
Die "gute alte Tante" New York Times stellte allerdings besorgt fest, daß nur sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September die Tendenz zu Zombie-Masken und anderen grausigen bzw. martialischen Halloween-Kostümen wieder deutlich zugenommen habe. Und das gelte für alle marktrelevanten Gruppen: Erwachsene, Kinder - und Haustiere.
Noch eine Schreckensnachricht zum Halloween-Nachklapp? Bitteschön: Ein Spielwarenhersteller mußte seinen "Hit" der Saison, ein grauenhaft verfault aussehendes Plastikgebiß namens "Ugly Teeth", zurückrufen. Das Produkt - made in China - war so kräftig mit Bleifarbe bemalt, daß die Gebißträger ernsthafte Gesundheitsschäden fürchten müssen.
Fazit der Mutter nach neun Stunden non-stop Halloween: Nächstes Jahr mieten wir eine Hütte in den Bergen und schnitzen einfach nur traditionelle Kürbis-Laternen.
"Aber Mama", jammert das größere Kind und umklammert seinen randvollen Sammel-Kürbis, "wir hatten doch so viel Spaß!"
(Princeton Post X)
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