Hochstapeln in Zeiten des Internet
Es war einmal ein Mädchen aus Westberlin …
Wovon träumt eine deutsche Studentin, wenn sie in die USA reist, und zwar als Au pair an den Ort einer Ivy-League-Universität? Von berühmten Hochschulen, Bildungs- und Karrierechancen? Oder eher von sagenhaften Städten (Gotham) und celebrities? Von weißen Rittern in moderner Gestalt, also: stinkreichen Investmentbankern? Wovon träumt eine deutsche, nicht mehr ganz so junge Studentin, die als Wortbestandteil ihrer Skype-Telefonnummer “princessa” wählt?
M. ist Mitte zwanzig, aufgewachsen im bürgerlichen Milieu von Berlin-Schmargendorf. Sie hat sich an einer ostdeutschen Universität für den BA-Studiengang Amerikastudien eingeschrieben und liebäugelt mit einem Jahr als Au pair im Land ihrer Studien. Ihre Gastfamilie ist die eines deutschen Princeton-Professors, vereinbart zunächst ein Monat auf Probe.
M. schätzt das Gute Leben. Das hat sie als Au pair so nicht. Zu frühes Aufstehen, ein widerspenstiges Kleinkind, unter anderem. Die Suche nach realistischen Studienmöglichkeiten, etwa an staatlichen Hochschulen der Umgebung, wird schnell wieder aufgegeben. “Das ist alles so schwierig”, sagt sie oft. Kriegt man das Gute Leben nicht auch leichter?
In Berlin jobbt M. als Hostess. Da ist man dabei auf den Parties der Reichen und Schönen, ohne zuerst selbst reich werden zu müssen.
Parties werden auch in Princeton ihr Ziel. Parties an der prestigeträchtigen Universität. Zugang bekommt man leicht, im aufgeregten Gewühl der Freshmen-Begrüßungsfeiern Mitte September. Sie läßt sich mitnehmen, reinschmuggeln, Getränke ausgeben. Ihr Credo ist bald formuliert: “Wenn ich lange genug an der Uni ‘rumhänge, kriege ich bestimmt auch so einen coolen Typen ab.”
Dieses Konzept geht sogar auf. Nach ein, zwei Fehlschlägen beißt einer an. Ein vielversprechender deutscher graduate student.
Weniger gut entwickeln sich M.s Beziehungen zu ihrer Gastfamilie. Nach dem Probemonat wollen beide Seiten keine Fortsetzung. Diagnose: Inkompatibilität. Anfang Oktober fliegt M. zurück nach Berlin. An der ostdeutschen Uni fängt das Semester wieder an.
Aber M. hat nicht nur ein Leben. Es gibt auch das virtuelle Leben, die Seite im Netz, bei StudiVZ oder Facebook. Wo man sich neu erfinden kann, komplett oder teilweise.
Im StudiVZ ist die Prinzessin auch Studentin. Aber Studentin der Universität Princeton. Angehende Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin. Hat Seminare mit beeindruckenden Titeln besucht, “Internationale Krisendiplomatie” beim Gastdozenten Joschka Fischer zum Bespiel (der im sogenannten echten Leben schon wieder in Deutschland war, als M. zum ersten Mal den Fuß auf Princetonischen Boden setzte).
Nun gibt es deutlich schlimmere Fälle virtuellen Schwindels im Netz. Die Vorstadt-Mutter aus Dardenne Prairie bei St. Louis zum Beispiel, die sich im sozialen Online-Netzwerk MySpace als 16-jähriger Herzensbrecher namens Josh ausgab und mit Hilfe dieses Digitalgeistes die 13-jährige Nachbarstochter Megan Meier durch Psychoterror in den Selbstmord trieb. Ihr Motiv war Rache, weil Megan nicht mehr mit ihrer Tochter befreundet sein wollte.
M. wird mit ihrer kleinen Hochstapelei niemandem schaden - außer vielleicht sich selbst. “Looking for: Whatever I can get”, schreibt sie in ihrem Profil bei Facebook, wo sie sich ebenfalls als Princeton-Studentin ausgibt. Soll das Märchen von der Princeton-Prinzessin M. helfen, zu bekommen, was sie vom Leben will?
Fast jedes kleine Mädchen hege den Wunsch, eine Prinzessin zu sein, schrieb die US-Journalistin Marjorie Williams 1997 nach dem Tod von “Lady Di” in ihrem Essay “The Princess Puzzle” *: “Note, though, that it is the rare little girl who wants to grow up to be queen.” Im Wunsch, Prinzessin zu sein, so Williams, drückt sich nicht nur das Verlangen nach Aufstieg zu königlichem Glanz und Reichtum aus. Mindestens ebenso mächtig ist die Sehnsucht nach ewigem Tochter-Sein, bestens versorgt zu sein ohne eigene Anstrengung und Verantwortung.
Frauen müßten eine harte Lehre aus dem Leben und dem Unfalltod der Prinzessin von Wales ziehen, folgerte Williams: “The moral of the story is that whether she’s riding in a gilt carriage that bears her to St. Paul’s Cathedral for the wedding of the century, or in a black Mercedes that bears her to her death, a passenger – which is the most that a princess can hope to be – is never in charge.”
Außerdem: Auch im "echten" Märchen nehmen falsche Prinzessinnen selten ein gutes Ende - man denke nur an Aschenputtel. Und HochstaplerInnen haben es heute zwar leichter als zu Zeiten Felix Krulls, ihre Fiktionen zu verbreiten. Doch die grenzenlose Vernetzung bringt auch Nachteile mit sich: Man fliegt schneller auf.
Sie habe “noch großes vor”, schreibt M. in einem ihrer Profile.
Go for it, girl. In echt.
(Princeton Post XII)
*Eine Fußnote zu Marjorie Williams: Diese beeindruckende Frau, die 1958 in Princeton geboren wurde und 2005 an Krebs gestorben ist, hat für die “Washington Post” und “Vanity Fair”geschrieben. Ihre politischen Porträts, Kolumnen und Essays, aber auch Berichte aus der Zeit ihrer Krankheit, hat ihr Mann nach ihrem Tod in einem Buch mit dem Titel The Woman at the Washington Zoo zusammengefaßt. Absolut lesenswert nicht nur für Möchtegern-Prinzessinen!
Mittwoch, 5. Dezember 2007
Dienstag, 27. November 2007
Instructions Included
Diese Woche wurde der Christbaum im Herzen des Imperiums aufgestellt. Vor dem Captiol in Washington wuchtete ein Kran die knapp 17 Meter hohe Balsamtanne aus Vermont an den richtigen Platz. Ein Fotograf der “New York Times” hat den Moment festgehalten. Auf der Schnittfläche des abgesägten Stammes sind drei Worte zu lesen: “This end down”.
Nichts konnte meine Freundin Debora zuverlässiger im komische Verzweiflung versetzen als die Flut der abwegigen Anweisungen, Warnungen und Hinweise in diesem Land. “Halten die uns denn für komplett bescheuert?”, seufzte sie, wenn sie auf Pitabrot-Packungen ein Warnschild fand, wonach die Fladen nach dem Erhitzen heiß seien und deshalb vorsichtig aufgeschnitten werden müßten.
Debora, als “Jewish Mom” selbst durchaus sicherheitsbewußt, als Europäerin aber auch der Ansicht, die exzessive amerikanische safety-Kultur sei nur mit einer Extraportion Ironie auszuhalten, ist inzwischen mit ihrer Familie nach Jerusalem ausgewandert. Dort hat man andere Sorgen als die, ob jemand den Weihnachtsbaum falschherum aufstellen könnte.
Hier auch, ehrlich gesagt. Doch spätestens seit McDonald´s einer Kundin Schadenersatz zahlen mußte, weil auf dem Kaffeebecher nicht ausdrücklich vor der Gefahr des Verbrühens durch Heißgetränke gewarnt worden war, wuchert der Warnschilderwald ohne Grenzen.
“Kind vor dem Zusammenklappen herausnehmen”, heißt es auf einem Buggy-Kinderwagen. Das Rowenta-Bügeleisen warnt uns ausdrücklich davor, Kleidung am Körper zu bügeln. Eine Wolldecke bietet laut Beschilderung keinen Schutz vor Tornados. American Airlines schlägt für den Snack im Flieger vor, die Chipspackung aufzureißen, bevor man den Inhalt verspeist. Und auf Erdnüssen der Marke Salisbury ist zu lesen: “Warning: Contains nuts.” All dies und mehr auf der Website wackywarnings.com.
Mein Favorit zum Fest, abgesehen vom Christbaum-Kopfstand: Detaillierte Anweisungen der Umweltorganisation Sierra Club, wie ein ökologisch aufgeklärter Mensch – das ist in Amerika gerade einigermaßen in Mode gekommen, Al Gore und dem himmelhohen Ölpreis sei Dank – beim familiären Weihnachtsmenü die Widerspenstigen auf den Pfad der Erleuchtung führen kann. Im Dialog mit den fiktiven Familienmitgliedern Onkel Burt, Tante Mimi, Schwesterherz und Cousin Mervin können dort ausgefeilte Gegenargumente interaktiv geübt werden.
Zum Beipiel so: “Also wirklich, Merv, ich will dir ja nicht vorschreiben, was für ein Auto Du fahren sollst,” – Cousin Mervin liebäugelt mit einem Hummer – “aber ich denke nicht, daß irgendjemand einen Freifahrschein dafür hat, die Welt zu vermüllen. Wenn wir uns alle um die Zukunft sorgen, sollten wir nach Wegen suchen, unseren schädlichen Einfluß auf den Planeten zu verringern – und nicht versuchen, unsere schwachen Egos mit widerwärtigen, umweltschädlichen Autos aufzublasen!”
Oder wenn Tante Mim findet, so ein bißchen mehr Wärme könne doch nicht schaden:
“Der Begriff der globalen Erwärmung verharmlost die Sache, Mim. Wir sollten eher von einer Klima-Krise sprechen. Ein komplexes System ist aus dem Gleichgewicht geraten, und die Folgen sind wirklich beängstigend. Beim derzeitigen Tempo, Mim, könnte schon Mitte dieses Jahrhunderts die Arktis im Sommer eisfrei sein.”
Wenn das nicht überzeugt!
Trotzdem sind wir in Princeton übrigens sehr stolz darauf, daß UNSER Christbaum mit 32.000 Lichtern mehr Beleuchtung zu bieten hat als das weltberühmte Exemplar vor dem New Yorker Rockefeller Center! Und UNSER Christbaum, übrigens auch ein bißchen höher als der vorm Capitol, ist ein hier gewachsenes und verwurzeltes Exemplar. Beschriftungen à la "oben" und "unten" konnten deshalb komplett entfallen.
(Princeton Post XI)
Nichts konnte meine Freundin Debora zuverlässiger im komische Verzweiflung versetzen als die Flut der abwegigen Anweisungen, Warnungen und Hinweise in diesem Land. “Halten die uns denn für komplett bescheuert?”, seufzte sie, wenn sie auf Pitabrot-Packungen ein Warnschild fand, wonach die Fladen nach dem Erhitzen heiß seien und deshalb vorsichtig aufgeschnitten werden müßten.
Debora, als “Jewish Mom” selbst durchaus sicherheitsbewußt, als Europäerin aber auch der Ansicht, die exzessive amerikanische safety-Kultur sei nur mit einer Extraportion Ironie auszuhalten, ist inzwischen mit ihrer Familie nach Jerusalem ausgewandert. Dort hat man andere Sorgen als die, ob jemand den Weihnachtsbaum falschherum aufstellen könnte.
Hier auch, ehrlich gesagt. Doch spätestens seit McDonald´s einer Kundin Schadenersatz zahlen mußte, weil auf dem Kaffeebecher nicht ausdrücklich vor der Gefahr des Verbrühens durch Heißgetränke gewarnt worden war, wuchert der Warnschilderwald ohne Grenzen.
“Kind vor dem Zusammenklappen herausnehmen”, heißt es auf einem Buggy-Kinderwagen. Das Rowenta-Bügeleisen warnt uns ausdrücklich davor, Kleidung am Körper zu bügeln. Eine Wolldecke bietet laut Beschilderung keinen Schutz vor Tornados. American Airlines schlägt für den Snack im Flieger vor, die Chipspackung aufzureißen, bevor man den Inhalt verspeist. Und auf Erdnüssen der Marke Salisbury ist zu lesen: “Warning: Contains nuts.” All dies und mehr auf der Website wackywarnings.com.
Mein Favorit zum Fest, abgesehen vom Christbaum-Kopfstand: Detaillierte Anweisungen der Umweltorganisation Sierra Club, wie ein ökologisch aufgeklärter Mensch – das ist in Amerika gerade einigermaßen in Mode gekommen, Al Gore und dem himmelhohen Ölpreis sei Dank – beim familiären Weihnachtsmenü die Widerspenstigen auf den Pfad der Erleuchtung führen kann. Im Dialog mit den fiktiven Familienmitgliedern Onkel Burt, Tante Mimi, Schwesterherz und Cousin Mervin können dort ausgefeilte Gegenargumente interaktiv geübt werden.
Zum Beipiel so: “Also wirklich, Merv, ich will dir ja nicht vorschreiben, was für ein Auto Du fahren sollst,” – Cousin Mervin liebäugelt mit einem Hummer – “aber ich denke nicht, daß irgendjemand einen Freifahrschein dafür hat, die Welt zu vermüllen. Wenn wir uns alle um die Zukunft sorgen, sollten wir nach Wegen suchen, unseren schädlichen Einfluß auf den Planeten zu verringern – und nicht versuchen, unsere schwachen Egos mit widerwärtigen, umweltschädlichen Autos aufzublasen!”
Oder wenn Tante Mim findet, so ein bißchen mehr Wärme könne doch nicht schaden:
“Der Begriff der globalen Erwärmung verharmlost die Sache, Mim. Wir sollten eher von einer Klima-Krise sprechen. Ein komplexes System ist aus dem Gleichgewicht geraten, und die Folgen sind wirklich beängstigend. Beim derzeitigen Tempo, Mim, könnte schon Mitte dieses Jahrhunderts die Arktis im Sommer eisfrei sein.”
Wenn das nicht überzeugt!
Trotzdem sind wir in Princeton übrigens sehr stolz darauf, daß UNSER Christbaum mit 32.000 Lichtern mehr Beleuchtung zu bieten hat als das weltberühmte Exemplar vor dem New Yorker Rockefeller Center! Und UNSER Christbaum, übrigens auch ein bißchen höher als der vorm Capitol, ist ein hier gewachsenes und verwurzeltes Exemplar. Beschriftungen à la "oben" und "unten" konnten deshalb komplett entfallen.
(Princeton Post XI)
Dienstag, 6. November 2007
Halloween-Horror
Halloween ist vorbei, Gottseidank.
Obwohl - wir hatten natürlich viel Spaß. Vor allem die Kinder. "Wasn't that SO much fun?!", sagten die Erwachsenen. Lehrer, Eltern, Großeltern, digitalkamerabewaffnet.
In N.s Schule war das Halloween-Programm so vollgepackt, daß die Kinder kaum mitkamen. Nach dem Lunch: Spiele-Parcours im Klassenzimmer. Vier Stationen gab es, niemand durfte für eine davon länger als fünf Minuten brauchen, sonst wäre der Zeitplan durcheinandergeraten.
Eine Plüsch-Spinne mit Glitter und einem Magneten bekleben - Bastelstation abgehakt. Etwas Zuckerguß auf einen Fertigkeks in Kürbisform schmieren, Zuckerstreusel drüber - Backstation erledigt. Und so fort, bis es hieß: Nun alle schnell die Kostüme anziehen zur Parade!
Das dauerte lange, weil das Umziehen kompliziert war. Jungs bitte mit einem Freiwilligen-Vater aufs Herrenklo, Mädchen mit einer Mutter aufs Damenklo! Entblößte Unterwäsche im koedukativen Klassenzimmer? Bewahre!
Die Parade durfte nicht so lange dauern, weil danach noch Partys MIT Eltern und Geschwistern angekündigt waren. Aufgeregte Digitalfilmer rannten durcheinander. Es galt, die eigenen Kinder plus vielleicht noch deren Lehrer und Klassenkameraden zu erwischen - gar nicht so einfach, und auf einer Gesamtstrecke von vielleicht 200 Metern gab das eine Menge Rangeleien.
Zurück im Klassenzimmer. Die Gäste trudeln erst langsam ein, weil aus Sicherheitsgründen jeder Erwachsene, der die Schule betritt, zuerst gegen Unterschrift einen Sticker ausgehändigt bekommt, der sichtbar zu tragen ist. Die ersten schauen nervös auf die Uhr, müssen zurück zur Arbeit. Die Kinder singen ein paar Halloween-Lieder, dann ist nochmal Zeit für Gruppenfotos und Filme. Und für Sicherheitshinweise der Lehrerin, was beim Trick-or-Treat in der Dunkelheit alles zu beachten ist. Dann sind wir entlassen.
Zum nächsten Event: Halloween in R.s Kindertagesstätte. N. ist inzwischen schon leicht quengelig. Aber das Ganze nochmal: Parade, Fotos, Party. Heulende Kleinkinder, die im plüschigen Känguruh-Ganzkörperkostüm völlig überhitzt sind. Oder nicht einsehen, daß nach acht Mini-Muffins wirklich Schluß ist.
Zuhause noch eine kurze Pause bis zum Sammeln. Ausruhen? Kein Gedanke. Es wird gekreischt und getobt; "they are all sugared up", sagt meine Nachbarin Sally. Aufgeputscht, zu viel Zucker. Man sammelt sich zum Trick-or-Treat.
Die Kinder interessiert natürlich vor allem eins: Wie komme ich schnellstmöglich zur größtmöglichen Süßigkeiten-Sammlung. Das geht am besten, wenn man von Haus zu Haus RENNT. "Wieviele können wir nehmen?", war die meistgehörte Frage an den Türen. Nicht mal das übliche "trick or treat!" brachten manche über die Lippen, grapschten nur still nach den candies. Um schließlich die Beute heimzuschleppen in ihren riesigen Beuteln oder neon-orangenen, hohlen Plastik-Kürbissen.
