Dienstag, 2. Juni 2009

Merry McDonald's


General Motors ist bankrott. Citigroup ist aus dem Dow-Jones-Index geflogen. General Electric schwächelt. Und um McDonald's scheint es auch nicht zum Besten zu stehen, dachte ich neulich.

Auf der Rückfahrt von einem Ausflug nach New York hatten wir, das "Hunger"-Geschrei von vier Kindern in den Ohren, irgendwo im nördlichen New Jersey bei einem
McDonald's Drive-Thru-Restaurant Halt gemacht. Kaum waren wir wieder auf der Autobahn und die "Happy Meals" verschlungen, suchten die Kinder nach den obligatorischen Spielzeugen. Und aus den Pappkartons plumpsten - Weihnachtsmänner! Vier weiche Stoffgesellen im roten Anzug, mit Santa-Mütze und weißem Filzbart. Immerhin nur mit Schnurrbart, für den Vollbart war es Ende Mai wohl doch schon zu warm.

Muß McDonald's so hart sparen, fragten wir uns, daß sie für die "Happy Meal"-Spielzeuge ausgemusterte Saisonware im Discount einkaufen?

Nun, was immer es mit den Weihnachtsmännern auf sich hat: Die Krise ist wohl nicht der Grund. Denn McDonald's
geht es prächtig. Die Fast-Food-Kette verbucht ein Umsatzplus nach dem anderen. Außerdem war sie eines von nur zwei Unternehmen im Dow-Jones-Index, deren Aktien im vergangenen Jahr nicht nur dem allgemeinen Absturztrend trotzten, sondern sogar Kursgewinne verbuchen konnten. (Das andere war Wal-Mart.)

Eine umfassende Gesundheits-, Service- und Designoffensive soll McDonald's nach den mageren neunziger Jahren wieder auf Erfolgskurs gebracht haben. Drive-Thru liegt heute voll im Trend, und auf diesen Restaurant-Typ hat das Unternehmen konsequent gesetzt. Die Öffnungszeiten wurden verlängert; ein Drittel aller Filialen hat inzwischen sogar rund um die Uhr offen. Älteren Filialen wurde eine schicke neue Einrichtung verpaßt, inklusive Wireless Internet, Videospielkonsolen und Flachbild-TV-Geräten für die Sportkanäle.

Um Mom's Gewissen zu beruhigen, sind Chicken McNuggets für die Kleinen jetzt aus besserem Geflügelfleisch gemacht und werden auf Wunsch mit Apfelschnitzen statt Pommes serviert. Für die Mütter selbst gibt es Salate zum Schlankfühlen und Café Latte wie bei Starbuck's. Dad kann sich in manchen McDonald's-Restaurants bereits mit einem Angus-Beef-Burger ökologisch korrekt fühlen.

Aber der Konzern hat es nicht nur geschafft, sich ein neues Image als hip und sogar gesund zuzulegen. Irgendwie gelingt es McDonald's auch weiterhin, als günstig zu gelten - und deshalb gerade in der Krise zu profitieren. Weil die Leute sparen müßten, erklären Analysten, gingen sie wieder häufiger zu Ronald McDonald ins "budget restaurant".

Nun mag es sein, daß ein "Happy Meal" immer noch weniger kostet als manch ein Kinderteller beim Italiener (je nach Region zwischen $3 und $4 für vier Chicken Nuggets, einen Becher Milch und ein paar Apfelschnitze). Teuer wird das Ganze trotzdem - weil man einfach nicht auskommt mit so einem Fast-Food-Menü. Das hat unser erster Versuch nach längerer Abstinenz eindeutig ergeben: Happy Meal weg, Hunger nicht. Nach einer Viertelstunde quengelten alle Kinder wieder nach einem "snack" - obwohl sie schon die teurere Variante mit sechs Chicken Nuggets verspeist hatten.

Aber das ist natürlich Programm. McDonald's hat sich auf die Snack-Kultur eingestellt: Man ißt vielleicht nicht mehr so viele "Super-Size Me"-Großburger, dafür aber öfter mal was Kleineres. Statt drei Mahlzeiten am Tag gibt es bei jeder Gelegenheit Snacks. Schnell mal nebenbei reingestopft, und unter dem Strich ißt man mehr als je zuvor. Gibt auch mehr Geld dafür aus, und Ronald McDonald lacht.


Anfang Mai stellten Forscher auf einem Kongreß in Amsterdam eine Studie vor, nach der das verbreitete Problem des Übergewichts in den USA eindeutig nicht durch zu wenig Bewegung verursacht wird, sondern durch "overeating" - zu viel, zu fett, zu süß. In Chicago wurde das Ergebnis einer Umfrage zum Thema Junk Food und Fettleibigkeit veröffentlicht. Demnach haben fast alle Eltern heutzutage ein schlechtes Gewissen beim Fast-Food-Konsum, fast alle machen ihn zumindest teilweise für das Phänomen der dicken Kinder verantwortlich - und fast alle machen trotzdem mit. Weil Burger und Beilagen ja gar nicht mehr SO ungesund sind wie früher. Zumindest wenn man es schafft, Salat statt Fritten und Wasser statt "large Coke" zu bestellen...

Was aber auch tun, wenn die lieben Kleinen so sehr an Chicken Nuggets à la McD gewöhnt sind, daß sie partout keine selbstgebratene Hähnchenbrust mehr essen wollen? Findige amerikanische Mütter bauen die Happy Meals einfach zu Hause nach! So wird Fast Food wieder zur Hausmannskost, und überdies schont man den Geldbeutel.

Weniger als $1 kostet ein kleines "homemade Happy Meal" mit Chicken Nuggets aus der Tiefkühltruhe, Milch und Apfelschnitzen von Aldi, hat Amy Clark in ihrem Blog momadvice.com ausgerechnet. (Von einem Leser kam der Tip, womöglich sogar ganze Äpfel zu kaufen und selbst kleinzuschneiden. Dann werde es noch g
ünstiger und noch gesünder.)

Bleibt noch das Problem des kleinen Spielzeugs. Doch wenn McDonald's mit Weihnachtsmännern im Mai durchkommt, sollte sich auch da eine billige hausgemachte Lösung finden.

R., unser Vierjähriger, hat seinen Happy-Meal-Weihnachtsmann jedenfalls ins Herz geschlossen. Der sitzt in seinem Bett, neben den Bären und dem Gorilla. Und im Dezember fahren wir alle nochmal bei McDonald's durch. Vielleicht gibt es dann Osterhasen.

(Princeton Post XXVIII)