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"Das wird hier nicht laufen" – so mein Medienwissenschaftler-Mann über eine ganze Werbeseite in der New York Times am Nikolaustag. Da stand neben einer selbstbewusst allein stehenden Spülmaschine Marke Bosch:
Bei aller Wertschätzung (zumindest gutverdienender New-York-Times-Leser) für Porsche und Poggenpohl, Miele und Mercedes: This won't fly, um einmal die amerikanische Variante zu nehmen. Erstens lässt sich der Amerikaner an sich nicht so gern von den Deutschen erklären, dass sie alles besser können. Und zweitens hat wohl nicht nur der Blogger Mark Horn beim Anblick dieser Anzeige eine Gänsehaut bekommen (auch wenn er das fast befürchtet, weil er sowohl den Werbetexter als auch dessen Chefs für jünger als 35 hält): "Is it just me?", schrieb Horn unter dem Titel "Never juxtapose the word 'scream' with 'German engineering'":
- "I mean, I realize it's been 65 years since the end of WWII, but the headline for this ad in today's New York Times made me recall the photographs of bodies stacked outside the crematoria. It just creeped me out."
Einen solchen Effekt wird Bosch wohl kaum einkalkuliert haben – auch wenn man schon einiges aufbieten muss, um im vorweihnachtlichen Werbewust noch aufzufallen. Wie auch immer, viel risikieren tut die Firma damit wohl nicht. Denn wer ihr "German engineering" zu Hause hat, ist damit in aller Regel glücklich: Bosch-Produkte stehen in den einschlägigen Kundenzufriedenheitsrankings meist ganz weit oben. Doch zumindest auf seiner Website schlägt das Unternehmen nun auch mit der Werbetrommel leisere Töne an: "We've taken a vow of silence", heißt es dort. "The 800 Plus is the quietest dishwasher in America."
Nun aber zu einem deutschen "Produkt", das mit dem ganzen Gegenteil von leisen Tönen in Amerika erfolgreich ist: Rammstein.
Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat die Gruppe aus Berlin am Samstag in den USA gespielt, und was soll man sagen – sie haben den Madison Square Garden voll gekriegt. Damit ist man kaum noch eine Underground-Band, wie es in der Welt hieß. (Dass das Konzert weniger als eine halbe Stunde nach Vorverkaufsbeginn im November bereits ausverkauft war, lag wohl eher daran, dass professionelle Zwischenhändler große Kontingente abgegriffen hatten, um die dann zu Wucherpreisen von bis zu drei-, vierhundert Dollar pro Ticket gleich wieder anzubieten. Damit mag sich aber manch einer verspekuliert haben. Wir haben noch fünf Stunden vor Konzertbeginn recht günstig elektronische Tickets für sehr gute Plätze bekommen.)
And, man, it was loud. Der reine Musikgenuss war das nicht bei einer Hallenakustik, die jede Feinheit in einem infernalischen Klangbrei absaufen ließ. Aber man kommt ja ohnehin nicht nur wegen der Musik zu Rammstein. Sondern, vielleicht sogar in erster Linie, wegen der Show – wobei schon dieser (angloamerikanische) Begriff so gar nicht zu dem passen will, was Rammstein auf die Bühne bringt: feuerspeiendes, kanonenschlagkrachendes, muskelprotzendes, sexstrotzendes, presslufthammerschwingendes, urgewaltiges Pathos.
Rammstein auf der Bühne, das ist große Oper – Liebe und Leid, mächtige Kulissen, grandiose Requisiten und pyrotechnische Knalleffekte bis hin zu Till Lindemanns eisernen Engelsflügeln im feuergewaltigen Finale. Wagner in Metal. Zwischentöne, balladenhaft oder ironisch, gehen, wie gesagt, im allgemeinen Großkrach eher unter.
Das ist hier natürlich erst recht manch einem allzu unheimlich deutsch; zumindest das Spiel der Band mit Nazi-Ästhetik ist kaum von der Hand zu weisen. Spätestens als man in den Zimmern der Amokläufer von Littleton 1999 Rammstein-Platten fand, gerieten Band und Publikum in Verruf. "Rammstein" und "rechtsextrem" wird auch in den USA immer wieder zusammengebracht, da mag es in ihrem Lied "Links 2-3-4" noch so oft heißen, ihr Herz schlage links.
