Donnerstag, 24. Dezember 2009

The Real Santa


Alle Jahre wieder kommt das Christuskind... Hier heißt es natürlich
Weihnachtsmann, im Original Santa Claus, kurz Santa oder "Ssääanna", wie man es im breitesten Amerikanisch ausspricht. (Ich kann das nicht, aber die Jungs – oh boy!)

Santa verfolgt uns schon seit Wochen. Im YMCA Princeton wurde jedes Kita-Kind auf seinem Schoß fotografiert – ob es wollte oder nicht. Die Veranstaltung "Swimming With Santa" im örtlichen Hallenbad hätten wir nicht mal mitmachen können, wenn wir gewollt hätten – sie war gleich ausgebucht. Und bei unserer letzten Fahrt nach New York waren wir kaum aus dem Untergrundbahnhof Penn Station aufgetaucht, da kamen uns auf der 7th Avenue hunderte Weihnachtsmänner und -frauen entgegen. Sogar lebende Weihnachtsbäume waren dabei, prächtig geschmückt und mit Leuchtsternen auf der Kopfspitze. Alle laut singend und "Ho Ho Ho"-rufend und bestens gelaunt.

Aber das waren natürlich alles Imitate. Wo der richtige Santa Claus gerade ist, weiß NORAD, das Nordamerikanische Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando. Von seinem Hauptquartier in Colorado aus ist das Kommando dem Weihnachtsmann stets auf der Spur
- sogar auf Deutsch. (Als ich zuletzt geguckt habe, war er gerade in Perth, Australien, und sein nächster Halt sollte die Weihnachtsinsel sein.) Und wo Amerikas Santa Claus herkommt, ist für historisch Interessierte hier nachzulesen – am Nordpol des World Wide Web.

Eine herbe Enttäuschung war dagegen Santas Website www.claus.com. Dort sollte man angeblich seine "naughty and nice rate" testen können – sprich: herausfinden, ob man mehr oder weniger brav war und überhaupt eine Chance hat, dass der Weihnachtsmann zu einem nach Hause kommt. Und dann, wenn man ganz erwartungsvoll klickt – kommt die Auskunft: "This website is currently undergoing scheduled maintenance. Please come back soon." Wie bitte? Wartungsarbeiten am Heiligabend?! Ja, was hilft mir denn meine Artigkeitsrate zu Sylvester?!

Da verlassen wir uns lieber auf unseren echten San
ta Claus. Wir sind fest davon überzeugt, dass er es ist – auch wenn er sich mit einer Uniform der US-Post tarnt, seinen verräterischen weißen Bart abrasiert hat und den Decknamen Brian benutzt. Aber er bringt uns alle unsere Weihnachstkarten und Päckchen. Er ist der netteste Mensch, den man sich überhaupt vorstellen kann. Er hat niemals schlechte Laune, selbst wenn es hagelt und stürmt und der Motor seines Postautos zum fünften Mal innerhalb eines Monats streikt. Und das allerbeste ist: Er kommt das ganze Jahr.

Hier ist er also: Brian, the mailman – der euch alle herzlich grüßen lässt, "Merry Christmas and a Happy New Year" wünscht...


...was ich hiermit auch tue, zu gut Deutsch: Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

(Princeton Post XXX)

Sonntag, 8. November 2009

Impfen gegen Negativitis


"Schreib doch auch mal was Positives über Amerika", sagte mein Vater im Sommer, als wir zusammen am Ostseestrand saßen. Zum Beispiel darüber, wie extrem freundlich und hilfsbereit die Leute seien. (Was schon stimmt, fast immer jedenfalls.) Also gut:

Am letzten Donnerstag habe ich die Kinder gegen Schweinegrippe impfen lassen. In einer der örtlichen Schulen war "H1N1 Flu Clinic", eine öffentliche und kostenlose Impfung. Am selben Morgen hatte die New York Times aber einen Bericht gebracht, wonach der Impfstoff in den USA knapp werde. Als wir an der Schule ankamen, reichte die Schlange schon einmal um den Block.

Es war kühl draußen, es wurde langsam Abend. Kinder tobten rum, Eltern standen Schlange. Es fing leicht an zu regnen. Vorwärts ging es nur im Schneckentempo. Weil Amerikaner (in New Jersey) mindestens bis Weihnachten Shorts und T-Shirt tragen, wurde es den ersten mächtig kalt. Aber bis auf ein paar kleinere Kinder quengelte kein Mensch.

Nach einer Dreiviertelstunde kam ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde nach draußen. Als Nasenspray sei der Impfstoff bereits ausgegangen, sagte er. "Von jetzt an gibt es nur noch Spritzen." Niemand beklagte sich. Selbst die Auskunft, dass es so langsam vorwärts gehe, weil für hunderte Kinder hier nur vier Krankenschwestern im Einsatz seien, löste kein Gemurre aus. "Er kann das auch nicht ändern", sagte die Frau hinter mir. Sie hieß Nancy, war Psychiaterin und hatte abends noch einen Termin, den sie wohl nicht mehr schaffen würde.

Eine halbe Stunde später hatten wir immerhin die Eingangstür zur Schulcafeteria erreicht; rein ins Warme. Aber hier fing die Schlange erst richtig an. In Serpentinen ging es um vier Tischreihen herum, noch einen Gang entlang und dann erst in die Turnhalle. "Von hier an ist es noch eine Stunde", rief uns eine Bekannte mit bereits geimpftem Kind zu. "Okay, guys", sagte Nancy zu ihren beiden Söhnen. "Wir probieren jetzt etwas aus." Sie drängten sich durch, Richtung Turnhalle.

