Um Mathematik interessanter zu machen, geben die Lehrer in der hiesigen Grundschule ihren Drittklässlern "math games", Zahlenspiele. Multiplikationspyramiden, Zahlen-Bingo. Wettrechnen gegen die Uhr, wo man im Erfolgsfall immer neue "levels" erreichen kann - wie bei Computerspielen. N. liebt diese Spiele, seine Klassenkameraden ebenfalls.
Auch Erwachsene scheinen im sogenannten echten Leben das Zocken mit Zahlen hochattraktiv zu finden. Allerdings ist von solider Mathematik dabei nicht mehr viel zu sehen. Dafür gilt: Je höher die Zahlen, desto spannender das Spiel.

Wie hoch können die Verluste mit unverkäuflichen Automobilen ausfallen, bis man als Ford-, GM- oder Chrysler-Chef vom Spielfeld fliegt? Wieviele Millionen von just dem Staats- und Steuerzahlergeld, das ihre windigen Unternehmen gerade erst vor dem Bankrott bewahrt hatte, können sich Investmentbanker noch als Boni genehmigen, bevor der Volkszorn überkocht? Wie viele Milliarden kann man mit einem simplen Kettenbriefsystem einsacken, bevor die Sache auffliegt?
Hier, beim "Ponzi scheme" des Bernard L. Madoff, ist die Empörung groß. Betrug, Illegales, Schreckliches. Nur: Wo ist der Unterschied zwischen einem solchen Schneeballsystem und all der übrigen Zockerei auf den Finanzmärkten?! Wenn etwa faule Kredite in "Collateralized Debt Obligations" - kurz CDOs - umgetauft, mit einem erstklassigen Rating versehen und dann als sichere Geldanlage angepriesen werden? Das Online-Lexikon Investopedia definiert Ponzi scheme als "betrügerisches Anlage-Modell, das den Investoren hohe Renditen bei geringem Risiko vorgaukelt". - ?!
Warum das alles niemandem vorher aufgefallen ist? Bei all diesen sogenannten Finanzinstrumenten, die Geld aus dem Nichts zu zaubern schienen? Nun, einigen ist es ja aufgefallen - aber ihre Berichte wurden ebenso auf Eis gelegt wie ihre Karrieren. Nicht mal Warren E. Buffett ist mit seiner höchst plakativen Warnung durchgedrungen, bei Derivaten und anderen Instrumenten dieser Art handele es sich um "Massenvernichtungswaffen". Das war immerhin schon 2002.
Dann ist mir zwischen all den Berichten über MilliBilliTrilli-onen und -arden an Verlusten, Abschreibungen, Bailouts usw. doch noch eine Zahl aufgefallen. 4000, gar nicht so spektakulär. Nur waren das keine Dollars. Sondern Seitenzahlen.
4000 Seiten hatte ein Vertrag, den ein zum Allfinanzanbieter mutierter Lebensversicherer irgendwo in Amerika einem kleinen Energieversorger aufschwatzte. Ein kreatives Finanzinstrument, so eine Art Steuersparmodell. Und weil bei dem kleinen Energieversorger, einem bis dahin kerngesunden Non-Profit-Unternehmen, kein Mensch diese 4000 Seiten lesen oder gar verstehen konnte, steht das Unternehmen heute vor der Pleite.
Denn irgendwo in den 4000 Seiten versteckt stand geschrieben, daß unter bestimmten Umständen eine Situation eintreten könnte, wo der Energieversorger bei Nichtbefolgen einer ganz bestimmten Vertragsklausel mit einem dreistelligen Millionenbetrag haftet. Just diese Situation hat der Lebensversicherer natürlich festgestellt, als er selbst in den Sog der Finanzkrise geriet. Schwer zu sagen, ob das Gericht, das nun in der Sache entscheiden soll, noch durchsteigt, bevor die Firma finanziell am Ende ist. Nur weil sie beim großen Gewinnspiel ein Mal mitmachen wollte.
Thomas L. Friedman, Bestseller-Autor und Kolumnist der New York Times, appellierte vor einigen Wochen an seine Landsleute, der Zocker-Ökonomie abzuschwören und zu den Werten zurückzufinden, die Amerika einst groß gemacht hätten: "Die puritanische Ethik der harten Arbeit und der Sparsamkeit zählt noch immer. Was mich mit Abscheu erfüllt ist der Gedanke, daß diese Ethik heute eher in China lebendig ist als in Amerika."
Kompletter Blödsinn, findet Lewis Lapham, der große Publizist und längjährige Chefredakteur von Harper's Magazine: "Ich weiß nicht, in welchem Land Friedman während der letzten 30 Jahre gelebt hat, oder in welchen Andenkenläden Neuenglands er seine Kleinode zur amerikanischen Historie ausgräbt", schrieb er in der Januar-Ausgabe von Harper's. Jedenfalls missdeute Friedman die Wirtschafts- und politische Geschichte der USA ebenso gründlich wie das Wesen des "American dream".
Statt auf Moral und ehrlicher Arbeit, so Lapham, bauten die Vereinigten Staaten schon in ihren allerersten Anfängen auf Spekulantentum und Freibeuterei: "Unser Unabhängigkeitskrieg wurde durch die hartherzige Gier jener Neuengland-Kapitäne gewonnen, die im Auftrag des Kontinentalkongresses seit 1775 britische Schiffe mit Waffenlieferungen für die königlichen Truppen in Boston plünderten, niederbrannten und versteigerten."
Finanziert wurden die Piraten im öffentlichen Dienst durch einen blühenden Risikokaptialmarkt. Und es waren schon damals die Kapitalgeber, Venture Capitalists im modernen Sprachgebrauch, die später den Löwenanteil der Beute einsackten. Waren 1775 erst zehn bis 20 solcher Freibeuterschiffe vor der Nordostküste Amerikas unterwegs, machten 1783 bereits 4000 räuberische "investment vehicles" die atlantischen Gewässer von der Karibik bis zum Mittelmeer unsicher.
Seitdem, so Laphams These, stecke es in den Genen des amerikanischen Traums: Ein schneller Schwindel, ein eleganter Winkelzug ist harter Arbeit vorzuziehen, wann immer sich die Gelegenheit bietet.
Ich weiß - Obama, Aufbruchstimmung, change. Aber vielleicht sollten wir vorsichtshalber nicht davon ausgehen, daß in Amerika von nun an alles anders wird.
(Princeton Post XXIV)