Um zu sehen, dass man mit "rechts" und "links" bei Rammstein womöglich nicht weit kommt, musste man sich im Madison Square Garden nur einmal umdrehen. Das Publikum betrachten – das war auf seine Art so sehenswert wie die Gruppe selbst. Eine Menge kahlgeschorener Köpfe, heftig tätowierter Arme und schwarzer Kleidung, keine Frage – aber von aggressiver Stimmung keine Spur. All die harten Kerle (Frauen waren auch da, aber klar in der Minderheit) lassen sich freudig erregt von Platzanweisern zu ihren Sitzen führen. Oben links schwingt ein "Kollektiv Schwerin" eine große Deutschland-Fahne.
Vor uns: drei Männer aus Russland. Mitte vierzig, Freizeitkleidung, Goldkette. Ihr Bier im Plastikbecher stellen sie vorsichtig ganz weit unter den Klappsitz, damit es nicht umfällt, wenn später alle aufspringen.
Hinter uns: Eine Gruppe Hispanics, Anfang zwanzig, die Mädels im Gothic-Outfit. "Rammstein, woohooooo!", kreischt die eine, bricht aber mittendrin ab, um maschinengewehrfeuerschnell auf Spanisch in ihr Handy zu plappern. Das wird sich noch mindestens zwei Dutzend mal wiederholen. Ihr zierlicher Freund bleibt absolut cool unter seinem hellgrauen Stahlhelm mit aufgemalten deutschen Flaggen. Den wird er später auch beim Auf-der-Stelle-Tanzen nicht abnehmen.
Neben uns: Zwei Nachfahren amerikanischer Ureinwohner, Profile wie aus Stein gemeißelt, ein langer Zopf blauschwarzer Haare. Massiv gebaute Kerle, Unterarme so kräftig wie meine Oberschenkel. Sie kämen aus Mexico City, sagen sie. "And you? – Germany? That's good!"
Dann geht es los. "Ramms-tein, Ramms-tein", skandieren alle um uns herum; Russen, Amerikaner, Mexikaner. Tausende Arme fliegen in die Luft, hunderte Foto-Handys zeichnen auf. Und alle singen mit. Können die Texte auswendig, alle. "Feuer frei", "Ich will", "Du riechst so gut" mit rollendem R. Wieviel davon sie verstehen, wer weiß. Dass die Kommunikation funktioniert, zeigt – wieder einmal – die Schlauchbootfahrt des Keyboarders Flake auf dem Arme-Meer des Publikums. Er dirigiert, sie tragen ihn.
Rammsteins deutsches Pathos trägt fast zwei Stunden lang. Bis Till Lindemann, ganz irdisch wieder ohne Engelsflügel, Hand auf dem Herzen, zum Abschluss wohlerzogen sagt: "Das war Rammstein - thank you very much!" – und alle friedlich und zufrieden nach Hause gehen. Wo manch einer vielleicht von Zeit zu Zeit (wie wir) ganz laut eine CD von Rammstein hört, während im Hintergrund, ganz super-leise, die Bosch-Spülmaschine läuft.
(Princeton Post XXXV)
Change? – So 2008! It's 2010, babe – ANGER is all the rage.
Es sieht schlecht aus für die Demokraten und ihre Kongressmehrheit. Midterm elections, Halbzeit für Präsident Obama und seine Partei. Von Aufbruchstimmung keine Rede mehr. Die Amerikaner, so heißt es, sind zornig – und das kann eigentlich nur heißen: Aus Stimmzetteln werden Denkzettel.
Zuletzt haben die Angry White Males die Demokratische Partei 1994 die Mehrheit im Kongress gekostet. Damals regierte Bill Clinton (mit seiner Frau) im Weißen Haus. Bill & Hillary wollten eine Krankenversicherung für alle US-Bürger einführen. Doch die Republikaner mit Newt Gingrich an der Spitze machten "Hillarycare" zum "referendum on big government" – mit Erdrutsch-Erfolg. Bill Clinton musste fortan mit einer gegnerischen Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments regieren. (Manche sagen heute, der Demokrat Clinton habe dann die effizienteste republikanische Politik gemacht, die das Land je hatte.)
