Donnerstag, 10. Januar 2008

Tränen im O-Ton: Hillary Redefined 2.008

Wild entschlossen war ich, mich als Neueinwanderer ohne Wahlrecht aus allen politischen Diskussionen herauszuhalten und den US-Wahlkampf sowieso uninteressant zu finden. Alles Getöse, Aufreger-Produktion, letztlich eine Geldfrage.

Seit dieser Woche ist das anders. Es hat mich gepackt, geschüttelt, und, ja, irgendwie auch gerührt. Die Mehrheit der älteren Demokraten und insbesondere der weiblichen Wähler war offenbar sogar dermaßen gerührt von Hillarys Tränen – oder: Beinahe-Tränen –, daß sie ihr in New Hampshire einen Neustart verschafft haben. Von der schon Abgeschriebenen zurück zum front runner. Von der Establishment-Zicke zur Frau mit Verstand und Herz. Zumindest fürs erste. Obama, der schwarze Messias, ist auf den Titelseiten nach unten gerutscht. Jetzt steht sie für “change” – und auf Seite 1 ganz oben. Alles wegen ein paar Tränen.

Unfaßbar, wie meine Freundin Wendy meint, die selbst Schauspielerin ist. Komplett einstudiert sei das Ganze gewesen. Alles Theater. Aber Zehntausende gucken, diskutieren, analysieren den O-Ton auf “You Tube”. Stoppen das Video, zoomen ganz nah ran. Spielen es nochmal ab. Und noch einmal. Ganze Zeitungsseiten widmen sich nur der Frage: Waren die Tränen echt? Oder nur wohldosiert (wer will schon eine Präsidentin, die bei der ersten größeren Krise tatsächlich in Tränen ausbricht!)?

Doch auch all jene, die über “reine Schauspielerei” wettern, räumen gleich ein: Der Moment, an dem die Emotionen fast mit Hillary durchgingen, wird in die Wahlkampfgeschichte eingehen – und vielleicht weitreichende Folgen haben. “Can Hillary cry her way back to the White House?”, fragt New-York-Times-Meinungsmacherin Maureen Dowd – Kann sich Hillary ins Weiße Haus zurückheulen?

Bis dahin ist es zugegebenermaßen noch ein langer Weg. Aber eins steht jetzt schon fest: Hillary hat es wieder geschafft. Einen kompletten Imagewechsel, und diesmal in Rekordzeit. Wie viele sie in ihrer langen politischen Karriere schon hinter sich gebracht hat, kann keiner mehr zählen.

Doch statt Überdruß zu erzeugen, haben es die Clintons im letzten Augenblick immer wieder hingekriegt, die Frage nach der “echten Hillary” mit neuer Spannung aufzuladen. Nach dem Debakel mit der Gesundheitsreform. Nach Monica. Und jetzt: Nach Iowa.

Noch vergangene Woche, angesichts ihrer Niederlage gegen Barack Obama, stand sie verbittert inmitten der alten HillBilly-Garde, Ex-Außenministerin Madeleine Albright und alte politische Beraterfreunde um sich geschart. Heute gönnt sie selbst dem Altpräsidenten Bill kaum einen Blick. Dafür wird ihre Tochter Chelsea ausgiebig geherzt. Kinder und Teenager schwirren um die beiden herum. Alles jung und dynamisch.

Nicht, daß Bill tatsächlich aus dem Spiel wäre. Im Gegenteil, die Clinton-Maschine funktioniert besser denn je. Zu offensichtlich der Strategiewechsel, in dessen Rahmen die Tränen aufglänzten.
Mit der "nötigen Portion Schlitzohrigkeit" habe Hillary in atemberaubendem Tempo "auf Emotion umgeschaltet", schrieb Gabor Steingart im Spiegel Online: "Die kleine Träne vom Vorwahltag war gut investiert."

Soweit die Geschichte, die wir alle sowieso im Kopf haben. Die Kritiker-Brille, durch die wir alles durchschauen – Wahlkampf halt, da ist nix echt und alles Kalkül. Tränen lügen nicht? – von wegen!


Doch das eigentlich Faszinierende ist: Jeder weiß das – und trotzdem macht Hillarys emotionaler Moment einen Unterschied. Wider ihr kritisches, “besseres” Wissen sind offenbar viele genuin bewegt. Man schaut und hört den O-Ton an, und zumindest für einen Moment ist man verunsichert in der gewohnten Wahlkampf-Schelte. Die brüchige Stimme, die Aussage, wie persönlich das alles für sie sei – vielleicht doch was Echtes dran?

Mein Mann, der Medienwissenschaftler, hat vor kurzem über die besondere Macht des O-Tons geschrieben. Über das Höchstmaß an Authentizität und Glaubwürdigkeit, die diesem Medium “Original-Ton” seit jeher zugeschrieben wird. Ich hielt seine These, daß auch und gerade in der heutigen Mediendemokratie O-Töne noch immer auf besondere Weise politisch bewegen können, bisher für übertrieben. Wie soll aus dem Gedröhn der Millionen Stimmen in Radio, Fernsehen und Internet noch etwas Hörenswertes herauszufiltern sein?

Aber wir kennen noch eine andere Geschichte – eine "Medienerzählung" nennt es der Wissenschaftler – als die von spin doctors, Wahlkampflügen und Scheinemotionen. Und das ist die Erzählung von jenen seltenen Momenten, an denen etwas Authentisches geschieht und seine besondere Magie entfaltet. Wenn zum Beispiel eine hochprofessionelle Kandidatin für einen Moment die Kontrolle verliert. Wenn Gesten und Mimik als Verstärker für die Stimme wirken, wenn sie Stimme bricht. Erst dann entsteht das, was als “Originalton” wirkt, als das seltene und kostbare Echte im großen Rauschen der professionell-strategischen Reden.

Würden wir ohne solche Momente überhaupt noch hinhören? Wohl kaum. Vielleicht auch nicht mehr wählen gehen, weil man ja ohnehin nichts glauben kann. Hillarys Tränen haben sich
jedenfalls in harter Wählerstimmen-Währung ausgezahlt. Sind diese Wähler dümmer als die abgebrühten Profi-Beobachter, die nur Verachtung haben für Politikertränen?

Einen Moment lang hat ein Originalton in dieser Woche einen Unterschied gemacht. Auf einmal hatten wir die Geschichte im Kopf, ein kleines Stück “echte Hillary” sei aufgeblitzt.
Frauentränen funktionieren in Beziehungen, aber nicht in der Politik, wie ein US-Kommentator schrieb. Bis Anfang dieser Woche hatte ich das auch geglaubt. Aber Erzählungen sind mächtig. Auch in der Politik.

(Princeton Post XIII)

+++ Wer sich für den US-Wahlkampf interessiert, dem sei Henni Löwischs Blog “Transatlantic Nomad” wärmstens empfohlen! Seit neuestem zwar auf Englisch, aber dennoch ein entschieden deutscher, eigenwilliger Blick auf die amerikanische Politik +++