Montag, 1. Dezember 2008

Advent, Advent...


"Es ist Winter", sagt R., unser inzwischen gut Dreieinhalbjähriger, "wenn draußen Schnee liegt und drinnen Weihnachten ist."

Es ist Winter, finde ich, wenn der Einkaufsstreß losgeht.

Damit ist nicht das Geschenkekaufen gemeint. Das ist hüben wie drüben gleichermaßen durchzustehen und inzwischen doch stark vereinfacht durch eCommerce und jahrelange Erfahrung.

Als traditionstreue Deutsche sind mir aber in der Adventszeit so einige Bastelarbeiten wichtig. Und deren "Zutaten" zu besorgen, ist in diesem Land ein Albtraum.

Mit dem Adventskranz fängt es an. Kränze aus Fichten- oder Kieferngrün hat man hier auch, schöne sogar mit roten Bändern und Schleifen. Aber die hängen senkrecht an den Türen, und das natürlich ohne Kerzen.

Daß es Kerzenständer für Adventskränze in Amerika nicht geben würde, war also abzusehen. Hat man ja noch aus Deutschland. Das Problem sind die Kerzen. Tagelang bin ich im ersten Jahr herumgeirrt, um welche zu finden, die das richtige Rot und die richtige Größe haben - und NICHT zum Himmel stinken.

Unparfümierte Kerzen sind hier etwas ganz exotisches. Vor Kerzen-Verkaufsregalen wird mir regelmäßig schummerig vom olfaktorischen Overkill. Gibt man bei amazon.com "unscented candles" als Suchbegriff ein, werden fast ausschließlich weiße Votivkerzen angeboten.

Immerhin verkauft einer der örtlichen Schreibwarenläden passable Exemplare. Offenbar mußte man denen
aber das Parfüm in Handarbeit erst wieder entziehen - wie sonst ließe sich erklären, daß ein vielleicht zwölf Zentimeter hohes und dreieinhalb Zentimeter dickes Kerzchen $4,20 kostet? Das ist schon der Discount-Preis, wenn man gleich ein ganzes Paket mit acht Stück nimmt. Die man aber auch unbedingt braucht, weil man es mit vier Kerzen selbst bei reinem Sonntags-Gebrauch nicht bis Weihnachten schafft.

Dann: die selbstgemachten Kalender für die Großeltern, mit Fotos und Kunstwerken der Kinder. Ich bin da altmodisch und möchte das in Handarbeit machen, mit
Schere, Alleskleber usw. Aber Blanko-Kalender aus einfarbigem Karton, mit einer nicht zu großen Freifläche? Fehlanzeige.

Die einzige Alternative ist virtuelles Basteln im Internet, wo man seine digitalen Fotos bei den entsprechenden Anbietern in vordesignte Formate einsetzt und das gedruckte Ergebnis dann zugeschickt bekommt. Aber wie bringe ich R.s Fingerfarbenbilder oder N.s liebevoll gezeichnete Sternenflotten-Schlachtschiffe da hinein?

Selbermachen heißt hier, daß man nach Zahlen malt. Auf irgendetwas noch Plastikaugen oder Glitter draufklebt, oder beides. Weihnachtsplätzchen-Dekorationssets kauft und Fertigkekse mit rot-weiß-grünen Zuckerperlen bestreut.

Nehmen wir “Michaels”, eine große Einzelhandelskette für Künstler- und Bastelbedarf. Schon vor dem Eingang schrecken Gitterkörbe voller Plastikkürbisse ab, noch von Halloween und Thanksgiving übrig, grellfarbig und spottbillig. Drinnen plärrt und zuckelt es auf allen Regalen. Tanzende Rentiere, hüftschwingende Weihnachtsmänner, singende Poinsettias. Saisonware, frisch eingetroffen aus China.

Auch Bastelsets gibt es viele, wo alles schon fertig zugeschnitten und in der richtigen Reihenfolge zurechtgelegt ist, so daß die Bastelei mit Anleitung in wenigen Minuten erledigt ist. Das ist ungefähr so selbstgemacht, wie eine Tiefkühlpizza vor dem Aufbacken noch mit vorgeschreddertem Beutelkäse zu bestreuen.
Alles Formate für kurze Aufmerksamkeitsspannen.

Nicht zu finden sind dagegen etwa fester Bastelkarton in Grundfarben oder unbemalte Holzkugeln. Filz gibt es nur mit einer selbstklebenden Seite. Blanko-Kalender natürlich überhaupt nicht.

Immerhin: Auch in diesem Jahr haben wir einen Adventskranz, der nach echten Fichtennadeln duftet und nicht nach Duftkerzen stinkt. Auch in diesem Jahr werden Tannenbäume aus Pennsylvanias Wäldern angeboten und nicht nur Plastikbäumchen zum Ausklappen (wahlweise mit oder ohne Schmuck).

Das Beste an der amerikanischen Weihnachtstradition ist natürlich, daß die geschmückten Bäume schon Anfang Dezember aufgestellt werden - und nicht erst am Heiligabend. Die Straßen sehen dadurch wochenlang schön festlich aus, und von draußen kann man zum Glück nicht erkennen, ob Plastik- oder echte Tannen in den Wohnzimmern stehen. (Wir bleiben allerdings auch hier unserer Tradition treu; auf dem Foto ist deshalb der Weihnachtsbaum vom letzten Jahr zu sehen.)

Irre auch, was sich so alles Neues zur Weihnachtszeit ausgedacht wird - das Candy-kackende Weihnachtsschaf zum Beispiel. Und in Chicago wurden gerade Bushaltestellen im Auftrag der Firma Kraft mit Heißluftgebläsen ausgestattet. Damit die Wartenden in wohliger Wärme stehen - und außerdem in heimeligem Festtagsbratenduft. Geworben wird
nämlich, unter Einsatz von verführerischen Duftstoffen, für Fertig-Truthahnfüllungen der Marke Stove Top.

Weihnachtsbraten zum beinahe Selbermachen, sozusagen…

(Princeton Post XXIII)

Sonntag, 9. November 2008

Neues Spiel?


Ich will ja jetzt kein Spielverderber sein. Daß zum ersten Mal ein schwarzer US-Präsident gewählt wurde, ist ohne jeden Zweifel ein historischer Moment der Sonderklasse.

Aber - warum man nun glauben soll, alles werde hier jetzt anders und besser, das will mir nicht in den Kopf.

Die Partei von "W" Bush mit noch einer weiteren Präsidentschaft zu belohnen, das konnte und durfte ja irgendwie nicht wahr werden. Aber SOOO groß ist Obamas Vorsprung beim Wahlergebnis nun auch wieder nicht ausgefallen. Selbst die Wahlbeteiligung gilt schon nicht mehr als rekordverdächtig; bestenfalls ein Prozentpunkt mehr als 2004, heißt es nun. Weil diesmal das demokratische Team besser motivieren konnte, traditionell republikanische Wähler dagegen politikverdrossen zu Hause blieben. Also, Amerika wollte den Wechsel, irgendwie schon, aber eben doch nicht so GANZ deutlich.

Hier in Princeton war zunächst die Erleichterung groß. In der Innenstadt haben fast fünfmal so viele Wähler für Obama gestimmt wie für McCain, was vorher schon abzulesen war an den vielen Vorgartenplakaten mit blau-weiß-rot aufgehender Sonne. "Jetzt können wir dir bei unserem nächsten Treffen wenigstens in die Augen sehen", mailte Betty, in deren book club ich die einzige Ausländerin bin.

Gerade patriotische Amerikaner, so sie über den nationalen Tellerrand hinausschauen, hatten sich zuletzt für ihr Land geschämt oder sich zumindest um sein Ansehen im Ausland gesorgt. Wegen der verheerenden Klimapolitik. Wegen des Irakkriegs, wegen Guantanamo und Abu Ghraib. Man konnte das spüren, bekam es oft sogar gesagt.

Trotzdem hat die Obama-Begeisterung bei vielen nicht wirklich gezündet. "Letztlich habe ich doch eher gegen McCain als für Obama gestimmt", sagt Debbi, die sich per
Wahlkampf-Sticker am Kinderwagen ihrer Tochter immerhin als "Obama Mama" ausgewiesen hatte. Zur Amtseinführung will sie allerdings nach Washington fahren und auch ihren sechsjährigen Sohn mitnehmen. "Because it is such a historical moment."

Wird Amerika sich neu erfinden - oder hat es schon -, weil Obama Präsident geworden ist? Schaut man auf die Kandidaten seines Schattenkabinetts: Kaum ein neues Gesicht, alles alte Hasen, viele aus der Clinton-Ära. Das sieht erstmal nicht nach Umbruch aus.

Wie sollte es auch, fragt Chris, Journalist und Sachbuchautor, der die Imperialmacht USA seit Jahrzehnten von innen und außen beobachtet. Obama sei schließlich selbst Teil des Washingtoner Establishments. Wer tatsächlich Wandel wollte, hätte für den Grünen Ralph Nader gestimmt. "Aber sie haben lieber einen Popstar gewählt."

Chris sieht die USA ökonomisch und politisch am Abgrund, "und es gibt nichts, was Obama dagegen tun könnte". Er zählt eine Menge Gründe für seinen Pessimismus auf: die Verarmung der Mittelschicht und die Verelendung der Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Der Verlust hunderttausender Industriearbeitsplätze. Der katastrophale Zustand der Infrastruktur, sichtbar an maroden Brücken ebenso wie am Niedergang des öffentlichen Schulsystems. Das Zeitungssterben. Die maßlose Verschwendung von Energie auf allen Ebenen, von Industrie- bis zu Klimaanlagen, SUVs und Wäschetrocknern.

Sogar diese Wahl liest er als Symptom für eine unheilbare Krankheit, die Hybris der Imperialmacht: Schon lobten sich die Amerikaner selbst dafür, daß sie einen Schwarzen zum Präsidenten gemacht hätten, und erklärten wieder aller Welt, seht her, wir sind die Besten, wir können alles erreichen, wenn wir nur wollen.

Chris lebt von seinen Büchern, und provokative Thesen verkaufen sich besser. Die Prognose, das amerikanische Imperium sei dem Untergang geweiht, hat wohl ebensoviele Bestseller hervorgebracht wie ihre Gegenthese, wonach in den USA eben tatsächlich alles möglich ist, auch ein Neubeginn. Vertreten etwa durch den Harvard-Politologen Joseph Nye, der gerade wieder im
Spiegel zitiert wurde und natürlich auch jetzt Optimismus verbreitet.

Und was sagt die Kunst? Es fällt schwer, optimistisch zu bleiben, wenn man die extrem erfolgreiche - und erschreckend düstere - HBO-Serie "The Wire" sieht. Ein Porträt der amerikanischen Großstadt, hier ist es Baltimore, schwärzer geht es nicht. Hier gewinnen die Polizisten nicht gegen die Bösewichter, hier gewinnt eigentlich niemand mehr.

"I didn't start as a cynic", beteuerte "Wire"-Autor David Simon in einem Vortrag vor Studenten in seiner Heimatstadt Baltimore.
Vor 20 Jahren sei er noch deutlich zuversichtlicher gewesen. Doch wann immer dieses Land - sei es auf nationaler oder lokaler Ebene - seitdem eine Wahl hatte, so Simon, hätten seine Institutionen eine Entscheidung gegen den Wert der Menschen und für den Wert des Geldes getroffen: "Capitalism has become our god."

Der führt Amerika in den Untergang, glaubt Simon, weil sich immer weniger "have-alls" immer aufwendiger von immer mehr "have-nots" abschotteten. An dieser Stelle sieht er auch den Rassismus unserer Zeit am Werk: Wenn Weiße in den suburbs sich keine TV-Berichte mehr über die überwiegend schwarze Drogenhölle der Großstädte anschauen wollen, wenn sie weiterzappen. Weil sie denken, das geht mich nichts an, das hat mit meinem Leben nichts zu tun.

Keine zehn Meilen von unserem idyllisch-reichen Kleinstädtchen hier liegt Trenton, die Hauptstadt von New Jersey. Eine Welt, wie sie "The Wire" beschreibt. Die gar nichts mehr mit unserer hier gemeinsam hat.

Damit das so bleibt, herrscht zum Beispiel auf Princetons Straßen und öffentlichen Parkplätzen zwischen zwei und sechs Uhr morgens absolutes Parkverbot. Wer weder Parkausweis noch Garage hat, wer nicht in der Stadt wohnt oder bei Einwohnern zu Besuch ist, hat in der Nacht hier nichts zu suchen. Und zum Schutz ihrer Bürger leistet sich ein Ort mit 30.000 Einwohnern, in dem ein Autodiebstahl "big news" ist, zwei Polizeibehörden. Das schon zu Zeiten, in denen von Wirtschaftskrise noch keine Rede war.

"Wir sind eine Gesellschaft ohne den Willen, ihre eigenen Probleme ernsthaft unter die Lupe zu nehmen", schrieb Simon nach dem Ende der "Wire"-Serie an sein Publikum. Die amerikanische Kultur meide alles Komplexe oder Widersprüchliche und suche nur einfache Lösungen. "Wir lassen uns gern provozieren und erregen, aber wir widersetzen uns einer harten, schmerzhaften Analyse von Sachverhalten, die uns am Ende dazu bringen könnte, unsere Probleme zu erkennen - was der entscheidende erste Schritt wäre, um auch nur eines davon zu lösen."

"The Wire" handelt von "the America we pay for and tolerate", so Simon. "Perhaps it is possible to pay for, and demand, something more."


Jetzt, wo Amerika auch das Geld ausgeht, bleibt womöglich gar nicht mehr viel anderes, als auf eine Art Wunder zu hoffen. Daß es eben doch das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" sein kann, auch beim Umdenken. Und nach Lage der Dinge hat Obama jetzt das größte Wunder-Potential. Wenn nicht auch er nur der neueste, ganz besonders spektakuläre "Aufreger" war.

(Princeton Post XXII)

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Indian Summer


Ehe der Goldene Oktober - oder eben: Indian Summer - sich endgültig verabschiedet, und bevor jeder nur noch auf Wahlen und Wirtschaftskrisen schaut: Ein paar Herbstbilder aus unserer Straße, aus Princetons "Mounta
in Lakes"-Naturschutzgebiet (meinem bevorzugten Laufgelände, N.s und R.s liebstem Frösche-, Salamander- und Wasserschlangen-Jagdgebiet), vom Delaware River und aus Washington Crossing (wo George Washington, damals noch General, Weihnachten 1776 den Grenzfluß von Pennsylvania nach New Jersey überquerte und damit die Wende im Unabhängigkeitskrieg einleitete).

Zugegeben: Ganz so golden ist es inzwischen auch nicht mehr; vorgestern hat es zum ersten Mal geschneit...



























































Dienstag, 14. Oktober 2008

Krisenszenarien


Dagmar hat noch einmal gründlich überlegt, ob sie sich den Deutschkurs an der Princeton Adult School für $150 trotzdem leisten soll. Sie ist Ende 50 und seit kurzem arbeitslos. “Merrill Lynch”, sagt sie nur, lächelt resigniert. Ob sie noch einen neuen Job finden muss, oder ob ihr Angespartes ausreicht, um schon jetzt in Rente zu gehen, ist unklar. Ihr 401(k)-Guthaben, der steuerbegünstigte Sparplan, mit dem US-Arbeitnehmer Geld fürs Alter anlegen, schmilzt in Rekordzeit ab. “Im Moment ist es wohl ohnehin besser, in Bildung zu investieren”, sagt Dagmar sarkastisch, als sie den Scheck für den Sprachkurs ausstellt.

Phil merkt an seinen Aufträgen, daß sich die Finanzkrise zur allgemeinen Wirtschaftskrise auswächst. Kaum jemand läßt derzeit noch den Dachboden ausbauen, leistet sich eine komplette Küchenrenovierung oder ein neues Bad. Nur “odd jobs” könne er im Moment machen, sagt der selbständige Handwerker, kleinere Reparaturen, wie sie in den typischen Einfamilienhäusern ständig anfallen. Heute sei er froh, daß er sich auch einen Kundenstamm als “handyman” aufgebaut habe. Abflüsse reparieren, neue Lampen installieren, Bilder aufhängen, alles für $40 pro Stunde. Phil und seine Frau erwarten im November das zweite Kind. Es muss halt reichen, auch für vier.

Ann macht sich Sorgen um den Börsenwert ihres Unternehmens. Sie arbeitet als Beraterin für einen Technologiekonzern mit breit gefächertem Angebot – unter anderem Alarmanlagen, Feuerlöscher, Sprinkleranlagen, Medizintechnik, Armaturen und Stahlbauteile für die Autoindustrie. “Immerhin verkaufen wir echte Produkte, wir stellen etwas her, was auf dem Markt gebraucht wird”, sagt sie. Doch trotz eines guten Geschäftsjahrs ist der Aktienkurs in den vergangenen Wochen fast um die Hälfte eingebrochen. Schlechte Aussichten für Investitionen und Arbeitsplätze.

David bangt bereits akut um seinen Job. Er arbeitet für eine Werbefirma in New York – und ihre Werbeetats streichen krisengebeutelte Unternehmen als erstes zusammen. Mit seiner Frau überlegt er jetzt, ob beide ihre letzten Spardollars opfern und die Hypothek auf ihre Doppelhaushälfte tilgen sollen. Dann wäre wenigstens das Dach über dem Kopf fürs erste sicher.

Während alle diese Leute noch darauf warten, wie stark sie die Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren bekommen, blickt Andrew Dechet längst darüber hinaus. Der 40-jährige Princeton-Absolvent und Partner des Private-Equity-Unternehmens Texas Pacific Group, vor drei Jahren Münteferings bestgehaßte Heuschrecke, präsentiert als Festredner an seiner ehemaligen Universität die Krise im Power-Point-Format: Bewegte Kurven und Diagramme, die Verluste sind schon eingepreist, fast abgehakt, Bewegung bringt immer auch neue Gewinnchancen. Nicht alles Kapital ist vernichtet, viele Milliarden warten nur darauf, wieder investiert zu werden. Gut für sein Geschäft.

Dechets Job ist es nicht, Industriearbeitsplätze zu erhalten, sondern erstklassige Renditen zu erwirtschaften; für reiche Investoren, aber auch für Rentenfonds. Unternehmen auf Kredit gekauft, die Schulden der betreffenden Firma in die Bilanz geschrieben – wenn das gutgeht, profitieren angeblich alle; geht es schief, bleibt das gekaufte Unternehmen auf den Schulden sitzen, nicht die sogenannten Investoren. Smart.

In Dechets Welt gilt auch als “smart”, wer ohne Einsatz von Eigenkapital und mit Hilfe einer Ramschhypothek zu günstigen Zinsen zwei Jahre lang ein Haus “besitzt”, das er sich zur Miete nie leisten könnte. Steigt der Zinssatz ins Unbezahlbare, drückt man der Bank die Schlüssel in die Hand und zieht weiter. In Dechets Welt hat Pech, wer gerade in dem Moment, wo die Krise richtig reinhaut, das Rentenalter erreicht und sein 401(k)-Guthaben auf weniger als das Existenzminimum zusammengeschrumpft findet.

Wie geht das nun weiter? Frank Schirrmacher sieht in der FAZ nach dem “Bankrott der Metaphysik des Marktes” unsere Gesellschaftsordnung bedroht, und zwar ausdrücklich nicht durch die allzu menschliche Gier jedes einzelnen, sondern durch die Abkoppelung der Wirtschaftseliten vom Rest der Gesellschaft. Er zitiert den amerikanischen Evolutionsbiologen und Geographen Jared Diamond: “Nach Diamond steigt die Bereitschaft handelnder Eliten, eine Gesellschaft zu ruinieren, proportional mit ihrer Möglichkeit, sich von der Gesamtgesellschaft ökonomisch zu isolieren.” Diese Eliten “fühlen sich sicher”, so Jared, “weil sie sehr konzentriert und in überschaubarer Zahl auftreten. Sie sind durch die Aussicht auf schnelle, sichere Profite hoch motiviert, während sich die Verluste stets auf eine sehr große Zahl von Individuen verteilen.”

Nun sind sie zu weit gegangen, folgert der deutsche Intellektuelle: “Die Krise verändert nicht nur die Welt. Sie verändert das Denken.”

Nicht für das Wunderkind der angelsächsischen Finanzwelt. Auch Dechet fragt mit Blick auf die rasende Talfahrt der Power-Point-Kurven: “Verändert sich die Welt?”, antwortet aber naturgemäß mit Nein. Aus der Krise liest er keinen Bruch, kein Ende; er erzählt sie als Teil der zyklischen Wirtschaft – wenn auch in dieser Runde mit ungewöhnlich heftigen Ausschlägen. Daß die amerikanischen Anleger und Verbraucher jemals so nachhaltig pessimistisch werden könnten wie die Deutschen, mag er sich gar nicht vorstellen: “I am sure that in the end, the American consumer will always be optimistic.”
Irgendwann geht es schon wieder aufwärts.

Bis es soweit ist - flexibel sein und in Bildung investieren, empfiehlt Dechet dann noch einem
Studenten, der fragt, wo er demnächst einen Job finden soll: "Go to Grad school!" - mach deinen Doktor.

Lassen wir das Schlußwort dem frisch gekürten Nobelpreisträger aus Princeton, Paul Krugman. Der schrieb Anfang des Monats unter dem Titel "Edge of the Abyss" in der New York Times, sicher sei derzeit nur eines: "The next administration’s economic team had better be ready to hit the ground running, because from day one it will find itself dealing with the worst financial and economic crisis since the Great Depression."

(Princeton Post XXI)

Samstag, 27. September 2008

Depression statt Obamania?


Nach 20 Minuten Debatte schnarchten die ersten beiden schon.

Vielleicht lag es an der späten Stunde; 8 pm in Oxford, Mississippi heißt schon neun Uhr abends an der Ostküste, plus anderthalb Studen Obama versus McCain macht 10.30 pm, da sind hart arbeitende Amerikaner wochentags zu Hause und im Bett.

Nicht an diesem Freitagabend, da hatten sich acht "liberals", ausgewiesene Demokraten mit Obama- Plakat im Vorgarten, (und eine halbwegs neutrale Beobachterin aus Deutschland) bei Rees nebenan zum Debattengucken eingefunden. Mit Chardonnay aus Kalifornien, Bordeaux aus Frankreich und Italian prune cake zum Dessert.

Es läuft die erste TV-Debatte zwischen Obama und McCain, und das erste, was auffällt: Alle hier wollen den Senator aus Illinois im Weißen Haus sehen - aber von der Euphorie der Vorwahlkampfmonate ist fast nichts mehr zu spüren. Nicht mal in diesem Teil Princetons, einer Hochburg der "liberals". Damals waren im Frühlingsregen Obama-Anhänger an Knotenpunkten des Berufsverkehrs auf- und abgehüpft, hatten mit "Change"- und "Yes We Can"-Plakaten ein neues politisches Zeitalter heraufbeschworen.

Es hat sich ausgerappt. Obamas Vorsprung in den Umfragen ist drastisch geschrumpft - trotz oder womöglich gar
wegen Sarah Palin. Und eines der meistdiskutierten Themen an diesem Abend ist eine Untersuchung, wonach der erste schwarze Präsidentschaftskandidat von diesen Umfragewerten sogar noch sechs bis sieben Punkte abziehen müsse. Weil so viele Amerikaner in den "polls" nur nicht zugeben wollten, daß sie aus rassistischen Gründen in der Wahlkabine eben doch für den weißen Kandidaten stimmen würden.

Der Wall-Street-Blues gibt jetzt den Ton an. "Hoffentlich trägt die Kernschmelze in meinem Aktiendepot wenigstens dazu bei, daß nicht NOCH einmal ein Republikaner gewählt wird", sagt eine Mitt-Sechzigerin sarkastisch. Wie fast alle hier, in einem Land ohne umlagefinanziertes Rentensystem, sieht sie ihre Altersvorsorge schwinden. Er mache die Umschläge mit seinen Depotauszügen schon gar nicht mehr auf, sagt ein älterer Anwalt.

Von den beiden Kandidaten hat an diesem Abend keiner eine überzeugende Antwort, wie er mit der Finanzkrise umzugehen gedenkt. 700-Billion-Dollar-bailout - Yes or No? Um diese Frage eiern beide herum. McCain verwechselt mehrfach Steuerabschreibungen (depreciations) mit Dividenden (dividends), wie die Runde hämisch registriert.

Obama wirkt seltsam unberührt, trotz sichtbaren Bemühens um volksnahe Sätze. Er zündet nicht in diesem Debattenformat, wo das Live-Publikum am Austragungsort ausdrückliches Emotionsverbot hat - kein Jubel, kein Buhruf ist gestattet. Nicht einmal Applaus.

Auch in Rees' Wohnzimmer kommt keine Begeisterung auf, allenfalls bemäkelt man McCains paternalistisches, bisweilen fast feindseliges Gebaren. Wie gesagt, die ersten sind nach zwanzig Minuten eingeschlafen, zwischenzeitlich dämmern bis zu vier von acht Zuschauern weg.

"It's still Obama's to lose", sagt der Anwalt am Ende. Klingt eher beschwörend als überzeugt. Hatte man über Al Gore damals ja auch gesagt. Und was, wenn all die euphorisierten Erstwähler, auf die die Demokraten diesmal so große Hoffnungen setzen, ihren politischen Messias nun auf Normalkandidatenformat zurechtgedreht sehen?

Nahezu unbemerkt ist im Getöse der Banken-Götterdämmerung auch das Barometer der optimistischen Grundstimmung gefallen, nicht ins Bodenlose vielleicht, aber doch spürbar. Kaum einer mochte noch in das texanische Gedröhn des McCain-Beraters Phil Gramm einstimmen, der allenfalls eine "mental recession" für Amerika sehen wollte und über seine Landsleute spottete, sie hätten keinen Mumm mehr, seien "a nation of whiners" geworden - Jammerlappen-Land.

NZZ-Autorin Andrea Köhler geht so weit, von einer "moralischen Krise" zu sprechen, "die tief in den kollektiven Seelenhaushalt eingreift". Ihr Eindruck: Der von Peter Sloterdijk festgestellte "Vorrang der Manien vor den Depressionen" im psychodynamischen Gesellschaftsvertrag der USA wackelt. Die Implosion der Finanzindustrie hat zugleich die ökonomische Basis und den fundamentalen Stolz der Nation erschüttert. Da hilft es nicht, wenn Obama, der stets den "change" beschwor, nun auch nur die Floskel parat hat, dass "wir Amerikaner" schon andere Krisen gemeistert hätten. So viel Wandel wollte dann doch keiner.

Schwer zu sagen, wovor die Gruppe in Rees' Wohnzimmer mehr Angst hat: daß die Krise vollends aus dem Ruder läuft und ihre ökonomische Existenz bedroht - oder daß die Krise womöglich nicht hart genug ausfällt. Daß dieselben Leute, die nach ihrer Ansicht die Misere zu verantworten haben, mit Hilfe hunderter Steuerzahler-Milliarden irgendwie doch noch die Kurve kriegen. Daß sie davonkommen und obendrauf noch belohnt werden mit einem weiteren Wahlsieg ihrer Partei.

Jedenfalls sei sie nun noch entschlossener, in den letzten Wochen vor dem Urnengang am Telefon intensiv um potentielle Obama-Wähler zu werben, seufzt meine Nachbarin Alexandra, als wir nach der Debatte in den warmen September-Nieselregen hinaustreten. Auch Rees will am Samstagmorgen früh aufstehen, um sich in New Brunswick als Wahlkampf-"volunteer" schulen zu lassen.

Gedämpft ist der Optimismus schon. Aber nicht gebrochen.

Donnerstag, 18. September 2008

Die Kleinen Dinge


Einige Tage vor unserer Rückreise nach Princeton traf ich mich mit Daniel am Kollwitzplatz. Daniel hatte fünf Jahre lang als Korrespondent in Washington gearbeitet, bevor er vor zwei Jahren nach Berlin zurückkehrte. Wir sprachen über Politik (warum es Angela Merkel an die politische Spitze geschafft hat und Hillary Clinton nicht), Wirtschaft und Gesellschaft (ob der hohe Ölpreis selbst die Amis zum Kleinwagenfahren bekehrt).


