Sonntag, 9. November 2008
Neues Spiel?
Ich will ja jetzt kein Spielverderber sein. Daß zum ersten Mal ein schwarzer US-Präsident gewählt wurde, ist ohne jeden Zweifel ein historischer Moment der Sonderklasse.
Aber - warum man nun glauben soll, alles werde hier jetzt anders und besser, das will mir nicht in den Kopf.
Die Partei von "W" Bush mit noch einer weiteren Präsidentschaft zu belohnen, das konnte und durfte ja irgendwie nicht wahr werden. Aber SOOO groß ist Obamas Vorsprung beim Wahlergebnis nun auch wieder nicht ausgefallen. Selbst die Wahlbeteiligung gilt schon nicht mehr als rekordverdächtig; bestenfalls ein Prozentpunkt mehr als 2004, heißt es nun. Weil diesmal das demokratische Team besser motivieren konnte, traditionell republikanische Wähler dagegen politikverdrossen zu Hause blieben. Also, Amerika wollte den Wechsel, irgendwie schon, aber eben doch nicht so GANZ deutlich.
Hier in Princeton war zunächst die Erleichterung groß. In der Innenstadt haben fast fünfmal so viele Wähler für Obama gestimmt wie für McCain, was vorher schon abzulesen war an den vielen Vorgartenplakaten mit blau-weiß-rot aufgehender Sonne. "Jetzt können wir dir bei unserem nächsten Treffen wenigstens in die Augen sehen", mailte Betty, in deren book club ich die einzige Ausländerin bin.
Gerade patriotische Amerikaner, so sie über den nationalen Tellerrand hinausschauen, hatten sich zuletzt für ihr Land geschämt oder sich zumindest um sein Ansehen im Ausland gesorgt. Wegen der verheerenden Klimapolitik. Wegen des Irakkriegs, wegen Guantanamo und Abu Ghraib. Man konnte das spüren, bekam es oft sogar gesagt.
Trotzdem hat die Obama-Begeisterung bei vielen nicht wirklich gezündet. "Letztlich habe ich doch eher gegen McCain als für Obama gestimmt", sagt Debbi, die sich per Wahlkampf-Sticker am Kinderwagen ihrer Tochter immerhin als "Obama Mama" ausgewiesen hatte. Zur Amtseinführung will sie allerdings nach Washington fahren und auch ihren sechsjährigen Sohn mitnehmen. "Because it is such a historical moment."
Wird Amerika sich neu erfinden - oder hat es schon -, weil Obama Präsident geworden ist? Schaut man auf die Kandidaten seines Schattenkabinetts: Kaum ein neues Gesicht, alles alte Hasen, viele aus der Clinton-Ära. Das sieht erstmal nicht nach Umbruch aus.
Wie sollte es auch, fragt Chris, Journalist und Sachbuchautor, der die Imperialmacht USA seit Jahrzehnten von innen und außen beobachtet. Obama sei schließlich selbst Teil des Washingtoner Establishments. Wer tatsächlich Wandel wollte, hätte für den Grünen Ralph Nader gestimmt. "Aber sie haben lieber einen Popstar gewählt."
Chris sieht die USA ökonomisch und politisch am Abgrund, "und es gibt nichts, was Obama dagegen tun könnte". Er zählt eine Menge Gründe für seinen Pessimismus auf: die Verarmung der Mittelschicht und die Verelendung der Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Der Verlust hunderttausender Industriearbeitsplätze. Der katastrophale Zustand der Infrastruktur, sichtbar an maroden Brücken ebenso wie am Niedergang des öffentlichen Schulsystems. Das Zeitungssterben. Die maßlose Verschwendung von Energie auf allen Ebenen, von Industrie- bis zu Klimaanlagen, SUVs und Wäschetrocknern.
Sogar diese Wahl liest er als Symptom für eine unheilbare Krankheit, die Hybris der Imperialmacht: Schon lobten sich die Amerikaner selbst dafür, daß sie einen Schwarzen zum Präsidenten gemacht hätten, und erklärten wieder aller Welt, seht her, wir sind die Besten, wir können alles erreichen, wenn wir nur wollen.