In manchen Vorstädten mit langen Wegen und großem Widerwillen, zu Fuß zu gehen, versammeln sich Mütter zu Halloween auf Supermarkt-Parkplätzen. Sie parken ihre SUVs im Kreis, stellen die Candy-Kisten auf und schicken alle Kinder einmal rund. Das spart Zeit und schont die Vorgärten.
Die "gute alte Tante" New York Times stellte allerdings besorgt fest, daß nur sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September die Tendenz zu Zombie-Masken und anderen grausigen bzw. martialischen Halloween-Kostümen wieder deutlich zugenommen habe. Und das gelte für alle marktrelevanten Gruppen: Erwachsene, Kinder - und Haustiere.
Noch eine Schreckensnachricht zum Halloween-Nachklapp? Bitteschön: Ein Spielwarenhersteller mußte seinen "Hit" der Saison, ein grauenhaft verfault aussehendes Plastikgebiß namens "Ugly Teeth", zurückrufen. Das Produkt - made in China - war so kräftig mit Bleifarbe bemalt, daß die Gebißträger ernsthafte Gesundheitsschäden fürchten müssen.
Fazit der Mutter nach neun Stunden non-stop Halloween: Nächstes Jahr mieten wir eine Hütte in den Bergen und schnitzen einfach nur traditionelle Kürbis-Laternen.
"Aber Mama", jammert das größere Kind und umklammert seinen randvollen Sammel-Kürbis, "wir hatten doch so viel Spaß!"
(Princeton Post X)
Obwohl - wir hatten natürlich viel Spaß. Vor allem die Kinder. "Wasn't that SO much fun?!", sagten die Erwachsenen. Lehrer, Eltern, Großeltern, digitalkamerabewaffnet.
In N.s Schule war das Halloween-Programm so vollgepackt, daß die Kinder kaum mitkamen. Nach dem Lunch: Spiele-Parcours im Klassenzimmer. Vier Stationen gab es, niemand durfte für eine davon länger als fünf Minuten brauchen, sonst wäre der Zeitplan durcheinandergeraten.
Eine Plüsch-Spinne mit Glitter und einem Magneten bekleben - Bastelstation abgehakt. Etwas Zuckerguß auf einen Fertigkeks in Kürbisform schmieren, Zuckerstreusel drüber - Backstation erledigt. Und so fort, bis es hieß: Nun alle schnell die Kostüme anziehen zur Parade!
Das dauerte lange, weil das Umziehen kompliziert war. Jungs bitte mit einem Freiwilligen-Vater aufs Herrenklo, Mädchen mit einer Mutter aufs Damenklo! Entblößte Unterwäsche im koedukativen Klassenzimmer? Bewahre!
Die Parade durfte nicht so lange dauern, weil danach noch Partys MIT Eltern und Geschwistern angekündigt waren. Aufgeregte Digitalfilmer rannten durcheinander. Es galt, die eigenen Kinder plus vielleicht noch deren Lehrer und Klassenkameraden zu erwischen - gar nicht so einfach, und auf einer Gesamtstrecke von vielleicht 200 Metern gab das eine Menge Rangeleien.
Zurück im Klassenzimmer. Die Gäste trudeln erst langsam ein, weil aus Sicherheitsgründen jeder Erwachsene, der die Schule betritt, zuerst gegen Unterschrift einen Sticker ausgehändigt bekommt, der sichtbar zu tragen ist. Die ersten schauen nervös auf die Uhr, müssen zurück zur Arbeit. Die Kinder singen ein paar Halloween-Lieder, dann ist nochmal Zeit für Gruppenfotos und Filme. Und für Sicherheitshinweise der Lehrerin, was beim Trick-or-Treat in der Dunkelheit alles zu beachten ist. Dann sind wir entlassen.
Zum nächsten Event: Halloween in R.s Kindertagesstätte. N. ist inzwischen schon leicht quengelig. Aber das Ganze nochmal: Parade, Fotos, Party. Heulende Kleinkinder, die im plüschigen Känguruh-Ganzkörperkostüm völlig überhitzt sind. Oder nicht einsehen, daß nach acht Mini-Muffins wirklich Schluß ist.
Zuhause noch eine kurze Pause bis zum Sammeln. Ausruhen? Kein Gedanke. Es wird gekreischt und getobt; "they are all sugared up", sagt meine Nachbarin Sally. Aufgeputscht, zu viel Zucker. Man sammelt sich zum Trick-or-Treat.
Die Kinder interessiert natürlich vor allem eins: Wie komme ich schnellstmöglich zur größtmöglichen Süßigkeiten-Sammlung. Das geht am besten, wenn man von Haus zu Haus RENNT. "Wieviele können wir nehmen?", war die meistgehörte Frage an den Türen. Nicht mal das übliche "trick or treat!" brachten manche über die Lippen, grapschten nur still nach den candies. Um schließlich die Beute heimzuschleppen in ihren riesigen Beuteln oder neon-orangenen, hohlen Plastik-Kürbissen.
In manchen Vorstädten mit langen Wegen und großem Widerwillen, zu Fuß zu gehen, versammeln sich Mütter zu Halloween auf Supermarkt-Parkplätzen. Sie parken ihre SUVs im Kreis, stellen die Candy-Kisten auf und schicken alle Kinder einmal rund. Das spart Zeit und schont die Vorgärten.
Die "gute alte Tante" New York Times stellte allerdings besorgt fest, daß nur sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September die Tendenz zu Zombie-Masken und anderen grausigen bzw. martialischen Halloween-Kostümen wieder deutlich zugenommen habe. Und das gelte für alle marktrelevanten Gruppen: Erwachsene, Kinder - und Haustiere.
Noch eine Schreckensnachricht zum Halloween-Nachklapp? Bitteschön: Ein Spielwarenhersteller mußte seinen "Hit" der Saison, ein grauenhaft verfault aussehendes Plastikgebiß namens "Ugly Teeth", zurückrufen. Das Produkt - made in China - war so kräftig mit Bleifarbe bemalt, daß die Gebißträger ernsthafte Gesundheitsschäden fürchten müssen.
Fazit der Mutter nach neun Stunden non-stop Halloween: Nächstes Jahr mieten wir eine Hütte in den Bergen und schnitzen einfach nur traditionelle Kürbis-Laternen.
"Aber Mama", jammert das größere Kind und umklammert seinen randvollen Sammel-Kürbis, "wir hatten doch so viel Spaß!"
(Princeton Post X)
Dienstag, 30. Oktober 2007
Wer den Dollar ehrt...
"Wer den Pfennig nicht ehrt..." Die Währungen dieses Sprichworts mögen nicht mehr im Umlauf sein. Aber das Prinzip?!
Im "Small World" Café, wo tout Princeton seinen coffee to go bestellt, steht an der Kasse eine Dose fürs Trinkgeld. Wie üblich in den hiesigen Cafés. Das Personal verdient knapp, das ist bekannt, mindestens 15 Prozent Trinkgeld sollten es schon sein. Wären bei einem Cappuccino für knapp vier Dollar nach Steuern also 60, vielleicht 75 cent. Three Quarters. Gar nicht so wenig, oder? Zumal der Kaffee ja nicht gebracht wird, man muß Schlange stehen für die Bestellung und dann nochmal allen im Weg stehen, bis man sein Getränk ("Cappuccino to go-ho!") vom Tresen angeln kann.
Aber die wollen keine Quarters. Zwei kleine Schilder prangen auf der Trinkgelddose. Das erste sagt, in einem hübschen Wortspiel mit der Doppelbedeutung von "change" ("Wandel" und "Kleingeld"): "Change comes from within". Das zweite lautet: "Dollars come from your wallet".
Schon fühle ich mich schäbig mit meinen Münzen. Tatsächlich ist die Dose provokativ gefüllt mit Ein-Dollar-Scheinen, bis zum Rand und darüber hinaus. Inflation? Soziale Gerechtigkeit?
Vielleicht sind Centbeträge nicht mehr wahrnehmbar in einer Gesellschaft, wo ein Merrill-Lynch-Chef einen dreistelligen Millionenbetrag als Abfindung dafür kassiert, daß er seinen Job aufgibt, nachdem er dem Unternehmen Milliardenverluste beschert hat. Wo Topmanager und Angehörige einiger Wirtschaftsgruppen - Investmentbanker, Hedgefondsmanager, Anwälte - so unanständig viel Geld verdienen, daß ihr Leben mit dem von Otto Normalverbraucher aber auch gar nichts mehr gemein hat.
Und was mache ICH jetzt, an der Kasse vom "Small Word"? Trotzen ("Dann eben nicht!")? Anpassen und eine Dollar-Note aus dem Protemonnaie ziehen? Den Angestellten vorschlagen, beim Arbeitgeber höhere Löhne einzuklagen, statt den Kunden ein schlechtes Gewissen zu machen?
Schon hat mich - "Excuse me!" - der nächste Kunde beiseitegeschoben. Ein teuer gekleideter Mittfünfziger, Anwalt womöglich. Oder Banker. Der hat nur sein Wechselgeld in die Dose fallen lassen. Ganz cool. Und die Bedienung hat "Thank you!" gesagt. "Have a nice day!"
Im "Small World" Café, wo tout Princeton seinen coffee to go bestellt, steht an der Kasse eine Dose fürs Trinkgeld. Wie üblich in den hiesigen Cafés. Das Personal verdient knapp, das ist bekannt, mindestens 15 Prozent Trinkgeld sollten es schon sein. Wären bei einem Cappuccino für knapp vier Dollar nach Steuern also 60, vielleicht 75 cent. Three Quarters. Gar nicht so wenig, oder? Zumal der Kaffee ja nicht gebracht wird, man muß Schlange stehen für die Bestellung und dann nochmal allen im Weg stehen, bis man sein Getränk ("Cappuccino to go-ho!") vom Tresen angeln kann.
Aber die wollen keine Quarters. Zwei kleine Schilder prangen auf der Trinkgelddose. Das erste sagt, in einem hübschen Wortspiel mit der Doppelbedeutung von "change" ("Wandel" und "Kleingeld"): "Change comes from within". Das zweite lautet: "Dollars come from your wallet".
Schon fühle ich mich schäbig mit meinen Münzen. Tatsächlich ist die Dose provokativ gefüllt mit Ein-Dollar-Scheinen, bis zum Rand und darüber hinaus. Inflation? Soziale Gerechtigkeit?
Vielleicht sind Centbeträge nicht mehr wahrnehmbar in einer Gesellschaft, wo ein Merrill-Lynch-Chef einen dreistelligen Millionenbetrag als Abfindung dafür kassiert, daß er seinen Job aufgibt, nachdem er dem Unternehmen Milliardenverluste beschert hat. Wo Topmanager und Angehörige einiger Wirtschaftsgruppen - Investmentbanker, Hedgefondsmanager, Anwälte - so unanständig viel Geld verdienen, daß ihr Leben mit dem von Otto Normalverbraucher aber auch gar nichts mehr gemein hat.
Und was mache ICH jetzt, an der Kasse vom "Small Word"? Trotzen ("Dann eben nicht!")? Anpassen und eine Dollar-Note aus dem Protemonnaie ziehen? Den Angestellten vorschlagen, beim Arbeitgeber höhere Löhne einzuklagen, statt den Kunden ein schlechtes Gewissen zu machen?
Schon hat mich - "Excuse me!" - der nächste Kunde beiseitegeschoben. Ein teuer gekleideter Mittfünfziger, Anwalt womöglich. Oder Banker. Der hat nur sein Wechselgeld in die Dose fallen lassen. Ganz cool. Und die Bedienung hat "Thank you!" gesagt. "Have a nice day!"
Mittwoch, 17. Oktober 2007
Angeprangert
Vor einigen Tagen saßen neben mir im Straßencafé auf Nassau Street zwei ältere, gut gekleidete Damen. Gefragt von einem Tischnachbarn, ob er bei ihrer Unterhaltung richtig einen britischen Akzent heraushöre, gaben sie sich als Londonerin und Schottin zu erkennen, zu Besuch bei Freunden in der Stadt.
Kurz darauf schrammte direkt vor dem Café ein UPS-Lieferwagen hart an einem parkenden Pkw entlang; der Fahrer hatte den Abstand falsch eingeschätzt. Schnell strömte eine kleine Menschenmenge zusammen. Er habe die Polizei bereits verständigt, erklärte der Cafébetreiber. Wie vom Blitz getroffen, sprang die Frau aus London auf: “Schnell weg hier, ich möchte wirklich nicht noch einmal mit der hiesigen Polizei in Berührung kommen!”. Die Britinnen eilten davon, ohne ihre Lattes auszutrinken.
Wie steckbrieflich gesuchte Bankräuber hatten die beiden wirklich nicht ausgesehen, und tatsächlich kam mir nie der Gedanke, dies könnte der Grund für ihre Flucht sein. Ich hätte ihr Verhalten schon nach meinen ersten eigenen Erfahrungen mit den Princetonischen Gesetzeshütern (siehe: "Rules and Regulations") nicht besonders merkwürdig gefunden. Seit ich regelmäßig die “Town Topics”, das hiesige Lokalblättchen, lese, scheint mir eine gute Portion Paranoia erst recht angebracht.
In der vorletzten Ausgabe hieß es da zum Beispiel, daß zwei schwule Männer in einem städtischen Waldgelände von einer Zivilstreife aufgespürt und verhaftet worden seien. Caught in the act, sozusagen. In diesem Park gehe die Polizei gezielt Streife, nachdem es entsprechende Anzeigen von Spaziergängern und bereits zwei Verhaftungen gegeben hatte.
So weit, so gut. Kopulierende Männer im Herrontown Woods Park, das muß man nicht verteidigen. “Sexual activities” jeglicher Art sind im öffentlichen Raum auch ausdrücklich verboten.
Warum ich trotzdem einigermaßen fassungslos vor dem Artikel saß? Weil beide Männer nicht nur verhaftet und wegen “lewdness” (Unzucht, Unanständigkeit, Lüsternheit) angeklagt, sondern darüber hinaus in der Zeitung an den Pranger gestellt wurden. Mit vollem Namen, Alter und Wohnort. Ein 53jähriger aus Montgomery Township; der andere, aus Princeton, war schon 85.
Am selben Nachmittag traf ich meine amerikanische Freundin Debbi. “Did you read that incredible story in the Town Topics?”, fragte sie. “Sure”, sagte ich, überzeugt, daß sie, mit der ich sonst über viele im weiteren Sinne politische Fragen einer Meinung bin, auch mein Entsetzen über diese Form der Bloßstellung teile. Aber weit gefehlt: “Remember I told you not to go running in Herrontown Woods!?”, lautete ihr Kommentar. Und die Namen, die habe die Zeitung wohl aus dem Polizeibericht entnommen, meinte sie achselzuckend.
Was eine solche Veröffentlichung für Schwule in einem kleinen Ort wie Princeton bedeutet, ahnt man vielleicht, wenn man etwa die kürzlich auf der Titelseite der “New York Times” erschienene Geschichte über die verbreitete gesellschaftliche Ächtung gerade älterer Homosexueller liest. Diese betrifft demnach Männer wie Frauen und reicht bis hin zu sogenannten “hate crimes” in der Altenpflege.
Doch das Anprangern ist in dieser Gesellschaft die Norm. Wer zum Beispiel “under the influence”, also unter Alkoholeinfluß am Steuer erwischt wird, kommt in die Zeitung. Und eben auch Straftäter, die keine Gefahr für Leib, Leben oder Besitz ihrer Mitbürger darstellen, sondern allenfalls deren Gefühl für Anstand und Moral verletzen.
Die Schwellen sind niedrig. Bei minderen Vergehen wie Schubsen, Drängeln oder mangelndem Respekt vor dem Lehrkörper werden bereits Schulkinder angehalten, vor der versammelten Klasse Selbstkritik und Reue zu üben. Damit alle gemeinsam dann dem betreffenden Kind “helfen” können, künftig die Regeln einzuhalten.
Ein weiteres Ärgernis, das für den Täter böse Folgen haben kann, ist Urinieren in der Öffentlichkeit. Der Pulitzer-Preisträger Richard Ford, der große Teile seiner berühmten Roman-Trilogie in Princeton (allerdings unter dem fikitiven Namen Haddam) angesiedelt hat, beschreibt im letzten Teil, “The Lay of The Land”, wiederholt die beklemmende Situation eines älteren Mannes mit beginnender Inkontinenz: Seine panische Suche nach einer Toilette, und dort, wo keine zu finden ist, die Scham des Entblößten, der nichts mehr fürchtet als entdeckt zu werden. Nur ältere Polizisten, weiß der Erzähler, ließen in solchen Fällen aus leidvoller eigener Erfahrung manchmal Gnade vor Recht ergehen.
Wie schnell man tatsächlich aufgespürt ist, konnten wir auf einer Irrfahrt durch North Jersey erleben: Mit zwei kleinen Jungs samt Oma und Opa im Auto, heillos verfranzt im Zufahrten-Dschungel des Garden State Parkway, war ich irgendwie auf dem Parkplatz eines gottverlassenen Gewerbegebiets gelandet. Während ich auf der Landkarte nach Auswegen suchte, mußten N. und sein Großvater pinkeln – kein Halten mehr, kein Klo weit und breit. Nur ein unkrautüberwucherter Zaun bot sich an.
Kaum waren die beiden zurück, hielt ein Polizeiauto neben uns. Aufgetaucht aus dem Nichts. Ob wir Hilfe brauchten, fragte der Cop auf dem Fahrersitz, während er unseren vollbesetzten alten Daimler mißtrauisch musterte. Ob wir wüßten, wie wir wieder nach Princeton zurückkämen, wollte er dann wissen. Meine elaborierte Antwort (Parkway South, exit No. 16 to 571 West usw.) fiel offenbar zufriedenstellend aus; er wünschte uns eine gute Fahrt und rauschte davon.