Sobald es aber um die persönlichen Erfahrungen mit dem Leben in den USA ging, waren wir uns einig: Es sind nicht die großen Themen, die über das Heimisch- oder Fremdfühlen im anderen Land entscheiden. Sondern zuallererst die kleinen Dinge, die in dem für Neueinwanderer wohl typischen Zustand einer stark gesteigerten Empfindlichkeit erstaunliche Dimensionen annehmen können.

Während seines ersten Jahres in Washington, berichtete Daniel, habe er sich bei jedem Flug nach Deutschland im Drogeriemarkt mit Duschgel, Shampoo und Zahnpasta eingedeckt. So groß war das Verlangen nach vertrauten Düften und erprobten Wirkungen in der Fremde. Und ich erinnerte mich sofort daran, daß eine der wichtigsten Umzugskisten aus unseren Containern v
or zwei Jahren dieser kleine Karton mit Seifen, Deostiften und Cremedosen war, die wir vor dem Abflug noch bei "Rossmann" in Berlin gehamstert hatten.

Heute kauft Daniel jede Menge kleiner Dinge
in seinem bevorzugten "drugstore", wann immer es ihn wieder in die USA verschlägt. Dinge, die er vermißt, seit er aus Washington weggezogen ist.

Von unserer
zweiten Sommerreise nach Deutschland haben auch wir natürlich wieder einiges mitgebracht. Kleidung und Schuhe vor allem. (Andere bleibende Vorlieben für Europäisches sind entweder - Möbel - zu schwer, oder - Lebensmittel - mit Einfuhrverboten belegt.)

Aber Shampoo? Duschgel? So gut wie nichts gekauft. Offenbar habe ich mich an die hiesigen Produkte gewöhnt, seitdem unsere Vorräte der ersten Stunde aus Deutschland erschöpft sind.


Inzwischen haben wir eine ganze Reihe kleiner Dinge des Lebens in New Jersey schätzen gelernt. Etwa, daß es selbst in einer Kleinstadt kein Problem ist, am Sonntagabend um 8 Uhr noch frischen Fisch oder Gemüse einzukaufen. Daß man an jeder Kaufhaus- und Supermarktkasse gebührenfrei Bargeld ausgezahlt bekommt und sich damit lange Wege zum Geldautomaten erspart. (Wenn ich an die Samstagsvormittagsschlange vor dem Postbank-Geldautomaten an der Prenzlauer Allee denke...)


Wie haben wir es dagegen in Deutschland genossen, im Laden an der Ecke auch gleich ein Bier und eine Flasche Wein mitzunehmen - ohne extra zum "liquor store" fahren zu müssen! Die Jungs nackt am Strand herumturnen zu lassen, ohne sich strafbar zu machen. Oder bei einer Behörde anzurufen und sowohl freundliche als auch kompetente A
uskunft zu bekommen. (Ja, ich weiß. Aber hat einer von euch schon mal mit der US-Steuerbehörde IRS telefoniert?) Solche kleinen - ehemals - Selbstverständlichkeiten können mit einer gewissen Distanz plötzlich ganz stark ins Zentrum der Alltagswahrnehmung rücken.

Nun sind wir also wieder hier. Und während rings um uns das Schreckgespenst einer Elch-häutenden Sarah Palin beschworen wird, die schon bald nur noch einen Herzschlag von der Macht über Amerikas Atomwaffenarsenale entfernt sein könnte, finden wir es schön, daß niemand hierzulande seinen Vorgarten mit Zäunen abschottet. Und freuen uns darüber, daß die Arzthelferin einen Tag vor dem Vorsorgetermin anruft, damit man ihn nicht vergißt.

Ohne Zweifel: Im Großen und Ganzen kann dieses Land ganz schön abschrecken. Acht Jahre Bush/Cheney. Dicke Geländewagen, wohin das Auge reicht. Und jetzt: Faule Kredite und wilde Wetten, die Wall Street in Trümmer legen.

Im Kleinen und Alltäglichen hingegen ist es erstaunlich
attraktiv. Schwer zu sagen, warum man sich dieser diffusen Macht des Angenehmen bei aller grundsätzlichen Distanz (die sich im Laufe der letzten zwei Jahre auch eher manifestiert, jedenfalls nicht verringert hat) nicht entziehen kann. Vielleicht die Dankbarkeit der Fremdlinge, die jedes Zeichen von Zuwendung besonders hungrig an sich ziehen?

Womöglich wirkt auch die Anziehungskraft einer ausgeprägten Fähigkeit, Unangenehmes auszublenden und die Dinge positiv zu sehen. Sich keine Sorgen zu machen, sondern Gewünschtes grundsätzlich für mögli
ch und machbar zu halten - im Zweifel eben auf Kredit. Sind wir Deutschen ja nicht SO gut drin. Aber: Mal sehen, ob diese Mentalität auch der Druckwelle der ganz großen Finanzmarktkrise noch standhalten wird...

Die verläßlichste Integrationskraft hat am Ende wohl die Macht der Gewohnheit. Ein persönlicher Meilenstein auf diesem langen Weg der klei
nen Schritte: Selbst nach einem ganzen Sommer in Europa schmeckt das Leitungswasser von New Jersey American Waters jetzt völlig normal.

Das war nicht immer so. Nach dem Umzug vor zwei Jahren habe ich monatelang jede Woche zwei, drei Gallonen Quellwasser aus dem Ökomarkt nach Hause getragen, weil schon der Chlorgeruch des "tap water" unerträglich war - vom Geschmack ganz zu schweigen.

N., damals 6, brauchte übrigens nur ein, zwei Wochen, um das hiesige Leitungswasser lecker zu finden.



(Princeton Post XX)

Dienstag, 3. Juni 2008

Superpower, powerless


Neulich fing die Schule für N. 90 Minuten später an als üblich. Grund sei “a power failure”, erklärte uns ein Mitarbeiter der Schule am Telefon. Daß die Schule später öffnet oder früher schließt als üblich, kommt gar nicht so selten vor. Wenn Schneestürme oder Überschwemmungen den Verkehr lahmlegen. Oder wenn eben der Strom ausfällt.


Wir haben uns längst daran gewöhnt, daß bei Regen und Wind die Deckenstrahler flackern. Auch an die kurzen blackouts, wo für einige Sekunden das Licht ganz ausgeht und die Waschmaschine innehält. Sogar daran, daß man die Uhren an Mikrowelle, Herd etc. öfters mal neu programmieren muß.

Dauert es noch länger mit dem Stromausfall, versucht man, den zuständigen Energieversorger anzurufen, und wird per Computerstimme informiert, daß “due to a power failure in the Princeton area” die Telefonzentrale überlastet sei. Es folgt dann eine Schätzung, wann wieder Strom zu erwarten sei. So nach sechs, acht Stunden. Wenn im Eisschrank alles aufgetaut ist.

Glücklicherweise ist unser Versorger, PSE&G, meist übervorsichtig mit seinen Prognosen; beim letzten Mal war der Strom nach einer guten halben Stunde wieder da. Aber natürlich geht es nicht immer gut. Im April wurde bei Ken und Diana der frisch renovierte Keller während einer Party überflutet, weil während eines der hier üblichen Starkregen der Strom ausfiel – und damit auch die Pumpen, die den Keller trockenhalten sollten. (Pumpen gehören in Princeton zur Basisaustattung fürs basement. Denn, wie meine ortskundige Nachbarin Debbi erläutert: Spring Street im Stadtzentrum heißt nicht so wegen des Frühlings, sondern wegen der vielen Bäche, die beim Bau der Stadt umgeleitet werden mußten.)


Sieht man die windschiefen, rappeldürren Strommasten, das Gewirr der durchhängenden Leitungen, auf denen Eichhörnchen über den Straßen turnen, man wundert sich nicht. In Princeton, einer “tree city”, sind jeden Tag Säge-Mannschaften im Einsatz, die von Bäumen umwucherte Stromkabel freischlagen. Abgerissene Leitungen nach Stürmen? Normal, werden unverdrossen wieder an den alten Masten festgezurrt. Unterirdisch verlegte Stromleitungen? Kann man haben, kosten aber ein Vermögen – und reichen nur vom Haus bis zum Straßenrand, wo sie dann mit dem oberirdischen Altnetz verknüpft werden.

Das überalterte, marode und hoffnungslos überlastete Stromnetz ist Resultat einer Deregulierungspolitik, mit der in den 1990er Jahren die Verpflichtung zu regelmäßigen Investitionen in die Infrastruktur aufgegeben und ehemals staatlich kontrollierte Regionalanbieter zum Spielball von großen Konzernen und sogenannten Investoren gemacht wurden. Doch das wird eigentlich nur zum Thema, wenn große Blackouts wie 2003 im Nordosten und Mittleren Westen der USA oder in Kalifornien die Schlagzeilen beherrschen.

Die alltäglichen kleineren “power failures” werden hingenommen wie Naturphänomene. Da kann man halt nix machen. Oder, wie Mike sagt: “When there’s water in the basement, so what? There’s water in the basement.”

Soviel Gelassenheit vermochte ich nicht aufzubringen, als ich an einem Samstagvormittag vor einigen Wochen von einem Großeinkauf nach Hause kam. Beladen mit Steaks, Kabeljau und der unverzichtbaren Familienpackung “French Vanilla”-Eis. Und aus dem Gefrierschrank Tauwasser schwappte. Keine Beleuchtung. Kein Hauch von Kälte.

Mein lautstarkes Fluchen über die amerikanische Energiepolitik kann man hier nicht wiederholen. Bis mir auffiel: Das Lämpchen an der Kaffeemaschine brannte noch. Die Digitaluhren an Herd und Mikrowelle blinkten nicht.

Kühlschrank und Gefrierfach waren abgetaut, weil das Gerät abgeschaltet war. Regler auf Null gedreht. Diesmal also: kein Stromausfall. Menschliches Versagen?

Natürlich war’s keiner gewesen. Doch am Abend zuvor hatte ich R., unseren Dreijährigen, gesehen, wie er einen Barhocker vor den mehr als mannshohen Kühlschrank schob und sich nach oben hangelte. Er liebt Knöpfe, Hebel und Regler über alles.

R. streitet bis heute alles ab. Doch es ist kaum zu bezweifeln, daß unser bislang folgenreichster “blackout” ausnahmsweise NICHT dem maroden US-Stromnetz geschuldet war.

(Princeton Post XIX)

Freitag, 9. Mai 2008

Frühling II


Seit der letzten Bilderserie ist das Frühlingsfeuerwerk hier noch bunter geworden. Und da zumindest wir uns daran gar nicht sattsehen konnten, hier noch ein kurzer fotografischer Nachklapp.

Die Kehrseite der Blütenpracht sei allerdings auch nicht verschwiegen: Drei von vier Familienmitgliedern schniefen und niesen seit Wochen mächtig vor sich hin. Den Ansturm der Pollen in dieser Gegend übersteht nach Auskunft meiner Hausärztin fast niemand ohne allergische Reaktion...





















Mittwoch, 7. Mai 2008

You Gotta Be German...


An einem Freitagmorgen saßen Magda und ich mit zweien unserer Kinder in der Cotsen Library, einer reizenden Kinderbücherei innerhalb der Universitätsbibliothek. Freitagsmorgens ist Bastelstunde für Drei- bis Fünfjährige. Nach spätestens zehn Minuten rennen alle Kinder rum, während die Mütter, Zunge im Mundwinkel, weiterbasteln.

Diesmal gilt es, eine Kleenexbox mit Schere, grünem Papier und selbstklebenden Kulleraugen in einen Fußball-Frosch zu verwandeln. Der kann mittels einer sich nach Froschzungenart ausrollenden Party-Tröte einen Watteball durch ein Tor aus Plastiktrinkhalmen schießen, wenn man die Tröte durch den durchbohrten
Froschrücken hindurch aus dem Froschmaul (ovale Kleenexbox-Öffnung) hinaussteckt und dann oben hineinbläst. Alles klar? - Ist jetzt auch nicht so wichtig.

Nach vier, fünf Minuten hatten alle ihre Kleenexbox mit grünem Papier umwickelt. Außer mir. Denn ich hab's nicht einfach irgendwie drumgewickelt und mit Tesa festgezurrt, sondern akkurat auf Kante gefaltet, an den Rändern ordentlich umgeschlagen und so geklebt, daß man vom Tesaband möglichst wenig sieht. Das hat etwas länger gedauert. "So you were talking German with your son", sagt die Kursleiterin. Magda grinst.

Als die Pappfrösche fertig sind, kommen die Tore dran. Auch dafür gibt es nur Tesaband, weil flüssiger Klebstoff mit Dreijährigen nicht kompatibel ist. Nach vier, fünf Minuten haben alle meterweise Tesaband verbraucht und genug vom Froschfußball. Außer mir. Mein Trinkhalmtor steht wie eine Eins. "Must be German engineering", sagt Magda. Slawen würden sowas nie schaffen. (Magda ist Polin. Und seit sie in Amerika ist, findet sie sich selbst immer typischer.)

Wie wenig man aus seiner Haut kann, und wie wenig "einmalig" diese Haut oft ist, spürt man in der Fremde viel deutlicher. Soweit wohlbekannt. Erstaunlicherweise schleift sich das aber mit der Zeit nicht ab, sondern eher im Gegenteil. Meine - typischerweise - als typisch deutsch
definierten Tugenden (Präzision, Verläßlichkeit, ein Händchen fürs Praktische) und Untugenden (Pingeligkeit, Ungeduld und ein Hang zur Rechthaberei) finden sich nach knapp zwei Jahren eher geschärft, zum Teil sogar bewußt aufgenommen in den Selbstdefinitionskatalog. Vorrangig zur Unterscheidung von "den Amerikanern", versteht sich.

R., einem deutschen Manager bei Siemens USA, geht das genauso. Als sein Büro in eine neues Gebäude verlegt wird, kann er gar nicht fassen, wie langsam es mit dem Umzug vorangeht. Und wie schlecht alles organisiert ist. Typisch.

Bei meinem ersten längeren Aufenthalt in Amerika vor fast 20 Jahren war es mir wichtig, möglichst wenig deutsch zu sein - was von manchen natürlich auch und gerade als "typisch deutsch" gesehen wird. Aber damals wußte ich eben: Nach einem halben Jahr würde ich zurück sein.

Das ist diesmal anders. Und plötzlich wird das als typisch deutsch Empfundene fast kostbar. Ein klein wenig gilt das sogar für die Ungeduld beim Schlangestehen, wenn alles mal wieder nicht so richtig effizient abläuft. Die gehört halt dazu. Vielleicht sind solche Stereotype ja sogar das, was einem nach wirklich langer Zeit in einem neuen Land - oder mehreren - noch am ehesten von der alten Heimat bleibt. Weil man sonst gar nicht mehr so viel darüber weiß...

Abgesehen davon ist gerade "typisch deutsch" über nahezu alle Grenzen hinweg ein Begriff und dadurch immer kommunizierbar - nicht ganz unwichtig an einem Ort, wo man sich fast überall in einem extremen Nationalitätenmix befindet. In N.s Schulklasse sind 16 Kinder aus
neun verschiedenen Ländern von Japan bis Holland. Das ist keine internationale Privatschule, sondern eine staatliche Grundschule. Und die Eltern aus den acht Ländern außerhalb der USA sehen mit gemischten Gefühlen, daß ihre Kinder jeden Morgen im Klassenzimmer die amerikanische Nationalhymne schmettern. N. trällert sogar im Auto "The Star-Spangled Banner" vor sich hin.

Zumindest bis jetzt hat aber auch für ihn alles noch seine Grenzen. Als er in seiner Schulbibliothek neulich ein in den USA publiziertes Buch über die besten Fußballspieler der Welt aufstöberte und darin nur einen einzigen Deutschen (Beckenbauer), aber drei Amerikaner (???) verewigt fand, war er hell empört. Amerikaner, befand N., könnten nicht Fußball spielen: "Das weiß doch jeder." Heftiges Nicken von seinem russischen Freund Pawel.

Zum guten Schluß: Probiert doch mal aus, wo man landet, wenn man "www.typischdeutsch.de" in den Browser eintippt...

(Princeton Post XVIII)

Dienstag, 15. April 2008

Frühling


Eine Maklerin sagte bei unserem ersten Besuch im August: "If you like Princeton now, you will love it in the spring."

Makler-Talk. Aber sie hat Recht behalten.


Irgendwann im April explodieren Gärten, Straßen, Parks in Gelb, Rot, Rosa und Weiß. Im Blütenrausch versinken die Häuser, Ausnahmen sind nur die Trutzburgen der Universität. Und sichtbar wie nie überragen uralte Recken ihre gesamte Stadt:
Princetons schier unglaubliche Bäume.


Washington Road: Entering the Township of Princeton






Delaware & Raritan Canal State Park


















Lake Carnegie




Battle Road





Einstein Drive


Campus









Art Museum


Presbyterian Church, Nassau Street


Library Place




Witherspoon Street




Riverside


Moore Street




Hawthorne Avenue









Westminster Choir College