Mittwoch, 15. Juni 2011

High Line (Re)Visited



Einige von euch kennen sie schon, zumindest zum ersten Teil. Vor gut einer Woche ist auch der zweite Abschnitt fertig geworden, und damit sind nun zwei Drittel der insgesamt anderthalb Meilen langen High Line "open to the public".

Der Park auf Stelzen entstand aus dem Überrest einer hochgelegten Bahnlinie der New York Central and Hudson River Railroad. In den 1930er Jahren, als die Lower West Side Industriegebiet war und im Meatpacking District tatsächlich noch tiefgefrorene Truthähne, Rinder- und Schweinehälften verladen wurden, wollte man mit der Hochbahn die gefährlichen Güterzüge von der Straße holen. Die Gleise führten mitten durch die Fabrikgebäude hindurch - so war das Be- und Entladen der Züge einfacher, und auf den Avenues sparte man sich verkehrsbehindernde Stelzen. 50 Jahre später war es vorbei mit Produktion und Warenverkehr, und so gammelte fortan auch die High Line ungenutzt vor sich hin.

Dank lokaler Bürgerinitiativen wurde der "Schandfleck" dann aber doch nicht abgerissen, um Platz für Hochhäuser zu schaffen. Mitte der 1980er Jahre sollte zunächst der Bahnverkehr auf der High Line wiederbelebt werden (was nicht gelang); in den neunziger Jahren wuchs dann bereits ausreichend dichtes Unkraut auf den Gleisen, um den Gedanken eines Hochparks nahezulegen.

Ironie der Geschichte: Am Ende stehen die "developer" trotzdem als Hauptgewinner da. Denn der Erfolg der High Line hat in der Gegend – wie sollte es anders sein in Manhattan – auch die Immobilienpreise in die Höhe geschafft. Genauer kostet eine Wohnung dort jetzt doppelt so viel wie vor der Eröffnung des ersten Parkabschnitts vor zwei Jahren. Manch ein Mitstreiter der ersten Stunde wird sich das Leben an der High Line wohl bald nicht mehr leisten können.

Man sollte ihnen ein Denkmal setzen - oder, besser noch, subventionierte Wohnungen mit bester "vista" stellen!

Mit einem langen Fotospaziergang über die High Line (und noch ein Stück weiter durch den Hudson River Park zum World Trade Center – zwei weitere große bis gigantische New Yorker Bauprojekte) verabschiede ich mich in den deutschen Sommer. Wem das nicht genügt, der findet mehr auf der Website des Parks – unter anderem eine Diashow mit historischen Bildern der High Line in Operation.









































































































Hudson River Park und das künftige WTC1, vormals Freedom Tower

















Samstag, 30. April 2011

Moving ADRs


Auswandern ist kein Ereignis, sondern ein Zustand. Das liegt wohl vorrangig daran, dass das Fremdeln nur langsam nachlässt und das Gewöhnen erst nach und nach zunimmt. Doch häufig ist man es gar nicht selbst, der oder die über den Grad des Auswanderns bzw. die Rest-Verankerung in der alten Heimat entscheidet. Vielmehr wird man im Laufe der Zeit immer mal wieder ein Stück weiter hinausgeworfen (– oder gezogen. Das ist manchmal nicht leicht zu unterscheiden).

Zum Beispiel beim Wohnsitz: Selbst wer jedes Jahr für zwei Monate seine alte Adresse wieder bezieht, und das als ordnungsgemäßer Wohnungsbesitzer, darf (zumindest in Berlin) keinen Zweitwohnsitz haben. Ganz ins Ausland oder gar nicht, deutsche Staatsbürgerschaft hin oder her.