Obama hat immerhin so gerade noch eine Gesundheitsreform hingekriegt, auch ein bisschen Bankenregulierung und einen Klecks Steuererleichterungen. Nicht, dass ihm oder seiner Partei das gedankt würde. Die Steuersenkungen haben die meisten nicht mal recht bemerkt. Wall Street macht weiter wie gehabt, dem großen Rest geht es ökonomisch nicht so toll. Große Infrastrukturprojekte, neue Bahnstrecken, Tunnels, Brücken, neue Stromnetze, neue Jobs? Nix zu sehen. Und für "Obamacare" hatten viele ohnehin nie viel übrig.
Nun also: Zorn, Wut auf und Frust über "big government". Zulauf für die Tea Party, die ja im Grunde gar keine Partei mit Programm und eigenen Kandidaten ist, sondern eine laute Protestbewegung, oft mit hässlichsten rassistischen Untertönen. Anger in America nannte der Karikaturist Chappatte eine Zeichnung zur Tea Party für den International Herald Tribune ."There's something about a Democratic White House and Congress that brings out this ugliness", schrieb Steve Kornacki in Salon – ob der Präsident nun ein Farbiger mit afrikanischem Vater oder ein weißer Südstaatler ist.
Nichts Neues, könnte man also abwiegeln. Und auch gar nicht besonders ernstzunehmen, dieser Zorn, findet der amerikanische Schriftsteller John Irving (The World According to Garp, Last Night in Twisted River). Im Interview der Zeitschrift Cicero will er die USA nicht "nach der im Moment sichtbarsten Gruppe" beurteilt wissen. "Man muss berücksichtigen, dass für die Medien radikale politische Strömungen interessanter sind als die ausgeglichenen Kräfte. Ich reibe mich zwar an meinem Land, aber so viel Vernunft, weder [Sarah] Palin noch die Tea Party zu wählen, traue ich Amerika durchaus zu."
Vernunft versus Zorn, sich abregen statt aufregen: Kein leichtes Gebot in der Mediendemokratie – kann sich doch dieses "hysterische und panische Informationssystem" (Peter Sloterdijk) nur durch ständige Selbst-Erregung davon überzeugen, dass es tatsächlich existiert. Zumal im Grunde in dieselbe Erregungs-Falle tappt, wer in all dem "anger" nichts weiter sieht als eine Verschwörung der Rechten – angeschoben von Demagogen wie Rush Limbaugh und Glenn Beck, finanziert von Big Business.
Doch kann man einfach davon ausgehen, dass dieser Zorn ganz ohne "grass roots" grassiert? Nichts weiter ist als ein Produkt der politischen "rage machine"?
Rob zum Beispiel ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was mein Pfälzer Gatte einen "Zornickel" nennt. Ein Bär von einem Kerl, aufgewachsen im ländlichen Pennsylvania, bodenständig und ein bisschen brummig. Morgens bringt er seine jüngste Tochter zu Fuß zur Schule und holt sie nachmittags wieder ab.
Eines Tages beschließt Rob, sein Haus zu renovieren. Er baut den Dachboden aus und einen Anbau dazu. Nicht wenig davon in Eigenarbeit, weil das Geld knapp ist. "Sobald wir fertig waren, stand der Steuerschätzer vor der Tür und hat unsere jährliche Grundsteuer um $3000 nach oben gesetzt", berichtet Rob. Begründung: Durch Ausbau und Renovierung sei der Wert des Hauses gestiegen. "Fair enough", wie Rob damals findet. Doch kurz darauf lässt die Gemeinde den Wert aller Eigenheime im Stadtgebiet neu schätzen. Obwohl die Immobilienblase schon ein Jahr zuvor geplatzt ist, soll Robs Haus nun noch einmal deutlich mehr wert sein als zuvor – und die "property tax" um weitere $3300 steigen. "That made me so mad", sagt Rob.
Oder nehmen wir Jerry D. Davis, von dem gerade die New York Times berichtet hat. Davis verwaltet den Pensionsfonds für die städtischen Angestellten in New Orleans. Das Geld liegt bei JP Morgan Chase, und eines Tages schlagen die Banker Mr. Davis ein Geschäft vor: Der Fonds leiht der Bank Geld, damit sie damit spekulieren kann. Wirft das Investment Gewinn ab, teilen sich JP Morgan und der Fonds den Gewinn. Auf einem Verlust bliebe der Pensionsfonds aber allein sitzen. Als Davis Nein sagt, setzen die Banker die Daumenschrauben an: In diesem Fall müssten sie über höhere Gebühren für den Fonds nachdenken. Davis lenkt ein.
Bei der Finanzkrise des Jahres 2008 verliert der Fonds $340.000. Insgesamt verzockt JP Morgan eine halbe Milliarde aus den Pensionsrücklagen für IBM, den Staat New York und andere Arbeitgeber. Der Bank macht das nichts. Sie ist ja nur am Gewinn beteiligt, nicht am Verlust. Überdies hat sie sich vorher zusätzlich abgesichert, hat gegen ihre eigenen Kunden gewettet – und so auch aus deren Verlust noch Gewinn gemacht. Eine "win-win situation" für die Bank. Und was soll der Pensionsfonds jetzt machen? Aktien sind mau. Zinsen für Erspartes gibt es so gut wie keine. Immobilien? Lieber nicht!
Ob großer Fonds oder kleiner Sparer: Alle sind für die Altersvorsorge auf Kapitalerträge angewiesen. Inzwischen sind aber nur noch mit hoch riskanten Anlagen überhaupt Erträge möglich, wie sie zuvor Bundesanleihen oder festverzinsliche Wertpapiere abwarfen. Damit werden selbst grundsolide Sparer zu Hasardeursgeschäften gedrängt. Und wenn's schiefgeht – tja, Pech gehabt.
Im Großen wie im Kleinen, auf Bundes- oder kommunaler Ebene: Joe und Jane Average fühlen sich allzu oft und systematisch verraten und verkauft. Sie versuchen, solide zu wirtschaften – und kommen auf keinen grünen Zweig. Sie spielen nach den Regeln – und sehen, dass die Politik die Regeln ändert. Nicht in ihrem Interesse, sondern nach den Vorgaben von Lobbyisten, ob die nun für die Finanzwirtschaft oder für die Lehrergewerkschaften arbeiten. Bei allem Wissen um den uramerikanischen Affekt gegen "big government": Wenn das kein Grund ist, zornig zu sein, weiß ich keinen. Und so sind wohl auch nicht alle, die Sympathie für die Tea Party hegen, von der Sorte, die Obama als "Weißen-Hasser" und "Muslim" zum Teufel jagen wollen.
In der legendären TV-Serie The West Wing dreht sich eine Folge um einen Geschäftsmann aus dem Mittleren Westen, der gemeinsam mit seiner Tochter deren Traum-Colleges besichtigt. Abends sitzt er melancholisch vor dem zweiten Whiskey an der Hotelbar. Dort trifft er Josh und Toby, zwei Berater des Serien-Präsidenten Josiah Bartlet auf Wahlkampftour, und schüttet ihnen sein Herz aus. Wie soll er seiner Tochter sagen, dass aus ihrem Traum nichts werden kann? Sein Einkommen reicht nicht für die Studiengebühren der teuren Privatunis. Er hat noch einen Sohn, der auch aufs College gehen soll.
"Ich will ja gar nicht, dass es nicht schwer ist", sagt der Mann aus Amerikas "Heartland". "Ich mag es, wenn es schwer ist. Aber es ist zu schwer geworden. Selbst einer wie ich kann es nicht mehr schaffen." Sein einziger Wunsch an die Politik: "Wenn sie es nur ein kleines bisschen leichter machen würde. Uns ein bisschen Luft lassen, damit wir es wieder schaffen können!"
Die Präsidentenberater sind tatsächlich so beeindruckt, dass sie ein neues Gesetz anschieben: Studiengebühren sollen künftig von der Steuer absetzbar sein. Allein, man ahnt es schon, ihr schöner Plan schlägt fehl. Er wird in den Deals und Machtkämpfen zwischen Parteien, Kongress und Weißem Haus zerrieben. Nicht einmal im amerikanischen Fernsehen ist es möglich, dass aus einem Stück Politik um der Sache willen etwas werden darf.