Nach zehn Minuten kam einer der Jungen zurück. "Meine Mom ist Ärztin, sie hat sich den Impfstoff geben lassen und uns selbst die Spritzen gesetzt", sagte er stolz. Na toll, dachte ich. So richtig vorgedrängelt war das ja nicht, aber trotzdem...

Wir warteten weiter, ich inzwischen auf gut Deutsch ziemlich sauer. Aber ich hab's runtergeschluckt. Niemand in der überfüllten Schule war schlechtlaunig. Alle ertrugen die elende Warterei mit einer Gelassenheit, als hätten sie Yoga im Hauptfach studiert. (Bis auf Nancy, dachte ich missgünstig.)

Das ist eine meiner positivsten Erfahrungen mit Amerika: Man ist hier nicht "genervt", man ist geduldig. Niemand drängelt, und jeder bleibt, ja wirklich, freundlich - auch wenn der Typ am Postschalter noch so ein Lahma.... ist.

Nach über zwei Stunden hatten wir es endlich in die Turnhalle geschafft. Die erschöpften Krankenschwestern lächelten noch, nahmen sich Zeit für kleine Angsthasen. Und an einem der Tische saß Nancy, die Psychiaterin. Füllte Formulare aus und Impfspritzen ab. "Ich dachte, so geht es wenigstens ein bisschen schneller", sagte sie. "Thank you for helping out", sagte ich und schämte mich.

Das ist eine weitere meiner positivsten Erfahrungen in Amerika: Man ist unglaublich hilfsbereit. Auch dieses Klischee stimmt (fast immer).

Hilfsbereit war Amerika auch, als im geteilten Deutschland vor 20 Jahren die Mauer fiel. Bis heute freuen sich die Leute hier darüber, dass unser Land wieder vereinigt ist - und dass sie uns dabei geholfen haben. Die New York Times hat an diesem Sonntag eine große Geschichte darüber auf der Titelseite und eine weitere im Innenteil. Ein Professor aus Berlin erzählte heute in der Princeton University, der Flieger nach New York sei voll gewesen mit Vortragsreisenden in Sachen Mauerfall. Selbst das hiesige College of New Jersey, das nicht einmal ein eigenes German Department hat, veranstaltet zwei Film- und Diskussionsabende dazu.


Amerikaner lieben Geschichten über den Sieg der Freiheit (noch ein Klischee, das - fast immer - stimmt). Vor allem, wenn sie dabei von JFK ("Ich bin ein Berliner") über Reagan ("Tear down this wall!") bis Bush d. Ä. ("Germany is united; Germany is fully free") eine rundum positive Rolle gespielt haben.

Der Neunte Elfte in Deutschland war für Amerika der letzte weltpolitische Erfolg vor Nine Eleven. Seitdem sind Geschichten über den Sieg der Freiheit selten geworden, auch im eigenen Land. Vielleicht sei dies der Grund, warum der 20. Jahrestag des Mauerfalls in den USA nicht mit großem offiziellen TamTam gefeiert werde,
schreibt Alison Smale, Chefredakteurin der International Herald Tribune, die 1989 als AP-Korrespondentin in Berlin dabei war. Womöglich liege es aber auch einfach nur daran, dass Amerikaner generell nicht viel über die Vergangenheit grübeln: "Tomorrow is always another day, and yesterday's lessons fade."

Aber das klingt schon
fast wieder negativ. Deshalb zum Abschluss noch etwas ganz persönlich Positives: Vor ein paar Tagen bekamen wir Post vom Department of Homeland Security. Nach gut drei Jahren, mindestens doppelt so vielen Familienkrisen und ungezählten Formularen, Fotos, Fingerabdrücken ist es endlich geschafft: Wir haben unsere Greencards.

Jetzt sind wir "Residents", und niemand darf uns noch "Aliens" nennen. Nicht einmal "Resident Aliens".

(Princeton Post XXIX)

Dienstag, 2. Juni 2009

Merry McDonald's


General Motors ist bankrott. Citigroup ist aus dem Dow-Jones-Index geflogen. General Electric schwächelt. Und um McDonald's scheint es auch nicht zum Besten zu stehen, dachte ich neulich.

Auf der Rückfahrt von einem Ausflug nach New York hatten wir, das "Hunger"-Geschrei von vier Kindern in den Ohren, irgendwo im nördlichen New Jersey bei einem
McDonald's Drive-Thru-Restaurant Halt gemacht. Kaum waren wir wieder auf der Autobahn und die "Happy Meals" verschlungen, suchten die Kinder nach den obligatorischen Spielzeugen. Und aus den Pappkartons plumpsten - Weihnachtsmänner! Vier weiche Stoffgesellen im roten Anzug, mit Santa-Mütze und weißem Filzbart. Immerhin nur mit Schnurrbart, für den Vollbart war es Ende Mai wohl doch schon zu warm.

Muß McDonald's so hart sparen, fragten wir uns, daß sie für die "Happy Meal"-Spielzeuge ausgemusterte Saisonware im Discount einkaufen?

Nun, was immer es mit den Weihnachtsmännern auf sich hat: Die Krise ist wohl nicht der Grund. Denn McDonald's
geht es prächtig. Die Fast-Food-Kette verbucht ein Umsatzplus nach dem anderen. Außerdem war sie eines von nur zwei Unternehmen im Dow-Jones-Index, deren Aktien im vergangenen Jahr nicht nur dem allgemeinen Absturztrend trotzten, sondern sogar Kursgewinne verbuchen konnten. (Das andere war Wal-Mart.)