Zuletzt mussten nun sogar unsere deutschen Aktien nach Amerika auswandern. Im Februar verschickte die Deutsche Bank ein Schreiben, worin die Depots ihrer in den USA lebenden Kunden zum 30. April gekündigt wurden. Schuld sei, so hieß es, die Regulierungswut der US-Steuerbehörde IRS. Die sei nämlich so groß geworden, dass sich die Deutsche Bank nicht mehr in der Lage sehe, deren Anforderungen zu erfüllen. Man möge beizeiten mitteilen, wie man mit den Depotwerten zu verfahren wünsche. Angeboten wurde als Alternative die Festgeldanlage: ein Prozent Verzinsung bei einem Jahr Laufzeit, zwei Prozent für zwei Jahre. Da kann man das Geld auch in die Matratze stecken.

Man muss dazu sagen, dass diese le
tzten Ersparnisse aus den Zeiten meiner deutschen Arbeitnehmerschaft weit über ihren nicht gerade üppigen Geldwert hinaus emotional wichtig waren: als psychologischer Anker und Rückversicherung. Als kleines Polster daheim. Falls im neuen Auslands-Leben alle Stricke reißen.

Doch obwohl ich forthin auf jede € 58,67-Dividende
brav und unvermeidlich Kapitalertragssteuer an die IRS abführte, dramatisierte sich die Lage umgehend: Sie dürfe fortan nur noch mit mir Kontakt haben, wenn ich mich – nachweislich! – auf deutschem Staatsgebiet aufhalte, teilte mir Frau S., meine langjährige Bankberaterin in Berlin, schon bei unserem Wegzug mit. Emails oder Telefonate aus oder nach Amerika lasse die IRS nicht zu; schon gar nicht dürfe ich neue Papiere kaufen. Kontoauszüge, Jahresabrechnungen, sogar die Depotkündigung wurden nicht direkt zugestellt, sondern – mit freundlichen Grüßen – per Post an meinen Vater geschickt, meinen Mittelsmann in Bankdingen.

Alles, was ich wollte, war ein Koffer in Berlin, in Gestalt eines Depots am Alexanderplatz. Eine Handvoll Blue Chips, die schon seit Jahren drin waren, einfach dort liegenlassen und hoffen, dass das Polster ein bisschen dicker geworden sein wird, wenn man alt und grau ist. Geht nun aber nicht. (Der erste Impuls war natürlich: Ihr könnt mich alle mal! – Papiere verkaufen, ein paar Goldbarren her und im Berliner Hinterhof vergraben. Das schien aber nach einer Nacht Drüber-Schlafen schon weniger realistisch.)

Jetzt also wohin? – Eine normale amerikanische Bank wie die Bank of America führt keine Wertpapierdepots. Sie hat aber eine Investment-Bank-Tochter: Merrill Lynch. Das sind die, die sich zuletzt – Stichwort Finanzkrise – derart
verspekuliert hatten, dass sie sich nur noch in die Arme der Bank of America retten konnten (die ja ihrerseits nur dank staatlichem "bailout money" überlebte).

Nach wochenlangem Tauziehen, 'zig
Formularen und Emails – zum Anlass der Depotauflösung durfte Frau S. dann doch wieder Kontakt mit mir haben – bin ich nun also mit meinen paar Siemens-, BASF- und Telekom-Aktien bei Merrill Lynch Wealth Management.

Dort nimmt man Leute wie uns nur aus sportlichen Gründen, sozusagen als Risiko-Investment, wie Ted, unser neuer Bankberater, freimütig zugibt. Ted ist Greek-American, dick und geschickt; seine Emails zeichnet er mit "Teddy". Es sei ja nicht ausgeschlossen, dass man mal einen Bestseller schreibt und tatsächlich "wealthy" wird. Oder auf princetonischen Parties reiche Leute trifft, die zufällig gerade einen neuen Investmentberater suchen. So muss ich also von Glück sagen, dass ich überhaupt bei ML sein darf.