Nicht auszudenken, wenn er zwei Minuten früher gekommen wäre. Auch wir wären in der Zeitung gelandet. Wie jene 42-jährige Frau, die kürzlich auf Princetons Route 206 beim Pinkeln im Gebüsch ertappt wurde, und dies prompt- nebst vollem Namen und Wohnort - in den “Town Topics” verewigt fand.
Und dennoch – neulich hätten wir uns beinahe erneut zur Erregung öffentlichen Ärgernisses gezwungen gesehen. Am Bahnhof von Princeton Junction, wo man – auf der Hauptstrecke aus New York, Washington oder Philadelphia kommend – in einen kleinen Pendelzug umsteigen muß. Es war noch keine 10 Uhr abends, als Anja und ich dort ankamen und mehr als 20 Minuten auf den nächsten “Dinky”-Zug nach Princeton warten mußten. Nur ein einziges Klo gibt es auf diesem Bahnhof, in der Schalterhalle. Die aber war bereits geschlossen und verriegelt. Es war knapp. Aber wir litten gesetzestreu vor uns hin, bis wir wieder daheim waren.
Die Botschaft, fanden Anja (Mutter eines Anderthalbjährigen) und ich, ist klar: Wer um diese Zeit nicht zuhause bei der Familie ist, muß selber sehen, wie er – und vor allem: sie – klarkommt. Nicht umsonst nennt man unsereins stay-at-home moms!
Princeton, 12. Oktober 2007 (Princeton Post IX)
Kurz darauf schrammte direkt vor dem Café ein UPS-Lieferwagen hart an einem parkenden Pkw entlang; der Fahrer hatte den Abstand falsch eingeschätzt. Schnell strömte eine kleine Menschenmenge zusammen. Er habe die Polizei bereits verständigt, erklärte der Cafébetreiber. Wie vom Blitz getroffen, sprang die Frau aus London auf: “Schnell weg hier, ich möchte wirklich nicht noch einmal mit der hiesigen Polizei in Berührung kommen!”. Die Britinnen eilten davon, ohne ihre Lattes auszutrinken.
Wie steckbrieflich gesuchte Bankräuber hatten die beiden wirklich nicht ausgesehen, und tatsächlich kam mir nie der Gedanke, dies könnte der Grund für ihre Flucht sein. Ich hätte ihr Verhalten schon nach meinen ersten eigenen Erfahrungen mit den Princetonischen Gesetzeshütern (siehe: "Rules and Regulations") nicht besonders merkwürdig gefunden. Seit ich regelmäßig die “Town Topics”, das hiesige Lokalblättchen, lese, scheint mir eine gute Portion Paranoia erst recht angebracht.
In der vorletzten Ausgabe hieß es da zum Beispiel, daß zwei schwule Männer in einem städtischen Waldgelände von einer Zivilstreife aufgespürt und verhaftet worden seien. Caught in the act, sozusagen. In diesem Park gehe die Polizei gezielt Streife, nachdem es entsprechende Anzeigen von Spaziergängern und bereits zwei Verhaftungen gegeben hatte.
So weit, so gut. Kopulierende Männer im Herrontown Woods Park, das muß man nicht verteidigen. “Sexual activities” jeglicher Art sind im öffentlichen Raum auch ausdrücklich verboten.
Warum ich trotzdem einigermaßen fassungslos vor dem Artikel saß? Weil beide Männer nicht nur verhaftet und wegen “lewdness” (Unzucht, Unanständigkeit, Lüsternheit) angeklagt, sondern darüber hinaus in der Zeitung an den Pranger gestellt wurden. Mit vollem Namen, Alter und Wohnort. Ein 53jähriger aus Montgomery Township; der andere, aus Princeton, war schon 85.
Am selben Nachmittag traf ich meine amerikanische Freundin Debbi. “Did you read that incredible story in the Town Topics?”, fragte sie. “Sure”, sagte ich, überzeugt, daß sie, mit der ich sonst über viele im weiteren Sinne politische Fragen einer Meinung bin, auch mein Entsetzen über diese Form der Bloßstellung teile. Aber weit gefehlt: “Remember I told you not to go running in Herrontown Woods!?”, lautete ihr Kommentar. Und die Namen, die habe die Zeitung wohl aus dem Polizeibericht entnommen, meinte sie achselzuckend.
Was eine solche Veröffentlichung für Schwule in einem kleinen Ort wie Princeton bedeutet, ahnt man vielleicht, wenn man etwa die kürzlich auf der Titelseite der “New York Times” erschienene Geschichte über die verbreitete gesellschaftliche Ächtung gerade älterer Homosexueller liest. Diese betrifft demnach Männer wie Frauen und reicht bis hin zu sogenannten “hate crimes” in der Altenpflege.
Doch das Anprangern ist in dieser Gesellschaft die Norm. Wer zum Beispiel “under the influence”, also unter Alkoholeinfluß am Steuer erwischt wird, kommt in die Zeitung. Und eben auch Straftäter, die keine Gefahr für Leib, Leben oder Besitz ihrer Mitbürger darstellen, sondern allenfalls deren Gefühl für Anstand und Moral verletzen.
Die Schwellen sind niedrig. Bei minderen Vergehen wie Schubsen, Drängeln oder mangelndem Respekt vor dem Lehrkörper werden bereits Schulkinder angehalten, vor der versammelten Klasse Selbstkritik und Reue zu üben. Damit alle gemeinsam dann dem betreffenden Kind “helfen” können, künftig die Regeln einzuhalten.
Ein weiteres Ärgernis, das für den Täter böse Folgen haben kann, ist Urinieren in der Öffentlichkeit. Der Pulitzer-Preisträger Richard Ford, der große Teile seiner berühmten Roman-Trilogie in Princeton (allerdings unter dem fikitiven Namen Haddam) angesiedelt hat, beschreibt im letzten Teil, “The Lay of The Land”, wiederholt die beklemmende Situation eines älteren Mannes mit beginnender Inkontinenz: Seine panische Suche nach einer Toilette, und dort, wo keine zu finden ist, die Scham des Entblößten, der nichts mehr fürchtet als entdeckt zu werden. Nur ältere Polizisten, weiß der Erzähler, ließen in solchen Fällen aus leidvoller eigener Erfahrung manchmal Gnade vor Recht ergehen.
Wie schnell man tatsächlich aufgespürt ist, konnten wir auf einer Irrfahrt durch North Jersey erleben: Mit zwei kleinen Jungs samt Oma und Opa im Auto, heillos verfranzt im Zufahrten-Dschungel des Garden State Parkway, war ich irgendwie auf dem Parkplatz eines gottverlassenen Gewerbegebiets gelandet. Während ich auf der Landkarte nach Auswegen suchte, mußten N. und sein Großvater pinkeln – kein Halten mehr, kein Klo weit und breit. Nur ein unkrautüberwucherter Zaun bot sich an.
Kaum waren die beiden zurück, hielt ein Polizeiauto neben uns. Aufgetaucht aus dem Nichts. Ob wir Hilfe brauchten, fragte der Cop auf dem Fahrersitz, während er unseren vollbesetzten alten Daimler mißtrauisch musterte. Ob wir wüßten, wie wir wieder nach Princeton zurückkämen, wollte er dann wissen. Meine elaborierte Antwort (Parkway South, exit No. 16 to 571 West usw.) fiel offenbar zufriedenstellend aus; er wünschte uns eine gute Fahrt und rauschte davon.
Nicht auszudenken, wenn er zwei Minuten früher gekommen wäre. Auch wir wären in der Zeitung gelandet. Wie jene 42-jährige Frau, die kürzlich auf Princetons Route 206 beim Pinkeln im Gebüsch ertappt wurde, und dies prompt- nebst vollem Namen und Wohnort - in den “Town Topics” verewigt fand.
Und dennoch – neulich hätten wir uns beinahe erneut zur Erregung öffentlichen Ärgernisses gezwungen gesehen. Am Bahnhof von Princeton Junction, wo man – auf der Hauptstrecke aus New York, Washington oder Philadelphia kommend – in einen kleinen Pendelzug umsteigen muß. Es war noch keine 10 Uhr abends, als Anja und ich dort ankamen und mehr als 20 Minuten auf den nächsten “Dinky”-Zug nach Princeton warten mußten. Nur ein einziges Klo gibt es auf diesem Bahnhof, in der Schalterhalle. Die aber war bereits geschlossen und verriegelt. Es war knapp. Aber wir litten gesetzestreu vor uns hin, bis wir wieder daheim waren.
Die Botschaft, fanden Anja (Mutter eines Anderthalbjährigen) und ich, ist klar: Wer um diese Zeit nicht zuhause bei der Familie ist, muß selber sehen, wie er – und vor allem: sie – klarkommt. Nicht umsonst nennt man unsereins stay-at-home moms!
Princeton, 12. Oktober 2007 (Princeton Post IX)
Montag, 15. Oktober 2007
Back home? Back in line!
Schlangestehen in New Jersey
Bei McCaffrey´s herrscht Hochbetrieb. Alle zwölf Supermarktkassen sind geöffnet, die Warteschlangen dennoch lang, die Einkaufswagen hoch beladen. Die Kassiererin schwitzt trotz Klimaanlage. Als ich ihr meine Kreditkarte gebe, sagt sie lächelnd: “Thank you so much for bagging!” Kurze Irritation, dann geht mir ein Licht auf: Ich habe, wieder ganz in der deutschen Gewohnheit, meine Einkäufe selbst in Rucksack und Tüten eingepackt. Statt dies, wie hierzulande üblich, den Kassierern oder einer Hilfskraft zu überlassen. Die Kassiererin heißt Diana, so steht es auf ihrem Namensschild. Ich erkläre ihr, daß ich zweieinhalb Monate lang in Deutschland war und dort die Kunden immer selbst einpacken müssen. “Well, aren´t you glad to be back?!”, strahlt sie mich an.
Es ist der Freitag vor dem Labor Day, Beginn jenes langen Wochenendes Anfang September, der hier traditionell das Ende des Sommers markiert. Die Kinder müssen zurück in die Schule, die Universität fängt wieder an, und wirklich segeln von den Bäumen vor McCaffrey´s die ersten rot gefärbten Blätter. Dieses letzte offizielle Sommerwochenende wird gefeiert, unbedingt mit großem Barbecue, deshalb waren die Fleischtheken am späten Nachmittag schon fast leer. Trotzdem ist es noch seltsam ruhig in Princeton, die Straßen sonnendurchflutet, der Zikadengesang das lauteste Geräusch zumindest dort, wo kein Rasenmäher oder “leaf blower” lärmt.
Ein Grund für die Beschaulichkeit ist natürlich, daß die Studenten erst so langsam in die Stadt einrücken und schon deshalb noch Große-Ferien-Atmosphäre herrscht. Womöglich ist es aber auch nur der Kontrast zur Großstadt Berlin, der es hier so ruhig scheinen läßt. (Genauso wie nach zweieinhalb Monaten flotter BMW-Fahrt auf deutschen Autobahnen unser 25-jähriger texanischer Diesel-Daimler auf der Route 1 zunächst den Verdacht auf Motorschaden weckt – doch war er je schneller oder spritziger? Wohl eher nicht…)
Doch auch mit wachsendem zeitlichem Abstand zu Germanien bleibt die Empfindung: Es IST hier ruhiger, man läßt es langsamer angehen, nimmt sich Zeit für ungeplante Zwischenstops und kleine Gespräche. Deutsche Ungeduld beim Schlangestehen, genervte Seufzer und demonstratives Auf-die-Uhr-schauen im Postamt werden von den übrigen Wartenden mit beredten Blicken (“wie unhöflich!”) quittiert. Und man schämt sich noch ein bißchen mehr, wenn kurz darauf der “Lahmarsch” hinter dem Schalter mit freundlichstem Lächeln fragt, ob der Brief an die Großeltern in Deutschland Fotos enthalte, dann werde er gern noch einen “Bitte nicht knicken”-Sticker draufkleben.
Szenenwechsel. Von Princeton nach Ocean Grove, einem Badeort an der Atlantikküste. The Jersey Shore, Sonntagmittag, schönstes Badewetter – aber der Strand ist, von ein paar Rettungsschwimmern abgesehen, menschenleer. Erfreulich zunächst, erstaunlich auch, aber als wir mit Sonnenschirm und Buddelzeug endlich am Dünenrand stehen, kein Scherz: Der Strand ist GESCHLOSSEN. Es sei gute Tradition in Ocean Grove, belehrt uns ein Schild, sich an Sonntagen nicht vor 12.30 Uhr dem Badevergnügen hinzugeben. Und die meinen das ernst: An jedem Zugang sitzt ein grimmiger Senior mit “Beach Staff”-Schild am königsblauen Polohemd und wacht darüber, daß niemand das Sperrseil übersteigt. Nur die Eintrittskarte (ja, zum Strand) darf man schon etwas früher kaufen. Für sieben Dollar pro Person ab 12 Jahren.
Also wieder Schlange stehen, geduldig sein, nicht lachen, aber auch nicht sauer werden nach einer Stunde Fahrt bei über 30 Grad im Schatten, mit der Atlantikbrandung vor der Nase, so verlockend wie unerreichbar. Alle anderen warten auch, klappen ihre Strandstühle (director’s chair in Rot, Blau oder Schwarz, made in China, $8.99 bei Target) erstmal auf dem boardwalk, der hölzernen Promenade, aus. Eingeweihte kommen ab 12.15 Uhr. Eine ganze Urlauberschar steht oder sitzt da nun und wartet auf Einlaß – zum Strand. Grotesk. Selbst wenn man später lernt, daß Ocean Grove einst von Methodisten gegründet wurde und diese frommen Leute immer noch den Ton angeben – “they own the town”, wie es meine Nachbarin Sally formuliert. Da lauscht man am Sonntagvormittag der Predigt und nicht dem Wellenrauschen, diversity hin oder her.
Als dann, pünktlich auf die Minute, die Seile fallen, geht das Rennen um die besten Plätze los: Durchtrainierte Großväter, zwei Liegestühle unter jedem Arm, wühlen sich mit kampferprobten Stroller-Moms um die Wette durch den Sand, um ihre Sonnenschirmständer an der begehrten Flutlinie einzuschlagen. Ein Großelternpaar hat es geschafft, schwer atmend. Den Kindern das Buddelzeug hingeworfen, zwei Klappstühle leicht schräg zueinander mit Meerblick plaziert, plumps. Snacks auspacken. “Gatorate”-Flaschen. Aber kein Bier. Alkohol ist am Strand noch strenger verboten als Kinder- und Hundekacke. Erlaubt sind Rennboote mit brüllenden Motoren.
Wasser und Wellen: schwer zu toppen.
Aber kein Café in Sicht. Kein Baum.
Ach, die Ostsee…
Princeton, 12. September 2007 (Princeton Post VIII)
Bei McCaffrey´s herrscht Hochbetrieb. Alle zwölf Supermarktkassen sind geöffnet, die Warteschlangen dennoch lang, die Einkaufswagen hoch beladen. Die Kassiererin schwitzt trotz Klimaanlage. Als ich ihr meine Kreditkarte gebe, sagt sie lächelnd: “Thank you so much for bagging!” Kurze Irritation, dann geht mir ein Licht auf: Ich habe, wieder ganz in der deutschen Gewohnheit, meine Einkäufe selbst in Rucksack und Tüten eingepackt. Statt dies, wie hierzulande üblich, den Kassierern oder einer Hilfskraft zu überlassen. Die Kassiererin heißt Diana, so steht es auf ihrem Namensschild. Ich erkläre ihr, daß ich zweieinhalb Monate lang in Deutschland war und dort die Kunden immer selbst einpacken müssen. “Well, aren´t you glad to be back?!”, strahlt sie mich an.
Es ist der Freitag vor dem Labor Day, Beginn jenes langen Wochenendes Anfang September, der hier traditionell das Ende des Sommers markiert. Die Kinder müssen zurück in die Schule, die Universität fängt wieder an, und wirklich segeln von den Bäumen vor McCaffrey´s die ersten rot gefärbten Blätter. Dieses letzte offizielle Sommerwochenende wird gefeiert, unbedingt mit großem Barbecue, deshalb waren die Fleischtheken am späten Nachmittag schon fast leer. Trotzdem ist es noch seltsam ruhig in Princeton, die Straßen sonnendurchflutet, der Zikadengesang das lauteste Geräusch zumindest dort, wo kein Rasenmäher oder “leaf blower” lärmt.
Ein Grund für die Beschaulichkeit ist natürlich, daß die Studenten erst so langsam in die Stadt einrücken und schon deshalb noch Große-Ferien-Atmosphäre herrscht. Womöglich ist es aber auch nur der Kontrast zur Großstadt Berlin, der es hier so ruhig scheinen läßt. (Genauso wie nach zweieinhalb Monaten flotter BMW-Fahrt auf deutschen Autobahnen unser 25-jähriger texanischer Diesel-Daimler auf der Route 1 zunächst den Verdacht auf Motorschaden weckt – doch war er je schneller oder spritziger? Wohl eher nicht…)
Doch auch mit wachsendem zeitlichem Abstand zu Germanien bleibt die Empfindung: Es IST hier ruhiger, man läßt es langsamer angehen, nimmt sich Zeit für ungeplante Zwischenstops und kleine Gespräche. Deutsche Ungeduld beim Schlangestehen, genervte Seufzer und demonstratives Auf-die-Uhr-schauen im Postamt werden von den übrigen Wartenden mit beredten Blicken (“wie unhöflich!”) quittiert. Und man schämt sich noch ein bißchen mehr, wenn kurz darauf der “Lahmarsch” hinter dem Schalter mit freundlichstem Lächeln fragt, ob der Brief an die Großeltern in Deutschland Fotos enthalte, dann werde er gern noch einen “Bitte nicht knicken”-Sticker draufkleben.
Szenenwechsel. Von Princeton nach Ocean Grove, einem Badeort an der Atlantikküste. The Jersey Shore, Sonntagmittag, schönstes Badewetter – aber der Strand ist, von ein paar Rettungsschwimmern abgesehen, menschenleer. Erfreulich zunächst, erstaunlich auch, aber als wir mit Sonnenschirm und Buddelzeug endlich am Dünenrand stehen, kein Scherz: Der Strand ist GESCHLOSSEN. Es sei gute Tradition in Ocean Grove, belehrt uns ein Schild, sich an Sonntagen nicht vor 12.30 Uhr dem Badevergnügen hinzugeben. Und die meinen das ernst: An jedem Zugang sitzt ein grimmiger Senior mit “Beach Staff”-Schild am königsblauen Polohemd und wacht darüber, daß niemand das Sperrseil übersteigt. Nur die Eintrittskarte (ja, zum Strand) darf man schon etwas früher kaufen. Für sieben Dollar pro Person ab 12 Jahren.
Also wieder Schlange stehen, geduldig sein, nicht lachen, aber auch nicht sauer werden nach einer Stunde Fahrt bei über 30 Grad im Schatten, mit der Atlantikbrandung vor der Nase, so verlockend wie unerreichbar. Alle anderen warten auch, klappen ihre Strandstühle (director’s chair in Rot, Blau oder Schwarz, made in China, $8.99 bei Target) erstmal auf dem boardwalk, der hölzernen Promenade, aus. Eingeweihte kommen ab 12.15 Uhr. Eine ganze Urlauberschar steht oder sitzt da nun und wartet auf Einlaß – zum Strand. Grotesk. Selbst wenn man später lernt, daß Ocean Grove einst von Methodisten gegründet wurde und diese frommen Leute immer noch den Ton angeben – “they own the town”, wie es meine Nachbarin Sally formuliert. Da lauscht man am Sonntagvormittag der Predigt und nicht dem Wellenrauschen, diversity hin oder her.
Als dann, pünktlich auf die Minute, die Seile fallen, geht das Rennen um die besten Plätze los: Durchtrainierte Großväter, zwei Liegestühle unter jedem Arm, wühlen sich mit kampferprobten Stroller-Moms um die Wette durch den Sand, um ihre Sonnenschirmständer an der begehrten Flutlinie einzuschlagen. Ein Großelternpaar hat es geschafft, schwer atmend. Den Kindern das Buddelzeug hingeworfen, zwei Klappstühle leicht schräg zueinander mit Meerblick plaziert, plumps. Snacks auspacken. “Gatorate”-Flaschen. Aber kein Bier. Alkohol ist am Strand noch strenger verboten als Kinder- und Hundekacke. Erlaubt sind Rennboote mit brüllenden Motoren.
Wasser und Wellen: schwer zu toppen.Aber kein Café in Sicht. Kein Baum.
Ach, die Ostsee…
Princeton, 12. September 2007 (Princeton Post VIII)
Count Your Assets
Nach einer längeren Pause und mit einem Rückblick auf die bislang geschriebenen sechs Rundbriefe muß ich zugeben, bislang vorrangig und ausgiebig genörgelt zu haben. Das soll diesmal anders sein – auch wenn es selbstverständlich immer noch unglaublich viel Fragwürdiges und Kurioses zu beobachten gibt. Supermarkt-Kassiererinnen zum Beispiel, die Sellerieknollen, Rhabarberstangen oder auch Erdnüsse hochhalten und verblüfft fragen: “What´s THAT?”, weil ihnen etwa Erdnüsse bisher allenfalls in Form von peanut butter untergekommen sind. Oder der Einkommens-Größenwahn einzelner Berufszweige (Manager von Hedge Fonds oder Investmentbanker etwa), der selbst in “The Land of Plenty” noch Erstaunen auslöst. Doch davon ein andermal mehr.
Kurz vor der ersten Heimreise nach Deutschland– und nach den ersten neun Monaten im neuen Land – will auch einmal die Haben-Seite betrachtet sein. Sonst wollte man ja womöglich im Herbst gar nicht wieder zurück… SO schwer ist das übrigens gar nicht. Denn auch jenseits seiner berühmten Universität hat Princeton, das Albert Einstein als einer seiner prominentesten Einwohner einmal als „ein wundervolles Stückchen Erde und dabei ein ungemein drolliges zeremonielles Krähwinkel winziger stelzbeiniger Halbgötter” bezeichnete, durchaus Vorzüge.
Einer davon ist die “Princeton Public Library”. Die Stadtbibliothek also, und daß sie etwas Besonderes ist, merkt man an einem warmen Frühlingstag: Trotz strahlenden Sonnenscheins draußen ist die Bibliothek voll. Auch in der Kinder- und Jugendbibliothek, die ein ganzes - und das schönste - Stockwerk im ganzen Gebäude einnimmt, wimmeln Menschen von schätzungsweise sechs Monaten bis 60 Jahren durcheinander, lesen leise, lesen vor, hören zu, starren auf Computerbildschirme oder bewundern mit ans Glas gepreßten Händchen und Nasen die Fische im großen Aquarium direkt vor dem Aufzug.
Architektur und Einrichtung dieses Gebäudes schaffen eine gelassene, ruhige Atmosphäre, selbst wenn Kinder durcheinanderlaufen. Der unaufgeregte Backsteinbau mit großen Glasflächen ist erst wenige Jahre alt und mit Hilfe einer Fülle von Privatspenden gebaut worden. Es steht im Stadtzentrum an einem Platz mit vielen noch kleinen Bäumen und (Lese)Stühlen. Und wann immer wir auch nur in die Nähe dieses Ortes kommen, fragt selbst der zweijährige R. sofort hocherfreut: “Fahn wir in Biboteek?”
Aber das Gebäude und seine zentrale Lage erklären nur einen Teil der Sogwirkung, die diese Bibliothek auch und gerade auf die jungen Princetonier hat. Sue, deren Kinder heute über zwanzig sind, ging mit ihren damals noch Kleinen mindestens einmal pro Woche in den alten, unattraktiven Vorgängerbau der Bibliothek. Der war ebenso gut besucht wie die neue library. So viele Teenager trafen sich dort, daß sich ältere Nutzer regelmäßig über den Lärmpegel beklagt hätten, berichtet Sue: “Welche Bibliothek hat schon SOLCHE Probleme?!”
Ein Teil ihres Erfolgs ist sicher die extrem leichte Zugänglichkeit. Parken im angegliederten Parkhaus ist für Mitglieder 30 Minuten lang kostenlos. Einwohner Princetons bezahlen keine Mitglieds- oder Ausleihgebühren, und vom ersten “Hi, I´d like to enroll my son and myself at this library” bis zur Aushändigung zweier elektronisch lesbarer Nutzerkarten braucht der Bibliothekar am Tresen maximal sechs Minuten. Website und Kataloge sind nutzerfreundlich und informativ. Schon für die Kleinsten gibt es “story times”, wo vorgelesen und gesungen wird, ältere Kinder kommen abends im Pyjama, um “bedtime stories” zu hören. Erwachsenen werden neben Lesungen und Autoren-Workshops auch fachkundige Hilfe bei Datenbankrecherchen oder Seminare zum Thema Firmengründung angeboten. In jedem Stockwerk stehen dutzende Computer bereit; Internet-Surfen ist gratis, wenn auch auf eine Stunde pro Tag begrenzt. Und geöffnet ist die Bibliothek selbstredend jeden Tag, wochentags bis neun Uhr abends, am Wochenende bis sechs Uhr.
Auch als Integrationsfaktor für neu Zugezogene aus aller Welt, von denen es hier stets eine Menge gibt, ist die Library nicht zu unterschätzen. Bestimmt vier Regalmeter mit - ausgesprochen kundig ausgesuchten - deutschen Kinderbüchern sind im dritten Stock zu finden, und Deutsch ist wahrhaftig nicht die einzige Fremdsprache, die hier vertreten ist. Man trifft also Landsleute ebenso wie ein internationals Publikum, und zugleich mischen sich die Kinder ganz selbstverständlich unter das Volk, ziehen auch mal ein spannend aussehendes englisches Buch aus dem Regal oder eine “fremdsprachige” Film-DVD.
Die Bürger dieser Stadt WOLLEN ihre Bibliothek, und nach meinem Eindruck wollen sie ihn als Bildungseinrichtung ebenso wie als sozialen Ort. Allein der Förderverein, die “Friends of the Library”, zählt mehr als 1000 Mitglieder, die ihre Bibliothek regelmäßig finanziell unterstützen. Der Verein bestreitet die Hälfte des gesamten Bücheretats, von den neuen Hörbüchern und Filmen zahlt er sogar fast zwei Drittel. Nun ist Princeton ausgesprochen wohlhabend, und die bürgerlichen Schichten, die hier dominieren, sind gewiß besonders an jener Institution interessiert, die das Lesen als zentrales Kulturgut fördert und repräsentiert.
Aber stärker als etwa im – ebenfalls zunehmend bürgerlichen - Berliner Prenzlauer Berg, wo sich die Stadtteil-Bibliothek in einem liebevoll restaurierten Altbau um ihr Publikum bemüht, spürt man hier auch ein unmittelbares Interesse, ein direktes Engagement der Nutzer für “ihre” Einrichtung. Man verläßt sich, nicht nur im speziellen Fall der Bibliothek, in diesem Land eben nicht vorrangig darauf, daß der Staat für “seine” Institutionen zuständig ist. Dafür muß man nicht mit Folgen leben wie der, daß die Bibliothek im Prenzlauer Berg nur vier Tage pro Woche für einige Stunden geöffnet ist – und schon der Bücherbestand die Knappheit der Mittel reflektiert.
Die zweite Institution, die unser Leben hier in den ersten Monaten stark positiv geprägt hat, nennt sich schlicht: playgroups. Das sind privat organisierte Mutter- und Kindgruppen meist innerhalb einer “neighborhood”, wo man sich einmal pro Woche mit kleineren Kindern trifft; jeder ist turnusmäßig Gastgeber, der dann auch für einen Imbiß sorgt. Playgroups sind in Princeton unverzichbar für alle, die sich die meist völlig überteuerte Betreuung ihrer Ein- bis Vierjährigen in privaten Kindertagesstätten nicht leisten können oder wollen (städtische Kindergärten gibt es hier nur als Teil der “public schools”; sie entsprechen eher den deutschen Vorschulklassen und stehen in der Regel erst Fünfjährigen offen).
Nun sind solche playgroups auch in Deutschland keine Seltenheit und daher an sich nicht bemerkenswert. Sehr bemerkenswert aber ist, mit welchem Engagement auch diese Einrichtung hier von ihren Mitgliedern getragen wird. Bekommt beispielsweise eine playgroup-Mutter aus der Nachbarschaft ein Baby, werden nicht einfach Blumen oder Strampelanzüge geschenkt. Vielmehr bringt ihr jedes Gruppen-Mitglied nach genauer Absprache an je einem Abend ein selbstgekochtes Menü vorbei – will heißen, die Wöchnerin und ihre Familie müssen sich zwei Wochen lang nicht um das Dinner kümmern.
Daß auch die Mutter-Kind-Gruppen an diesem Ort international geprägt sind – allein in einer “meiner” beiden playgroups sind neben fünf Amerikanerinnen zwei Deutsche, eine Italienerin, eine Französin, eine Belgierin, eine Polin, eine Schweizerin, eine Koreanerin und eine Kolumbianerin vertreten – bringt den zusätzlichen Vorteil mit sich, daß sich die Gespräche selten oder nie um Windeln und “Mein-Kind-kann-aber-schon”-Wettkämpfe drehen. Denn natürlich ist es viel interessanter, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Erziehungs- und anderen Fragen zu diskutieren. Überdies verlassen die meisten Mütter hier die Arbeitswelt nur für kurze Zeit, so daß immer auch ein Interesse für Themen jenseits des Kinderzimmer-Küche-Kosmos besteht. Auf diese Weise bekommt man sehr schnell eine Infrastruktur, die nicht nur Notfall-Babsitterdienste, gemeinsame Ausgehabende und Informationen über die besten Kinderärzte bietet, sondern bis hin zu beruflichen Netzwerk-Kontakten reicht.
Bevor nun aber jemand denkt, hier sei das Paradies auf Erden mit nichts als praktizierter Nächstenliebe: Auch in unserer Nachbarschaft gibt es Leute, die die Polizei holen, wenn jemand in der Neujahrsnacht drei Sylversterraketen zündet (Feuerwerk ist in New Jersey natürlich verboten). Und in den Villenvierteln werden Handwerker bisweilen zur nächsten Tankstelle geschickt, wenn sie mal müssen. In solchen Fällen fiele zwar die Rechnung astronomisch hoch aus, wie Dave versichert, Chef von “Dave´s Minor Changes”, der kürzlich unser undichtes Anbau-Flachdach neu gedeckt hat. Nur machen ein paar tausend Dollar mehr oder weniger den hiesigen Luxusklo-Besitzern leider so GAR NICHTS aus…
Princeton, 28. Mai 2007 (Princeton Post VII)
Kurz vor der ersten Heimreise nach Deutschland– und nach den ersten neun Monaten im neuen Land – will auch einmal die Haben-Seite betrachtet sein. Sonst wollte man ja womöglich im Herbst gar nicht wieder zurück… SO schwer ist das übrigens gar nicht. Denn auch jenseits seiner berühmten Universität hat Princeton, das Albert Einstein als einer seiner prominentesten Einwohner einmal als „ein wundervolles Stückchen Erde und dabei ein ungemein drolliges zeremonielles Krähwinkel winziger stelzbeiniger Halbgötter” bezeichnete, durchaus Vorzüge.
Einer davon ist die “Princeton Public Library”. Die Stadtbibliothek also, und daß sie etwas Besonderes ist, merkt man an einem warmen Frühlingstag: Trotz strahlenden Sonnenscheins draußen ist die Bibliothek voll. Auch in der Kinder- und Jugendbibliothek, die ein ganzes - und das schönste - Stockwerk im ganzen Gebäude einnimmt, wimmeln Menschen von schätzungsweise sechs Monaten bis 60 Jahren durcheinander, lesen leise, lesen vor, hören zu, starren auf Computerbildschirme oder bewundern mit ans Glas gepreßten Händchen und Nasen die Fische im großen Aquarium direkt vor dem Aufzug.
Architektur und Einrichtung dieses Gebäudes schaffen eine gelassene, ruhige Atmosphäre, selbst wenn Kinder durcheinanderlaufen. Der unaufgeregte Backsteinbau mit großen Glasflächen ist erst wenige Jahre alt und mit Hilfe einer Fülle von Privatspenden gebaut worden. Es steht im Stadtzentrum an einem Platz mit vielen noch kleinen Bäumen und (Lese)Stühlen. Und wann immer wir auch nur in die Nähe dieses Ortes kommen, fragt selbst der zweijährige R. sofort hocherfreut: “Fahn wir in Biboteek?”
Aber das Gebäude und seine zentrale Lage erklären nur einen Teil der Sogwirkung, die diese Bibliothek auch und gerade auf die jungen Princetonier hat. Sue, deren Kinder heute über zwanzig sind, ging mit ihren damals noch Kleinen mindestens einmal pro Woche in den alten, unattraktiven Vorgängerbau der Bibliothek. Der war ebenso gut besucht wie die neue library. So viele Teenager trafen sich dort, daß sich ältere Nutzer regelmäßig über den Lärmpegel beklagt hätten, berichtet Sue: “Welche Bibliothek hat schon SOLCHE Probleme?!”
Ein Teil ihres Erfolgs ist sicher die extrem leichte Zugänglichkeit. Parken im angegliederten Parkhaus ist für Mitglieder 30 Minuten lang kostenlos. Einwohner Princetons bezahlen keine Mitglieds- oder Ausleihgebühren, und vom ersten “Hi, I´d like to enroll my son and myself at this library” bis zur Aushändigung zweier elektronisch lesbarer Nutzerkarten braucht der Bibliothekar am Tresen maximal sechs Minuten. Website und Kataloge sind nutzerfreundlich und informativ. Schon für die Kleinsten gibt es “story times”, wo vorgelesen und gesungen wird, ältere Kinder kommen abends im Pyjama, um “bedtime stories” zu hören. Erwachsenen werden neben Lesungen und Autoren-Workshops auch fachkundige Hilfe bei Datenbankrecherchen oder Seminare zum Thema Firmengründung angeboten. In jedem Stockwerk stehen dutzende Computer bereit; Internet-Surfen ist gratis, wenn auch auf eine Stunde pro Tag begrenzt. Und geöffnet ist die Bibliothek selbstredend jeden Tag, wochentags bis neun Uhr abends, am Wochenende bis sechs Uhr.
Auch als Integrationsfaktor für neu Zugezogene aus aller Welt, von denen es hier stets eine Menge gibt, ist die Library nicht zu unterschätzen. Bestimmt vier Regalmeter mit - ausgesprochen kundig ausgesuchten - deutschen Kinderbüchern sind im dritten Stock zu finden, und Deutsch ist wahrhaftig nicht die einzige Fremdsprache, die hier vertreten ist. Man trifft also Landsleute ebenso wie ein internationals Publikum, und zugleich mischen sich die Kinder ganz selbstverständlich unter das Volk, ziehen auch mal ein spannend aussehendes englisches Buch aus dem Regal oder eine “fremdsprachige” Film-DVD.
Die Bürger dieser Stadt WOLLEN ihre Bibliothek, und nach meinem Eindruck wollen sie ihn als Bildungseinrichtung ebenso wie als sozialen Ort. Allein der Förderverein, die “Friends of the Library”, zählt mehr als 1000 Mitglieder, die ihre Bibliothek regelmäßig finanziell unterstützen. Der Verein bestreitet die Hälfte des gesamten Bücheretats, von den neuen Hörbüchern und Filmen zahlt er sogar fast zwei Drittel. Nun ist Princeton ausgesprochen wohlhabend, und die bürgerlichen Schichten, die hier dominieren, sind gewiß besonders an jener Institution interessiert, die das Lesen als zentrales Kulturgut fördert und repräsentiert.
Aber stärker als etwa im – ebenfalls zunehmend bürgerlichen - Berliner Prenzlauer Berg, wo sich die Stadtteil-Bibliothek in einem liebevoll restaurierten Altbau um ihr Publikum bemüht, spürt man hier auch ein unmittelbares Interesse, ein direktes Engagement der Nutzer für “ihre” Einrichtung. Man verläßt sich, nicht nur im speziellen Fall der Bibliothek, in diesem Land eben nicht vorrangig darauf, daß der Staat für “seine” Institutionen zuständig ist. Dafür muß man nicht mit Folgen leben wie der, daß die Bibliothek im Prenzlauer Berg nur vier Tage pro Woche für einige Stunden geöffnet ist – und schon der Bücherbestand die Knappheit der Mittel reflektiert.
Die zweite Institution, die unser Leben hier in den ersten Monaten stark positiv geprägt hat, nennt sich schlicht: playgroups. Das sind privat organisierte Mutter- und Kindgruppen meist innerhalb einer “neighborhood”, wo man sich einmal pro Woche mit kleineren Kindern trifft; jeder ist turnusmäßig Gastgeber, der dann auch für einen Imbiß sorgt. Playgroups sind in Princeton unverzichbar für alle, die sich die meist völlig überteuerte Betreuung ihrer Ein- bis Vierjährigen in privaten Kindertagesstätten nicht leisten können oder wollen (städtische Kindergärten gibt es hier nur als Teil der “public schools”; sie entsprechen eher den deutschen Vorschulklassen und stehen in der Regel erst Fünfjährigen offen).
Nun sind solche playgroups auch in Deutschland keine Seltenheit und daher an sich nicht bemerkenswert. Sehr bemerkenswert aber ist, mit welchem Engagement auch diese Einrichtung hier von ihren Mitgliedern getragen wird. Bekommt beispielsweise eine playgroup-Mutter aus der Nachbarschaft ein Baby, werden nicht einfach Blumen oder Strampelanzüge geschenkt. Vielmehr bringt ihr jedes Gruppen-Mitglied nach genauer Absprache an je einem Abend ein selbstgekochtes Menü vorbei – will heißen, die Wöchnerin und ihre Familie müssen sich zwei Wochen lang nicht um das Dinner kümmern.
Daß auch die Mutter-Kind-Gruppen an diesem Ort international geprägt sind – allein in einer “meiner” beiden playgroups sind neben fünf Amerikanerinnen zwei Deutsche, eine Italienerin, eine Französin, eine Belgierin, eine Polin, eine Schweizerin, eine Koreanerin und eine Kolumbianerin vertreten – bringt den zusätzlichen Vorteil mit sich, daß sich die Gespräche selten oder nie um Windeln und “Mein-Kind-kann-aber-schon”-Wettkämpfe drehen. Denn natürlich ist es viel interessanter, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Erziehungs- und anderen Fragen zu diskutieren. Überdies verlassen die meisten Mütter hier die Arbeitswelt nur für kurze Zeit, so daß immer auch ein Interesse für Themen jenseits des Kinderzimmer-Küche-Kosmos besteht. Auf diese Weise bekommt man sehr schnell eine Infrastruktur, die nicht nur Notfall-Babsitterdienste, gemeinsame Ausgehabende und Informationen über die besten Kinderärzte bietet, sondern bis hin zu beruflichen Netzwerk-Kontakten reicht.
Bevor nun aber jemand denkt, hier sei das Paradies auf Erden mit nichts als praktizierter Nächstenliebe: Auch in unserer Nachbarschaft gibt es Leute, die die Polizei holen, wenn jemand in der Neujahrsnacht drei Sylversterraketen zündet (Feuerwerk ist in New Jersey natürlich verboten). Und in den Villenvierteln werden Handwerker bisweilen zur nächsten Tankstelle geschickt, wenn sie mal müssen. In solchen Fällen fiele zwar die Rechnung astronomisch hoch aus, wie Dave versichert, Chef von “Dave´s Minor Changes”, der kürzlich unser undichtes Anbau-Flachdach neu gedeckt hat. Nur machen ein paar tausend Dollar mehr oder weniger den hiesigen Luxusklo-Besitzern leider so GAR NICHTS aus…
Princeton, 28. Mai 2007 (Princeton Post VII)
Körpersprache
Nach langer Eiseskälte macht der Frühling im nördlichen New Jersey seine ersten Gehversuche. Sonnenwärme, laues Lüftchen und Temperaturen an die 20 Grad (Celsius) im Schatten sind untrügliche Anzeichen – aber auch die Bekleidung der studentischen Bevölkerung Princetons. Nackte Beine unter Shorts und Miniröcken sind hier schon bei Temperaturen wenig über dem Gefrierpunkt zu sehen, wenn sich ortsansässige Mitteleuropäer noch in Wintermäntel hüllen. Steigt das Quecksilber gar in den zweistelligen Plusbereich, kommen unweigerlich auch der weibliche Bauchnabel sowie Hüften und Poansätze beider Geschlechter wieder zum Vorschein.
So weit vertraut aus dem heimischen Berlin. Verblüfft waren und sind wir aber doch von dem Ausmaß, in dem die jüngere Weiblichkeit hier Dekollete zeigt. Der Trend beim Oberteil heißt eindeutig: Sehr eng, sehr kurz, und außerdem noch SEHR großzügiger Ausschnitt. Das gilt nicht etwa nur für das Ausgehen am Abend oder den nachmittäglichen Gang ins Café, sondern bereits für die morgendliche Sitzung im Seminar. Sogar bei einer Familienfeier zum traditionellen Thanksgiving-Festessen boten sowohl die Nichte (Teenager) als auch die Tochter des Hauses (Twen) bereits zur Mittagszeit gleichermaßen atemberaubende Anblicke. Äußerst geschmackvoll in beiden Fällen, ohne jeden Zweifel – aber aus deutscher Sicht eben, sagen wir: auffällig.
Frau zeigt hier oft so viel, daß “man” – beiderlei Geschlechts – schon äußerste Disziplin üben muß, um nicht hinzustarren. Und schon wird es problematisch. Hingucken ist nämlich streng verboten. Die Drohung des sexual-harassment-Vorwurfs hängt über jedem, der anzügliche Blicke riskiert; von verbalen Äußerungen ganz zu schweigen.
Wer nicht hundsmäßig aufpaßt, kann in bizarre Situationen geraten. So zum Beispiel C., Graduate Student aus Deutschland – gestandene Anfang Dreißig, recht gelassen und vor allem erfahren im professionellen Umgang mit Studenten als Begleiter von Gruppenreisen und Tour Guide. Während einer U-Bahn-Fahrt mit amerikanischen Studentinnen im letzten Sommer, so sein Bericht, habe neben ihm eine junge Dame mit tiefrot verbrannten Schultern, Rücken und Dekollete gestanden, alles freigelegt durch eines der üblichen, knappen Tops. Sie habe einen Sonnenbrand, bemerkte sie nach einer Weile spitz, und C. erwiderte, oh ja, das sehe er. “So that´s why you are staring at my boobs all the time”, blaffte sie zurück.
Knallrot sei er geworden, berichtet C., und wahrscheinlich habe er tatsächlich auf ihren Busen gestarrt, ohne sich das recht bewußt zu machen. Was aber wäre wohl die von der jungen Dame ERWÜNSCHTE Reaktion gewesen, rätselten wir eine Weile herum – und kamen zu keinem rechten Ergebnis. Gar nicht beachten, so weit waren wir immerhin sicher, wäre jedenfalls auch nicht gut angekommen.
Relativ häufig erscheint der Umgang mit Körperlichkeit hier recht eigentümlich, oszillierend zwischen den Extremen von Verklemmtheit auf der einen – und nahezu brutaler Offenheit auf der anderen Seite. Deutsche Eltern berichten von Nachbarn, die die Polizei holten, weil fünf- bis siebenjährige Kinder im stickig heißen Hochsommer nackt im Garten herumliefen. In der Schule wird es gern gesehen, wenn die Schüler an Tagen mit Sportstunden gleich morgens in Sportkleidung zum Unterricht erscheinen - damit sie sich bloß nicht vor den anderen aus- und umziehen müssen.
Gleichzeitig scheint kaum jemand Anstoß daran zu nehmen, daß chirurgische Brustvergrößerungen und andere kosmetische Eingriffe selbst unter US-Teenagern inzwischen fast ebenso selbstverständlich sind wie früher Beinenthaarung oder Dauerwellen. “Look Great by Valentine´s Day!”, lockte eine Werbung, die uns vor wenigen Wochen ins Haus flatterte: “Botox Special only $199”.
Auch zur Weihnachtszeit erfreuen sich Geschenkgutscheine für Plastische Chirurgie offenbar wachsender Beliebtheit, wenn man nach der Menge der Werbeprospekte urteilt, die zu diesem Thema vor dem Fest an die Haushalte verteilt wurden. “Buy One Anti-Wrinkle-Treatment, Get One Free”, wurde da etwa die Gesichtshaut-Straffung angepriesen wie sonst Hähnchenschenkel-Familienpackungen bei Shop Rite. Selbst der Silikonbusen ist mittlerweile zum Schnäppchenpreis zu haben.
Verhält sich also die Schamschwelle umgekehrt proportional zum Anstieg der Gewinnchancen? Bei den kommerziellen Anbietern solch körperlicher Aufrüstung ist das sicher so - aber auch bei ihren Kundinnen?
Denkbar wäre das, wenn statt des schnöden Mammon in diesem Fall “der Mann des Lebens” als angestrebter Gewinn gedacht wird. Denn eine Beobachtung teilen alle mir bekannten Studenten aus Europa: Auf dem Beziehungsmarkt Campus sind es in der Regel die Frauen, die um die Männer werben (müssen) - und nicht umgekehrt. Daß sie dies mit aggressivem Körpereinsatz tun, wird bei jeder Studentenparty der jüngeren Jahrgänge – der sogenannten Undergraduates - deutlich. Die “boys” sind supercool, die “girls” machen Schaulaufen - bis hin zur Schlammschlacht als erweiterte Form des Wet-T-Shirt-Wettbewerbs. Nachzulesen übrigens auch bei Tom Wolfe in seinem Roman “I Am Charlotte Simmons” aus einem nur halb fiktiven Ivy-League-Milieu. (Als Vorbild diente unter anderem Princeton: “…the fictional college Wolfe cooks up from two parts Princeton and one part Duke”, hieß es in einer Buchbesprechung).
Ob nun bei all dem die Erotik stimuliert wird oder vielmehr auf der Strecke bleibt, können wohl nur die amerikanischen Boys und Girls selbst beantworten. Für irritierte Mitteleuropäer gilt: In der kommenden Woche sind vom Wetterbericht nochmals Temperaturen unter dem Gefrierpunkt angesagt. Eine Gnadenfrist also noch, um in Erwartung des unweigerlich bevorstehenden, massenhaften Brüste-Wippens auf Nassau Street Contenance - ein würdevolles Nicht-Hingucken - tatsächlich: zu üben.
Princeton, 3. März 2007 (Princeton Post VII)
So weit vertraut aus dem heimischen Berlin. Verblüfft waren und sind wir aber doch von dem Ausmaß, in dem die jüngere Weiblichkeit hier Dekollete zeigt. Der Trend beim Oberteil heißt eindeutig: Sehr eng, sehr kurz, und außerdem noch SEHR großzügiger Ausschnitt. Das gilt nicht etwa nur für das Ausgehen am Abend oder den nachmittäglichen Gang ins Café, sondern bereits für die morgendliche Sitzung im Seminar. Sogar bei einer Familienfeier zum traditionellen Thanksgiving-Festessen boten sowohl die Nichte (Teenager) als auch die Tochter des Hauses (Twen) bereits zur Mittagszeit gleichermaßen atemberaubende Anblicke. Äußerst geschmackvoll in beiden Fällen, ohne jeden Zweifel – aber aus deutscher Sicht eben, sagen wir: auffällig.
Frau zeigt hier oft so viel, daß “man” – beiderlei Geschlechts – schon äußerste Disziplin üben muß, um nicht hinzustarren. Und schon wird es problematisch. Hingucken ist nämlich streng verboten. Die Drohung des sexual-harassment-Vorwurfs hängt über jedem, der anzügliche Blicke riskiert; von verbalen Äußerungen ganz zu schweigen.
Wer nicht hundsmäßig aufpaßt, kann in bizarre Situationen geraten. So zum Beispiel C., Graduate Student aus Deutschland – gestandene Anfang Dreißig, recht gelassen und vor allem erfahren im professionellen Umgang mit Studenten als Begleiter von Gruppenreisen und Tour Guide. Während einer U-Bahn-Fahrt mit amerikanischen Studentinnen im letzten Sommer, so sein Bericht, habe neben ihm eine junge Dame mit tiefrot verbrannten Schultern, Rücken und Dekollete gestanden, alles freigelegt durch eines der üblichen, knappen Tops. Sie habe einen Sonnenbrand, bemerkte sie nach einer Weile spitz, und C. erwiderte, oh ja, das sehe er. “So that´s why you are staring at my boobs all the time”, blaffte sie zurück.
Knallrot sei er geworden, berichtet C., und wahrscheinlich habe er tatsächlich auf ihren Busen gestarrt, ohne sich das recht bewußt zu machen. Was aber wäre wohl die von der jungen Dame ERWÜNSCHTE Reaktion gewesen, rätselten wir eine Weile herum – und kamen zu keinem rechten Ergebnis. Gar nicht beachten, so weit waren wir immerhin sicher, wäre jedenfalls auch nicht gut angekommen.
Relativ häufig erscheint der Umgang mit Körperlichkeit hier recht eigentümlich, oszillierend zwischen den Extremen von Verklemmtheit auf der einen – und nahezu brutaler Offenheit auf der anderen Seite. Deutsche Eltern berichten von Nachbarn, die die Polizei holten, weil fünf- bis siebenjährige Kinder im stickig heißen Hochsommer nackt im Garten herumliefen. In der Schule wird es gern gesehen, wenn die Schüler an Tagen mit Sportstunden gleich morgens in Sportkleidung zum Unterricht erscheinen - damit sie sich bloß nicht vor den anderen aus- und umziehen müssen.
Gleichzeitig scheint kaum jemand Anstoß daran zu nehmen, daß chirurgische Brustvergrößerungen und andere kosmetische Eingriffe selbst unter US-Teenagern inzwischen fast ebenso selbstverständlich sind wie früher Beinenthaarung oder Dauerwellen. “Look Great by Valentine´s Day!”, lockte eine Werbung, die uns vor wenigen Wochen ins Haus flatterte: “Botox Special only $199”.
Auch zur Weihnachtszeit erfreuen sich Geschenkgutscheine für Plastische Chirurgie offenbar wachsender Beliebtheit, wenn man nach der Menge der Werbeprospekte urteilt, die zu diesem Thema vor dem Fest an die Haushalte verteilt wurden. “Buy One Anti-Wrinkle-Treatment, Get One Free”, wurde da etwa die Gesichtshaut-Straffung angepriesen wie sonst Hähnchenschenkel-Familienpackungen bei Shop Rite. Selbst der Silikonbusen ist mittlerweile zum Schnäppchenpreis zu haben.
Verhält sich also die Schamschwelle umgekehrt proportional zum Anstieg der Gewinnchancen? Bei den kommerziellen Anbietern solch körperlicher Aufrüstung ist das sicher so - aber auch bei ihren Kundinnen?
Denkbar wäre das, wenn statt des schnöden Mammon in diesem Fall “der Mann des Lebens” als angestrebter Gewinn gedacht wird. Denn eine Beobachtung teilen alle mir bekannten Studenten aus Europa: Auf dem Beziehungsmarkt Campus sind es in der Regel die Frauen, die um die Männer werben (müssen) - und nicht umgekehrt. Daß sie dies mit aggressivem Körpereinsatz tun, wird bei jeder Studentenparty der jüngeren Jahrgänge – der sogenannten Undergraduates - deutlich. Die “boys” sind supercool, die “girls” machen Schaulaufen - bis hin zur Schlammschlacht als erweiterte Form des Wet-T-Shirt-Wettbewerbs. Nachzulesen übrigens auch bei Tom Wolfe in seinem Roman “I Am Charlotte Simmons” aus einem nur halb fiktiven Ivy-League-Milieu. (Als Vorbild diente unter anderem Princeton: “…the fictional college Wolfe cooks up from two parts Princeton and one part Duke”, hieß es in einer Buchbesprechung).
Ob nun bei all dem die Erotik stimuliert wird oder vielmehr auf der Strecke bleibt, können wohl nur die amerikanischen Boys und Girls selbst beantworten. Für irritierte Mitteleuropäer gilt: In der kommenden Woche sind vom Wetterbericht nochmals Temperaturen unter dem Gefrierpunkt angesagt. Eine Gnadenfrist also noch, um in Erwartung des unweigerlich bevorstehenden, massenhaften Brüste-Wippens auf Nassau Street Contenance - ein würdevolles Nicht-Hingucken - tatsächlich: zu üben.
Princeton, 3. März 2007 (Princeton Post VII)
Krieg und Frieden
Mein älterer Sohn N. ist ein ganz normaler Siebenjähriger. Er weiß mächtig viel über Dinosaurier, liebt Flug- und Fahrzeuge aller Art – je mehr PS, desto besser. Er macht bei fast allem, was er tut, einen Heidenlärm, und kann an einem einzigen Tag zwei Paar Handschuhe verlieren. Außerdem begeistert er sich außerordentlich für Kämpfe – sei es beim Football-Match im Stadion, sei es bei spielerischen Schlachten auf dem Schulhof. Letzteres allerdings ist hierzulande nicht ganz unproblematisch.
Vor einigen Wochen bekam ich einen Anruf von N.s Lehrerin. Mrs. W. teilte mir in besorgtem Ton mit, daß mein Sohn in einen “knife fight” verwickelt gewesen sei. Alle Alarmglocken in meinem Kopf begannen zu schrillen. Messerkampf!? Mein Kleiner? In der ERSTEN KLASSE? Einen Moment lang sah ich vor meinem inneren Auge in einer abgelegenen Ecke des Schulhofs angriffslustige Bösewichter einander mit nach oben gerichteten Klingen in der Hand lauernd umschleichen, umringt und angefeuert von sensationslüsternen Mitschülern…
Glücklicherweise traf nichts davon zu. Aus den Erläuterungen der Lehrerin und N.s eigener Darstellung konnte ich mir ungefähr zusammenreimen , was geschehen war: Er und sein Freund Ashwin hatten nach dem Mittagessen Piraten gespielt. Als “Degen” dienten ihnen die stumpfen Messer des Schulbestecks – und über den Resten von Chicken Nuggets mit Potato Tops hatten die beiden Helden ihre Klingen gekreuzt.
Daß ich in diesem Fall nicht unbedingt von einem “Messerkampf” sprechen wollte, konnte die grundgute Mrs. W. noch zugestehen. Dennoch empfahl sie mir dringend zuzustimmen, daß N. künftig einmal pro Woche sein Mittagessen beim sogenannten Guidance Counselor, einer Art institutionalisierter Sittenwächterin der Schule, einnehmen solle – gemeinsam mit zwei, drei weiteren Delinquenten. Das solle nicht heißen, daß es “ein Problem” gebe, fügte sie noch hinzu. Dasselbe betonte der Guidance Counselor zwei Tage später in einem Schreiben, das um meine Unterschrift als Zustimmung zur wöchentlichen Sozial-Gruppentherapiesitzung für N. bat.
Ich habe unterschrieben und meinem Sohn klargemacht, daß wir hier wohl mitspielen müssten – obwohl ich mich weiterhin weigere, diesen “Messerkampf” auch ihm gegenüber irgendwie als “gefährliche Sache” ernstzunehmen. Und weiterhin bin ich in Erklärungsnöten, wenn ich darlegen soll, warum es einerseits kein “Problem” geben soll, auf der anderen Seite jedoch eine Sonderbehandlung verordnet wird, die N. unweigerlich als Bestrafung gedeutet hat. Aber Gewalt und Kämpfe gehören nicht in die Schule, wer wollte da widersprechen.
Erstaunt war ich dann allerdings über eine Schulbroschüre zum “Columbus Day”, in der die Entdeckung Amerikas gefeiert wurde. Denn auf der letzten Seite prangte als neuzeitliches Pendant zu den Segelschiffen des Christoph Columbus, sozusagen als Sinnbild der modernen Seefahrt, keineswegs ein friedliches Forschungsschiff, sondern ein mächtiger US-Flugzeugträger. Und jede Woche schleppt N. aus der Schulbibliothek – wir reden hier von einer Grundschule der Klassen K (Kindergarten) bis 6 – riesige Wälzer mit Titeln wie “The History of the US Navy”, “Men of War” oder “American Fighter Jets” nach Hause.
Wenn DAS nicht Kampfeslust und Heldengebaren von Siebenjährigen beflügelt, dann weiß ich es nicht. Förderlich für die weichen Tugenden ist solche Lektüre sicher nicht. Was also ist die Botschaft? Ist schlichtweg gesellschaftliche Schizophrenie im Spiel – oder soll hier womöglich schon auf ganz subtile Art die Abschreckungs-Doktrin einer Imperialmacht vermittelt werden, die noch auf den vor einem Jahrhundet amtierenden Präsidenten Theodore Roosevelt zurückgeht: “Speak softly, never unnecessarily offend – and carry a big stick”?!
Es kann aber noch schlimmer kommen, wie ich inzwischen weiß. So wurde der zwölfjährige Sohn einer Bekannten an seiner Schule wegen sexual harassment, also sexueller Belästigung, angeklagt. Begründung: Er (und zahlreiche andere Mitschüler) hatten gelacht, als einer aus der Klasse eine “obszöne Geste” machte – allem Anschein nach handelte es sich um den sogenannten Stinkefinger. Verurteilt wurden alle “Mitlacher” zur Teilnahme an mehreren Seminaren zum Thema sexual harassment awareness - und zum Basteln von Plakten für eine entsprechende Schulausstellung. Welche Strafe der Urheber des belästigenden Gelächters zu erdulden hatte, ist nicht überliefert, und ich glaube, ich möchte es auch lieber gar nicht wissen…
N. hat sich übrigens nach anfänglichem Sträuben mit seinem Schicksal abgefunden und ißt inzwischen sogar gern sein Mittagessen beim Guidance Counsellor. Denn sein Klassenkamerad und Kumpel Noah geht auch hin. Warum ER dort gelandet war, konnte mir Noah allerdings beim besten Willen nicht mehr sagen. Als die Sitzungen nach wochenlanger Wartezeit endlich anfingen, hatte er den Grund dafür längst vergessen.
Princeton, 24. Januar 2007 (Princeton Post V)
Vor einigen Wochen bekam ich einen Anruf von N.s Lehrerin. Mrs. W. teilte mir in besorgtem Ton mit, daß mein Sohn in einen “knife fight” verwickelt gewesen sei. Alle Alarmglocken in meinem Kopf begannen zu schrillen. Messerkampf!? Mein Kleiner? In der ERSTEN KLASSE? Einen Moment lang sah ich vor meinem inneren Auge in einer abgelegenen Ecke des Schulhofs angriffslustige Bösewichter einander mit nach oben gerichteten Klingen in der Hand lauernd umschleichen, umringt und angefeuert von sensationslüsternen Mitschülern…
Glücklicherweise traf nichts davon zu. Aus den Erläuterungen der Lehrerin und N.s eigener Darstellung konnte ich mir ungefähr zusammenreimen , was geschehen war: Er und sein Freund Ashwin hatten nach dem Mittagessen Piraten gespielt. Als “Degen” dienten ihnen die stumpfen Messer des Schulbestecks – und über den Resten von Chicken Nuggets mit Potato Tops hatten die beiden Helden ihre Klingen gekreuzt.
Daß ich in diesem Fall nicht unbedingt von einem “Messerkampf” sprechen wollte, konnte die grundgute Mrs. W. noch zugestehen. Dennoch empfahl sie mir dringend zuzustimmen, daß N. künftig einmal pro Woche sein Mittagessen beim sogenannten Guidance Counselor, einer Art institutionalisierter Sittenwächterin der Schule, einnehmen solle – gemeinsam mit zwei, drei weiteren Delinquenten. Das solle nicht heißen, daß es “ein Problem” gebe, fügte sie noch hinzu. Dasselbe betonte der Guidance Counselor zwei Tage später in einem Schreiben, das um meine Unterschrift als Zustimmung zur wöchentlichen Sozial-Gruppentherapiesitzung für N. bat.
Ich habe unterschrieben und meinem Sohn klargemacht, daß wir hier wohl mitspielen müssten – obwohl ich mich weiterhin weigere, diesen “Messerkampf” auch ihm gegenüber irgendwie als “gefährliche Sache” ernstzunehmen. Und weiterhin bin ich in Erklärungsnöten, wenn ich darlegen soll, warum es einerseits kein “Problem” geben soll, auf der anderen Seite jedoch eine Sonderbehandlung verordnet wird, die N. unweigerlich als Bestrafung gedeutet hat. Aber Gewalt und Kämpfe gehören nicht in die Schule, wer wollte da widersprechen.
Erstaunt war ich dann allerdings über eine Schulbroschüre zum “Columbus Day”, in der die Entdeckung Amerikas gefeiert wurde. Denn auf der letzten Seite prangte als neuzeitliches Pendant zu den Segelschiffen des Christoph Columbus, sozusagen als Sinnbild der modernen Seefahrt, keineswegs ein friedliches Forschungsschiff, sondern ein mächtiger US-Flugzeugträger. Und jede Woche schleppt N. aus der Schulbibliothek – wir reden hier von einer Grundschule der Klassen K (Kindergarten) bis 6 – riesige Wälzer mit Titeln wie “The History of the US Navy”, “Men of War” oder “American Fighter Jets” nach Hause.
Wenn DAS nicht Kampfeslust und Heldengebaren von Siebenjährigen beflügelt, dann weiß ich es nicht. Förderlich für die weichen Tugenden ist solche Lektüre sicher nicht. Was also ist die Botschaft? Ist schlichtweg gesellschaftliche Schizophrenie im Spiel – oder soll hier womöglich schon auf ganz subtile Art die Abschreckungs-Doktrin einer Imperialmacht vermittelt werden, die noch auf den vor einem Jahrhundet amtierenden Präsidenten Theodore Roosevelt zurückgeht: “Speak softly, never unnecessarily offend – and carry a big stick”?!
Es kann aber noch schlimmer kommen, wie ich inzwischen weiß. So wurde der zwölfjährige Sohn einer Bekannten an seiner Schule wegen sexual harassment, also sexueller Belästigung, angeklagt. Begründung: Er (und zahlreiche andere Mitschüler) hatten gelacht, als einer aus der Klasse eine “obszöne Geste” machte – allem Anschein nach handelte es sich um den sogenannten Stinkefinger. Verurteilt wurden alle “Mitlacher” zur Teilnahme an mehreren Seminaren zum Thema sexual harassment awareness - und zum Basteln von Plakten für eine entsprechende Schulausstellung. Welche Strafe der Urheber des belästigenden Gelächters zu erdulden hatte, ist nicht überliefert, und ich glaube, ich möchte es auch lieber gar nicht wissen…
N. hat sich übrigens nach anfänglichem Sträuben mit seinem Schicksal abgefunden und ißt inzwischen sogar gern sein Mittagessen beim Guidance Counsellor. Denn sein Klassenkamerad und Kumpel Noah geht auch hin. Warum ER dort gelandet war, konnte mir Noah allerdings beim besten Willen nicht mehr sagen. Als die Sitzungen nach wochenlanger Wartezeit endlich anfingen, hatte er den Grund dafür längst vergessen.
Princeton, 24. Januar 2007 (Princeton Post V)
Von der Vielfalt
Unser erstes Weihnachtsfest in Princeton ist vorüber, und nie wieder werde ich – zumindest in diesem Land – irgendjemandem unbeschwert “Merry Christmas” wünschen können. Es sei denn, ich kenne den oder die Betreffende(n) so gut , daß ich sicher bin, mit diesem in Deutschland doch eher üblichen Wunsch keine religiösen, ethnischen oder sonstigen Gefühle zu verletzen. “Frohe Weihnachten”, das habe ich in den vergangenen Wochen gelernt, kann in “God´s Own Country” eine Beleidigung sein – ebenso wie zum Beispiel das Aufstellen eines Christbaums im Studentenwohnheim.
Im Zeichen der neueren US-Ideologie, die ältere Muster wie das der multikulturellen Gesellschaft oder der Affirmative Action abgelöst hat, gilt ein strenges Neutralitätsgebot. “Diversity”, Vielfalt, lautet der Leitbegriff, mit dem wenn schon kein wirkliches Miteinander, so doch wenigstens ein friedliches Nebeneinander der vielen in den USA vertretenen Ethnien, Religionen und Kulturen möglich bleiben soll. Und DRINGENDST zu vermeiden gilt dabei der Eindruck eines Vorrangs der weißen, christlichen Tradition vor irgendeiner anderen.
Die korrekte neue Gruß/Wunschformel zum Jahresende lautet entsprechend “Happy Holidays” - fröhliche Feiertage. Auf Werbebannern und Weihnachtskarten – von wegen, Feiertagskarten! - ist sie inzwischen häufiger zu finden als “Merry Christmas”. (Die Weihnachtsmänner, die sich nach wie vor in Scharen in den amerikanischen Städten tummeln, scheinen dagegen wenig umstritten. Wahrscheinlich gelten sie schon zu lange nur noch als Botschafter des fröhlichen Massenkonsums - Geschenkebringer und Coca-Cola-Truckfahrer eben, die mit dem eigentlichen Anlaß des Weihnachtsfestes keine Verbindung mehr haben.)
Besonders groß wird der Vielfalts-Gedanke an Schule und Universität geschrieben. Die Princeton University, bei vielen noch als konservativ verschrien, müht sich unter dem Banner der Diversity nach Kräften um ein politisch korrektes, fortschrittliches Image und wirbt auf ihrer Internet-Seite mit der Aussage: “The University is committed to building a diverse campus community”. So rief die Präsidentin der Universität, Shirley M. Tilghman (überdies die erste Frau auf dieser Position in der rund 250-jährigen Geschichte Princetons), 2004 eine Diversity Working Group ins Leben, die diesem Leitgedanken bei der Rekrutierung – und weiteren Behandlung - nicht nur von Studenten, sondern auch von Angestellten der altehrwürdigen Institution zum Durchbruch verhelfen soll. Im Fokus sind dabei in erster Linie “people of color”, wie es heißt.
Daß man mit der Mißachtung des Neutralitätsgebots in Teufels Küche kommen kann, wurde mir erstmals in der Schule klar. So bat mich die Lehrerin meines älteren Sohnes Mitte Dezember, dessen Klassenkameraden einmal zu schildern, wie in Deutschland Weihnachten gefeiert werde. “Don´t make it too religious, though”, warnte Mrs. W. mich aber gleich. “You don´t want to offend anyone.”
Blieb also nur die Beschreibung der weniger religiös konnotierten Bräuche wie des Adventskranzes mit Kerzen (Countdown zum Sturm auf die Geschenke?) oder des Baumschmückens erst am 24. Dezember, während die Tannen in den USA bereits Wochen oder wenigstens Tage vorher aufgestellt werden. Weihnachtskrippe, Christkind? Schon vermint – und die nachdrückliche Bemerkung einer Erstklässlerin, “Christmas is the day that Jesus was born”, trieb mir fast den Angstschweiß auf die Stirn. Was sollte der kleine Inder denken, der einen Tisch weiter sitzt und aller Wahrscheinlichkeit nach ein Hindu ist?!
Das Ganze hat natürlich entschieden positive Seiten: So habe ich über meinen Sohn und seine mit nach Hause gebrachten Schulunterlagen in den vergangenen vier Wochen so viel über das jüdische Lichterfest (Chanukka), das Hindu-Fest Diwali, das islamische Eid al-Fitr- oder das afrikanische Kwanzaa-Fest gelernt wie vorher in meinem ganzen Leben nicht. (Von manchen hatte ich, ehrlich gesagt, nie zuvor gehört.) Überdies ruft einem der Druck, auch eigene Feste und Bräuche wieder mehr auf ihre religiösen und kulturellen Bedeutungen hin abzuklopfen, diese überhaupt erst wieder ins Bewußtsein (oder läßt sie zumindest wieder mehr in den Vordergrund rücken…). Auf diese Weise könnte aus der erzwungenen Vermeidungsstrategie sogar – sozusagen durch die Hintertür - eine neue Rückversicherung der eigenen Wurzeln entstehen.
Auf der anderen Seite: Wenn alles gleich wichtig, berechtigt und wertvoll sein soll, wo kippt dann die Toleranz um in – bestenfalls – diffuse Allround-Begeisterung und – schlimmstenfalls – Indifferenz? Und wer soll entscheiden, wo jeweils die Grenzen sind zwischen (erwünschtem) Ausdruck der eigenen Identität ist und (unerwünschter) Beleidigung oder Mißachtung von anderen? Etwa wieder die Juristen?
Um noch einmal in den vor-feiertäglichen Klassenraum zurückzukehren: Als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt immerhin, daß alle zur selben Zeit schulfrei haben und ungestört dem Geschenke-Rausch frönen können. Denn für den Kauf von Präsenten oder Foto-Grußkarten wurde selbst in der Schule schon seit Oktober mit viel Tamtam geworben. Natürlich nur von solchen Unternehmen, die dann einen gewissen Prozentsatz ihres “Holiday”-Umsatzes der Schule spenden. So wird der Konsum gleich zum guten Zweck- auf den sich sicher auch alle einigen können.
Was MEINEN inneren Konflikt mit dem Thema “Weihnachten im Zeichen der Diversity” betrifft: Ich habe meinen Frieden gemacht mit der Vorstellung, als gelernte Historikerin die Religion in der Tat zunächst außen vor zu lassen und die Weihnachtsfrage in erster Linie historisch-neutral anzugehen. Denn wo soll man mit dem Glauben hinkommen, wenn es schon beim Wissen so viel nachzuholen gibt – wie die Frage von N´s Klassenkameradin Olivia zeigt: “Wann habt ihr in Deutschland eigentlich beschlossen, auch Weihnachten zu feiern wie wir Amerikaner?”
Princeton, 26. Dezember 2006 (Princeton Post IV)
Im Zeichen der neueren US-Ideologie, die ältere Muster wie das der multikulturellen Gesellschaft oder der Affirmative Action abgelöst hat, gilt ein strenges Neutralitätsgebot. “Diversity”, Vielfalt, lautet der Leitbegriff, mit dem wenn schon kein wirkliches Miteinander, so doch wenigstens ein friedliches Nebeneinander der vielen in den USA vertretenen Ethnien, Religionen und Kulturen möglich bleiben soll. Und DRINGENDST zu vermeiden gilt dabei der Eindruck eines Vorrangs der weißen, christlichen Tradition vor irgendeiner anderen.
Die korrekte neue Gruß/Wunschformel zum Jahresende lautet entsprechend “Happy Holidays” - fröhliche Feiertage. Auf Werbebannern und Weihnachtskarten – von wegen, Feiertagskarten! - ist sie inzwischen häufiger zu finden als “Merry Christmas”. (Die Weihnachtsmänner, die sich nach wie vor in Scharen in den amerikanischen Städten tummeln, scheinen dagegen wenig umstritten. Wahrscheinlich gelten sie schon zu lange nur noch als Botschafter des fröhlichen Massenkonsums - Geschenkebringer und Coca-Cola-Truckfahrer eben, die mit dem eigentlichen Anlaß des Weihnachtsfestes keine Verbindung mehr haben.)
Besonders groß wird der Vielfalts-Gedanke an Schule und Universität geschrieben. Die Princeton University, bei vielen noch als konservativ verschrien, müht sich unter dem Banner der Diversity nach Kräften um ein politisch korrektes, fortschrittliches Image und wirbt auf ihrer Internet-Seite mit der Aussage: “The University is committed to building a diverse campus community”. So rief die Präsidentin der Universität, Shirley M. Tilghman (überdies die erste Frau auf dieser Position in der rund 250-jährigen Geschichte Princetons), 2004 eine Diversity Working Group ins Leben, die diesem Leitgedanken bei der Rekrutierung – und weiteren Behandlung - nicht nur von Studenten, sondern auch von Angestellten der altehrwürdigen Institution zum Durchbruch verhelfen soll. Im Fokus sind dabei in erster Linie “people of color”, wie es heißt.
