
"Schreib doch auch mal was Positives über Amerika", sagte mein Vater im Sommer, als wir zusammen am Ostseestrand saßen. Zum Beispiel darüber, wie extrem freundlich und hilfsbereit die Leute seien. (Was schon stimmt, fast immer jedenfalls.) Also gut:
Am letzten Donnerstag habe ich die Kinder gegen Schweinegrippe impfen lassen. In einer der örtlichen Schulen war "H1N1 Flu Clinic", eine öffentliche und kostenlose Impfung. Am selben Morgen hatte die New York Times aber einen Bericht gebracht, wonach der Impfstoff in den USA knapp werde. Als wir an der Schule ankamen, reichte die Schlange schon einmal um den Block.
Es war kühl draußen, es wurde langsam Abend. Kinder tobten rum, Eltern standen Schlange. Es fing leicht an zu regnen. Vorwärts ging es nur im Schneckentempo. Weil Amerikaner (in New Jersey) mindestens bis Weihnachten Shorts und T-Shirt tragen, wurde es den ersten mächtig kalt. Aber bis auf ein paar kleinere Kinder quengelte kein Mensch.
Nach einer Dreiviertelstunde kam ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde nach draußen. Als Nasenspray sei der Impfstoff bereits ausgegangen, sagte er. "Von jetzt an gibt es nur noch Spritzen." Niemand beklagte sich. Selbst die Auskunft, dass es so langsam vorwärts gehe, weil für hunderte Kinder hier nur vier Krankenschwestern im Einsatz seien, löste kein Gemurre aus. "Er kann das auch nicht ändern", sagte die Frau hinter mir. Sie hieß Nancy, war Psychiaterin und hatte abends noch einen Termin, den sie wohl nicht mehr schaffen würde.
Eine halbe Stunde später hatten wir immerhin die Eingangstür zur Schulcafeteria erreicht; rein ins Warme. Aber hier fing die Schlange erst richtig an. In Serpentinen ging es um vier Tischreihen herum, noch einen Gang entlang und dann erst in die Turnhalle. "Von hier an ist es noch eine Stunde", rief uns eine Bekannte mit bereits geimpftem Kind zu. "Okay, guys", sagte Nancy zu ihren beiden Söhnen. "Wir probieren jetzt etwas aus." Sie drängten sich durch, Richtung Turnhalle.
Nach zehn Minuten kam einer der Jungen zurück. "Meine Mom ist Ärztin, sie hat sich den Impfstoff geben lassen und uns selbst die Spritzen gesetzt", sagte er stolz. Na toll, dachte ich. So richtig vorgedrängelt war das ja nicht, aber trotzdem...
Wir warteten weiter, ich inzwischen auf gut Deutsch ziemlich sauer. Aber ich hab's runtergeschluckt. Niemand in der überfüllten Schule war schlechtlaunig. Alle ertrugen die elende Warterei mit einer Gelassenheit, als hätten sie Yoga im Hauptfach studiert. (Bis auf Nancy, dachte ich missgünstig.)
Das ist eine meiner positivsten Erfahrungen mit Amerika: Man ist hier nicht "genervt", man ist geduldig. Niemand drängelt, und jeder bleibt, ja wirklich, freundlich - auch wenn der Typ am Postschalter noch so ein Lahma.... ist.
Nach über zwei Stunden hatten wir es endlich in die Turnhalle geschafft. Die erschöpften Krankenschwestern lächelten noch, nahmen sich Zeit für kleine Angsthasen. Und an einem der Tische saß Nancy, die Psychiaterin. Füllte Formulare aus und Impfspritzen ab. "Ich dachte, so geht es wenigstens ein bisschen schneller", sagte sie. "Thank you for helping out", sagte ich und schämte mich.
Das ist eine weitere meiner positivsten Erfahrungen in Amerika: Man ist unglaublich hilfsbereit. Auch dieses Klischee stimmt (fast immer).
Hilfsbereit war Amerika auch, als im geteilten Deutschland vor 20 Jahren die Mauer fiel. Bis heute freuen sich die Leute hier darüber, dass unser Land wieder vereinigt ist - und dass sie uns dabei geholfen haben. Die New York Times hat an diesem Sonntag eine große Geschichte darüber auf der Titelseite und eine weitere im Innenteil. Ein Professor aus Berlin erzählte heute in der Princeton University, der Flieger nach New York sei voll gewesen mit Vortragsreisenden in Sachen Mauerfall. Selbst das hiesige College of New Jersey, das nicht einmal ein eigenes German Department hat, veranstaltet zwei Film- und Diskussionsabende dazu.
Amerikaner lieben Geschichten über den Sieg der Freiheit (noch ein Klischee, das - fast immer - stimmt). Vor allem, wenn sie dabei von JFK ("Ich bin ein Berliner") über Reagan ("Tear down this wall!") bis Bush d. Ä. ("Germany is united; Germany is fully free") eine rundum positive Rolle gespielt haben.
Der Neunte Elfte in Deutschland war für Amerika der letzte weltpolitische Erfolg vor Nine Eleven. Seitdem sind Geschichten über den Sieg der Freiheit selten geworden, auch im eigenen Land. Vielleicht sei dies der Grund, warum der 20. Jahrestag des Mauerfalls in den USA nicht mit großem offiziellen TamTam gefeiert werde, schreibt Alison Smale, Chefredakteurin der International Herald Tribune, die 1989 als AP-Korrespondentin in Berlin dabei war. Womöglich liege es aber auch einfach nur daran, dass Amerikaner generell nicht viel über die Vergangenheit grübeln: "Tomorrow is always another day, and yesterday's lessons fade."
Aber das klingt schon fast wieder negativ. Deshalb zum Abschluss noch etwas ganz persönlich Positives: Vor ein paar Tagen bekamen wir Post vom Department of Homeland Security. Nach gut drei Jahren, mindestens doppelt so vielen Familienkrisen und ungezählten Formularen, Fotos, Fingerabdrücken ist es endlich geschafft: Wir haben unsere Greencards.
Jetzt sind wir "Residents", und niemand darf uns noch "Aliens" nennen. Nicht einmal "Resident Aliens".
(Princeton Post XXIX)