Nicht, dass meine Aktien etwa schon hier wären. Die müssen nämlich, bevor sie US-Staatsgebiet betreten dürfen, erst in American Depository Receipts (ADRs) umgewandelt werden. Das dauert. So werden Euros zu Dollars und Stammaktien zu obskuren Einheiten. Wer weiß, womöglich lassen sich solche ADRs sogar vortrefflich mit CMOs und anderen kreativen Finanzinstrumenten mischen... Man kann sich jedenfalls bei all dem nur schwer des Gefühls erwehren: Bei soviel Werte-Virtualität ist am Ende garantiert alles Geld futsch. Polster ade. Spätestens dann, wenn man alt und gr
au ist, wieder in die alte Heimat zurück will – und dann alles wieder zurückumtauschen muss.

Deshalb gehe ich ab Herbst wieder arbeiten (dazu demnächst mehr). Das Geld, das ich dort verdiene, tausche ich in Renminbi um stecke es in die Matratze. Darin schmuggele ich es nach Deutschland zurück, wenn ich alt und grau bin. Und sollte am Schluss alles futsch sein, hätte ich das wenigstens ganz allein geschafft – ohne die Deutsche Bank, Merrill Lynch oder die IRS.

Montag, 21. Februar 2011

American Icon, Made in Germany



Scarletts Mom konnte sich später nicht mehr genau erinnern, ob sich Scarlett (4) oder Mom (40) zuerst in diesen "fabulous birthday cake" verguckt hatte.





Er war sehr süß, sehr pink & purple (auch die Cremefüllung).

Wer mag da noch an Barbies teutonische Vergangenheit denken? Allenfalls ein Spielverderber vom öffentlichen Radiosender Studio 360, der sich in der Serie "American Icons" fragt:

"How did a German streetwalker become the All-American girl?"

Mo-ment! Unsere Bild-Lilli eine Bordsteinschwalbe?!

Aber so ist der Amerikaner. Kupfert erst die deutsche Puppe ab, tauft sie notdürftig in Barbie um, sichert sich das Produktionsmonopol und scheffelt Millionen damit – und dann diskreditiert er das schöne Vorbild schlicht als "sexy novelty item sold to German men".

Also – dass die Bild-Lilli-Puppe nicht übermäßig zum sex toy taugt, sieht doch jeder. Zu klein, und noch härteres Plastik als Barbie.

Trotzdem hat der amerikanische Rundfunk-Mensch nicht ganz unrecht, wenn er behauptet, die Bild-Lilli habe man zuerst an deutsche Männer verkauft (und nicht an kleine Mädchen): Das Vorbild des Barbie-Vorbilds nämlich, die zweidimensionale Bild-Lilli aus der Bild-Zeitung der 50er Jahre, würde man in den USA noch heute garantiert als jugendgefährdend einstufen. So haben die Amerikaner eben nur die kleine Puppe in ihre Gewalt gebracht und die große Comic-Blondine verschmäht.

Im deutschen Wirtschaftswunderland war aber gerade die ein Bombenerfolg. Je kesser, desto besser – z.B. "Lilli zu einem Polizisten am Strand: 'Zweiteilige Badeanzüge sind verboten? Na gut, welchen Teil soll ich ausziehen?'"

Deutscher Herrenwitz vs. All-American Barbie Tart. Take your pick!

Donnerstag, 17. Februar 2011

Aufgetau(ch)t


Da ist sie wieder, unsere iglubauende, im Januar schneeverschüttete Pflanzkelle!

66 Grad Fahrenheit und 19 Grad Celsius zeigte das transatlantische Thermometer am Küchenfenster heute nachmittag. Ein Kurzfrühling, bevor es Anfang nächster Woche wieder schneeregnet.

Ebenfalls wieder aufgetaucht: Hot Pants, Spaghettiträgertops, Flipflops, zahlreich zu bewundern auf Princetons Flaniermeilen und Campuswegen. (Der gestählte männliche Amerikaner trägt ohnehin das ganze Jahr lang Shorts und Sandalen ohne Socken. Besonders dann, wenn er aus Wisconsin stammt.)

