Mittwoch, 12. Dezember 2012

The Year in (American) Numbers


Amerikaner, so heißt es, lieben Sport, Statistiken und First-time-evers. Das färbt natürlich auch auf Immigranten und Expats ab. Deshalb gibt es heute, am 12.12.12, eine kleine Auswahl der besten "amerikanischen" Zahlen des Jahres ein Dutzend kleiner Funde, passend zur Jahreszahl:

  • Zahl der in diesem Jahr erzielten Tore, mit der Argentiniens Fußballgott Lionel Messi im Dezember einen neuen Weltrekord erreicht hat: 86. Das entspricht, wie die New York Times ausgerechnet hat: "... an average of one goal every four days, more frequently than a starting pitcher takes the mound, as often as Starbucks opens a new store in China." 
  • Zahl der Sexaffären, nach denen der hochdekorierte Vier-Sterne-General David H. Petraeus als CIA-Direktor im November zurücktreten musste: 1. Zahl der Sexaffären, die Allen Dulles als CIA-Direktor in den fünziger und frühen sechziger Jahren unbeschadet an Ruf und Beruf überstand: "mindestens 100" (Quelle: Dulles' Schwester Eleanor). Kommentar der New York Times: "Dulles’s behavior was well known in Washington and elsewhere, but never publicly reported. By the journalistic codes of the 1950s, it was not newsworthy." 
  • Größenverhältnis zwischen den Territorien Japans und der USA: 1 zu 25. Verhältnis zwischen der Zahl der Achterbahnen in den USA und der Zahl der Achterbahnen in Japan: 1 zu 3. (Quelle: themeparkreview.com)
  • Zahl der Tage, für die Bill Gates' gesamtes Vermögen ausreichen würde, um das derzeitige US-Haushaltsdefizit zu finanzieren: 15. (Quelle: theeconomiccollapseblog.com)
  • Zahl der Zwillingspaare im olympischen Team der USA für die Spiele in London: 2. (Quelle: foxsports.com)
  • Anteil der über "social media" zustandegekommenen Hochzeiten an allen  Eheschließungen in den USA: 1 von 8. (Quelle: funnyjunk.com)  
  • Rang des 28. Oktober unter den Tagen mit den höchsten Süßigkeiten-Verkaufszahlen: 1 (Quelle: dailyrandomfacts.com) (und wer gleich gewusst hat, dass zwei Tage nach dem 28. Oktober Halloween ist, kann als gründlich amerikanisiert gelten)
  • Anteil der Bestellungen bei Domino's Pizza, die 2012 über ein iPad eingingen: 1 von 5. (Quelle: simonlilly.com)
  • Zahl der Artikel zum Präsidentschaftswahlkampf 2012, in denen New-York-Times-Kolumnistin Gail Collins die Tatsache erwähnte, dass Mitt Romney einst auf der Ferienfahrt von Boston nach Kanada seinen Hund "Seamus" auf dem Dachgepäckträger des Familienautos festschnallte: mindestens 30 (Quelle: New York Observer)
  •  Zahl der Fehler, die man sich erlauben kann, bevor man beim Online-Spiel "presidential hangman" verloren hat: 7
  • Zahl der führenden englischen und amerikanischen Zeitungen, die alle zusammen eine immerhin fast genauso große Leserschaft aufbieten können wie Justin Biebers Gefolgschaft auf Twitter: 15. (Quelle: funnyjunk.com) 
  • Zahl der Tage zwischen der Sommersonnenwende vom 20. Juni 2007 und der Wintersonnenwende am 21. Dezember 2012: 2012. (Quelle: december212012.com, betrieben von Weltuntergangspropheten, die unter Berufung auf den Maya-Kalender an diesem Datum das Ende der Welt erwarten)
Ob die Welt nun am 21. Dezember untergeht, einen Quantensprung zum Besseren macht oder, wohl die wahrscheinlichste Variante, einfach so weiterwurstelt wie bisher: Euch allen erst einmal frohe Feiertage!