Zorn ändert an diesen Verhältnissen nichts? Vielleicht doch. In einer Kleinstadt bei Los Angeles haben die Bürger gerade ihren hoffnungslos korrupten Stadtrat samt Bürgermeister aus dem Amt gejagt. Ohne Wut im Bauch geht das nicht. Auch Rob hat erst der "anger" den Antrieb gegeben, sich kundig zu machen und seine Steuererhöhung anzufechten. "I got a relief", sagt er. Das gilt für beides – Steuern und Zorn.
Zumindest dort, wo er nicht blind wütet, kann "anger" also politisch durchaus produktiv sein. Womöglich ist er sogar eine (letzte?) Hoffnung für "change".
(Princeton Post XXXIV)
Mit dem Labor Day, dem ersten Montag im September, endet der amerikanische Sommer. Erstaunlich oft hält sich sogar das Wetter daran. In jedem Fall aber geht dann, nach zweieinhalb Monaten Ferien, die Schule wieder los. Oder es steht – wie dieses Jahr für R., unseren Jüngsten – der erste Schultag überhaupt an. Für US-Kinder und ihre Eltern heißt das unterschiedslos: "Back to School".
In der FAZ war neulich von einer vergleichenden Studie zu lesen, wonach die Amerikaner deutlich mehr Vertrauen in die Institution Schule setzen als die
Deutschen (Der erste Schultag. Pädagogische Berufskulturen im deutsch-amerikanischen Vergleich, VS Verlag, Wiesbaden 2009). Abzulesen, so die Autorin Sandra Rademacher, sei das schon an der unaufgeregten Formulierung "Back to School".
Für noch bedeutsamer aber hält sie es, dass amerikanischen Eltern am Einschulungstag ihrer Kinder überhaupt keine Rolle zugedacht ist – während Väter, Mütter, Omas, Opas und Paten der deutschen i-Dötzchen zu diesem feierlichen Anlass die Schulaula verstopfen (zumindest dort, wo man noch keine Grenzen à la: "Maximal zwei Erwachsene pro Schulkind!" gesetzt hat). Und während man in den USA den Aufbruch in ein neues, spannendes Schuljahr feiert, stellt man sich in Deutschland vor allem die bange Frage: Wird mein Kind in der familienfernen Instanz Schule womöglich gar nicht mehr so richtig Kind sein dürfen?
Im Vergleich dazu, so die These, verkraften Mom and Dad in den USA die neue Doppelrolle ihres Kindes als Schul-Kind ganz selbstverständlich und mühelos.
Schön wär's!
Doch selbst wenn ein deutscher Einfluss auf Amerikas Schulkultur bei aller Globalisierung wohl auszuschließen ist: Auch hierzulande drängeln sich Eltern in Schuldingen weiter nach vorn. Und weil auf dem Markt der US-Schulen ein harter Konkurrenzkampf herrscht, können selbst die "public schools" diesem Druck nicht einfach widerstehen. Mag man Mom und Dad auch am ersten Schultag keinen Platz in der Turnhalle anbieten – ihr Trennungsschmerz wird dafür bei einer ganz eigenen Veranstaltung gehätschelt.
In unserer Schule sind wenige Tage vor dem offiziellen Start Eltern und Kinder der neuen Vorschulklasse zu einer Begrüßungsfeier eingeladen. Man sitzt in der Aula, selbstverständlich unter dem Sternenbanner. Rede der zuständigen Vize-Direktorin. Vorstellung und Reden der Lehrer, der Krankenschwestern, der Sekretärin und des "school councelor". Das ist eine Art hauseigener Schulpsychologe.
Es gibt viele praktische Tips, aber auch hier viel Tröstliches ("If your child needs a hug, it will be sure to get one!"). So wird uns versichert, dass die "Kindergardeners", wie die Vorschüler hier heißen, zusätzlich zum Lunch jeden Tag zwei Snacks bekommen. (Der durchschnittliche Amerikaner glaubt, dass kein Kind länger als zwei, drei Stunden ohne Nahrungszufuhr überlebt.) Zuletzt noch die beinahe beschwörende Bitte der Lehrerin an die Eltern, am ersten Schultag nicht zu lange bei den Kindern zu verweilen ("I know that letting them go is SO hard, but we've got to start class at some point!"). Man werde aber, beeilt sie sich gleich zu versichern, noch genug Gelegenheit bekommen, im Klassenzimmer mit dabei zu sein.
