Eine Stufe auf der Leiter der US-Einwanderungsskala haben wir im vergangenen Jahr allein kraft unserer Anwesenheitsdauer erklommen: Statt Non-resident Aliens sind wir jetzt Resident Aliens.
Das hat ein paar Vorteile - zum Beispiel zahlt ein Resident Alien weniger Steuern als ein Non-resident Alien, wenn er oder sie Familie hat (wahlberechtigt ist man damit aber nach wie vor nicht, denn das Prinzip "No Taxation Without Representation" hat die Boston Tea Party nicht lange überlebt).
Für das nächste Ziel - Residents ohne Alien - ist es mit dem Hierbleiben allein nicht mehr getan. Der Residenten-Status will erarbeitet sein, und nicht zu knapp. Ohne professionelle Hilfe von Immigrations-Anwälten ist schon der Formularkrieg kaum zu gewinnen. Überdies verlangt die Einwanderungsbehörde eine Vielzahl von Gutachten, Nachweisen, Dokumenten, Paßfotos und beglaubigten Übersetzungen. Und ein Gesundheitszeugnis.
Getestet wurden wir - nach fast drei Jahren im Land - auf alles, was ansteckend ist oder werden könnte. Von Aids über Hepatitis A und B und Masern bis Tuberkulose. Dabei kommt man mit einer Institution in Berührung, die sich "Civil Surgeon" nennt, einem von der Einwanderungsbehörde USCIS zertifizierten Amtsarzt. Der macht die vorgeschriebenen Blutabnahmen und Tests - blood work.
Der von Princeton aus nächstgelegene Civil Surgeon hat seine Praxis in Lawrenceville, einem schmucken Kleinstädtchen. Termin vereinbart, hingefahren - und Schock gekriegt.Die Praxis: Eine Bruchbude in einer heruntergekommenen Strip Mall. Das Mobiliar, soweit überhaupt vorhanden: schrottreif. Der allgemeine Zustand: so ungefähr das Gegenteil von steril. Der einzige Wandschmuck sind Schilder in mehreren Sprachen, wonach die fälligen Gebühren in bar zu entrichten seien. Keine Schecks, keine Kreditkarten.
Während wir im Vorzimmer erneut Formulare ausfüllen, redet die Sprechstundenhilfe am Telefon beschwörend und mit zunehmender Lautstärke auf einen Patienten ein: "Sie haben Syphilis. Der Test war positiv. Sie müssen wieder zum Doktor kommen, Sie sind krank, Sie haben Syphilis!"
In dem winzigen Untersuchungsraum kann man sich als vierköpfige Familie kaum aufhalten, ohne ständig etwas umzustoßen oder herunterzureißen. Selbst die Stühle sind klebrig. "Wenn ich eine einzige Spritze ohne Verpackung sehe, sind wir sofort hier raus", entfährt es dem Familienvater noch, bevor der Arzt kommt.
Der, immerhin, ist ein gepflegter und milder alter Herr (mit viel Sympathie für Einwanderer, denn er ist selbst einer). Alles dauert lange, vor allem das Lesen der Impfpässe und Formulare. Aber seine Hände sind ruhig und sein ist Griff fest; dafür ist man dankbar, wenn einem irgendwelche ominösen Tuberkulose-Erreger-Nachweissubstanzen in den Unterarm gespritzt werden.
Zurück im Vorzimmer, kämpft die Familienmutter noch wie eine Löwin darum, daß die Sprechstundenhilfe den internationalen Impfausweis noch einmal RICHTIG anguckt - damit das ältere Kind nicht zu komplett überflüssigen, weiteren Impfungen gegen Mumps, Masern, Röteln und Hepatitis verurteilt wird.
Die Rechnung, zahlbar sofort und natürlich in bar: $590. Gebühren für eventuell notwendige Folgebesuche sind in diesem Preis nicht eingeschlossen. Dafür darf man seine Testergebnisse zwei Tage später persönlich abholen - und, zum Glück, eventuell noch notwendige Impfungen beim eigenen Hausarzt machen lassen.
Wie immer hilft die Gewißheit, daß man nicht allein ist. Im Netz finden sich jede Menge "horrible, horrible experiences with civil surgeons in our area", wie es ein junges Paar aus Pennsylvania formuliert. Demnach gibt es zertifizierte Ärzte, die bis zu $1000 Gebühren pro Person für diese Standarduntersuchungen kassieren, den Antragstellern unnötige Impfungen aufzwingen, und/oder keine Ahnung von den aktuell geltenden Bestimmungen der Einwanderungsbehörde haben.
Ben, Allgemeinmediziner einer Gemeinschaftspraxis in Princeton, zeigt sich ebenfalls nicht verwundert über unsere Erfahrungen. Seine Erklärung ist ökonomisch: Je wohlhabender die Klientel einer Region, desto mehr Ärzte konkurrieren dort um die Gunst der Patienten. "Hätten wir schmuddelige Räume und schlechtes Personal, wären wir unsere Patienten sofort wieder los", sagt er. "Wir müssen sie auch als Kunden sehen."
In weniger gut situierten Gegenden sei das Ärzte-Angebot entsprechend knapp, fügt Ben hinzu. "Und die Leute haben gar keine Wahl, sie müssen zu diesen Ärzten, egal wie heruntergekommen deren Praxis auch sein mag".
Womöglich erklärt sich dadurch auch, daß es in Princeton keinen einzigen USCIS-Amtsarzt gibt. Besonders lukrativ ist diese Art blood work wahrscheinlich nicht. Besonders angenehm wohl auch nicht - warum sich also mit Einwanderungs-Anwärtern herumschlagen, von denen ohnehin längst nicht alle aus Ländern mit beispielhafter medizinischer Versorgung kommen? Die Einwanderungsbehörde selbst ist offenbar entweder nicht bereit oder nicht in der Lage, auf diesen Markt durch strenge Aufsicht regulierend einzuwirken.
Immerhin haben wir es jetzt amtlich: Alle vier haben wir keine Tuberkulose. Und auch keine anderen Krankheiten, mit denen wir - nach der Ernennung zu Residents - hier irgendjemanden anstecken könnten.
(Princeton Post XXVII)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen