Hochstapeln in Zeiten des Internet
Es war einmal ein Mädchen aus Westberlin …
Wovon träumt eine deutsche Studentin, wenn sie in die USA reist, und zwar als Au pair an den Ort einer Ivy-League-Universität? Von berühmten Hochschulen, Bildungs- und Karrierechancen? Oder eher von sagenhaften Städten (Gotham) und celebrities? Von weißen Rittern in moderner Gestalt, also: stinkreichen Investmentbankern? Wovon träumt eine deutsche, nicht mehr ganz so junge Studentin, die als Wortbestandteil ihrer Skype-Telefonnummer “princessa” wählt?
M. ist Mitte zwanzig, aufgewachsen im bürgerlichen Milieu von Berlin-Schmargendorf. Sie hat sich an einer ostdeutschen Universität für den BA-Studiengang Amerikastudien eingeschrieben und liebäugelt mit einem Jahr als Au pair im Land ihrer Studien. Ihre Gastfamilie ist die eines deutschen Princeton-Professors, vereinbart zunächst ein Monat auf Probe.
M. schätzt das Gute Leben. Das hat sie als Au pair so nicht. Zu frühes Aufstehen, ein widerspenstiges Kleinkind, unter anderem. Die Suche nach realistischen Studienmöglichkeiten, etwa an staatlichen Hochschulen der Umgebung, wird schnell wieder aufgegeben. “Das ist alles so schwierig”, sagt sie oft. Kriegt man das Gute Leben nicht auch leichter?
In Berlin jobbt M. als Hostess. Da ist man dabei auf den Parties der Reichen und Schönen, ohne zuerst selbst reich werden zu müssen.
Parties werden auch in Princeton ihr Ziel. Parties an der prestigeträchtigen Universität. Zugang bekommt man leicht, im aufgeregten Gewühl der Freshmen-Begrüßungsfeiern Mitte September. Sie läßt sich mitnehmen, reinschmuggeln, Getränke ausgeben. Ihr Credo ist bald formuliert: “Wenn ich lange genug an der Uni ‘rumhänge, kriege ich bestimmt auch so einen coolen Typen ab.”
Dieses Konzept geht sogar auf. Nach ein, zwei Fehlschlägen beißt einer an. Ein vielversprechender deutscher graduate student.
Weniger gut entwickeln sich M.s Beziehungen zu ihrer Gastfamilie. Nach dem Probemonat wollen beide Seiten keine Fortsetzung. Diagnose: Inkompatibilität. Anfang Oktober fliegt M. zurück nach Berlin. An der ostdeutschen Uni fängt das Semester wieder an.
Aber M. hat nicht nur ein Leben. Es gibt auch das virtuelle Leben, die Seite im Netz, bei StudiVZ oder Facebook. Wo man sich neu erfinden kann, komplett oder teilweise.
Im StudiVZ ist die Prinzessin auch Studentin. Aber Studentin der Universität Princeton. Angehende Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin. Hat Seminare mit beeindruckenden Titeln besucht, “Internationale Krisendiplomatie” beim Gastdozenten Joschka Fischer zum Bespiel (der im sogenannten echten Leben schon wieder in Deutschland war, als M. zum ersten Mal den Fuß auf Princetonischen Boden setzte).
Nun gibt es deutlich schlimmere Fälle virtuellen Schwindels im Netz. Die Vorstadt-Mutter aus Dardenne Prairie bei St. Louis zum Beispiel, die sich im sozialen Online-Netzwerk MySpace als 16-jähriger Herzensbrecher namens Josh ausgab und mit Hilfe dieses Digitalgeistes die 13-jährige Nachbarstochter Megan Meier durch Psychoterror in den Selbstmord trieb. Ihr Motiv war Rache, weil Megan nicht mehr mit ihrer Tochter befreundet sein wollte.
M. wird mit ihrer kleinen Hochstapelei niemandem schaden - außer vielleicht sich selbst. “Looking for: Whatever I can get”, schreibt sie in ihrem Profil bei Facebook, wo sie sich ebenfalls als Princeton-Studentin ausgibt. Soll das Märchen von der Princeton-Prinzessin M. helfen, zu bekommen, was sie vom Leben will?
Fast jedes kleine Mädchen hege den Wunsch, eine Prinzessin zu sein, schrieb die US-Journalistin Marjorie Williams 1997 nach dem Tod von “Lady Di” in ihrem Essay “The Princess Puzzle” *: “Note, though, that it is the rare little girl who wants to grow up to be queen.” Im Wunsch, Prinzessin zu sein, so Williams, drückt sich nicht nur das Verlangen nach Aufstieg zu königlichem Glanz und Reichtum aus. Mindestens ebenso mächtig ist die Sehnsucht nach ewigem Tochter-Sein, bestens versorgt zu sein ohne eigene Anstrengung und Verantwortung.
Frauen müßten eine harte Lehre aus dem Leben und dem Unfalltod der Prinzessin von Wales ziehen, folgerte Williams: “The moral of the story is that whether she’s riding in a gilt carriage that bears her to St. Paul’s Cathedral for the wedding of the century, or in a black Mercedes that bears her to her death, a passenger – which is the most that a princess can hope to be – is never in charge.”
Außerdem: Auch im "echten" Märchen nehmen falsche Prinzessinnen selten ein gutes Ende - man denke nur an Aschenputtel. Und HochstaplerInnen haben es heute zwar leichter als zu Zeiten Felix Krulls, ihre Fiktionen zu verbreiten. Doch die grenzenlose Vernetzung bringt auch Nachteile mit sich: Man fliegt schneller auf.
Sie habe “noch großes vor”, schreibt M. in einem ihrer Profile.
Go for it, girl. In echt.
(Princeton Post XII)
*Eine Fußnote zu Marjorie Williams: Diese beeindruckende Frau, die 1958 in Princeton geboren wurde und 2005 an Krebs gestorben ist, hat für die “Washington Post” und “Vanity Fair”geschrieben. Ihre politischen Porträts, Kolumnen und Essays, aber auch Berichte aus der Zeit ihrer Krankheit, hat ihr Mann nach ihrem Tod in einem Buch mit dem Titel The Woman at the Washington Zoo zusammengefaßt. Absolut lesenswert nicht nur für Möchtegern-Prinzessinen!
Mittwoch, 5. Dezember 2007
Abonnieren
Posts (Atom)