(... und wer, wenn der 21. erst einmal glimpflich überstanden ist, den Weltuntergang wenigstens virtuell durchspielen will, der wird bestimmt fündig beim OXCGN-Blog unter dem Titel 2012: The Year of Apocalypse Games.)  

Donnerstag, 8. November 2012

After the Hurricane, the Blizzard...







... und was dann?! Womöglich der Frühling, weil es am Sonntag an die 20 Grad warm werden soll (ja, Celsius, nicht Fahrenheit)?

Eine kleine Übung in positive thinking:
  • Heute morgen um Viertel nach fünf hat uns der automatische Telefonansagedienst der Princeton Charter School wachgeklingelt, um mitzuteilen, dass die Schule wegen der Blizzard-bedingt schwierigen Verkehrslage 90 Minuten später als üblich anfange. Das hieß 1.), dass die Telefonleitungen noch standen, und 2.), dass der Strom diesmal NICHT ausgefallen war. 
  • Auch im vergangenen Jahr gab es einen Hurrikan ("Irene") und einen verfrühten Schneesturm (Ende Oktober). Dafür hatten wir dann den ganzen Winter und das Frühjahr über Ruhe. ("Could we please have that again", appellierte Lois von gegenüber heute an den Wettergott. Wir schließen uns an.)
  •  Katastrophen sind immer gute Auftrag"geber" für Journalisten; auch für die Verfasserin.
 Und, last but not least:
  •  Wir haben "Sandy" und einen namenlosen Northeaster abbekommen aber "US-Präsident Mitt Romney" ist uns erspart geblieben

Freitag, 2. November 2012

After Sandy


Das Licht ist an, Heizung und Kühlschrank brummen: Seit gestern Abend haben wir wieder Strom. Damit gehören wir zu den glücklichen 50 Prozent der Princetonier, die vier Tage nach "Sandy" nicht mehr im Dunkeln sitzen.

Wie verheerend dieser Hurrikan war, ist in der Zeitung zu lesen: über 100 Tote, ganze Stadtteile und Kleinstädte abgebrannt oder weggespült, geschätzte 50 Milliarden Dollar Schaden. Der Boardwalk von Atlantic City, auf dem Titelbild dieses Blogs zu sehen, ist seit Sonntag teilweise zerstört. Inzwischen ist das Benzin knapp, in einigen Städten sogar schon regelrecht
umkämpft

Princeton gehört nicht zu den am schlimmsten getroffenen Gemeinden, obwohl auch hier ein Mensch ums Leben gekommen ist. Allein auf dem Campus der Universität hat der Sturm 50 Bäume entwurzelt oder abgeknickt. 60 Straßen waren unpassierbar, einige sind es noch immer. Die Bahnverbindungen nach New York sind erst heute teilweise wieder in Gang gekommen.


Sophie, eine französische Freundin aus Berliner Zeiten, beherbergt in ihrem kleinen Apartment auf der New Yorker East Side drei AFP-Kollegen, die im Süden Manhattans wohnen und zeitweise obdachlos geworden sind. Auch in Princeton bietet, wer Strom und Platz hat, eine Notunterkunft an, ein warmes Abendessen im Hellen oder wenigstens eine heiße Dusche. Bibliotheken und Geschäfte geben ihre Steckdosen frei, damit man Laptops und Mobiltelefone aufladen kann.


Hier ein paar Eindrücke aus der Stadt:


























 

Schon jetzt ist klar, welches Produkt demnächst Hochkonjunktur haben wird: der Generator. Kaum einer, mit dem ich in den letzten Tagen gesprochen habe, der nicht schwor, bei nächster Gelegenheit einen zu kaufen. "Bald wird es hier aussehen wie in Indien", prophezeit Jackie, die für die UN viel in der Welt unterwegs ist. "Die Infrastruktur verfällt, und alle verpesten die Luft mit diesen Geräten." Allein der Lärm sei unerträglich.