Wem all das nicht reicht, dem wird kurz nach dem Schulstart die traditionelle "Back-to-School Night" geboten – eine Art feierlicher Kollektiv-Elternabend, wo man erneut den Reden der Rektoren lauscht und dann mit den Lehrern die Klassenzimmer besucht. Dort sitzt man eingeklemmt auf dem winzigen Stuhl seines Kindes, wird von der Lehrerin noch einmal über Tagesablauf und Lehrplan informiert. Schließlich ist noch ein Fragebogen auszufüllen, mit gut einem Dutzend Fragen zum je einzelnen Kind – über Stärken und Schwächen, Vorlieben und bevorzugte Konfliktlösungsmechanismen. Außerdem können wir ankreuzen, ob wir in der Klasse vorlesen oder beim Lesenlernen helfen, unsere Kinder zum "school lunch" oder in die Bibliothek begleiten wollen. Gleich als erstes aber möchte Ms. B. von uns, den Eltern, wissen: "What do you expect Kindergarden to do for your child?"
Nach so viel Teilhabe am Schulleben ihrer Kinder ist es eigentlich kein Wunder, dass Mom and Dad auch später nicht mehr loslassen können. "Students, Welcome to College – Parents, Go Home", hieß es neulich in der New York Times. Unter diesem Titel wurde von einem neuen Trend an Amerikas Universitäten berichtet, sogenannte "parting ceremonies" zu zelebrieren, um die "Kinder" von ihren besorgten Eltern loszueisen. Die seien andernfalls nämlich noch tagelang auf dem Campus unterwegs, Kontrollgänge machen. In einer solchen Trennungszeremonie drehte in Minnesota ein Dekan den Angehörigen der neuen "Class of 2014" bei seiner Begrüßungsrede explizit den Rücken zu. Und in einem College in Atlanta (Georgia) blieben die Eltern buchstäblich außen vor: Nach den Begrüßungsreden in einer nahegelegenen Kirche wurden die "freshmen" auf den Campus geleitet – und gleich hinter ihnen demonstrativ die Tore geschlossen.
Nur gut, dass R. schon mit seinem großen Bruder im gelben Schulbus zur Schule fahren kann, dachte ich. Doch SO viel Selbstständigkeit durfte dann auch wieder nicht sein: "Kindergardeners" an der Schulbus-Haltestelle? Nur in Begleitung der Eltern!
Für das Resultat gibt es in den USA längst einen Terminus technicus: "Velcro parents" – Kletten-Eltern.
(Princeton Post XXXIII)
In wenigen Tagen geht es mit Sack und Pack wieder für den Sommer nach Deutschland, zum vierten Mal. Fast könnte man schon vom Pendeln sprechen. Das einzige, was dabei keine Vorfreude auslöst, ist die Aussicht auf das Fliegen. Die Tickets werden teurer, Flugzeuge und Flughäfen noch voller und enger. Für den zweiten Koffer muss der Passagier inzwischen 50 Extra-Dollars hinblättern. Von drohenden Streiks, Vulkanaschewolken und anderen Unannehmlichkeiten ganz zu schweigen.
Nun ist das aber – zumindest im Familienverbund – das einzige Mal im Jahr, dass wir uns das antun müssen. Richtig schwer haben es die echten Pendler, die tagtäglich im öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel zwischen irgendeinem Suburb in Central Jersey und New York City hin- und herfahren müssen. Pendeln ist in Amerika mit seiner bröckelnden Infrastruktur nämlich etwas ganz Spezielles.
Nehmen wir eine Fahrt von New York Penn Station nach Princeton Junction, an einem Dienstagnachmittag. Rush hour. Frühestens zehn Minuten vor Abfahrt wird angekündigt, auf welchem Gleis der Nahverkehrszug von New Jersey Transit steht. Dann drängen und schieben sich Dutzende Pendler durch mächtige Eisentüren, die aufzustemmen (und höflich für die Nachfolgenden aufzuhalten) ein echter Kraftakt ist. Im klaustrophobisch engen Abstieg steht die Rolltreppe fast immer still.
