Dienstag, 19. Februar 2008

Ver-gifted

Familienausflug zur Howell Living History Farm an einem Sonntag im letzten Herbst. N.´s siebenjähriger Freund C. sitzt mit im Auto. Mißtrauisch äugt er aus dem Fenster, besieht sich das Armaturenbrett unseres alten Daimlers. "Somehow, I feel safer in an SUV", sagt er schließlich. (Seine Eltern haben zwei davon, einen Familien-Kleintransporter für Mom und einen Geländewagen für Dad.)
Einige Minuten später fragt C.: "Are you paying for this car on a monthly basis?" Nein. Aber wir sind auch so ziemlich die einzigen Leute weit und breit, deren Auto mehr als vier, fünf Jahre auf dem Buckel und weniger als 100 PS unter der Haube hat. Das noch dazu der einzige Familienwagen ist. Und weder GPS noch DVD-Spieler an Bord hat.

Nach anderthalb Jahren im nördlichen New Jersey war ich nicht mehr so erstaunt zu lesen, daß sich sowohl der Gesamtwert der privaten Hypothekenkredite als auch die Summe der Konsumkreditschulden in den USA zwischen 2000 und 2006 verdoppelt hat. Das Leben über die Verhältnisse ist normal, materieller Überfluß wird von Kindesbeinen an gepflegt.

Als N. im Januar seinen 8. Geburtstag feierte, hatte er neun Freunde eingeladen. Kinder aus Familien, die hier nicht durch einen ungewöhnlich üppigen Lebensstil auffallen. N. bekam Geschenke im Wert von einigen hundert Dollar. Einer hat ihm ein großes Lego-Bauset
und einen Gameboy mitgebracht.

Auch als Gastgeber für die eigenen Kinder scheuen Eltern weder Aufwand noch Kosten. Schon zum 1. Geburtstag unserer Nachbarstochter kamen professionelle Puppenspieler ins Haus, um die "kids" zu unterhalten. Bei Sechs-, Siebenjährigen darf es dann schon eine "Spa Princess Birthday Party" für ein Dutzend Freundinnen (Profi-Make-Up inklusive) sein. Oder ein Ausflug in eine "Laser Tag Arena", wo die Jungs mit Infrarot-Knarren auf
Papp-Aliens ballern.

Der neueste Trend: Zweimal im Jahr Geburtstag feiern. Am letzten Sonntag waren unsere Söhne zu R.s fünfeinhalbstem Geburstag eingeladen. Eine Super-Hero-Party. Batman-Masken für alle, Bonbonregen aus dem Batmobil, Geburtstagstorte, goodie bags für die kleinen Gäste. Und natürlich Geburtstagsgeschenke für R.

Die Geschenkeflut beginnt sogar schon vor der Geburt. Rebecca, Produktmanagerin in der Babypause, berichtet von ihrer sogenannten baby shower. Die "Dusche" besteht in diesem Fall darin, daß die werdende Mutter mit Geschenken für ihr Kind überschüttet wird. "I actually had two baby showers", sagt Rebecca. Eine hatte ihre Schwiegermutter organisiert, die andere ihre beste Freundin. "Ich habe mich geschämt, weil ich so unglaublich viel bekommen habe." Unter anderem gleich zwei teure Kinderwagen.

Der Konsum-Wettbewerb ist inflationär. Bei Kindergeburtstagen, "consumer electronics" (Stichwort: wandfüllende Flachbildschirme), Küchenrenovierungen und beim Familienfuhrpark. Gleichzeitig muß aber fürs College der Kinder bezahlt werden. Und für die Altersvorsorge. Und eben auch fürs Haus.

Noch ein paar Daten dazu, gesammelt im Harper´s Magazine: 70 Prozent der US-Wirtschaftsleistung entfallen auf den privaten Konsum. (In China ist es ein Drittel.) Noch 1980 gaben die Amerikaner doppelt soviel Geld im Supermarkt aus wie im Restaurant; heute ist das Verhältnis zwischen Lebensmittel- und Restaurantrechnungen 1:1. Und obwohl für die meisten US-Bürger gilt, daß ihr Realeinkommen stagniert oder sogar sinkt, ist das Konsumniveau pausenlos weiter angestiegen. Inzwischen ist die Sparquote negativ. Jedes Jahr wird im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mehr Geld ausgegeben als verdient.

Das ging gut, solange die Wette auf immer höher steigende Immobilienpreise hielt. Die Hypothek auf das je neue Eigenheim - und noch der eine oder andere Konsumkredit obendrauf - war "abgesichert" durch die erwartete Wertsteigerung eben jenes Eigenheims in der Zukunft. Die jahrelang auch zuverlässig eintrat, zweistellig sogar. Man verkaufte ein Haus mit Gewinn und kaufte gleich das nächste, größere - wieder auf Pump. Das ökonomische perpetuum mobile schien erfunden.

