Samstagmorgen, ein Wochenende im
Frühsommer. Die Familie und ein Gast aus Deutschland sitzen zu Hause beim
Frühstück. Ab und zu weht aus der Stadt Blaskapellenmusik herüber: An der Princeton
University geht das Studienjahr zu Ende. Die ganze Stadt ist schwarz-orange
geschmückt. Es sind Reunions, zehntausende alumni,
ehemalige Princeton-Studenten, treffen sich an ihrer Alma Mater. Parade,
Feuerwerk, Festzelte; Tigerkostüme und Feierstimmung.
Es klopft an der Haustür. Normalerweise
ist das um diese Zeit ein Nachbarskind oder der Postbote, doch diesmal stehen
vor der Tür: Ein älteres Paar, freundlich lächelnd, in
Reunions-Kostümen und Sneakers. Zwischen ihnen ein sehr alter Herr, stramm
und aufrecht, strahlendweiße Kappe auf ebensolchem Haar. "Guten Morgen!
Ich heiße Jay, und das hier ist mein Elternhaus!", brüllt der
alte Herr.
An seiner Blazerbrust (Tigermuster)
steckt eine Plakette: "Jay Foster" steht drauf, "Old
Guard" und eine große 42. Jay hat also 1942 sein Examen in
Princeton gemacht und ist zur siebzigsten Reunion seines Jahrgangs angereist. Schnell überschlagen: Er ist mindestens 90 Jahre alt.
Und offensichtlich schwerhörig. Sein Lächeln ist breiter als sein
Gesicht.
Wir bitten die drei herein; Selbstverständlich können sie sich alles anschauen, das ist ja gar nicht zu
glauben! Jays Eltern haben das Haus vor mehr als 80 Jahren gebaut, das genaue
Datum weiß er nicht mehr. Dass wir die Wand zwischen Küche und Esszimmer
eingerissen haben, fällt ihm auf. Sonst findet er vieles so wie früher. Wo
heute N., unser Ältester, wohnt, war früher Jays Zimmer; im Zimmer von R.
schlief auch Jays kleiner Bruder.
Julius "Jay" Foster lebt heute
in Tennessee; als Chemieingenieur hatte man ihn 1944 für das Manhattan-Projekt
in der "Secret City" Oak Ridge rekrutiert. Aber
aufgewachsen ist er in Princeton, ist also, kraft seines Princeton
degree, doppelter Princetonier. "This has always been a happy
home", boomt er über sein Elternhaus. Können wir bestätigen, ja, auch wir mögen dieses Haus sehr.
Im Musikzimmer sieht Jay das Klavier.
"Do you play, boy?", will er wissen, und als der Große nickt:
"Spiel etwas für mich!" N. spielt ein Mozart-Stück. "Sehr
gut!", sagt der alte Herr, dann legt er dem Kind den Arm um die Schultern,
brüllt ihm ins Ohr: "Denk immer daran, Junge: Was man macht, muss man
gut machen!" N. schaut gequält, verspricht aber, immer alles gut zu
machen. (Später berichtet er, Jay habe ihm, dem stets Barfüßigen, dabei die ganze Zeit auf dem rechten Fuß gestanden.)
Wir machen noch einige Fotos, weil das
ja einfach zu irre ist. Dann ziehen Jay, seine Tochter und der Schwiegersohn weiter, zum Feiern auf den Campus. Für den Rest des Tages habe ich die Wörter house/home und Haus/Zuhause/Heimat im Kopf – und die Frage, was dieses Haus, Jays Elternhaus, und Princeton für uns jetzt eigentlich sind. Auf jeden Fall nicht mehr nur irgendein Haus in einem beliebigen Ort, sondern tatsächlich unser Zuhause. Hier sind die Schulen der Kinder, unsere Arbeit, unsere Siebensachen, unser Alltag. Aber auch unsere Heimat? Die spontane Antwort ist erstmal: Nein.
Wieso eigentlich nicht? Weil wir hier nicht geboren sind? Womöglich, weil es in der englischsprachigen Welt gar keine gibt? "Heimat is a German word that has no simple translation", lässt sich bei Wikipedia nachlesen – aber auch die deutsche Version hilft nicht weiter; dort heißt es unter "Definition" ganz lapidar: "Eine einheitliche Bedeutung gibt es nicht." Nur eine Menge Definitionsversuche. Heimat ist zweifellos ein Kernbegriff: Die Google-Suche bringt über 46 Millionen Treffer.
Ein Alleinstellungsmerkmal der Deutschen, vergleichbar mit Bratwurst und German Angst, nennt es Schekker, das Jugendmagazin der Bundesregierung. Der stern hat Heimat als Grundbedürfnis porträtiert, das lange aus der Mode war (spießig, Vertriebenenvereine, Alpengejodel; Stichwort Heimatfilm) und erst in Zeiten der Globalisierung wieder Konjunktur hat – dass man Heimat erst in der Fremde wirklich schätzen lernt, schrieb schon Fontane, und der war sicher nicht der erste.
Als Expat im nunmehr siebten Jahr kann man das nur bestätigen. "Heimat ist ein Gefühl", finde ich mit Herbert Grönemeyer. Ein kleines warmes Ziehen in der Seele. Eng verwandt, keine Frage, mit Sehnsucht und Weltschmerz. In meiner Variante mischen sich, unter vielem anderem: Der Geruch nach sonnenwarmen Kiefernnadeln im Sommer und das Bild von hohen, silbergrauen Buchenstämmen (ja, die Deutschen und ihr Wald). Das Knirschen von Vaters Wanderschuhen, Rautenmuster-Abdrücke im Schnee vor mir, wenn er den Schlitten zieht. Uhu-Klebstoff an den Fingern. Tagesschau und gleich hinterher der Tatort. Der Geschmack von Mutters Möhreneintopf und Milchreis mit Zimtzucker. Schiffsdiesel auf dem Niederrhein. Die Kölner Hohenzollernbrücke im Regen. Das leise Schaukeln von ICE-Zügen auf dem Weg nach Berlin. Angela Merkel, wenn sie Englisch spricht. Das metallische Poltern der Rutsche auf dem Wasserturm-Spielplatz im Prenzlauer Berg. Kita-Mief aus Eintopf, nassen Anoraks und vollen Windeln.
Viel Nostalgisches also, Rückwärtsgewandtes und Idealisiertes – wie auch anders, wenn man die Aktualität fast nur noch von feriengestimmten Sommerbesuchen und aus der Zeitung kennt. Das Meiste hat etwas mit Aufwachsen zu tun, sowohl dem eigenen wie dem meiner Kinder. Deshalb sind Haan/Düsseldorf, Köln und Berlin die geographischen Hauptbestandteile meiner Heimatkarte.
Was ist aber nun das home in Princeton? Man könnte sich behelfen; mit dem Begriff Zweite Heimat etwa – hatten wir sogar schon mal auf der Fußmatte. Hat sich aber abgenutzt.
Wieso eigentlich nicht? Weil wir hier nicht geboren sind? Womöglich, weil es in der englischsprachigen Welt gar keine gibt? "Heimat is a German word that has no simple translation", lässt sich bei Wikipedia nachlesen – aber auch die deutsche Version hilft nicht weiter; dort heißt es unter "Definition" ganz lapidar: "Eine einheitliche Bedeutung gibt es nicht." Nur eine Menge Definitionsversuche. Heimat ist zweifellos ein Kernbegriff: Die Google-Suche bringt über 46 Millionen Treffer.
Ein Alleinstellungsmerkmal der Deutschen, vergleichbar mit Bratwurst und German Angst, nennt es Schekker, das Jugendmagazin der Bundesregierung. Der stern hat Heimat als Grundbedürfnis porträtiert, das lange aus der Mode war (spießig, Vertriebenenvereine, Alpengejodel; Stichwort Heimatfilm) und erst in Zeiten der Globalisierung wieder Konjunktur hat – dass man Heimat erst in der Fremde wirklich schätzen lernt, schrieb schon Fontane, und der war sicher nicht der erste.
Als Expat im nunmehr siebten Jahr kann man das nur bestätigen. "Heimat ist ein Gefühl", finde ich mit Herbert Grönemeyer. Ein kleines warmes Ziehen in der Seele. Eng verwandt, keine Frage, mit Sehnsucht und Weltschmerz. In meiner Variante mischen sich, unter vielem anderem: Der Geruch nach sonnenwarmen Kiefernnadeln im Sommer und das Bild von hohen, silbergrauen Buchenstämmen (ja, die Deutschen und ihr Wald). Das Knirschen von Vaters Wanderschuhen, Rautenmuster-Abdrücke im Schnee vor mir, wenn er den Schlitten zieht. Uhu-Klebstoff an den Fingern. Tagesschau und gleich hinterher der Tatort. Der Geschmack von Mutters Möhreneintopf und Milchreis mit Zimtzucker. Schiffsdiesel auf dem Niederrhein. Die Kölner Hohenzollernbrücke im Regen. Das leise Schaukeln von ICE-Zügen auf dem Weg nach Berlin. Angela Merkel, wenn sie Englisch spricht. Das metallische Poltern der Rutsche auf dem Wasserturm-Spielplatz im Prenzlauer Berg. Kita-Mief aus Eintopf, nassen Anoraks und vollen Windeln.
Viel Nostalgisches also, Rückwärtsgewandtes und Idealisiertes – wie auch anders, wenn man die Aktualität fast nur noch von feriengestimmten Sommerbesuchen und aus der Zeitung kennt. Das Meiste hat etwas mit Aufwachsen zu tun, sowohl dem eigenen wie dem meiner Kinder. Deshalb sind Haan/Düsseldorf, Köln und Berlin die geographischen Hauptbestandteile meiner Heimatkarte.
Was ist aber nun das home in Princeton? Man könnte sich behelfen; mit dem Begriff Zweite Heimat etwa – hatten wir sogar schon mal auf der Fußmatte. Hat sich aber abgenutzt.
In einigen Jahren wird mein und unser Zuhause wohl wieder in Berlin sein, und damit nach landläufiger Vorstellung der Heimat wieder näher. Aber sicher ist das nicht. Heimat ist eben kein geographischer Ort, ist nicht home land oder home town. Sie ist ein Format in uns – ein Format, mit dem sich in der Welt orientiert, wer mit der deutschen Sprache und Kultur aufgewachsen ist. Zuerst ist es die Ferne, wo es uns hinzieht. Die Heimat ist, von wo es uns zunächst weg- und wohin es uns dann wieder zurückzieht.
Hier in Princeton zuerst ganz in der Fremde und dann zu Hause (gewesen) zu sein, hat das Heimat-Format erst aktiviert und stärker gemacht. Es hat – wie diffus auch immer – als emotionale Vergleichsfolie gedient. Es hat dabei geholfen, sich hier zurechtzufinden, und tut es immer noch. Erst das ständige Abgleichen von hüben und drüben, von Heimat- und Fremdegefühl hat auch der Heimat selbst schärfere Konturen gegeben. So ist Princeton, sind unser Haus und Alltag mit seinen Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen nun die andere Seite der Heimat – und damit zugleich auch ein Teil davon.
Man könnte es mit Edgar Reitz, dem Autor der wunderbaren Heimat-Serientrilogie, auch ganz einfach sagen: Heimat ist "Die Mitte der Welt".
Doch bezeichnenderweise heißt bei Reitz erst die zweite Folge so. Die erste hat ein anderes deutsches Wort zum Titel, ebenso unübersetzbar wie Heimat, nämlich: "Fernweh".