Unten ist es dunkel, stickig und laut. Wenn man Glück hat, steht am selben Bahnsteig gegenüber keine Diesellok von Amtrak und nimmt einem die Luft. Alles rennt nach Leibeskräften am Zug entlang, um weiter vorn noch einen freien Platz zu ergattern. Seit die Züge aus Sparzwang seltener fahren, sind sie noch länger und voller geworden. Dafür ist der Preis für eine Rückfahrkarte zuletzt auf einen Schlag um 25 Prozent auf 35 Dollar gestiegen.
Hat man glücklich einen Sitz erobert, brummt bald die Klimaanlage los, der Zug ruckt an und schaukelt langsam durch den Tunnel unter dem Hudson River. Es ist ein uraltes Exemplar, das jede Schwelle spüren und hören lässt. (Wenn es regnet, rauscht das Wasser in den Verbindungsstücken zwischen den Waggons nur so durch die Decke.)
Nun ertönt zum ersten Mal die Stimme des "conductors", des Schaffners. Der Lautsprecher überträgt aber vor allem das laute Rattern der Waggons. Folglich ist der Schaffner nur für erfahrene Pendler zu verstehen. Er zählt die Stationen auf, an denen der Zug hält. Kein Express, hält aber auch nicht überall. Ein paar Leute springen hektisch auf und suchen ihren Kram zusammen; sie haben den falschen Zugtyp erwischt und können in Seacaucus, gleich hinter dem Tunnel, noch einmal aussteigen, um auf den nächsten "local" zu warten. Das kann 45 Minuten oder länger dauern.
Es folgen einige Ärgernisse, wie man sie auch von der Deutschen Bahn kennt: Mitten auf der Strecke steht man immer mal wieder für zehn Minuten herum, weil weiter vorn ein verspäteter Bummelzug den Verkehr aufhält. Die Lok geht plötzlich kaputt, und alle müssen auf einen Ersatzzug warten. Oder, das dann wieder eher USA-typisch, der Strom fällt einfach für eine Weile aus.
Doch selbst eine Fahrt ohne unplanmäßige Hindernisse erfordert höllische Konzentration und gute Nerven. Vor jedem Bahnhof meldet sich der Schaffner nämlich wieder. Dann zählt er all jene Waggons am Anfang und/oder Ende des Zuges auf, für die der Bahnsteig zu kurz ist. Deren Passagiere müssen deshalb durch den Zug nach vorne oder hinten hechten, um aussteigen zu können. "Next stop: Metuchen", rattert der Schaffner los. "Wenn Sie in den letzten vier Waggons sitzen, gehen Sie nach vorn bis Wagen Nummer 1341. Wenn sie in den ersten beiden Waggons sitzen, gehen Sie nach hinten bis Wagen 1506. 1337, 1338, 1339, 1340 nach vorn, 1504 und 1505 nach hinten. Metuchen is next"
Ob man das richtig verstanden hat oder nicht, sieht man erst, wenn es zu spät ist – wenn sich nämlich die Türen nicht öffnen, weil davor kein Bahnsteig wartet. (Manchmal öffnen sich die Türen natürlich auch dann nicht, wenn mit dem Bahnsteig alles in bester Ordnung ist. Dann ist der Zug defekt.)
Für all das entschädigt nur die unvergleichliche Aussicht auf die Landschaft des nördlichen New Jersey, die erstmals nun auch hier zu bewundern ist. Wir durchfahren die Hinterhöfe von Newark, Elizabeth, Linden, Rahway, Metropark, Metuchen, Edison und New Brunswick. "Princeton Junction is next. If you are seated in the last two cars, walk forward..."
Und alles nur, damit mir der Abschied von New Jersey nicht so schwerfällt. Denn eins muss man bei allem Gemecker doch sagen: Das Wetter ist hier einfach besser.
Bis bald in Good Old Germany!


































(Princeton Post XXXII)