Donnerstag, 2. August 2012

In the Basement


Mehr als ein Jahr lang gab es keine(n) Princeton Post mehr. Der Grund: Die Verfasserin hat einen neuen Job – "German language instructor", also Deutschlehrerin, an einer Musikhochschule in Princeton. Einen Teilzeitjob, der aber – mit zwei Kursen à bis zu 20 Studenten – zumindest im ersten Jahr zur De-facto-Vollzeitbeschäftigung wurde. In den Worten meiner Französisch-Kollegin: "This is supposed to be part-time, but frankly, I've been working my butt off!"

Zu dem Job gehört ein ziemlich langer Titel: "Adjunct Assistant Professor". Je nachdem, auf welchem Ende die Betonung liegt, klingt das nach mehr (Professor) oder weniger (Adjunct). Und wie man sich schon denken kann, ist Letzteres richtig.

"Adjunct" kann Anhängsel heißen, Zubehör oder Gehilfe; im amerikanischen Hochschulsystem bedeutet es: nebenamtlich tätig. Für die Hochschulen selbst sind "adjuncts" vor allem billige Arbeitskräfte – vergleichbar mit Dozenten, die Lehraufträge an deutschen Universitäten haben.

Aber der Reihe nach. Am Westminster Choir College werden, wie der Name sagt, hauptsächlich Chorsänger ausgebildet. Damit die Studenten die Lieder, Requiems und Opern deutscher Komponisten nicht nur singen, sondern auch wenigstens grob verstehen können, sind zwei Deutschkurse Pflicht. Zwei weitere sind optional. Insgesamt gibt es am WCC drei bis vier Deutschkurse pro Semester, das entspricht neun bis zwölf Stunden pro Woche.

Das wäre genau eine volle Stelle – mit langfristigem Arbeitsvertrag und "benefits" (Krankenversicherung / Altersvorsorge). Für die Hochschule ist das aber die deutlich teurere Variante. Macht sie aus der einen vollen Stelle zwei halbe, unterrichten zwei Teilzeitkräfte jeweils maximal zwei Kurse und haben deshalb weder Anspruch auf Festanstellung noch auf sogenannte "benefits". Die Institution kriegt also (anscheinend) dasselbe für sehr viel weniger Geld.

“Adjuncts” bekommen immer nur Verträge für ein Semester und verdienen am WCC knapp $5.000 Dollar pro Kurs
(damit sind sie noch vergleichsweise fürstlich bezahlt – im US-Durchschnitt sind es weniger als $3000). Das macht im Jahr nicht einmal $20.000. Schreiben sich für einen Kurs nicht genügend Studenten ein, wird er gestrichen. Der "instructor" kriegt dann auch kein Geld dafür.

Solche Stellen sind nicht schlecht für jemanden, der einen interessanten Nebenjob sucht, oder der über seinen Ehepartner oder als Rentner kranken- und sozialversichert ist und gar nicht Vollzeit arbeiten möchte. Außerdem ist man in bester Gesellschaft: Auch Barack Obama gab schon als "adjunct" Seminare an der University of Chicago Law School.

Eine gute Sache also – wären "adjuncts" inzwischen nicht die Regel statt Ausnahme. 1960 waren noch drei von vier US-Hochschullehrern Vollzeitkräfte mit Dauerstelle oder wenigstens einer Option darauf. Heute ist es nur noch einer von dreien.

Seinen Lebensunterhalt kann mit so einem "adjunct"-Vertrag allein niemand bestreiten, selbst wenn man – wie es viele zwangsläufig tun – ohne Krankenversicherung auf Risiko lebt. Mein Deutsch-Kollege unterrichtet an zwei, mein Italienisch-Kollege sogar an drei verschiedenen Hochschulen gleichzeitig, um über die Runden zu kommen.

Jobsicherheit ist für "adjuncts" ebenfalls nicht gegeben, Festanstellung nicht mal eine vage Aussicht. Die Sprachlehrer am Westminster College haben erst Anfang Juli erfahren, ob überhaupt und, wenn ja, in welchem Umfang sie ab September wieder unterrichten dürfen. Da sich in diesem Jahr weniger Studenten für Deutsch angemeldet haben, bekommt jeder nur noch einen Kurs.

Wer auf dieser Art Stelle(n) seinen Lebensunterhalt verdienen muss, ist entweder bald verschlissen oder macht aus Selbstschutz nur das Allernötigste. Zumal es auch wenig Prestige zu gewinnen gibt: Wer nur "adjunct" ist  – und nicht gleichzeitig prominent –, steht auf der untersten Hierarchiestufe. (Und anders als es die deutsche Fama will, sind die Hierarchien an amerikanischen Hochschulen gar nicht so flach.)
 
Das Büro, das sich die "adjunct"-Sprachlehrer am WCC teilen, heißt denn auch"B1" – B steht für "basement"; man findet uns im Keller, direkt gegenüber vom Abstellraum für ungenutzte Instrumente und abgenutzte Büromöbel.

Der Sprachunterricht selbst findet in Bruchbuden statt, die man euphemistisch “Relocatables” (Versetzbare) nennt. Die Türen schließen nicht richtig, die Fenster klappern schon bei leichtem Wind, und der Teppich sieht so aus, dass man nichts, was drauffällt, wieder aufheben möchte. An heißen Tagen steht zur Alternative, ob die Kursteilnehmer wegen der Hitze oder wegen der überlauten mobilen Klimaanlage nichts lernen. Und wenn ältere Studenten im Sommer möglichen Bewerbern für das neue Semester den Campus zeigen, werden sie explizit angewiesen, die “Relocatables” nicht in die Führung einzubeziehen.

Warum ich den Job trotzdem mag? – Weil eine erfahrene Mentorin dem Neuling auf alle nur erdenkliche Weise und stets im genau richtigen Maße Starthilfe gab. Weil sich die WCC-Studenten trotz Arbeits-Überlast in bester Stimmung einer schwierigen Sprache stellen – und selbst simple Kinderlieder in Opernchor-Qualität singen, um den Akkusativ zu lernen.

Und schließlich, “adjunct” hin oder her: Wenn eine Journalistin ohne Lehrerausbildung, ohne Deutsch-Studium und mit nur mäßiger Unterrichtserfahrung dennoch die Chance bekommt, “Professorin” zu werden – dann ist am American Dream vielleicht doch noch ein bisschen was dran.