Davon konnte man schon diesmal zumindest einen Vorgeschmack bekommen. Auch in unserer Straße gab es den ersten Nachbarschaftsstreit, weil die einen (ohne Generator) wegen der anderen (mit Generator) nicht schlafen konnten. Die meisten der diesel- oder benzinbetriebenen Geräte, die hier verkauft werden, haben nämlich weder Lärmschutz noch Abgasfilter.


Insofern waren wir, ehrlich gesagt, fast ein bisschen erleichtert, dass der Generator, den unsere Nachbarn vor dem Hurrikan bestellt hatten, erst gestern Nachmittag geliefert wurde – wenige Stunden, bevor der Strom ohnehin wiederkam. (Aber: Waren wir standhaft, als sie uns anboten, auch eine Leitung in unser Haus zu legen, um wenigstens ein, zwei Lampen einschalten zu können? – Natürlich nicht!)


Deshalb heißt es jetzt auch für uns: Ein Generator muss her – aber einer, der wenigstens die minimalsten Umweltstandards erfüllt. Das allerdings möglichst schnell. Denn der Wetterbericht kündigt schon den nächsten Sturm an: Einen klassischen "Northeaster" diesmal – der kommt zwar  aus der anderen Richtung und ist auch nicht ganz so windstark. Doch Schnee halten die Bäume und Strommasten hier eben genausowenig aus wie Wind. Vor allem, wenn sie so aussehen wie dieser ...



 

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Preparedness

 
Mein Vater würde sagen: "Habe ich ja immer schon gesagt." Seit spätestens Sonntagabend finde ich, er hat Recht: Man muss auf alles gefasst sein und Vorräte im Haus haben. Zumindest dann, wenn man in ein Hurrikangebiet umsiedelt – und seit spätestens Sonntagabend weiß ich, dass wir jetzt in einem solchen wohnen. Habe noch nie vorher 15 Meter hohe Eichen im Sturm beuteln sehen wie Grasbüschel. Habe auch noch nie so ein Sturmgeheul gehört.

Um es aber gleich vorweg zu sagen: Wir hatten Glück. Kein Baum ist aufs Haus gestürzt, kein Wasser in den Keller gelaufen, der Wind hat kein Fenster zertrümmert. Heute, zwei Tage später, haben wir zwar keinen Strom (und auch keine Prognose, wann der wiederkommt). Aber wir haben heißes Wasser und Gas zum Kochen, einen guten Kamin mit Ofen-Insert und jede Menge Feuerholz, dank sinkender Temperaturen sogar einen Kühlschrank – unsere back porch



Die Firestone Library der Princeton-Universität ist geöffnet, hat Strom und Internet und ist gut geheizt. Hier sitze ich mit meinem Mann sowie allen anderen Princeton-Professoren und Studenten. Unsere Jungs knubbeln sich mit den übrigen 66 Prozent der Princeton-Bevölkerung in der public library, wo es ebenfalls warm und hell ist. Die Schule fällt natürlich bis auf weiteres aus, was den Jungs nicht SO viel ausmacht.

"Are you prepared?", hatte uns Ben, unser Nachbar, am Freitag gefragt. Naja, dachten wir. Wir haben eine Notfall-Batterie im Keller, damit zumindest eine Pumpe weiterlaufen kann, wenn der Strom ausfällt. Bis dahin hatten wir die Hurrikan-Warnungen nicht SO ernst genommen, wir wohnen ja schließlich nicht in Florida! Als aber Mike, ein anderer Nachbar, am Samstagmorgen berichtete, bei "Wegman's" und anderen Megastores seien schon Freitagabend Batterien, Brot, Bananen und Trinkwasser ausverkauft gewesen, haben wir den Wetterbericht doch etwas genauer gelesen.


Für den Rest des Samstags war dann die ganze Familie mit Hamsterkäufen beschäftigt. Am Sonntag haben wir wie die Weltmeister gekocht, gebraten und gebacken; Wassergräben ums Haus gezogen, alle verfügbaren Eimer, Töpfe und Kannen mit Trinkwasser gefüllt, wichtige Papiere wasserdicht verpackt und alles ins Haus gebracht, was wegfliegen kann. Bis Sonntagabend gegen 19 Uhr hatten wir noch Strom. Das war länger, als man angesichts des Infernos draußen zu hoffen gewagt hätte. Und danach war man einfach froh, "prepared" gewesen zu sein.