Daß man mit der Mißachtung des Neutralitätsgebots in Teufels Küche kommen kann, wurde mir erstmals in der Schule klar. So bat mich die Lehrerin meines älteren Sohnes Mitte Dezember, dessen Klassenkameraden einmal zu schildern, wie in Deutschland Weihnachten gefeiert werde. “Don´t make it too religious, though”, warnte Mrs. W. mich aber gleich. “You don´t want to offend anyone.”
Blieb also nur die Beschreibung der weniger religiös konnotierten Bräuche wie des Adventskranzes mit Kerzen (Countdown zum Sturm auf die Geschenke?) oder des Baumschmückens erst am 24. Dezember, während die Tannen in den USA bereits Wochen oder wenigstens Tage vorher aufgestellt werden. Weihnachtskrippe, Christkind? Schon vermint – und die nachdrückliche Bemerkung einer Erstklässlerin, “Christmas is the day that Jesus was born”, trieb mir fast den Angstschweiß auf die Stirn. Was sollte der kleine Inder denken, der einen Tisch weiter sitzt und aller Wahrscheinlichkeit nach ein Hindu ist?!
Das Ganze hat natürlich entschieden positive Seiten: So habe ich über meinen Sohn und seine mit nach Hause gebrachten Schulunterlagen in den vergangenen vier Wochen so viel über das jüdische Lichterfest (Chanukka), das Hindu-Fest Diwali, das islamische Eid al-Fitr- oder das afrikanische Kwanzaa-Fest gelernt wie vorher in meinem ganzen Leben nicht. (Von manchen hatte ich, ehrlich gesagt, nie zuvor gehört.) Überdies ruft einem der Druck, auch eigene Feste und Bräuche wieder mehr auf ihre religiösen und kulturellen Bedeutungen hin abzuklopfen, diese überhaupt erst wieder ins Bewußtsein (oder läßt sie zumindest wieder mehr in den Vordergrund rücken…). Auf diese Weise könnte aus der erzwungenen Vermeidungsstrategie sogar – sozusagen durch die Hintertür - eine neue Rückversicherung der eigenen Wurzeln entstehen.
Auf der anderen Seite: Wenn alles gleich wichtig, berechtigt und wertvoll sein soll, wo kippt dann die Toleranz um in – bestenfalls – diffuse Allround-Begeisterung und – schlimmstenfalls – Indifferenz? Und wer soll entscheiden, wo jeweils die Grenzen sind zwischen (erwünschtem) Ausdruck der eigenen Identität ist und (unerwünschter) Beleidigung oder Mißachtung von anderen? Etwa wieder die Juristen?
Um noch einmal in den vor-feiertäglichen Klassenraum zurückzukehren: Als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt immerhin, daß alle zur selben Zeit schulfrei haben und ungestört dem Geschenke-Rausch frönen können. Denn für den Kauf von Präsenten oder Foto-Grußkarten wurde selbst in der Schule schon seit Oktober mit viel Tamtam geworben. Natürlich nur von solchen Unternehmen, die dann einen gewissen Prozentsatz ihres “Holiday”-Umsatzes der Schule spenden. So wird der Konsum gleich zum guten Zweck- auf den sich sicher auch alle einigen können.
Was MEINEN inneren Konflikt mit dem Thema “Weihnachten im Zeichen der Diversity” betrifft: Ich habe meinen Frieden gemacht mit der Vorstellung, als gelernte Historikerin die Religion in der Tat zunächst außen vor zu lassen und die Weihnachtsfrage in erster Linie historisch-neutral anzugehen. Denn wo soll man mit dem Glauben hinkommen, wenn es schon beim Wissen so viel nachzuholen gibt – wie die Frage von N´s Klassenkameradin Olivia zeigt: “Wann habt ihr in Deutschland eigentlich beschlossen, auch Weihnachten zu feiern wie wir Amerikaner?”
Princeton, 26. Dezember 2006 (Princeton Post IV)
Rules and Regulations
Seit zwei Wochen lernen wir wieder für den Führerschein. Wir lernen, daß man grundsätzlich anhalten muß, wenn man aus einer privaten Einfahrt hinausfährt. Daß man sich einem Schulbus mit blinkendem Rotlicht nur auf maximal acht Meter und beim Parken einem Feuerhydranten auf maximal drei Meter nähren darf. Seitenweise Verkehrsregeln müssen wir pauken, darunter auch viel behördlich Wissenswertes wie die Frist, innerhalb der ein neuer Bewohner New Jerseys eine “New Jersey driver`s license” erwerben muß, um überhaupt in diesem Staat ein Auto lenken zu dürfen. Die korrekte Antwort lautet: binnen 60 Tagen – oder früher, wenn der eigene Führerschein aus einem anderen Bundesstaat schon während dieser Zeit abläuft.
Daß wir sowohl unbefristet gültige EU- als auch internationale Führerscheine besitzen und beide seit mehr als zehn Jahren unfallfrei fahren, interessiert die hiesige Motor Vehicle Commission (MVC) überhaupt nicht. Also müssen wir – wie alle Zugezogenen – zumindest den theoretischen Teil des Führerscheins neu machen.
Um allerdings überhaupt erst zur Prüfung antreten zu dürfen, sind weitere Papiere erforderlich. So ist zum Beispiel die eigene Identität zu beweisen. Nach einem Punktesystem werden entsprechende Dokumente bewertet – ein Reisepaß etwa zählt vier Punkte, die Kreditkarte einer hiesigen Bank bringt immerhin einen Punkt. Mindestens sechs Punkte müssen zusammenkommen, sonst kann man gleich mit dem Bus fahren. Auch ein Beweis, daß wir tatsächlich in New Jersey wohnen, ist erforderlich – zum Beispiel ein Steuerbescheid der Gemeinde aufs neue Heim.
Nun könnte man argumentieren, daß solcher Aufwand berechtigt sei, weil es in diesem Land keine Personalausweise gibt und der Führerschein deshalb DAS Ausweisdokument schlechthin ist. Das sollte freilich niemand leichtfertig an Nicht-Berechtigte herausgeben. (Und schon gar nicht, nachdem mehrere der 9/11-Attentäter offenbar gültige New-Jersey-Führerscheine hatten, nachdem ihre Aufenthaltserlaubnis längst abgelaufen war…)
Aber auch der aus Texas eingeführte alte Mercedes braucht gleich ein neues Dokument, das ungefähr mit dem deutschen Kfz-Brief zu vergleichen ist. Texas ist schließlich weit, fast so weit wie Europa, und von dort stammende Urkunden gelten nichts. Hier zählt grundsätzlich nur, was den Stempel einer New-Jersey-Behörde trägt. Und selbstredend von allen Neulingen teuer zu bezahlen ist. Auch hier sind natürlich wieder Wohnsitz und Identität des Autobesitzers anhand mehrerer Dokumente nachzuweisen…
Im Wettlauf um den Spitzenplatz für Ausufernde Bürokratie kann New Jersey nicht nur bei Angelegenheiten rund um das Automobil mit Deutschland mithalten. Auch in anderen Bereichen wie Krankenversicherung, Schulverwaltung und Steuerangelegenheiten tobt ein Papierkrieg, der seinesgleichen sucht. Wer neue Fenster in sein Haus einbauen oder die Fassade neu streichen läßt, braucht eine behördliche Genehmigung. Danach nimmt die Behörde eine Neueinschätzung des Immobilienwerts vor und korrigiert diesen natürlich nach oben – mit der Folge, daß der Hausbesitzer fortan höhere Grundsteuern bezahlen muß. “Yes, we´ve got lots of rules and regulations”, sagt P., die Sekretärin des German Departments an der Universität, mit einem Seufzer. “But on the other hand, it´s very safe here.”
Vielleicht ein bißchen zu “sicher” für meinen Geschmack. Als ich vor einigen Wochen mit beiden Kindern im Auto unterwegs war, wollte ich dem Gatten kurz die zu Hause vergessene Brille ins Büro bringen. Weil der kleine R. im Kindersitz schlief und der große N. ohnehin nicht so gern mitkommen wollte, ließ ich die beiden im – selbstredend abgeschlossenen – Auto allein. Der Wagen stand an der Hauptstraße Princetons keine zwanzig Meter vom Eingang zur Universität entfernt, und ein paar Straßenbauarbeiter direkt neben uns sagten zu, sie hätten gerne kurz ein Auge auf die Kinder.
Als ich sechseinhalb Minuten später zurückkam, stand ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht neben unserem Auto. Zwei völlig verängstigte Kinder starrten einen riesigen Polizisten an, der mit zornesgefurchter Stirn an jeder Türe rüttelte. Die Strafpredigt, die ich dann über mich ergehen lassen mußte, spottet jeder Beschreibung. Daß man in Amerika nicht einmal ein Haustier allein im Auto lassen dürfe, weil es in der Hitze ersticken könnte. Daß Kinder allein im Auto Angst hätten. Und, mit Blick auf die Arbeiter, wie ich meine kostbaren Kinder völlig fremden Menschen anvertrauen könne? Nur weil ich tatsächlich nur sehr kurz fortgewesen sei und überdies aus dem Ausland stamme (wie er “AUSLAND” sagen konnte…), lasse er mich diesmal noch mit einer Verwarnung davonkommen.
Was hätte mir der Hinweis genutzt, daß der Wagen bei Temperaturen von knapp über 20 Grad Celsius im Schatten stand? Oder daß mein Sechsjähriger erst in dem Moment Angst bekam - und der Anderthalbjährige erst in dem Moment aufwachte -, als ein Wildfremder mit einer komischen Mütze auf dem Kopf sich mit Gewalt Zugang zum Auto verschaffen wollte? Sollte ich einem Polizisten tatsächlich sagen, daß ich die Vermutung einer spontanen Verschwörung von sieben Bauarbeitern zur Kindesentführung auf der belebtesten Straße Princetons für leicht paranoid hielte? Ich habe all das heruntergeschluckt, mich für die Belehrung bedankt und dann mit den Kindern – von denen mindestens eines fest glaubte, seine Mama werde gleich verhaftet - schnellstmöglich das Weite gesucht.
Vielleicht wird ja alles besser, wenn ich endlich den New-Jersey-Füherschein habe. In wenigen Tagen gehe ich in die Höhle des MVC-Löwen und versuche mein Glück. Zuerst einmal wird wohl eine Strafgebühr fällig sein, weil wir schon länger als 60 Tage hier wohnen. Aber wahrscheinlich werde ich ohnehin an Fragen wie dieser scheitern: “Autofahrer, die für sechs Monate bis ein Jahr ihren Führerschein wegen Fahrens unter Alkoholeinfluß verlieren, können außerdem bis zu 30 Tage Gefängnisstrafe bekommen. Welche Strafzahlungen und –gebühren hat der Autofahrer darüber hinaus zu erwarten?” Die komplett unlernbare Antwort lautet: Strafzahlungen von 250$ bis 500$, 75$ pro Tag IDRC(?)-Gebühr, 100$ Gebühr für den “drunk driving fund”, 100$ Gebühr für den Erziehungs- und Rehabilitations-Fonds für Alkoholsünder, drei Jahre lang 1000$ Aufschlag auf die jährliche Versicherungsprämie und 75$ Gebühr für den “safe meighborhood fund”. Na denn prost!
Princeton, 22. November 2006 (Princeton Post III)
Daß wir sowohl unbefristet gültige EU- als auch internationale Führerscheine besitzen und beide seit mehr als zehn Jahren unfallfrei fahren, interessiert die hiesige Motor Vehicle Commission (MVC) überhaupt nicht. Also müssen wir – wie alle Zugezogenen – zumindest den theoretischen Teil des Führerscheins neu machen.
Um allerdings überhaupt erst zur Prüfung antreten zu dürfen, sind weitere Papiere erforderlich. So ist zum Beispiel die eigene Identität zu beweisen. Nach einem Punktesystem werden entsprechende Dokumente bewertet – ein Reisepaß etwa zählt vier Punkte, die Kreditkarte einer hiesigen Bank bringt immerhin einen Punkt. Mindestens sechs Punkte müssen zusammenkommen, sonst kann man gleich mit dem Bus fahren. Auch ein Beweis, daß wir tatsächlich in New Jersey wohnen, ist erforderlich – zum Beispiel ein Steuerbescheid der Gemeinde aufs neue Heim.
Nun könnte man argumentieren, daß solcher Aufwand berechtigt sei, weil es in diesem Land keine Personalausweise gibt und der Führerschein deshalb DAS Ausweisdokument schlechthin ist. Das sollte freilich niemand leichtfertig an Nicht-Berechtigte herausgeben. (Und schon gar nicht, nachdem mehrere der 9/11-Attentäter offenbar gültige New-Jersey-Führerscheine hatten, nachdem ihre Aufenthaltserlaubnis längst abgelaufen war…)
Aber auch der aus Texas eingeführte alte Mercedes braucht gleich ein neues Dokument, das ungefähr mit dem deutschen Kfz-Brief zu vergleichen ist. Texas ist schließlich weit, fast so weit wie Europa, und von dort stammende Urkunden gelten nichts. Hier zählt grundsätzlich nur, was den Stempel einer New-Jersey-Behörde trägt. Und selbstredend von allen Neulingen teuer zu bezahlen ist. Auch hier sind natürlich wieder Wohnsitz und Identität des Autobesitzers anhand mehrerer Dokumente nachzuweisen…
Im Wettlauf um den Spitzenplatz für Ausufernde Bürokratie kann New Jersey nicht nur bei Angelegenheiten rund um das Automobil mit Deutschland mithalten. Auch in anderen Bereichen wie Krankenversicherung, Schulverwaltung und Steuerangelegenheiten tobt ein Papierkrieg, der seinesgleichen sucht. Wer neue Fenster in sein Haus einbauen oder die Fassade neu streichen läßt, braucht eine behördliche Genehmigung. Danach nimmt die Behörde eine Neueinschätzung des Immobilienwerts vor und korrigiert diesen natürlich nach oben – mit der Folge, daß der Hausbesitzer fortan höhere Grundsteuern bezahlen muß. “Yes, we´ve got lots of rules and regulations”, sagt P., die Sekretärin des German Departments an der Universität, mit einem Seufzer. “But on the other hand, it´s very safe here.”
Vielleicht ein bißchen zu “sicher” für meinen Geschmack. Als ich vor einigen Wochen mit beiden Kindern im Auto unterwegs war, wollte ich dem Gatten kurz die zu Hause vergessene Brille ins Büro bringen. Weil der kleine R. im Kindersitz schlief und der große N. ohnehin nicht so gern mitkommen wollte, ließ ich die beiden im – selbstredend abgeschlossenen – Auto allein. Der Wagen stand an der Hauptstraße Princetons keine zwanzig Meter vom Eingang zur Universität entfernt, und ein paar Straßenbauarbeiter direkt neben uns sagten zu, sie hätten gerne kurz ein Auge auf die Kinder.
Als ich sechseinhalb Minuten später zurückkam, stand ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht neben unserem Auto. Zwei völlig verängstigte Kinder starrten einen riesigen Polizisten an, der mit zornesgefurchter Stirn an jeder Türe rüttelte. Die Strafpredigt, die ich dann über mich ergehen lassen mußte, spottet jeder Beschreibung. Daß man in Amerika nicht einmal ein Haustier allein im Auto lassen dürfe, weil es in der Hitze ersticken könnte. Daß Kinder allein im Auto Angst hätten. Und, mit Blick auf die Arbeiter, wie ich meine kostbaren Kinder völlig fremden Menschen anvertrauen könne? Nur weil ich tatsächlich nur sehr kurz fortgewesen sei und überdies aus dem Ausland stamme (wie er “AUSLAND” sagen konnte…), lasse er mich diesmal noch mit einer Verwarnung davonkommen.
Was hätte mir der Hinweis genutzt, daß der Wagen bei Temperaturen von knapp über 20 Grad Celsius im Schatten stand? Oder daß mein Sechsjähriger erst in dem Moment Angst bekam - und der Anderthalbjährige erst in dem Moment aufwachte -, als ein Wildfremder mit einer komischen Mütze auf dem Kopf sich mit Gewalt Zugang zum Auto verschaffen wollte? Sollte ich einem Polizisten tatsächlich sagen, daß ich die Vermutung einer spontanen Verschwörung von sieben Bauarbeitern zur Kindesentführung auf der belebtesten Straße Princetons für leicht paranoid hielte? Ich habe all das heruntergeschluckt, mich für die Belehrung bedankt und dann mit den Kindern – von denen mindestens eines fest glaubte, seine Mama werde gleich verhaftet - schnellstmöglich das Weite gesucht.
Vielleicht wird ja alles besser, wenn ich endlich den New-Jersey-Füherschein habe. In wenigen Tagen gehe ich in die Höhle des MVC-Löwen und versuche mein Glück. Zuerst einmal wird wohl eine Strafgebühr fällig sein, weil wir schon länger als 60 Tage hier wohnen. Aber wahrscheinlich werde ich ohnehin an Fragen wie dieser scheitern: “Autofahrer, die für sechs Monate bis ein Jahr ihren Führerschein wegen Fahrens unter Alkoholeinfluß verlieren, können außerdem bis zu 30 Tage Gefängnisstrafe bekommen. Welche Strafzahlungen und –gebühren hat der Autofahrer darüber hinaus zu erwarten?” Die komplett unlernbare Antwort lautet: Strafzahlungen von 250$ bis 500$, 75$ pro Tag IDRC(?)-Gebühr, 100$ Gebühr für den “drunk driving fund”, 100$ Gebühr für den Erziehungs- und Rehabilitations-Fonds für Alkoholsünder, drei Jahre lang 1000$ Aufschlag auf die jährliche Versicherungsprämie und 75$ Gebühr für den “safe meighborhood fund”. Na denn prost!