Eine umfassende Gesundheits-, Service- und Designoffensive soll McDonald's nach den mageren neunziger Jahren wieder auf Erfolgskurs gebracht haben. Drive-Thru liegt heute voll im Trend, und auf diesen Restaurant-Typ hat das Unternehmen konsequent gesetzt. Die Öffnungszeiten wurden verlängert; ein Drittel aller Filialen hat inzwischen sogar rund um die Uhr offen. Älteren Filialen wurde eine schicke neue Einrichtung verpaßt, inklusive Wireless Internet, Videospielkonsolen und Flachbild-TV-Geräten für die Sportkanäle.

Um Mom's Gewissen zu beruhigen, sind Chicken McNuggets für die Kleinen jetzt aus besserem Geflügelfleisch gemacht und werden auf Wunsch mit Apfelschnitzen statt Pommes serviert. Für die Mütter selbst gibt es Salate zum Schlankfühlen und Café Latte wie bei Starbuck's. Dad kann sich in manchen McDonald's-Restaurants bereits mit einem Angus-Beef-Burger ökologisch korrekt fühlen.

Aber der Konzern hat es nicht nur geschafft, sich ein neues Image als hip und sogar gesund zuzulegen. Irgendwie gelingt es McDonald's auch weiterhin, als günstig zu gelten - und deshalb gerade in der Krise zu profitieren. Weil die Leute sparen müßten, erklären Analysten, gingen sie wieder häufiger zu Ronald McDonald ins "budget restaurant".

Nun mag es sein, daß ein "Happy Meal" immer noch weniger kostet als manch ein Kinderteller beim Italiener (je nach Region zwischen $3 und $4 für vier Chicken Nuggets, einen Becher Milch und ein paar Apfelschnitze). Teuer wird das Ganze trotzdem - weil man einfach nicht auskommt mit so einem Fast-Food-Menü. Das hat unser erster Versuch nach längerer Abstinenz eindeutig ergeben: Happy Meal weg, Hunger nicht. Nach einer Viertelstunde quengelten alle Kinder wieder nach einem "snack" - obwohl sie schon die teurere Variante mit sechs Chicken Nuggets verspeist hatten.

Aber das ist natürlich Programm. McDonald's hat sich auf die Snack-Kultur eingestellt: Man ißt vielleicht nicht mehr so viele "Super-Size Me"-Großburger, dafür aber öfter mal was Kleineres. Statt drei Mahlzeiten am Tag gibt es bei jeder Gelegenheit Snacks. Schnell mal nebenbei reingestopft, und unter dem Strich ißt man mehr als je zuvor. Gibt auch mehr Geld dafür aus, und Ronald McDonald lacht.


Anfang Mai stellten Forscher auf einem Kongreß in Amsterdam eine Studie vor, nach der das verbreitete Problem des Übergewichts in den USA eindeutig nicht durch zu wenig Bewegung verursacht wird, sondern durch "overeating" - zu viel, zu fett, zu süß. In Chicago wurde das Ergebnis einer Umfrage zum Thema Junk Food und Fettleibigkeit veröffentlicht. Demnach haben fast alle Eltern heutzutage ein schlechtes Gewissen beim Fast-Food-Konsum, fast alle machen ihn zumindest teilweise für das Phänomen der dicken Kinder verantwortlich - und fast alle machen trotzdem mit. Weil Burger und Beilagen ja gar nicht mehr SO ungesund sind wie früher. Zumindest wenn man es schafft, Salat statt Fritten und Wasser statt "large Coke" zu bestellen...

Was aber auch tun, wenn die lieben Kleinen so sehr an Chicken Nuggets à la McD gewöhnt sind, daß sie partout keine selbstgebratene Hähnchenbrust mehr essen wollen? Findige amerikanische Mütter bauen die Happy Meals einfach zu Hause nach! So wird Fast Food wieder zur Hausmannskost, und überdies schont man den Geldbeutel.

Weniger als $1 kostet ein kleines "homemade Happy Meal" mit Chicken Nuggets aus der Tiefkühltruhe, Milch und Apfelschnitzen von Aldi, hat Amy Clark in ihrem Blog momadvice.com ausgerechnet. (Von einem Leser kam der Tip, womöglich sogar ganze Äpfel zu kaufen und selbst kleinzuschneiden. Dann werde es noch g
ünstiger und noch gesünder.)

Bleibt noch das Problem des kleinen Spielzeugs. Doch wenn McDonald's mit Weihnachtsmännern im Mai durchkommt, sollte sich auch da eine billige hausgemachte Lösung finden.

R., unser Vierjähriger, hat seinen Happy-Meal-Weihnachtsmann jedenfalls ins Herz geschlossen. Der sitzt in seinem Bett, neben den Bären und dem Gorilla. Und im Dezember fahren wir alle nochmal bei McDonald's durch. Vielleicht gibt es dann Osterhasen.

(Princeton Post XXVIII)

Donnerstag, 30. April 2009

Blood Work


Eine Stufe auf der Leiter der US-Einwanderungsskala haben wir im vergangenen Jahr allein kraft unserer Anwesenheitsdauer erklommen: Statt Non-resident Aliens sind wir jetzt Resident Aliens.


Das hat ein paar Vorteile - zum Beispiel zahlt ein Resident Alien weniger Steuern als ein Non-resident Alien, wenn er oder sie Familie hat (wahlberechtigt ist man damit aber nach wie vor nicht, denn das Prinzip "No Taxation Without Representation" hat die Boston Tea Party nicht lange überlebt).

