
Auswandern ist kein Ereignis, sondern ein Zustand. Das liegt wohl vorrangig daran, dass das Fremdeln nur langsam nachlässt und das Gewöhnen erst nach und nach zunimmt. Doch häufig ist man es gar nicht selbst, der oder die über den Grad des Auswanderns bzw. die Rest-Verankerung in der alten Heimat entscheidet. Vielmehr wird man im Laufe der Zeit immer mal wieder ein Stück weiter hinausgeworfen (– oder gezogen. Das ist manchmal nicht leicht zu unterscheiden).
Zum Beispiel beim Wohnsitz: Selbst wer jedes Jahr für zwei Monate seine alte Adresse wieder bezieht, und das als ordnungsgemäßer Wohnungsbesitzer, darf (zumindest in Berlin) keinen Zweitwohnsitz haben. Ganz ins Ausland oder gar nicht, deutsche Staatsbürgerschaft hin oder her.
Zuletzt mussten nun sogar unsere deutschen Aktien nach Amerika auswandern. Im Februar verschickte die Deutsche Bank ein Schreiben, worin die Depots ihrer in den USA lebenden Kunden zum 30. April gekündigt wurden. Schuld sei, so hieß es, die Regulierungswut der US-Steuerbehörde IRS. Die sei nämlich so groß geworden, dass sich die Deutsche Bank nicht mehr in der Lage sehe, deren Anforderungen zu erfüllen. Man möge beizeiten mitteilen, wie man mit den Depotwerten zu verfahren wünsche. Angeboten wurde als Alternative die Festgeldanlage: ein Prozent Verzinsung bei einem Jahr Laufzeit, zwei Prozent für zwei Jahre. Da kann man das Geld auch in die Matratze stecken.
Man muss dazu sagen, dass diese le
tzten Ersparnisse aus den Zeiten meiner deutschen Arbeitnehmerschaft weit über ihren nicht gerade üppigen Geldwert hinaus emotional wichtig waren: als psychologischer Anker und Rückversicherung. Als kleines Polster daheim. Falls im neuen Auslands-Leben alle Stricke reißen.Doch obwohl ich forthin auf jede € 58,67-Dividende brav und unvermeidlich Kapitalertragssteuer an die IRS abführte, dramatisierte sich die Lage umgehend: Sie dürfe fortan nur noch mit mir Kontakt haben, wenn ich mich – nachweislich! – auf deutschem Staatsgebiet aufhalte, teilte mir Frau S., meine langjährige Bankberaterin in Berlin, schon bei unserem Wegzug mit. Emails oder Telefonate aus oder nach Amerika lasse die IRS nicht zu; schon gar nicht dürfe ich neue Papiere kaufen. Kontoauszüge, Jahresabrechnungen, sogar die Depotkündigung wurden nicht direkt zugestellt, sondern – mit freundlichen Grüßen – per Post an meinen Vater geschickt, meinen Mittelsmann in Bankdingen.
Alles, was ich wollte, war ein Koffer in Berlin, in Gestalt eines Depots am Alexanderplatz. Eine Handvoll Blue Chips, die schon seit Jahren drin waren, einfach dort liegenlassen und hoffen, dass das Polster ein bisschen dicker geworden sein wird, wenn man alt und grau ist. Geht nun aber nicht. (Der erste Impuls war natürlich: Ihr könnt mich alle mal! – Papiere verkaufen, ein paar Goldbarren her und im Berliner Hinterhof vergraben. Das schien aber nach einer Nacht Drüber-Schlafen schon weniger realistisch.)
Jetzt also wohin? – Eine normale amerikanische Bank wie die Bank of America führt keine Wertpapierdepots. Sie hat aber eine Investment-Bank-Tochter: Merrill Lynch. Das sind die, die sich zuletzt – Stichwort Finanzkrise – derart
verspekuliert hatten, dass sie sich nur noch in die Arme der Bank of America retten konnten (die ja ihrerseits nur dank staatlichem "bailout money" überlebte).Nach wochenlangem Tauziehen, 'zig Formularen und Emails – zum Anlass der Depotauflösung durfte Frau S. dann doch wieder Kontakt mit mir haben – bin ich nun also mit meinen paar Siemens-, BASF- und Telekom-Aktien bei Merrill Lynch Wealth Management.
Dort nimmt man Leute wie uns nur aus sportlichen Gründen, sozusagen als Risiko-Investment, wie Ted, unser neuer Bankberater, freimütig zugibt. Ted ist Greek-American, dick und geschickt; seine Emails zeichnet er mit "Teddy". Es sei ja nicht ausgeschlossen, dass man mal einen Bestseller schreibt und tatsächlich "wealthy" wird. Oder auf princetonischen Parties reiche Leute trifft, die zufällig gerade einen neuen Investmentberater suchen. So muss ich also von Glück sagen, dass ich überhaupt bei ML sein darf.
Nicht, dass meine Aktien etwa schon hier wären. Die müssen nämlich, bevor sie US-Staatsgebiet betreten dürfen, erst in American Depository Receipts (ADRs) umgewandelt werden. Das dauert. So werden Euros zu Dollars und Stammaktien zu obskuren Einheiten. Wer weiß, womöglich lassen sich solche ADRs sogar vortrefflich mit CMOs und anderen kreativen Finanzinstrumenten mischen... Man kann sich jedenfalls bei all dem nur schwer des Gefühls erwehren: Bei soviel Werte-Virtualität ist am Ende garantiert alles Geld futsch. Polster ade. Spätestens dann, wenn man alt und grau ist, wieder in die alte Heimat zurück will – und dann alles wieder zurückumtauschen muss.

Deshalb gehe ich ab Herbst wieder arbeiten (dazu demnächst mehr). Das Geld, das ich dort verdiene, tausche ich in Renminbi um stecke es in die Matratze. Darin schmuggele ich es nach Deutschland zurück, wenn ich alt und grau bin. Und sollte am Schluss alles futsch sein, hätte ich das wenigstens ganz allein geschafft – ohne die Deutsche Bank, Merrill Lynch oder die IRS.