Chris lebt von seinen Büchern, und provokative Thesen verkaufen sich besser. Die Prognose, das amerikanische Imperium sei dem Untergang geweiht, hat wohl ebensoviele Bestseller hervorgebracht wie ihre Gegenthese, wonach in den USA eben tatsächlich alles möglich ist, auch ein Neubeginn. Vertreten etwa durch den Harvard-Politologen Joseph Nye, der gerade wieder im Spiegel zitiert wurde und natürlich auch jetzt Optimismus verbreitet.
Und was sagt die Kunst? Es fällt schwer, optimistisch zu bleiben, wenn man die extrem erfolgreiche - und erschreckend düstere - HBO-Serie "The Wire" sieht. Ein Porträt der amerikanischen Großstadt, hier ist es Baltimore, schwärzer geht es nicht. Hier gewinnen die Polizisten nicht gegen die Bösewichter, hier gewinnt eigentlich niemand mehr.
"I didn't start as a cynic", beteuerte "Wire"-Autor David Simon in einem Vortrag vor Studenten in seiner Heimatstadt Baltimore. Vor 20 Jahren sei er noch deutlich zuversichtlicher gewesen. Doch wann immer dieses Land - sei es auf nationaler oder lokaler Ebene - seitdem eine Wahl hatte, so Simon, hätten seine Institutionen eine Entscheidung gegen den Wert der Menschen und für den Wert des Geldes getroffen: "Capitalism has become our god."
Der führt Amerika in den Untergang, glaubt Simon, weil sich immer weniger "have-alls" immer aufwendiger von immer mehr "have-nots" abschotteten. An dieser Stelle sieht er auch den Rassismus unserer Zeit am Werk: Wenn Weiße in den suburbs sich keine TV-Berichte mehr über die überwiegend schwarze Drogenhölle der Großstädte anschauen wollen, wenn sie weiterzappen. Weil sie denken, das geht mich nichts an, das hat mit meinem Leben nichts zu tun.
Keine zehn Meilen von unserem idyllisch-reichen Kleinstädtchen hier liegt Trenton, die Hauptstadt von New Jersey. Eine Welt, wie sie "The Wire" beschreibt. Die gar nichts mehr mit unserer hier gemeinsam hat.
Damit das so bleibt, herrscht zum Beispiel auf Princetons Straßen und öffentlichen Parkplätzen zwischen zwei und sechs Uhr morgens absolutes Parkverbot. Wer weder Parkausweis noch Garage hat, wer nicht in der Stadt wohnt oder bei Einwohnern zu Besuch ist, hat in der Nacht hier nichts zu suchen. Und zum Schutz ihrer Bürger leistet sich ein Ort mit 30.000 Einwohnern, in dem ein Autodiebstahl "big news" ist, zwei Polizeibehörden. Das schon zu Zeiten, in denen von Wirtschaftskrise noch keine Rede war.
"Wir sind eine Gesellschaft ohne den Willen, ihre eigenen Probleme ernsthaft unter die Lupe zu nehmen", schrieb Simon nach dem Ende der "Wire"-Serie an sein Publikum. Die amerikanische Kultur meide alles Komplexe oder Widersprüchliche und suche nur einfache Lösungen. "Wir lassen uns gern provozieren und erregen, aber wir widersetzen uns einer harten, schmerzhaften Analyse von Sachverhalten, die uns am Ende dazu bringen könnte, unsere Probleme zu erkennen - was der entscheidende erste Schritt wäre, um auch nur eines davon zu lösen."
"The Wire" handelt von "the America we pay for and tolerate", so Simon. "Perhaps it is possible to pay for, and demand, something more."
Jetzt, wo Amerika auch das Geld ausgeht, bleibt womöglich gar nicht mehr viel anderes, als auf eine Art Wunder zu hoffen. Daß es eben doch das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" sein kann, auch beim Umdenken. Und nach Lage der Dinge hat Obama jetzt das größte Wunder-Potential. Wenn nicht auch er nur der neueste, ganz besonders spektakuläre "Aufreger" war.
(Princeton Post XXII)
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