Damit ist es offenbar vorbei. Immobilienblase geplatzt. Weiteres milliardenschweres Ungemach droht im Kreditkartengeschäft. "Consumers", faßt es
UCLA-Ökonom Edward E. Leamer in der New York Times zusammen, "are overspent and heavy in debt."

Und jetzt? Bricht ein neues Zeitalter der Bescheidenheit an? Wird gezwungenermaßen gespart, was das Zeug hält? Besteht vielleicht sogar die Chance zu einer auf mehr Nachhaltigkeit ausgerichteten Ökonomie? Oder werden die Finanzdienstleister rechtzeitig neue, kreative Instrumente erfinden, um das Prinzip des Wachstums auf Kredit über eine weitere Runde zu retten?

Die Politik jedenfalls plant fürs erste, mit Steuerrabatten Konsumlust und Wirtschaftswachstum zu stimulieren. (Ein Wirtschaftspsychologe empfahl bereits, die Schecks als "bonus" statt als "tax rebate" auszuweisen, damit die Bürger es auch tatsächlich als Extra-Geld zum Ausgeben erkennen - und nicht etwa sparen.)

Neue Gelegenheiten zum Geldausgeben ließen sich gewiß auch erschließen. Um beim Beispiel der Kindergeburtstage zu bleiben: Man könnte eins der hinreißenden Bücher des Schweden Sven Nordquist über den alten Pettersson und seinen Kater Findus zum Vorbild nehmen. Denn Findus hat dreimal im Jahr Geburtstag. Einfach weil das so lustiger ist. Ebensogut könnte man sagen: Einfach weil das so lukrativer ist.

(Princeton Post XV)

Sonntag, 3. Februar 2008

Vorwahlen im Vorgarten

Okay, der Super Bowl wäre geschafft. Manege frei für den Super Tuesday mit Vorwahlen in 22 Bundesstaaten.

Seit John Edwards aufgegeben hat, ist bei den Demokraten der Zweikampf zwischen Hillary und Obama endlich voll entbrannt. Weiße Frau gegen schwarzen Mann – mehr Spannung geht nicht. Bei den Republikanern ist es nicht ganz so aufregend: Wall-Street-Mormone gegen greisen Kriegshelden. Immerhin.

Immer mal wieder werde ich jetzt aus Deutschland gefragt, wer's denn meiner Meinung nach wird. Kandidat(in) und dann Präsident(in). Nur bin ich trotz geographischer Positionierung auch nicht näher am politischen Puls der Nation, fürchte ich. Aber schauen wir uns um.

Autoaufkleber? Fehlanzeige. Auch in Princetons Vorgärten geht es alles andere als aufgeregt kontrovers zu. In unserem gesamten Viertel mehrheitlich white, upper middle class, liberal habe ich bislang erst zwei von diesen Vorgarten-bumper stickers auf zwei dünnen Drahtbeinen erspäht.

Beide werben für Obama.

Eines der Mini-Wahlplakate steht im Vorgarten unserer Nachbarin Betty. Sie ist 70, geschiedene Mutter von zwei Söhnen und mehrfache Großmutter
und politische Insiderin.

Vom Profil her könnte sie eine typische Hillary-Wählerin sein. Aber weit gefehlt. Wenn Hillarys Name fällt, erlaubt sich Betty, sonst ganz diskret, sogar einen angeekelten Gesichtsausdruck. “You don´t want to get involved with the Clintons”, sagt sie bestimmt. Um die Clintons sollte man einen weiten Bogen machen.

Betty hat den Wahlkampf der Basketball-Legende Bill Bradley gemanagt, als Bradley sich 2000 gegen Bill Clintons Vize Al Gore um die demokratische Präsidentschaftskandidatur bewarb. Er war, ähnlich wie Barack Obama heute, ein Abtrünniger des Parteiestablishments, der vor allem unabhängige Wähler ansprach. Auch Bradley und sein Wahlkampfteam bekamen zu spüren, daß die Clintons mit allen Mitteln kämpfen. Und daß sie besonders giftig werden können, wenn ihnen - oder ihren engeren Mitstreitern - einer aus der eigenen Partei die frontrunner-Stellung streitig macht.

Den Clintons gehe es allein um die Macht, sagt Betty. Obama hingegen hält sie für echt. Er wolle wirklich etwas bewegen, für Amerika. Sie hat Bill Bradley gefragt, und der habe ihr bestätigt: “Obama is for real. He is authentic.”