Für das nächste Ziel - Residents ohne Alien - ist es mit dem Hierbleiben allein nicht mehr getan. Der Residenten-Status will erarbeitet sein, und nicht zu knapp. Ohne professio
nelle Hilfe von Immigrations-Anwälten ist schon der Formularkrieg kaum zu gewinnen. Überdies verlangt die Einwanderungsbehörde eine Vielzahl von Gutachten, Nachweisen, Dokumenten, Paßfotos und beglaubigten Übersetzungen. Und ein Gesundheitszeugnis.

Getestet wurden wir - nach fast drei Jahren im Land - auf alles, was ansteckend ist oder werden könnte. Von Aids über Hepatitis A und B und Masern bis Tuber
kulose. Dabei kommt man mit einer Institution in Berührung, die sich "Civil Surgeon" nennt, einem von der Einwanderungsbehörde USCIS zertifizierten Amtsarzt. Der macht die vorgeschriebenen Blutabnahmen und Tests - blood work.

Der von Princeton aus nächstgelegene Civil Surgeon hat seine Praxis in Lawrenceville, einem schmucken Kleinstädtchen. Termin vereinbart, hingefahren - und Schock gekriegt.

Die Praxis: Eine Bruchbude in einer heruntergekommenen Strip Mall. Das Mobiliar, soweit überhaupt vorhanden: schrottreif. Der allgemeine Zustand: so ungefähr das Gegenteil von steril. Der einzige Wandschmuck sind Schilder in mehreren Sprachen, wonach die fälligen Gebühren in bar zu entrichten seien. Keine Schecks, keine Kreditkarten.


Während wir im Vorzimmer erneut Formulare ausfüllen, redet die Sprechstundenhilfe am Telefon beschwörend und mit zunehmender Lautstärke auf einen Patienten ein: "Sie haben Syphilis. Der Test war positiv. Sie müssen wieder zum Doktor kommen, Sie sind
krank, Sie haben Syphilis!"

In dem winzigen Untersuchungsraum kann man sich als vierköpfige Familie kaum aufhalten, ohne ständig etwas umzustoßen oder herunterzureißen. Selbst die Stühle sind klebrig. "Wenn ich eine einzige Spritze ohne Verpackung sehe, sind wir sofort hier raus", entfährt es dem Familienvater noch, bevor der Arzt kommt.

Der, immerhin, ist ein gepflegter und milder alter Herr (mit viel Sympathie für Einwanderer, denn er ist selbs
t einer). Alles dauert lange, vor allem das Lesen der Impfpässe und Formulare. Aber seine Hände sind ruhig und sein ist Griff fest; dafür ist man dankbar, wenn einem irgendwelche ominösen Tuberkulose-Erreger-Nachweissubstanzen in den Unterarm gespritzt werden.

Zurück im Vorzimmer, kämpft die Familienmutter noch wie eine Löwin darum, daß die Sprechstundenhilfe den internationalen Impfausweis noch einmal RICHTIG anguckt - damit das ältere Kind nicht zu komplett überflüssigen, weiteren Impfungen gegen Mumps, Masern, Röteln und Hepatitis verurteilt wird.

Die Rechnung, zahlbar sofort und natürlich in bar: $590. Gebühren für eventuell notwendige Folgebesuche sind in diesem Preis nicht eingeschlossen. Dafür darf man seine Testergebnisse zwei Tage später persönlich abholen - und, zum Glück, eventuell noch notwendige Impfungen beim eigenen Hausarzt machen lassen.

Wie immer hilft die Gewißheit, daß man nicht allein ist. Im Netz finden sich jede Menge "horrible, horrible experiences with civil surgeons in our area", wie es
ein junges Paar aus Pennsylvania formuliert. Demnach gibt es zertifizierte Ärzte, die bis zu $1000 Gebühren pro Person für diese Standarduntersuchungen kassieren, den Antragstellern unnötige Impfungen aufzwingen, und/oder keine Ahnung von den aktuell geltenden Bestimmungen der Einwanderungsbehörde haben.

Ben, Allgemeinmediziner einer Gemeinschaftspraxis in Princeton, zeigt sich ebenfalls nicht verwundert über unsere Erfahrungen. Seine Erklärung ist ökonomisch: Je wohlhabender die Klientel einer Region, desto mehr Ärzte konkurrieren dort um die Gunst der Patienten. "Hätten wir schmuddelige Räume und schlechtes Personal, wären wir unsere Patienten sofort wieder los", sagt er. "Wir müssen sie auch als Kunden sehen."

In weniger gut situierten Gegenden sei das Ärzte-Angebot entsprechend knapp, fügt Ben hinzu. "Und die Leute haben gar keine Wahl, sie müssen zu diesen Ärzten, egal wie heruntergekommen deren Praxis auch sein mag".

Womöglich erklärt sich dadurch auch, daß es in Princeton keinen einzigen USCIS-Amtsarzt gibt. Besonders lukrativ ist diese Art blood work wahrscheinlich nicht. Besonders angenehm wohl auch nicht - warum sich also mit Einwanderungs-Anwärtern herumschlagen, von denen ohnehin längst nicht alle aus Ländern mit beispielhafter medizinischer Versorgung kommen? Die Einwanderungsbehörde selbst ist offenbar entweder nicht bereit oder nicht in der Lage, auf diesen Markt durch strenge Aufsicht regulierend einzuwirken.

Immerhin haben wir es jetzt amtlich: Alle vier haben wir keine Tuberkulose. Und auch keine anderen Krankheiten, mit denen wir - nach der Ernennung zu Residents - hier irgendjemanden anstecken könnten.


