Freitag, 9. Mai 2008

Frühling II


Seit der letzten Bilderserie ist das Frühlingsfeuerwerk hier noch bunter geworden. Und da zumindest wir uns daran gar nicht sattsehen konnten, hier noch ein kurzer fotografischer Nachklapp.

Die Kehrseite der Blütenpracht sei allerdings auch nicht verschwiegen: Drei von vier Familienmitgliedern schniefen und niesen seit Wochen mächtig vor sich hin. Den Ansturm der Pollen in dieser Gegend übersteht nach Auskunft meiner Hausärztin fast niemand ohne allergische Reaktion...





















Mittwoch, 7. Mai 2008

You Gotta Be German...


An einem Freitagmorgen saßen Magda und ich mit zweien unserer Kinder in der Cotsen Library, einer reizenden Kinderbücherei innerhalb der Universitätsbibliothek. Freitagsmorgens ist Bastelstunde für Drei- bis Fünfjährige. Nach spätestens zehn Minuten rennen alle Kinder rum, während die Mütter, Zunge im Mundwinkel, weiterbasteln.

Diesmal gilt es, eine Kleenexbox mit Schere, grünem Papier und selbstklebenden Kulleraugen in einen Fußball-Frosch zu verwandeln. Der kann mittels einer sich nach Froschzungenart ausrollenden Party-Tröte einen Watteball durch ein Tor aus Plastiktrinkhalmen schießen, wenn man die Tröte durch den durchbohrten
Froschrücken hindurch aus dem Froschmaul (ovale Kleenexbox-Öffnung) hinaussteckt und dann oben hineinbläst. Alles klar? - Ist jetzt auch nicht so wichtig.

Nach vier, fünf Minuten hatten alle ihre Kleenexbox mit grünem Papier umwickelt. Außer mir. Denn ich hab's nicht einfach irgendwie drumgewickelt und mit Tesa festgezurrt, sondern akkurat auf Kante gefaltet, an den Rändern ordentlich umgeschlagen und so geklebt, daß man vom Tesaband möglichst wenig sieht. Das hat etwas länger gedauert. "So you were talking German with your son", sagt die Kursleiterin. Magda grinst.

Als die Pappfrösche fertig sind, kommen die Tore dran. Auch dafür gibt es nur Tesaband, weil flüssiger Klebstoff mit Dreijährigen nicht kompatibel ist. Nach vier, fünf Minuten haben alle meterweise Tesaband verbraucht und genug vom Froschfußball. Außer mir. Mein Trinkhalmtor steht wie eine Eins. "Must be German engineering", sagt Magda. Slawen würden sowas nie schaffen. (Magda ist Polin. Und seit sie in Amerika ist, findet sie sich selbst immer typischer.)

Wie wenig man aus seiner Haut kann, und wie wenig "einmalig" diese Haut oft ist, spürt man in der Fremde viel deutlicher. Soweit wohlbekannt. Erstaunlicherweise schleift sich das aber mit der Zeit nicht ab, sondern eher im Gegenteil. Meine - typischerweise - als typisch deutsch
definierten Tugenden (Präzision, Verläßlichkeit, ein Händchen fürs Praktische) und Untugenden (Pingeligkeit, Ungeduld und ein Hang zur Rechthaberei) finden sich nach knapp zwei Jahren eher geschärft, zum Teil sogar bewußt aufgenommen in den Selbstdefinitionskatalog. Vorrangig zur Unterscheidung von "den Amerikanern", versteht sich.

R., einem deutschen Manager bei Siemens USA, geht das genauso. Als sein Büro in eine neues Gebäude verlegt wird, kann er gar nicht fassen, wie langsam es mit dem Umzug vorangeht. Und wie schlecht alles organisiert ist. Typisch.

Bei meinem ersten längeren Aufenthalt in Amerika vor fast 20 Jahren war es mir wichtig, möglichst wenig deutsch zu sein - was von manchen natürlich auch und gerade als "typisch deutsch" gesehen wird. Aber damals wußte ich eben: Nach einem halben Jahr würde ich zurück sein.

Das ist diesmal anders. Und plötzlich wird das als typisch deutsch Empfundene fast kostbar. Ein klein wenig gilt das sogar für die Ungeduld beim Schlangestehen, wenn alles mal wieder nicht so richtig effizient abläuft. Die gehört halt dazu. Vielleicht sind solche Stereotype ja sogar das, was einem nach wirklich langer Zeit in einem neuen Land - oder mehreren - noch am ehesten von der alten Heimat bleibt. Weil man sonst gar nicht mehr so viel darüber weiß...

Abgesehen davon ist gerade "typisch deutsch" über nahezu alle Grenzen hinweg ein Begriff und dadurch immer kommunizierbar - nicht ganz unwichtig an einem Ort, wo man sich fast überall in einem extremen Nationalitätenmix befindet. In N.s Schulklasse sind 16 Kinder aus
neun verschiedenen Ländern von Japan bis Holland. Das ist keine internationale Privatschule, sondern eine staatliche Grundschule. Und die Eltern aus den acht Ländern außerhalb der USA sehen mit gemischten Gefühlen, daß ihre Kinder jeden Morgen im Klassenzimmer die amerikanische Nationalhymne schmettern. N. trällert sogar im Auto "The Star-Spangled Banner" vor sich hin.

Zumindest bis jetzt hat aber auch für ihn alles noch seine Grenzen. Als er in seiner Schulbibliothek neulich ein in den USA publiziertes Buch über die besten Fußballspieler der Welt aufstöberte und darin nur einen einzigen Deutschen (Beckenbauer), aber drei Amerikaner (???) verewigt fand, war er hell empört. Amerikaner, befand N., könnten nicht Fußball spielen: "Das weiß doch jeder." Heftiges Nicken von seinem russischen Freund Pawel.

Zum guten Schluß: Probiert doch mal aus, wo man landet, wenn man "www.typischdeutsch.de" in den Browser eintippt...

(Princeton Post XVIII)