So, jetzt gehe ich wieder nach Hause, mache Feuer im Kamin und koche auf dem Gasherd alles, was sich aus dem stromlosen Gefrierschrank noch retten lässt. Es gibt eine Eis-Party für alle Kinder aus den Nachbarschaft. Nicht SO attraktiv bei Temperaturen unter 10 Grad, aber immerhin ein kleiner Ersatz für
Halloween Trick-or-Treat (das wohl heute eher ausfällt). Und morgen gehen wir dann zu McCaffrey's einkaufen, unserem lokalen Supermarkt. Die waren nämlich auch "prepared" – und halten ihren Laden mit einem Riesengenerator am Laufen.

Wünscht uns power!

Samstag, 29. September 2012

Home is ... where?


Samstagmorgen, ein Wochenende im Frühsommer. Die Familie und ein Gast aus Deutschland sitzen zu Hause beim Frühstück. Ab und zu weht aus der Stadt Blaskapellenmusik herüber: An der Princeton University geht das Studienjahr zu Ende. Die ganze Stadt ist schwarz-orange geschmückt. Es sind Reunions, zehntausende alumni, ehemalige Princeton-Studenten, treffen sich an ihrer Alma Mater. Parade, Feuerwerk, Festzelte; Tigerkostüme und Feierstimmung.

Es klopft an der Haustür. Normalerweise ist das um diese Zeit ein Nachbarskind oder der Postbote, doch diesmal stehen vor der Tür: Ein älteres Paar, freundlich lächelnd, in Reunions-Kostümen und Sneakers. Zwischen ihnen ein sehr alter Herr, stramm und aufrecht, strahlendweiße Kappe auf ebensolchem Haar. "Guten Morgen! Ich heiße Jay, und das hier ist mein Elternhaus!", brüllt der alte Herr.

An seiner Blazerbrust (Tigermuster) steckt eine Plakette: "Jay Foster" steht drauf, "Old Guard" und eine große 42. Jay hat also 1942 sein Examen in Princeton gemacht und ist zur siebzigsten Reunion seines Jahrgangs angereist. Schnell überschlagen: Er ist mindestens 90 Jahre alt. Und offensichtlich schwerhörig. Sein Lächeln ist breiter als sein Gesicht.

Wir bitten die drei herein; Selbstverständlich können sie sich alles anschauen, das ist ja gar nicht zu glauben! Jays Eltern haben das Haus vor mehr als 80 Jahren gebaut, das genaue Datum weiß er nicht mehr. Dass wir die Wand zwischen Küche und Esszimmer eingerissen haben, fällt ihm auf. Sonst findet er vieles so wie früher. Wo heute N., unser Ältester, wohnt, war früher Jays Zimmer; im Zimmer von R. schlief auch Jays kleiner Bruder.

Julius "Jay" Foster lebt heute in Tennessee; als Chemieingenieur hatte man ihn 1944 für das Manhattan-Projekt in der "Secret City" Oak Ridge rekrutiert. Aber aufgewachsen ist er in Princeton, ist also, kraft seines Princeton degree, doppelter Princetonier. "This has always been a happy home", boomt er über sein Elternhaus. Können wir bestätigen, ja, auch wir mögen dieses Haus sehr.

Im Musikzimmer sieht Jay das Klavier. "Do you play, boy?", will er wissen, und als der Große nickt: "Spiel etwas für mich!" N. spielt ein Mozart-Stück. "Sehr gut!", sagt der alte Herr, dann legt er dem Kind den Arm um die Schultern, brüllt ihm ins Ohr: "Denk immer daran, Junge: Was man macht, muss man gut machen!" N. schaut gequält, verspricht aber, immer alles gut zu machen. (Später berichtet er, Jay habe ihm, dem stets Barfüßigen, dabei die ganze Zeit auf dem rechten Fuß gestanden.)