(Princeton Post XXVII)

Freitag, 27. März 2009

Nerds, Wimpy Kids, and the Popular Crowd


Ein Zahnarzt hat neulich N.s Schule besucht und die Drittklässler über ein heikles Thema aufgeklärt: Zahnspangen. Was alle zuerst wissen wollten, berichtete mein Sohn, war: "Tut das weh?" In diesem Punkt konnte sie der Zahnarzt beruhigen. Aber es gäbe da trotzdem noch ein Problem, druckste N. herum. Und das wäre? "Your popularity goes down", murmelte N., vorsichtshalber auf Englisch.

Ob das auch der Zahnarzt gesagt hätte, wollte ich wissen. Nein, der nicht. Aber das sei halt so, das wisse doch jeder. Zum Beweis zeigte mir N. ein Buch, das in Amerika ein Bestseller ist: "Diary of a Wimpy Kid" von Jeff Kinney, das halb geschriebene, halb Strichmännchen-gezeichnete, fiktive Tagebuch des zwölfjährigen Greg (In Deutschland ist es unter dem Titel "Gregs Tagebuch - Von Idioten umzingelt" erschienen, und ein bißchen erinnert es mich an den "Kleinen Nick" von Sempé und Goscinny - auch wenn der nicht nur einem anderen Jahrhundert, sondern auch einer anderen Kultur entstammt).

Und da steht's, auf Seite 7: "Bryce is the most popular kid in our grade, so that leaves all the rest of us scrambling for the other spots." Er selbst stehe wohl so auf Rang 52 oder 53, mutmaßt Greg, aber: "the good news is that I'm about to move up one spot because Charlie Davies is above me, and he's getting his braces next week."

Auch N. und seine Klassenkameraden wissen ganz genau, wer der Populärste ihres Jahrgangs ist, und es ist völlig klar: Das ist bei den Jungs ein großes Thema (bei den Mädchen wahrscheinlich auch, aber da kenne ich mich weniger aus). Für das Ranking zählt unter anderem, wieviele Verabredungen zu sogenannten play dates man hat, zu wievielen Geburtstagspartys man eingeladen ist, und ob man in der Pause als einer der ersten in die Fußball/Basketball/Kickballmannschaft gewählt wird.

Bisher hatte ich geglaubt, Popularität werde erst in der High School akut, also bei Teenagern - Stichwort "the quarterback and the cutest cheerleader". Geht man nach der Masse der entsprechenden Berichte, Debatten und Lebenshilfe-Artikel, ist das Thema dort auch nach wie vor besonders virulent. Ein
Artikel der
New York Times beschreibt einen wahren "cult of popularity that reigns in high school". Die geistigen Fundamente aber werden offenbar schon Jahre vorher gelegt.

Denn nicht nur die Kinder selbst sorgen sich um ihren Beliebtheitsfaktor. K., der Vater eines Freundes von N., redete schon mit Blick auf seinen damals Siebenjährigen Klartext: Sein Sohn hat die neuesten Videospiele, die gößten Lego-Sets und die aufwendigsten Geburtstagspartys, "because I want him to be popular". Im sozialen Wettbewerb mag die "peer group" in der Schule der Austragungsort sein - den Anreiz zum sozialen Ehrgeiz gibt es oft schon im Elternhaus.

"Popularity" ist so wichtig, weil sie als eine der Grundzutaten für "success" gilt, für Erfolg. (Als erfolgreich wird in den Lebenshilfe-Rubriken üblicherweise
definiert, wer 1. Karriere und Geld macht, 2. ein schönes Heim hat und 3. ein glückliches Familienleben führt.) Die beiden Begriffe sind häufig miteinander verknüpft - selbst dort, wo ein direkter Zusammenhang bezweifelt wird. Ausgangspunkt ist immer die Annahme, daß Popularität im Leben irgendwie weiterhilft. Aber der Konkurrenzkampf ist hart: Nur 15 bis 20 Prozent eines Jahrgangs schaffen es laut einschlägigen Studien und Umfragen in die "popular crowd".

Im Idealfall bedeutet "to be popular", daß man einige gute Freunde und einen großen Bekanntenkreis hat, daß man sogar mit Eltern
gut auskommt - den eigenen wie denen seiner Freunde -, gut in der Schule und sportlich aktiv ist. "Wir reden hier von sozial überaus kompetenten Kids, die es schaffen, die unterschiedlichsten und schwierigsten sozialen Situationen zu meistern", wie es der vielzitierte Popularitätsforscher Joseph P. Allen von der Universität Virginia in der Times formuliert.

Im echten Leben sieht das nicht immer so idyllisch aus. Die populärsten Schüler "haben die richtige Kleidung, die richtige Frisur und die richtigen Eltern. Wobei die richtigen Eltern oft nichts anderes bedeutet als das richtige Geld", heißt es etwa unter dem Titel
Popularity and Success in einem Artikel des Online-Magazins suite101. (Und KEINE Zahnspangen, möchte man hinzufügen). Doch seien sie auch dem sozialen Druck, der "peer pressure", am stärksten ausgeliefert, würden deshalb weit häufiger zu Ladendieben, Alkohol- und Drogenkonsumenten als der Durchschnitt.

Ob Ideal- oder Zerrbild: Auf jeden Fall bedeutet das Popularitätskonzept harte Arbeit - und damit harte Konkurrenz für andere Ziele im Leben der "kids". Wer "popular" sein will, muß viel Zeit und Energie aufwenden, um sich mit der eigenen Wirkung auf andere zu beschäftigen. Man muß sichtbar bleiben und gerade so auffällig sein, daß man nicht in den mittleren 50 Prozent verschwindet. Gleichzeitig muß man aber angepaßt genug sein, um nicht unangenehm aufzufallen und so bei den unteren 30 Prozent der "Looser" und "Nerds" zu landen.