Vereinzelt schon zu sehen: Barfussläufer. Das ist der neueste Trend fürs Joggen, seit eine Studie
in Nature vor rund einem Jahr das Rennen ohne Schuhe für tendentiell gesünder erklärt hat. Vergesst durchgefederte Sneakers, Gelsohlen und Luftkissenkonstruktionen – die Füße wollen Erdung! Hat man Angst vor/genug von Glassplittern in den Fußsohlen oder Streusalz-Verätzungen zwischen den Zehen, steht schon die Sportschuhindustrie mit neuen Designs bereit: Vibrams "FiveFingers" zum Beispiel – blau für Jungs, pink für Mädels. Oder schwarz-grau für die harten Kerle.

Zum Glück kann ich ja davon ausgehen, dass früher oder später eine neue, bahnbrechende Studie meine guten alten Joggingschuhe wieder zur sine qua non allen gesunden Laufens erklären wird. Das ist beinahe so sicher, wie der richtige Frühling irgendwann doch wieder den Winter ablösen wird...

Donnerstag, 3. Februar 2011

Eiszeit



Heike ist aus Deutschland zu Besuch und findet, wir seien hier alle regelrecht besessen vom Wetter. So viel wie hier über Hochwasser und Schneestürme, kanadische Kaltfronten und Eisregen geredet wird – das ist sogar der leidgeprüften Berlinerin
(Stichwort S-Bahn im Winter) zu viel. Wobei man sagen muss, dass ich sie schon nicht vom Flughafen abholen konnte, weil das Auto nach dem letzten Blizzard noch in der Garage eingeschneit war.

Aber es ist schon wahr: Früher pflegte der gutbürgerliche Familienvater beim Frühstück die wichtigsten Weltnachrichten aus der Zeitung vorzulesen. Bei uns ist das so, dass der Frühaufsteher, der die Zeitung in der Einfahrt aufsammelt – zufällig identisch mit dem Familienvater – morgens den Wetterbericht vorliest. (Ich persönlich finde ja, dass die "Metropolitan Forecast" der New York Times mit unserem lokalen Wetter in Central New Jersey wenig gemein hat und zudem bereits veraltet ist; schaue also lieber selbst bei wunderground.com nochmal postleitzahlengenau und in Echtzeit nach.)

Die Dauerrede über das Wetter liegt natürlich auch daran, dass man hier zumindest "in polite company" nicht über Politik, Religion oder andere Themen mit Konfliktpotential sprechen darf. (Obwohl Heike gestern live mitgehört hat, was mir in fast fünf Jahren nicht vergönnt war/erspart geblieben ist: eine politische Diskussion beim Friseur.)

Man darf aber auch die Macht der tatsächlichen Verhältnisse nicht unterschätzen: Wer jeden Tag damit rechnen muss, dass die Schule anderthalb Stunden später anfängt oder gleich ganz ausfällt, dass der öffentliche Nahverkehr zusammenbricht und der Autoverkehr gleich hinterher – der guckt halt mindestens einmal am Tag auf die Wetterkarte. (Alteingesessene wählen gleich den Live-Radar an und wissen auf einen Blick, ob sie noch losfahren können oder lieber gleich daheim bleiben. Denn wer möchte schon so im Schnee steckenbleiben!?)

Unter dem Strich ist das Wetter hier einfach spannender. Mehr Drama, mehr Action. Gut, Chicago hat da vielleicht noch mehr zu bieten. Aber für den an Gemäßigtes gewöhnten Mitteleuropäer reicht es auch im Nordosten – jedenfalls in diesem Jahr! Zum Beispiel eben: Blizzard und Eissturm in einer einzigen Woche, siehe unten.

(Und was sagt Heike jetzt? Dass es in Berlin, wenn sie am Sonntag dort wieder einfliegt, 15 Grad Celsius warm sein soll, geradezu frühlingshaft. Das hat sie gerade nachgeschaut, bei wunderground.com...)