Wir machen noch einige Fotos, weil das ja einfach zu irre ist. Dann ziehen Jay, seine Tochter und der Schwiegersohn weiter, zum Feiern auf den Campus. Für den Rest des Tages habe ich die Wörter house/home und Haus/Zuhause/Heimat im Kopf – und die Frage, was dieses Haus, Jays Elternhaus, und Princeton für uns jetzt eigentlich sind. Auf jeden Fall nicht mehr nur irgendein Haus in einem beliebigen Ort, sondern tatsächlich unser Zuhause. Hier sind die Schulen der Kinder, unsere Arbeit, unsere Siebensachen, unser Alltag. Aber auch unsere Heimat? Die spontane Antwort ist erstmal: Nein.

Wieso eigentlich nicht? Weil wir hier nicht geboren sind? Womöglich, weil es in der englischsprachigen Welt gar keine gibt? "Heimat is a German word that has no simple translation", lässt sich bei Wikipedia nachlesen – aber auch die deutsche Version hilft nicht weiter; dort heißt es unter "Definition" ganz lapidar: "Eine einheitliche Bedeutung gibt es nicht." Nur eine Menge Definitionsversuche. Heimat ist zweifellos ein Kernbegriff: Die Google-Suche bringt über 46 Millionen Treffer.

Ein Alleinstellungsmerkmal der Deutschen, vergleichbar mit Bratwurst und German Angst, nennt es Schekker, das Jugendmagazin der Bundesregierung. Der stern hat Heimat als Grundbedürfnis porträtiert, das lange aus der Mode war (spießig, Vertriebenenvereine, Alpengejodel; Stichwort Heimatfilm) und erst in Zeiten der Globalisierung wieder Konjunktur hat – dass man Heimat erst in der Fremde wirklich schätzen lernt, schrieb schon Fontane, und der war sicher nicht der erste.

Als Expat im nunmehr siebten Jahr kann man das nur bestätigen. "Heimat ist ein Gefühl", finde ich mit Herbert Grönemeyer. Ein kleines warmes Ziehen in der Seele. Eng verwandt, keine Frage, mit Sehnsucht und Weltschmerz. In meiner Variante mischen sich, unter vielem anderem: Der Geruch nach sonnenwarmen Kiefernnadeln im Sommer und das Bild von hohen, silbergrauen Buchenstämmen (ja, die Deutschen und ihr Wald). Das Knirschen von Vaters Wanderschuhen, Rautenmuster-Abdrücke im Schnee vor mir, wenn er den Schlitten zieht. Uhu-Klebstoff an den Fingern. Tagesschau und gleich hinterher der Tatort. Der Geschmack von Mutters Möhreneintopf und Milchreis mit Zimtzucker. Schiffsdiesel auf dem Niederrhein. Die Kölner Hohenzollernbrücke im Regen. Das leise Schaukeln von ICE-Zügen auf dem Weg nach Berlin. Angela Merkel, wenn sie Englisch spricht. Das metallische Poltern der Rutsche auf dem Wasserturm-Spielplatz im Prenzlauer Berg. Kita-Mief aus Eintopf, nassen Anoraks und vollen Windeln.

Viel Nostalgisches also, Rückwärtsgewandtes und Idealisiertes – wie auch anders, wenn man die Aktualität fast nur noch von feriengestimmten Sommerbesuchen und aus der Zeitung kennt. Das Meiste hat etwas mit Aufwachsen zu tun, sowohl dem eigenen wie dem meiner Kinder. Deshalb sind Haan/Düsseldorf, Köln und Berlin die geographischen Hauptbestandteile meiner Heimatkarte.

Was ist aber nun das home in Princeton? Man könnte sich behelfen; mit dem Begriff Zweite Heimat etwa – hatten wir sogar schon mal auf der Fußmatte. Hat sich aber abgenutzt.