Nichts gegen soziale Kompetenz. Aber wie
mainstream- und zeitabhängig (und damit letztlich doch mittelmäßig) "popularity" nur sein kann, ist hier zu besichtigen: In dem Lehrfilm Are You Popular? von 1947. Liebliches Lächeln, eine gute Maniküre und Hilfsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe werden hier zumindest für junge weibliche Wesen als Schlüssel zum Erfolg präsentiert.

Der klügste Text, den ich dazu im Netz gefunden habe, stammt von dem amerikanischen Programmierer und Essayisten Paul Graham:
Why Nerds Are Unpopular. Seine Antwort auf diese Frage heißt ganz einfach: "Smart kids ... don't really want to be popular." Hätte ihm das jemand schon in der Schule gesagt, hätte er den natürlich ausgelacht, so Graham weiter. "Natürlich wollte ich populär sein. Aber in Wirklichkeit eben doch nicht, jedenfalls nicht genug. Es gab etwas anderes, was ich noch lieber sein wollte: smart."

Popularität aber ist etwas, das man nicht nebenbei erledigen kann. Graham zitiert den italienischen Humanisten Leon Battista Alberti, wonach keine Kunst, so gering sie auch sei, weniger als völlige Hingabe verlangt, wenn man sie wirklich beherrschen will. Und wahrscheinlich arbeite niemand auf der Welt an irgendetwas hingebungsvoller als amerikanische Schüler an ihrer Popularität. Teils bewußt, teils unbewußt seien diese Teenager im Dauereinsatz als Konformisten. Die Meinung der anderen sei für sie zum Maß aller Dinge geworden. Nerds hingegen kümmerten sich nicht wirklich darum, weil sie etwas anderes zu tun hätten. Ihre Aufmerksamkeit gelte Büchern, Rechnern oder der Natur statt Parties oder Mode.

Beide Verhaltensweisen sind kein Zufall, sondern erlernt, wie Graham behauptet. Die populären Jugendlichen hätten gelernt, populär sein zu wollen, ebenso wie die Nerds gelernt hätten, smart sein zu wollen - und zwar bereits von ihren Eltern: "While the nerds were being trained to get the right answers, the popular kids were being trained to please."

In der geschlossenen Welt der Middle- und High Schools in Amerikas Vorstädten, wo Teenagern (in der bequemen Annahme, sie seien hormonbedingt durchgeknallt und deshalb ohnehin nicht erreichbar) mit dem Lehrstoff kaum Herausforderungen geboten werden, wächst sich Graham zufolge das inhaltsleere Ritual der "popularity contests" beinahe zwangsläufig ins Groteske aus. Nur gelernte Nerds - die eigensinnigen Bücherwürmer, Tüftler und Computerfreaks - hätten die Kraft, sich diesem Sog zu entziehen.

Was Grahams 2003 geschriebener Text für einen Nerv trifft, kann man an den Kommentaren ablesen. Nicht nur an deren Inhalt, sondern schon an der schieren Zahl. 967 sind zur Zeit aufgelistet - einige davon sind erst ein paar Stunden alt.

Und auf meiner Reizwort-Rangliste im Wortschatz meiner Söhne gibt es nun einen neuen Eintrag, noch vor "cool" und "dude": "popular".

(Princeton Post XXVI)

Samstag, 21. Februar 2009

Down Size Me?


Vor der Krise galt es fast schon als chic. Jetzt, mittendrin, ist es für viele zwingend: Downsizing.

In der Wirtschaft heißt das: Mitarbeiter entlassen, Werke schließen, Produktlinien einstellen. In der privaten Ökonomie heißt es: sich einschränken. Kleinere Häuser, kleinere Autos, weniger Konsum. Gar nicht einfach, schon psychologisch nicht, wenn vorher alles auf Größer, Bequemer, Luxuriöser eingestellt war. Und in der Praxis?

Mike und Sue wollen sich bzw. ihr Heim verkleinern. Die Kinder sind aus dem Haus, und man wird ja auch nicht jünger. Sie suchen etwas in Innenstadtnähe, damit aus der Fahrt zum Büro, zum Café oder Kino ein Spaziergang wird. Stadtgefühl, auch in der Kleinstadt.

Doch das wollen jetzt viele. Und das Angebot ist knapp. Kleine Häuser hat kein Mensch mehr gebaut (Wohnungen gibt es ohnehin kaum, will hier ja auch keiner). Wenn in den vergangenen Jahren ein kleines, altes Haus den Besitzer wechselte, wurde entweder angebaut - oder gleich abgerissen und ein doppelt so großer Neubau hochgezogen.

Bei jedem Stadtspaziergang mit meiner alteingesessenen Nachbarin Debbi höre ich mindestens ein, zweimal: "Oh my God, this was such a lovely old home - and now they are building this
monstrosity!" Fast immer Standardbauten. MacMansions, stets mit prominenter Doppelgarage, denn in die alten Garagen passten die neuen Autos nicht rein.

Ja, und die Autos. Magda wollte vor einigen Monaten ein kleineres, energiesparendes Auto kaufen. Einen Toyota Prius, ein Hybridauto. Damals kostete das Benzin gerade mehr als vier Dollar pro Gallone, also gut einen Dollar pro Liter, was für amerikanische Verhältnisse
mordsmäßig teuer ist.

In sechs bis acht Monaten könnte sie einen bekommen, hieß es beim Toyota-Händler. Oder einen Gebrauchten in einigen Wochen - zum Neupreis.