Princeton, 22. November 2006 (Princeton Post III)
Vom Größen-Wahn
Eine Besucherin aus Berlin hat ihre ersten Erfahrungen in den USA kürzlich mit dem knappen Satz beschrieben: “Hier sind wir jetzt die Ossis.” Denn ebenso, wie es den (Ex-)DDR-Bürgern bei ihren ersten Ausflügen in die kapitalistische BRD erging, steht auch heute selbst der Westdeutsche oft ratlos in amerikanischen Malls, Supermärkten oder im Coffee Shop und weiß sich wegen der schieren Größe sowohl des Angebots als auch der Produkte selbst nicht recht zu helfen.
Milch und Orangensaft kommen immer gleich gallonenweise daher, die Eier – natürlich überwiegend in Jumbo-Größe, kleinere als “large” gibt es gar nicht – werden auch in der Jumbo-Packung verkauft. Das Fleisch einer Familienpackung reicht nach unserer Ansicht für mindestens drei Vier-Personen-Mahlzeiten, und in der Eisdiele entspricht die kleinste kaufbare Menge, ein scoop, ungefähr vier Kugeln beim “deutschen” Italiener. Mehr ist besser - das ist die erste wichtige Lektion, die hier gelernt sein will. Immerhin gehört Einkaufen in Amerika nicht nur zu den notwendigsten, sondern auch zu den heiligsten Verrichtungen des Alltags.
Daß auch der Umfang vieler US-Bürger nur in Superlativen beschrieben werden kann, ist nach den ersten Supermarkt-Besuchen gar nicht mehr erstaunlich. Denn selbstverständlich läßt die Riesen-Eispackung (deren Inhalt zusätzlich noch kräftig “enriched” ist) im Gefrierfach nur eine logische Schlußfolgerung zu – nämlich die, künftig größere Portionen Eis zu essen. Die Packung würde ja sonst nicht leer, und es könnte keine neue gekauft werden. Man ersetze nun “Eis” durch jedes beliebige andere Nahrungs- und Genußmittel, und schon ist die Gewichtszunahme nur noch eine Frage des Wieviel und Wie schnell.
Denkbar wäre allerdings auch, daß einer verhungert und verdurstet, weil er sich bei all der Auswahl einfach nicht entscheiden kann. Vierzehn verschiedene Kaffeesorten im beliebtesten örtlichen Café, sie alle in drei möglichen Größen und mit einer Vielzahl von wählbaren Extras (wie Sojamilch für den rein vegetarischen Latte), das überfordert selbst entscheidungsfreudigste Menschen. Sogar der arme Erstklässler N., der in Berlin zum Mittagessen in der Schule weitgehend zufrieden vertilgte, was es eben gab, muß nun eine monatliche Schul-Speisekarte studieren und auswählen, ob er statt des warmen Tagesgerichts nicht doch lieber einen Salat, ein Gelee-Sandwich oder womöglich CRACKER MIT ERDNUSSBUTTER will.
“Welcome to America”, grinst meine Nachbarin D., willkommen im Turbo-Kapitalismus. (Sie ist übrigens Vegetarierin, spindeldünn, und kompensiert nach meiner Beobachtung die ihr an den kilometerlangen Fleischkühlregalen entgehende Shopping-Befriedigung durch intensivere Einkäufe von Spielzeug und Kinderkleidung für ihren Dreieinhalbjährigen.)
Die Neigung zur Übertreibung erstreckt sich allerdings nicht nur auf das Essen. Auch Möbel, Autos und Gärten sind in der Regel erheblich größer als von daheim gewohnt. Und will einer darauf hinweisen, daß in einer bestimmten Gegend viele seiner Freunde wohnen, ist gleich von “zillions of friends there” die Rede.
Allein bei den Biermengen müssen zumindest Zugereiste aus Süddeutschland keine Anpassungsleistung nach oben erbringen; in den Bierlokalen New Jerseys sind – über den Daumen gepeilt, weil es beim Umrechnen der hiesigen Maße und Gewichte noch immer hapert - halbe Liter das Normalmaß. Selbstverständlich wird auch hier wieder eine erdrückende Sortenvielfalt angeboten, von “Honey Wheat” bis “Pumpkin Beer” zur Halloween-Zeit. (Bierkennern zufolge schmecken sie allerdings alle gleich schlapp.)
Nun entfliehen auch immer mehr gesundheits- und figurbewußte US-Bürger den Produkt-Massen und Massen-Produkten, indem sie in Öko-Supermärkten “organic food” einkaufen. Den Übertreibungen entkommt man damit allerdings nicht – nur stecken sie hier im Preis. 1,79 Dollar für eine (!) Öko-Zitrone, knapp sechs Dollar für einen kümmerlichen Blumenkohl – das verschlankt garaniert auch die Kaufkraft. Wie K.´s Kollege T. berichtet, wurde die (natürlich) aus Kalifornien stammende, erfolgreiche Öko-Kette “Whole Foods” selbst von ihren Fans sehr bald als “Whole Paycheck” bezeichnet…
Zugegebenermaßen hat das hiesige System der Übertreibungen aber zumindest eine potentiell positive Seite, nämlich die einer größeren Effizienz. Das kann zunächst katastrophale Folgen haben wie etwa bei der Dessertzubereitung – wo neun Blatt deutsche Gelatine eine angenehm lockere Crème Bavaroise ergeben, erzielen nur zwei Briefchen des entsprechenden US-Produkts eine Masse, mit der man das Fundament einer neuen Garage hätte gießen können.
Sofort erfreulich ist dagegen die Wirksamkeit gerade solcher Produkte, die in Deutschland ABSOLUT NIE halten, was sie versprechen – Medikamente gegen Erkältungen zum Beispiel oder Anti-Pickel-Cremes. Das hier in allen Supermärkten erhältliche Tylenol brachte nun schon zwei Schnupfen nach nur zwei bis drei Tagen zur Strecke, und die spottbillige Spezialcreme einer Discount-Drogeriemarktkette macht in noch kürzerer Zeit sämtlichen Pickeln den Garaus.
So ganz traut man dem Braten als gute Deutsche aber natürlich auch nicht. Ich warte jeden Tag darauf, daß sich durch die Discount-Creme meine Haut vollständig ablöst. Oder daß ich vom Tylenol creme-resistente Pickel kriege.
Princeton, 16. Oktober 2006 (Princeton Post II)
Milch und Orangensaft kommen immer gleich gallonenweise daher, die Eier – natürlich überwiegend in Jumbo-Größe, kleinere als “large” gibt es gar nicht – werden auch in der Jumbo-Packung verkauft. Das Fleisch einer Familienpackung reicht nach unserer Ansicht für mindestens drei Vier-Personen-Mahlzeiten, und in der Eisdiele entspricht die kleinste kaufbare Menge, ein scoop, ungefähr vier Kugeln beim “deutschen” Italiener. Mehr ist besser - das ist die erste wichtige Lektion, die hier gelernt sein will. Immerhin gehört Einkaufen in Amerika nicht nur zu den notwendigsten, sondern auch zu den heiligsten Verrichtungen des Alltags.
Daß auch der Umfang vieler US-Bürger nur in Superlativen beschrieben werden kann, ist nach den ersten Supermarkt-Besuchen gar nicht mehr erstaunlich. Denn selbstverständlich läßt die Riesen-Eispackung (deren Inhalt zusätzlich noch kräftig “enriched” ist) im Gefrierfach nur eine logische Schlußfolgerung zu – nämlich die, künftig größere Portionen Eis zu essen. Die Packung würde ja sonst nicht leer, und es könnte keine neue gekauft werden. Man ersetze nun “Eis” durch jedes beliebige andere Nahrungs- und Genußmittel, und schon ist die Gewichtszunahme nur noch eine Frage des Wieviel und Wie schnell.
Denkbar wäre allerdings auch, daß einer verhungert und verdurstet, weil er sich bei all der Auswahl einfach nicht entscheiden kann. Vierzehn verschiedene Kaffeesorten im beliebtesten örtlichen Café, sie alle in drei möglichen Größen und mit einer Vielzahl von wählbaren Extras (wie Sojamilch für den rein vegetarischen Latte), das überfordert selbst entscheidungsfreudigste Menschen. Sogar der arme Erstklässler N., der in Berlin zum Mittagessen in der Schule weitgehend zufrieden vertilgte, was es eben gab, muß nun eine monatliche Schul-Speisekarte studieren und auswählen, ob er statt des warmen Tagesgerichts nicht doch lieber einen Salat, ein Gelee-Sandwich oder womöglich CRACKER MIT ERDNUSSBUTTER will.
“Welcome to America”, grinst meine Nachbarin D., willkommen im Turbo-Kapitalismus. (Sie ist übrigens Vegetarierin, spindeldünn, und kompensiert nach meiner Beobachtung die ihr an den kilometerlangen Fleischkühlregalen entgehende Shopping-Befriedigung durch intensivere Einkäufe von Spielzeug und Kinderkleidung für ihren Dreieinhalbjährigen.)
Die Neigung zur Übertreibung erstreckt sich allerdings nicht nur auf das Essen. Auch Möbel, Autos und Gärten sind in der Regel erheblich größer als von daheim gewohnt. Und will einer darauf hinweisen, daß in einer bestimmten Gegend viele seiner Freunde wohnen, ist gleich von “zillions of friends there” die Rede.
Allein bei den Biermengen müssen zumindest Zugereiste aus Süddeutschland keine Anpassungsleistung nach oben erbringen; in den Bierlokalen New Jerseys sind – über den Daumen gepeilt, weil es beim Umrechnen der hiesigen Maße und Gewichte noch immer hapert - halbe Liter das Normalmaß. Selbstverständlich wird auch hier wieder eine erdrückende Sortenvielfalt angeboten, von “Honey Wheat” bis “Pumpkin Beer” zur Halloween-Zeit. (Bierkennern zufolge schmecken sie allerdings alle gleich schlapp.)
Nun entfliehen auch immer mehr gesundheits- und figurbewußte US-Bürger den Produkt-Massen und Massen-Produkten, indem sie in Öko-Supermärkten “organic food” einkaufen. Den Übertreibungen entkommt man damit allerdings nicht – nur stecken sie hier im Preis. 1,79 Dollar für eine (!) Öko-Zitrone, knapp sechs Dollar für einen kümmerlichen Blumenkohl – das verschlankt garaniert auch die Kaufkraft. Wie K.´s Kollege T. berichtet, wurde die (natürlich) aus Kalifornien stammende, erfolgreiche Öko-Kette “Whole Foods” selbst von ihren Fans sehr bald als “Whole Paycheck” bezeichnet…
Zugegebenermaßen hat das hiesige System der Übertreibungen aber zumindest eine potentiell positive Seite, nämlich die einer größeren Effizienz. Das kann zunächst katastrophale Folgen haben wie etwa bei der Dessertzubereitung – wo neun Blatt deutsche Gelatine eine angenehm lockere Crème Bavaroise ergeben, erzielen nur zwei Briefchen des entsprechenden US-Produkts eine Masse, mit der man das Fundament einer neuen Garage hätte gießen können.
Sofort erfreulich ist dagegen die Wirksamkeit gerade solcher Produkte, die in Deutschland ABSOLUT NIE halten, was sie versprechen – Medikamente gegen Erkältungen zum Beispiel oder Anti-Pickel-Cremes. Das hier in allen Supermärkten erhältliche Tylenol brachte nun schon zwei Schnupfen nach nur zwei bis drei Tagen zur Strecke, und die spottbillige Spezialcreme einer Discount-Drogeriemarktkette macht in noch kürzerer Zeit sämtlichen Pickeln den Garaus.
So ganz traut man dem Braten als gute Deutsche aber natürlich auch nicht. Ich warte jeden Tag darauf, daß sich durch die Discount-Creme meine Haut vollständig ablöst. Oder daß ich vom Tylenol creme-resistente Pickel kriege.
Princeton, 16. Oktober 2006 (Princeton Post II)
Auswandern… oder Einwandern?
Auswandern… oder Einwandern? Wieso überhaupt WANDERN, wenn nur ein gewöhnlicher Achteinhalb- bis Neunstundenflug zwischen der alten Heimat und dem neuen, sagen wir, Wohnort liegt? Daß eine weite Strecke zurückzulegen ist und dies mit teils unerwarteter Mühsal verbunden ist, spricht dennoch für das Wander-Wort. Wobei zuerst gar nicht so ganz klar ist, woher das Schwere eigentlich kommt. Schließlich sind wir Luxus-Auswanderer, von keiner ökonomischen Not getrieben, und viele sonst übliche Steine im Weg wurden weggeräumt von der äußerst kooperativen Princeton University, die horrende Umzugskosten ebenso umstandslos bezahlt hat wie ein Drittel unseres neuen Hauses in der Hawthorne Avenue und die bestmögliche soziale Absicherung für die ganze Familie noch obendrauf legt.
An mangelnden Willkommens-Fanfaren liegt es ebenso sicher nicht. Da sind neue Kollegen, die mit herzlichen Worten und Taten, darunter unzählige Leihgaben wie Toaster und Geschirrbestände, Luftbetten und Kinderstühlchen – geholfen haben, neue Nachbarn, die allesamt gleich vorbeigekommen sind und uns von fair gehandeltem Bio-Kaffee über selbst gekochte Pfirsichmarmelade bis hin zu ganzen Gartenmöbel-Ensembles gebracht haben, was immer sie für Neuankömmlinge von weit her für lebenswichtig halten. So weit sehr angenehm.
Auch die Stadt Princeton erklärt keine überreizten Nerven und Panikattacken (nicht einmal für überzeugte Wahl-Berliner, die “ihre” Stadt nur ungern verlassen haben). Klein und überschaubar, aber dennoch reich an Angeboten für Familien und Kulturbeflissene gleichermaßen, sicher und grün (der Müll wird getrennt, es gibt sogar eine Gelbe Tonne), entschieden international und VÖLLIG FREI VON HUNDEKACKE, weil hier tatsächlich JEDER Köter-Besitzer zur sofortigen Haufen-Entsorgung Schäufelchen und Plastiktütchen bei sich trägt. Man entschuldigt sich sogar bei herannahenden Passanten für die Geruchsbelästigung. (Sicher gibt es dafür im Staat New Jersey strenge rules and regulations, aber davon ein andermal mehr.)
Was also macht das Einleben so schwer? Die Frage ist noch weit entfernt davon, erschöpfend beantwortet zu sein. Aber ein paar erste Verdächtige gibt es schon. Es sind fast alles unerwartete Stellen, an denen es hakt. Zum Beispiel nicht erfüllte Erwartungen an “die Amerikaner”. Amerikaner sind höfliche, rücksichtsvolle Autofahrer? Nicht im nördlichen New Jersey. Hier wird gerast, gedrängelt und geschnitten – fast wie auf Deutschlands berüchtigten Autobahnen. Nur nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei das vorübergehend ganz anders gewesen, erzählt meine neue Friseuse mit dem beeindruckenden Namen Armida Bella.”Das hat ungefähr ein halbes Jahr gehalten. Dann war wieder alles genauso wie vorher.” Und man ist irritiert, ja fast ein wenig gekränkt, daß etwas, was man doch als sicheren Pluspunkt seines neuen Lebens angenommen hatte, so gar nicht zutrifft.
Neben solchen eher marginalen Irritationen schon etwas schwerer wiegt die ständige Notwendigkeit, die eigene Identität nachzuweisen – und dabei zu erfahren, daß solide deutsche Dokumente wie der elektronisch lesbare Reisepaß oft weniger zählen als ein abgelaufener Führerschein aus Iowa, die Debit-Karte irgendeiner US-Bank oder ein formloser Computerausdruck der städtischen Behörden über die erste entrichtete Grundsteuer-Rate aufs neue Haus. Die Frage: Wer bin ich hier eigentlich? wird einem damit stets von neuem aufgedrängt. Obwohl man doch eigentlich nur ein Auto anmelden wollte. (Daß eine Behördenmaus einen dann noch hartnäckig mit “honey” anredet, macht es auch nicht besser.)
Und dann wäre da die Sprache, die wir doch recht gut zu beherrschen meinten. Vielleicht nicht gleich so perfekt, daß es für die Lehre an der Universität oder für die Arbeit bei amerikanischen Medien nicht noch Verbesserungsbedarf gäbe, aber für den Hausgebrauch, für den Alltag – so glaubten wir - müsste es doch allemal reichen. Spätestens nach einigen Telefonaten mit Call-Center-Mitarbeitern, die auch nach der dritten Nachfrage denselben unverstandenen Satz nur noch schneller herunterrattern, nach dem vierten oder fünften fremdländischen Akzent meist asiatischer oder lateinamerikanischer Einwanderer, in den man sich innerhalb weniger Stunden hineinhören muß, ahnt man aber, daß es eben doch nicht reicht. Selbstsicherheit ade - und weil es diesmal nicht nur um ein paar Wochen Urlaub oder ein, zwei Forschungssemester geht, wurmt dieses Defizit gerade jetzt enorm.
Immerhin: Ein wesentlicher Teil unseres Seins ist inzwischen wieder bei uns, nämlich unser Hab und Gut! Wer hätte gedacht, daß das Zuhause-Fühlen doch so stark von vertrauten DINGEN abhängt! Die Oliven- und Meeresalgen-Seifen von Rossmann, noch schnell vor dem Abflug gebunkert; die guten deutschen Töpfe und Pfannen; der von der Großmutter geerbte Kirschholzschrank, den drei freundliche Möbelpacker aus Ecuador mit mehr beherzter Kraft als Sinn für alte europäische Handwerkskunst wieder zusammengewuchtet haben. Nur in einem Punkt haben wir uns schnell und ohne jedes Bedauern amerikanisiert: Unser neues Bett gibt den daheim noch beliebten bodennahen Schick zugunsten einer angenehmeren Einstiegs- und Liegehöhe auf – und ist zumal nach vier Wochen Luftmatratzen-Schlaf eine wahre Offenbarung.
Princeton, 28. September 2006 (Princeton Post I)
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