In einigen Jahren wird mein und unser Zuhause wohl wieder in Berlin sein, und damit nach landläufiger Vorstellung der Heimat  wieder näher. Aber sicher ist das nicht. Heimat ist eben kein geographischer Ort, ist nicht home land oder home town. Sie ist ein Format in uns – ein Format, mit dem sich in der Welt orientiert, wer mit der deutschen Sprache und Kultur aufgewachsen ist. Zuerst ist es die Ferne, wo es uns hinzieht. Die Heimat ist, von wo es uns zunächst weg- und wohin es uns dann wieder zurückzieht.

Hier in Princeton zuerst ganz in der Fremde und dann zu Hause (gewesen) zu sein, hat das Heimat-Format erst aktiviert und stärker gemacht. Es hat – wie diffus auch immer – als emotionale Vergleichsfolie gedient. Es hat dabei geholfen, sich hier zurechtzufinden, und tut es immer noch. Erst das ständige Abgleichen von hüben und drüben, von Heimat- und Fremdegefühl hat auch der Heimat selbst schärfere Konturen gegeben. So ist Princeton, sind unser Haus und Alltag mit seinen Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen nun die andere Seite der Heimat – und damit zugleich auch ein Teil davon.

Man könnte es mit Edgar Reitz, dem Autor der wunderbaren Heimat-Serientrilogie, auch ganz einfach sagen: Heimat ist "Die Mitte der Welt".

Doch bezeichnenderweise heißt bei Reitz erst die zweite Folge so. Die erste hat ein anderes deutsches Wort zum Titel, ebenso unübersetzbar wie Heimat, nämlich: "Fernweh".




Donnerstag, 2. August 2012

In the Basement


Mehr als ein Jahr lang gab es keine(n) Princeton Post mehr. Der Grund: Die Verfasserin hat einen neuen Job – "German language instructor", also Deutschlehrerin, an einer Musikhochschule in Princeton. Einen Teilzeitjob, der aber – mit zwei Kursen à bis zu 20 Studenten – zumindest im ersten Jahr zur De-facto-Vollzeitbeschäftigung wurde. In den Worten meiner Französisch-Kollegin: "This is supposed to be part-time, but frankly, I've been working my butt off!"

Zu dem Job gehört ein ziemlich langer Titel: "Adjunct Assistant Professor". Je nachdem, auf welchem Ende die Betonung liegt, klingt das nach mehr (Professor) oder weniger (Adjunct). Und wie man sich schon denken kann, ist Letzteres richtig.

"Adjunct" kann Anhängsel heißen, Zubehör oder Gehilfe; im amerikanischen Hochschulsystem bedeutet es: nebenamtlich tätig. Für die Hochschulen selbst sind "adjuncts" vor allem billige Arbeitskräfte – vergleichbar mit Dozenten, die Lehraufträge an deutschen Universitäten haben.

Aber der Reihe nach. Am Westminster Choir College werden, wie der Name sagt, hauptsächlich Chorsänger ausgebildet. Damit die Studenten die Lieder, Requiems und Opern deutscher Komponisten nicht nur singen, sondern auch wenigstens grob verstehen können, sind zwei Deutschkurse Pflicht. Zwei weitere sind optional. Insgesamt gibt es am WCC drei bis vier Deutschkurse pro Semester, das entspricht neun bis zwölf Stunden pro Woche.

Das wäre genau eine volle Stelle – mit langfristigem Arbeitsvertrag und "benefits" (Krankenversicherung / Altersvorsorge). Für die Hochschule ist das aber die deutlich teurere Variante. Macht sie aus der einen vollen Stelle zwei halbe, unterrichten zwei Teilzeitkräfte jeweils maximal zwei Kurse und haben deshalb weder Anspruch auf Festanstellung noch auf sogenannte "benefits". Die Institution kriegt also (anscheinend) dasselbe für sehr viel weniger Geld.

“Adjuncts” bekommen immer nur Verträge für ein Semester und verdienen am WCC knapp $5.000 Dollar pro Kurs
(damit sind sie noch vergleichsweise fürstlich bezahlt – im US-Durchschnitt sind es weniger als $3000). Das macht im Jahr nicht einmal $20.000. Schreiben sich für einen Kurs nicht genügend Studenten ein, wird er gestrichen. Der "instructor" kriegt dann auch kein Geld dafür.

Solche Stellen sind nicht schlecht für jemanden, der einen interessanten Nebenjob sucht, oder der über seinen Ehepartner oder als Rentner kranken- und sozialversichert ist und gar nicht Vollzeit arbeiten möchte. Außerdem ist man in bester Gesellschaft: Auch Barack Obama gab schon als "adjunct" Seminare an der University of Chicago Law School.

Eine gute Sache also – wären "adjuncts" inzwischen nicht die Regel statt Ausnahme. 1960 waren noch drei von vier US-Hochschullehrern Vollzeitkräfte mit Dauerstelle oder wenigstens einer Option darauf. Heute ist es nur noch einer von dreien.

Seinen Lebensunterhalt kann mit so einem "adjunct"-Vertrag allein niemand bestreiten, selbst wenn man – wie es viele zwangsläufig tun – ohne Krankenversicherung auf Risiko lebt. Mein Deutsch-Kollege unterrichtet an zwei, mein Italienisch-Kollege sogar an drei verschiedenen Hochschulen gleichzeitig, um über die Runden zu kommen.

Jobsicherheit ist für "adjuncts" ebenfalls nicht gegeben, Festanstellung nicht mal eine vage Aussicht. Die Sprachlehrer am Westminster College haben erst Anfang Juli erfahren, ob überhaupt und, wenn ja, in welchem Umfang sie ab September wieder unterrichten dürfen. Da sich in diesem Jahr weniger Studenten für Deutsch angemeldet haben, bekommt jeder nur noch einen Kurs.

Wer auf dieser Art Stelle(n) seinen Lebensunterhalt verdienen muss, ist entweder bald verschlissen oder macht aus Selbstschutz nur das Allernötigste. Zumal es auch wenig Prestige zu gewinnen gibt: Wer nur "adjunct" ist  – und nicht gleichzeitig prominent –, steht auf der untersten Hierarchiestufe. (Und anders als es die deutsche Fama will, sind die Hierarchien an amerikanischen Hochschulen gar nicht so flach.)
 
Das Büro, das sich die "adjunct"-Sprachlehrer am WCC teilen, heißt denn auch"B1" – B steht für "basement"; man findet uns im Keller, direkt gegenüber vom Abstellraum für ungenutzte Instrumente und abgenutzte Büromöbel.

Der Sprachunterricht selbst findet in Bruchbuden statt, die man euphemistisch “Relocatables” (Versetzbare) nennt. Die Türen schließen nicht richtig, die Fenster klappern schon bei leichtem Wind, und der Teppich sieht so aus, dass man nichts, was drauffällt, wieder aufheben möchte. An heißen Tagen steht zur Alternative, ob die Kursteilnehmer wegen der Hitze oder wegen der überlauten mobilen Klimaanlage nichts lernen. Und wenn ältere Studenten im Sommer möglichen Bewerbern für das neue Semester den Campus zeigen, werden sie explizit angewiesen, die “Relocatables” nicht in die Führung einzubeziehen.

Warum ich den Job trotzdem mag? – Weil eine erfahrene Mentorin dem Neuling auf alle nur erdenkliche Weise und stets im genau richtigen Maße Starthilfe gab. Weil sich die WCC-Studenten trotz Arbeits-Überlast in bester Stimmung einer schwierigen Sprache stellen – und selbst simple Kinderlieder in Opernchor-Qualität singen, um den Akkusativ zu lernen.

Und schließlich, “adjunct” hin oder her: Wenn eine Journalistin ohne Lehrerausbildung, ohne Deutsch-Studium und mit nur mäßiger Unterrichtserfahrung dennoch die Chance bekommt, “Professorin” zu werden – dann ist am American Dream vielleicht doch noch ein bisschen was dran.