Natürlich gibt es immer irgendwelche Kleinwagen zu kaufen. Aber SO weit unter das gewohnte Niveau will man sich halt doch nicht begeben. Natürlich gibt es selbst in Princeton kleine, günstige Häuser. Aber SO dünnwandig, schäbig und in der falschen Gegend sollte es natürlich auch nicht sein.

Noch vor gar nicht langer Zeit ließ sich privates Downsizing als hip und originell vermarkten. Da wurde etwa auf CNN ein Paar aus Kalifornien vorgestellt, das sein komfortables Einfamilienhaus gegen ein Mini-"mobile home" mit knapp zehn Quadratmetern Wohnfläche eingetauscht hatte. Tenor: Besinnung auf das Wesentliche als Glückschance - "Downsizing to 100 square feet of bliss".

"Small is the new big thing", hieß es auch in der Rubrik Carz4Girlz des
Auto Channel: Kleinwagen, hierzulande "economy cars" genannt, seien längst nicht mehr uncool. Manche seien innen sogar richtig geräumig. "And no one can argue there is something vintage-cool about a Mini Cooper."

Nun ist es nicht gerade cool, wenn einem der Job verloren- und das Geld ausgeht. Doch es ist immer wieder bewundernswert, wie schnell und vergleichsweise klaglos Amerikaner in Krisenzeiten den Gürtel enger schnallen. Das Beste draus machen, nicht abwarten, bis der Staat oder sonstwer Abhilfe schafft.

"What's your new Plan B?", fragte etwa die
New York Times vor einigen Tagen - nachdem der alte Plan B, sich mit dem Ersparten vorzeitig zur Ruhe zu setzen oder einen alternativen Lebenstraum zu erfüllen, nun geplatzt sei. Sie fand unter anderem einen Ex-Finanzberater aus Virginia, der heute einen mobilen Hundesalon betreibt, und einen Anwalt aus New York, der von seinem Apartment aus einen Blumenversand betreibt.

"You have to pull yourself up by your bootstraps", man muss sich selbst helfen, sagt H., die gerade ihren Job als Beraterin bei einer Umweltagentur verloren hat und mit ihrem Mann nun durchrechnet, ob sie sich die Familie ihr Haus noch leisten kann. "Wer will denn mit dir arbeiten, wenn du negativ bist?!"

Für seine eigenen Probleme steht man selber gerade - auch wenn noch so viele Finanzjongleure an der Misere im Großen mitgearbeitet haben. "Zweimal haben wir Häuser verkauft und dabei jeweils innerhalb von zwei, drei Jahren einen sechsstelligen Gewinn gemacht", sagt H. "Dann denkt man eben, das geht noch einmal gut."

Ihr größeres Haus in Princeton kauften H. und ihr Mann in der Erwartung, es mit einem Verkaufsgewinn aus ihrem alten Haus in Kalifornien finanzieren zu können. Dann brach der Immobilienmarkt zusammen. Nun versuchen sie durchzuhalten, bis bessere Zeiten kommen. Würden sie ihr Haus jetzt verkaufen, dann wahrscheinlich mit Verlust, rechnet H. vor. "Und dann hätten wir uns zwar verkleinert, stünden aber finanziell womöglich keinen Deut besser da."

Solange es geht, schränkt man sich im Kleinen ein - geht weniger aus, kauft bei Shop Rite statt im Feinkostladen, kündigt den Vertrag mit dem Fitness-Studio. Downsizing aus Überzeugung bleibt die Ausnahme. Es ist eine Notwendigkeit, die nach Beschaffenheit der amerikanischen Boom-and-Bust-Ökonomie regelmäßig auftritt - und hoffentlich bald wieder verschwindet. Weil ein neuer Boom kommt, in dem man konsumtechnisch wieder aufrüsten kann.

Man muß sicher nicht so schwarz sehen wie der Regisseur des Kurzfilms "Downsizing" von 2002, in dem eine "upper middle class family" in ökonomische Schwierigkeiten gerät - und beschließt, eines ihrer drei Kinder loszuwerden, um ihren Lebensstandard aufrechtzuerhalten.

Daß Amerika in absehbarer Zeit das Land der energieeffizienten Öko-Häuser mit Hybrid-Kleinwagen auf dem Driveway wird, ist aber auch nicht unbedingt zu erwarten.

(Princeton Post XXV)

Winterlandschaft


Auch in diesem Teil der Welt kommt der Schnee meistens zu spät. Keine weißen Weihnachten, dafür alles verschneit im Februar. Und das sieht dann so aus:



Henry Moore, "Oval with Points", Princeton University Campus





Alexander Hall, Princeton University


Residential College, Princeton University













Wills Schneemann





Unser Schneemann


Unser Frosch

Freitag, 23. Januar 2009

Zahlenspiele


Um Mathematik interessanter zu machen, geben die Lehrer in der hiesigen Grundschule ihren Drittklässlern "math games", Zahlenspiele. Multiplikationspyramiden, Zahlen-Bingo. Wettrechnen gegen die Uhr, wo man im Erfolgsfall immer neue "levels" erreichen kann - wie bei Computerspielen. N. liebt diese Spiele, seine Klassenkameraden ebenfalls.


Auch Erwachsene scheinen im sogenannten echten Leben das Zocken mit Zahlen hochattraktiv zu finden. Allerdings ist von solider Mathematik dabei nicht mehr viel zu sehen. Dafür gilt: Je höher die Zahlen, desto spannender das Spiel.


