
"Es ist Winter", sagt R., unser inzwischen gut Dreieinhalbjähriger, "wenn draußen Schnee liegt und drinnen Weihnachten ist."
Es ist Winter, finde ich, wenn der Einkaufsstreß losgeht.
Damit ist nicht das Geschenkekaufen gemeint. Das ist hüben wie drüben gleichermaßen durchzustehen und inzwischen doch stark vereinfacht durch eCommerce und jahrelange Erfahrung.
Als traditionstreue Deutsche sind mir aber in der Adventszeit so einige Bastelarbeiten wichtig. Und deren "Zutaten" zu besorgen, ist in diesem Land ein Albtraum.
Mit dem Adventskranz fängt es an. Kränze aus Fichten- oder Kieferngrün hat man hier auch, schöne sogar mit roten Bändern und Schleifen. Aber die hängen senkrecht an den Türen, und das natürlich ohne Kerzen.
Daß es Kerzenständer für Adventskränze in Amerika nicht geben würde, war also abzusehen. Hat man ja noch aus Deutschland. Das Problem sind die Kerzen. Tagelang bin ich im ersten Jahr herumgeirrt, um welche zu finden, die das richtige Rot und die richtige Größe haben - und NICHT zum Himmel stinken.
Unparfümierte Kerzen sind hier etwas ganz exotisches. Vor Kerzen-Verkaufsregalen wird mir regelmäßig schummerig vom olfaktorischen Overkill. Gibt man bei amazon.com "unscented candles" als Suchbegriff ein, werden fast ausschließlich weiße Votivkerzen angeboten.
Immerhin verkauft einer der örtlichen Schreibwarenläden passable Exemplare. Offenbar mußte man denen aber das Parfüm in Handarbeit erst wieder entziehen - wie sonst ließe sich erklären, daß ein vielleicht zwölf Zentimeter hohes und dreieinhalb Zentimeter dickes Kerzchen $4,20 kostet? Das ist schon der Discount-Preis, wenn man gleich ein ganzes Paket mit acht Stück nimmt. Die man aber auch unbedingt braucht, weil man es mit vier Kerzen selbst bei reinem Sonntags-Gebrauch nicht bis Weihnachten schafft.
Dann: die selbstgemachten Kalender für die Großeltern, mit Fotos und Kunstwerken der Kinder. Ich bin da altmodisch und möchte das in Handarbeit machen, mit Schere, Alleskleber usw. Aber Blanko-Kalender aus einfarbigem Karton, mit einer nicht zu großen Freifläche? Fehlanzeige.
Die einzige Alternative ist virtuelles Basteln im Internet, wo man seine digitalen Fotos bei den entsprechenden Anbietern in vordesignte Formate einsetzt und das gedruckte Ergebnis dann zugeschickt bekommt. Aber wie bringe ich R.s Fingerfarbenbilder oder N.s liebevoll gezeichnete Sternenflotten-Schlachtschiffe da hinein?
Selbermachen heißt hier, daß man nach Zahlen malt. Auf irgendetwas noch Plastikaugen oder Glitter draufklebt, oder beides. Weihnachtsplätzchen-Dekorationssets kauft und Fertigkekse mit rot-weiß-grünen Zuckerperlen bestreut.
Nehmen wir “Michaels”, eine große Einzelhandelskette für Künstler- und Bastelbedarf. Schon vor dem Eingang schrecken Gitterkörbe voller Plastikkürbisse ab, noch von Halloween und Thanksgiving übrig, grellfarbig und spottbillig. Drinnen plärrt und zuckelt es auf allen Regalen. Tanzende Rentiere, hüftschwingende Weihnachtsmänner, singende Poinsettias. Saisonware, frisch eingetroffen aus China.
Auch Bastelsets gibt es viele, wo alles schon fertig zugeschnitten und in der richtigen Reihenfolge zurechtgelegt ist, so daß die Bastelei mit Anleitung in wenigen Minuten erledigt ist. Das ist ungefähr so selbstgemacht, wie eine Tiefkühlpizza vor dem Aufbacken noch mit vorgeschreddertem Beutelkäse zu bestreuen. Alles Formate für kurze Aufmerksamkeitsspannen.
Nicht zu finden sind dagegen etwa fester Bastelkarton in Grundfarben oder unbemalte Holzkugeln. Filz gibt es nur mit einer selbstklebenden Seite. Blanko-Kalender natürlich überhaupt nicht.
Immerhin: Auch in diesem Jahr haben wir einen Adventskranz, der nach echten Fichtennadeln duftet und nicht nach Duftkerzen stinkt. Auch in diesem Jahr werden Tannenbäume aus Pennsylvanias Wäldern angeboten und nicht nur Plastikbäumchen zum Ausklappen (wahlweise mit oder ohne Schmuck).
Das Beste an der amerikanischen Weihnachtstradition ist natürlich, daß die geschmückten Bäume schon Anfang Dezember aufgestellt werden - und nicht erst am Heiligabend. Die Straßen sehen dadurch wochenlang schön festlich aus, und von draußen kann man zum Glück nicht erkennen, ob Plastik- oder echte Tannen in den Wohnzimmern stehen. (Wir bleiben allerdings auch hier unserer Tradition treu; auf dem Foto ist deshalb der Weihnachtsbaum vom letzten Jahr zu sehen.)
Irre auch, was sich so alles Neues zur Weihnachtszeit ausgedacht wird - das Candy-kackende Weihnachtsschaf zum Beispiel. Und in Chicago wurden gerade Bushaltestellen im Auftrag der Firma Kraft mit Heißluftgebläsen ausgestattet. Damit die Wartenden in wohliger Wärme stehen - und außerdem in heimeligem Festtagsbratenduft. Geworben wird nämlich, unter Einsatz von verführerischen Duftstoffen, für Fertig-Truthahnfüllungen der Marke Stove Top.
Weihnachtsbraten zum beinahe Selbermachen, sozusagen…
(Princeton Post XXIII)