Nun ist Bradley selbst vor einigen Wochen als Berater in Obamas Wahlkampfteam eingestiegen, und es ist Teil seines Jobs, Multiplikatoren wie Betty – deren Rat auch bei jüngeren Leuten gefragt ist – günstig zu beeinflussen. Doch eindeutig ist Obama eine potentielle Identifikationsfigur für all jene, die der Geschichte vom Aufstand der Aufrechten gegen ein handlungsunfähiges und korruptes politisches Establishment (Feindbild: Washington, D.C.) folgen. Und das sind in den USA seit jeher nicht wenige.

Sieht man sich Obamas Spenden-Sammelrekord im vergangenen Monat an und bedenkt, daß ihn nun auch Ted Kennedy unterstützt, könnte man glatt beginnen, an eine Art Wunder zu glauben (wobei das Wort “believe” seine Wahlkampfrhetorik übrigens mindestens ebenso dominant durchzieht wie “change”).

New York Times
-Kommentator David Brooks
sieht – “grandparents and children united against the parents” – eine neue Verbindung zwischen Alten (Ted Kennedy) und Jungen (Obama) gegen die Clintons als die politischen Platzhirsche der Babyboomer-Generation. Geknüpft an die Hoffnung, wieder “gute” Politik nicht nur im taktischen, machterhaltenden Sinne zu machen: “inspiration versus calculation; future versus the past; and most of all, service versus selfishness”.

Aber will man wirklich noch einmal auf den alten JFK-Mythos hereinfallen!?

Interessanter fragt Peter J. Boyer im New Yorker, ob Obama und mehr noch der 38-jährige, charismatische Bürgermeister von Newark, Cory Booker, Vorreiter einer “post-racial generation” seien – einer neuen Politiker-Generation von schwarzen Eliteuni-Absolventen, die es erstmals in der US-Geschichte schaffen könnten, die Rassenfrage zu transzendieren.

Dana winkt beim Thema “Obama als Hoffnungsträger” gleich ab. Dana ist Mitte dreißig, Mutter (bald zweifache), außerdem business partner ihres Mannes und politisch engagiert, seit ihre Mutter, eine Delegierte des Staates New Jersey, sie 1984 zur National Convention der Demokraten nach San Francisco mitnahm. Für sie ist Obamas Hautfarbe nur ein Handicap im Kampf um das Weiße Haus, und vielleicht nicht einmal das größte.

“Nichts würde den Republikanern besser in den Kram passen, als wenn die Demokraten Obama zu ihrem Kandidaten machten”, sagt sie. Begründung: Wie jeder Mensch habe auch er Leichen im Keller. Die republikanischen spin doctors, Weltmeister in der oft entscheidenden Wahlkampfdisziplin Schmutzwerfen, hätten ihre Munition gegen ihn längst gesammelt und warteten nur darauf, sie einzusetzen.

(Für Fans von Verschwörungstheorien: Laut Dana haben sich in manchen Staaten republikanertreue Wähler massenhaft als Demokraten registrieren lassen, um bei den Vorwahlen für Obama zu stimmen und ihrer eigentlichen Partei damit den schwächeren Gegner zu verschaffen.)

Nach Danas Überzeugung hat allein Hillary eine Chance gegen die Republikaner, denn ihr könne das Dreckschleudern nichts mehr anhaben: “Über sie ist alles schon gesagt, jede mögliche Lüge verbreitet, jedes dunkle Detail aus ihrer Vergangenheit ans Licht gezerrt worden.” Das Pfund der politischen Erfahrung, mit dem Hillarys Wahlkampfteam ohnehin wuchert, wiegt in Danas Geschichte aus einer ganz ungewohnten Perspektive schwer.

Soviel also zu den stories. Prognosen aber will zu diesem Zeitpunkt fast niemand wagen. Fast alle meine amerikanischen Bekannten erinnern daran, was für ein politisch zersplittertes Land die USA heute seien. Sie verweisen etwa auf das Phänomen der sogenannten single issue voters; Wähler, die ihre Entscheidung für einen Präsidentschaftskandidaten ausschließlich von dessen Position zu einem einzigen Thema
wie Abtreibungabhängig machen. Wer soll da durchfinden?

Nun kann man es mit David Remnick, dem Chefredakteur des New Yorker, halten. Der sagte kürzlich bei einem Vortrag in Princeton, noch nie seien die USA so schlecht regiert worden wie heute – und egal wie die Wahl ausginge, es könne nur besser werden.

Ich will mich aber zum guten Schluß doch noch aus der Deckung wagen. Also: Rutscht die amerikanische Wirtschaft weiter in die Krise, und das sieht so aus, wird in diesem Land weder ein schwarzer Mann noch eine weiße Frau gewählt. Sondern ein weißer Mann.

Remember: It's the economy, stupid!

Nach jüngsten Umfragen tippe ich damit auf John McCain. Aber wer glaubt schon an Umfragen… Und der Super Bowl haben auch die New York Giants gewonnen. Nicht die haushoch favorisierten Patriots.

(Princeton Post XIV)