Wie hoch können die Verluste mit unverkäuflichen Automobilen ausfallen, bis man als Ford-, GM- oder Chrysler-Chef vom Spielfeld fliegt? Wieviele Millionen von just dem Staats- und Steuerzahlergeld, das ihre windigen Unternehmen gerade erst vor dem Bankrott bewahrt hatte, können sich Investmentbanker noch als Boni genehmigen, bevor der Volkszorn überkocht? Wie viele Milliarden kann man mit einem simplen Kettenbriefsystem einsacken, bevor die Sache auffliegt?

Hier, beim "Ponzi scheme" des Bernard L. Madoff, ist die Empörung groß. Betrug, Illegales, Schreckliches. Nur: Wo ist der Unterschied zwischen einem solchen Schneeballsystem und all der übrigen Zockerei auf den Finanzmärkten?! Wenn etwa faule Kredite in "Collateralized Debt Obligations" - kurz CDOs - umgetauft, mit einem erstklassigen Rating versehen und dann als sichere Geldanlage angepriesen werden? Das Online-Lexikon
Investopedia definiert Ponzi scheme als "betrügerisches Anlage-Modell, das den Investoren hohe Renditen bei geringem Risiko vorgaukelt". - ?!

Warum das alles niemandem vorher aufgefallen ist? Bei all diesen sogenannten Finanzinstrumenten, die Geld aus dem Nichts zu zaubern schienen? Nun, einigen ist es ja aufgefallen - aber ihre Berichte wurden ebenso auf Eis gelegt wie ihre Karrieren. Nicht mal Warren E. Buffett ist mit seiner höchst plakativen Warnung durchgedrungen, bei Derivaten und anderen Instrumenten dieser Art handele es sich um "Massenvernichtungswaffen". Das war immerhin schon 2002.

Dann ist mir zwischen all den Berichten über MilliBilliTrilli-onen und -arden an Verlusten, Abschreibungen, Bailouts usw. doch noch eine Zahl aufgefallen. 4000, gar nicht so spektakulär. Nur waren das keine Dollars. Sondern Seitenzahlen.


4000 Seiten hatte ein Vertrag, den ein zum Allfinanzanbieter mutierter
Lebensversicherer irgendwo in Amerika einem kleinen Energieversorger aufschwatzte. Ein kreatives Finanzinstrument, so eine Art Steuersparmodell. Und weil bei dem kleinen Energieversorger, einem bis dahin kerngesunden Non-Profit-Unternehmen, kein Mensch diese 4000 Seiten lesen oder gar verstehen konnte, steht das Unternehmen heute vor der Pleite.

Denn irgendwo in den 4000 Seiten versteckt stand geschrieben, daß unter bestimmten Umständen eine Situation eintreten könnte, wo der Energieversorger bei Nichtbefolgen einer ganz bestimmten Vertragsklausel mit einem dreistelligen Millionenbetrag haftet. Just diese Situation hat der Lebensversicherer natürlich festgestellt, als er selbst in den Sog der
Finanzkrise geriet. Schwer zu sagen, ob das Gericht, das nun in der Sache entscheiden soll, noch durchsteigt, bevor die Firma finanziell am Ende ist. Nur weil sie beim großen Gewinnspiel ein Mal mitmachen wollte.

Thomas L. Friedman, Bestseller-Autor und Kolumnist der New York Times, appellierte vor einigen Wochen an seine Landsleute, der Zocker-Ökonomie abzuschwören und zu den Werten zurückzufinden, die Amerika einst groß gemacht hätten:
"Die puritanische Ethik der harten Arbeit und der Sparsamkeit zählt noch immer. Was mich mit Abscheu erfüllt ist der Gedanke, daß diese Ethik heute eher in China lebendig ist als in Amerika."

Kompletter Blödsinn, findet Lewis Lapham, der große Publizist und längjährige Chefredakteur von Harper's Magazine: "Ich weiß nicht, in welchem Land Friedman während der letzten 30 Jahre gelebt hat, oder in welchen Andenkenläden Neuenglands er seine Kleinode zur amerikanischen Historie ausgräbt", schrieb er in der Januar-Ausgabe von Harper's. Jedenfalls missdeute Friedman die Wirtschafts- und politische Geschichte der USA ebenso gründlich wie das Wesen des "American dream".

Statt auf Moral und ehrlicher Arbeit, so Lapham, bauten die
Vereinigten Staaten schon in ihren allerersten Anfängen auf Spekulantentum und Freibeuterei: "Unser Unabhängigkeitskrieg wurde durch die hartherzige Gier jener Neuengland-Kapitäne gewonnen, die im Auftrag des Kontinentalkongresses seit 1775 britische Schiffe mit Waffenlieferungen für die königlichen Truppen in Boston plünderten, niederbrannten und versteigerten."

Finanziert wurden die Piraten im öffentlichen Dienst durch einen blühenden Risikokaptialmarkt. Und es waren schon damals die Kapitalgeber, Venture Capitalists im modernen Sprachgebrauch, die später den Löwenanteil der Beute einsackten. Waren 1775 erst zehn bis 20 solcher Freibeuterschiffe vor der Nordostküste Amerikas unterwegs, machten 1783 bereits 4000 räuberische "investment vehicles" die atlantischen Gewässer von der Karibik bis zum Mittelmeer unsicher.


Seitdem, so Laphams These, stecke es in den Genen des amerikanischen Traums: Ein schneller Schwindel, ein eleganter Winkelzug ist harter Arbeit vorzuziehen, wann immer sich die Gelegenheit bietet.


Ich weiß - Obama, Aufbruchstimmung, change. Aber vielleicht sollten wir vorsichtshalber nicht davon ausgehen, daß in Amerika von nun an alles anders wird.

(Princeton Post XXIV)