Dienstag, 8. Juni 2010

Commuting


In wenigen T
agen geht es mit Sack und Pack wieder für den Sommer nach Deutschland, zum vierten Mal. Fast könnte man schon vom Pendeln sprechen. Das einzige, was dabei keine Vorfreude auslöst, ist die Aussicht auf das Fliegen. Die Tickets werden teurer, Flugzeuge und Flughäfen noch voller und enger. Für den zweiten Koffer muss der Passagier inzwischen 50 Extra-Dollars hinblättern. Von drohenden Streiks, Vulkanaschewolken und anderen Unannehmlichkeiten ganz zu schweigen.

Nun ist das aber – zumindest im Familienverbund – das einzige Mal im Jahr, dass wir uns das antun müssen. Richtig schwer haben es die echten Pendler, die tagtäglich im öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel zwischen irgendeinem Suburb in Central Jersey und New York City hin- und herfahren müssen. Pendeln ist in Amerika mit seiner bröckelnden Infrastruktur nämlich etwas ganz Spezielles.

Nehmen wir eine Fahrt von New York Penn Station nach Princeton Junction, an einem Dienstagnachmittag. Rush hour. Frühestens zehn Minuten vor Abfahrt wird angekündigt, auf welchem Gleis der Nahverkehrszug von New Jersey Transit steht. Dann drängen und schieben sich Dutzende Pendler durch mächtige Eisentüren, die aufzustemmen (und höflich für die Nachfolgenden aufzuhalten) ein echter Kraftakt ist. Im klaustrophobisch engen Abstieg steht die Rolltreppe fast immer still.

Unten ist es dunkel, stickig und laut. Wenn man Glück hat, steht am selben Bahnsteig gegenüber keine Diesellok von Amtrak und nimmt einem die Luft. Alles rennt nach Leibeskräften am Zug entlang, um weiter vorn noch einen freien Platz zu ergattern. Seit die Züge aus Sparzwang seltener fahren, sind sie noch länger und voller geworden. Dafür ist der Preis für eine Rückfahrkarte zuletzt auf einen Schlag um 25 Prozent auf 35 Dollar gestiegen.

Hat man glücklich einen Sitz erobert, brummt bald die Klimaanlage los, der Zug ruckt an und schaukelt langsam durch den Tunnel unter dem Hudson River. Es ist ein uraltes Exemplar, das jede Schwelle spüren und hören lässt. (Wenn es regnet, rauscht das Wasser in den Verbindungsstücken zwischen den Waggons nur so durch die Decke.)

Nun ertönt zum ersten Mal die Stimme des "conductors", des Schaffners. Der Lautsprecher überträgt aber vor allem das laute Rattern der Waggons. Folglich ist der Schaffner nur für erfahrene Pendler zu verstehen. Er zählt die Stationen auf, an denen der Zug hält. Kein Express, hält aber auch nicht überall. Ein paar Leute springen hektisch auf und suchen ihren Kram zusammen; sie haben den falschen Zugtyp erwischt und können in Seacaucus, gleich hinter dem Tunnel, noch einmal aussteigen, um auf den nächsten "local" zu warten. Das kann 45 Minuten oder länger dauern.

Es folgen einige Ärgernisse, wie man sie auch von der Deutschen Bahn kennt: Mitten auf der Strecke steht man immer mal wieder für zehn Minuten herum, weil weiter vorn ein verspäteter Bummelzug den Verkehr aufhält. Die Lok geht plötzlich kaputt, und alle müssen auf einen Ersatzzug warten. Oder, das dann wieder eher USA-typisch, der Strom fällt einfach für eine Weile aus.

Doch selbst eine Fahrt ohne unplanmäßige Hindernisse erfordert höllische Konzentration und gute Nerven. Vor jedem Bahnhof meldet sich der Schaffner nämlich wieder. Dann zählt er all jene Waggons am Anfang und/oder Ende des Zuges auf, für die der Bahnsteig zu kurz ist. Deren Passagiere müssen deshalb durch den Zug nach vorne oder hinten hechten, um aussteigen zu können. "
Next stop: Metuchen", rattert der Schaffner los. "Wenn Sie in den letzten vier Waggons sitzen, gehen Sie nach vorn bis Wagen Nummer 1341. Wenn sie in den ersten beiden Waggons sitzen, gehen Sie nach hinten bis Wagen 1506. 1337, 1338, 1339, 1340 nach vorn, 1504 und 1505 nach hinten. Metuchen is next"

Ob man das richtig verstanden hat oder nicht, sieht man erst, wenn es zu spät ist – wenn sich
nämlich die Türen nicht öffnen, weil davor kein Bahnsteig wartet. (Manchmal öffnen sich die Türen natürlich auch dann nicht, wenn mit dem Bahnsteig alles in bester Ordnung ist. Dann ist der Zug defekt.)

Für all das entschädigt nur die unvergleichliche Aussicht auf die Landschaft des nördlichen New Jersey, die erstmals nun auch hier zu bewundern ist. Wir durchfahren die Hinterhöfe von Newark, Elizabeth, Linden, Rahway, Metropark, Metuchen, Edison und New Brunswick. "Princeton Junction is next. If you are seated in the last two cars, walk forward..."

Und alles nur, damit mir der Abschied von New Jersey nicht so schwerfällt. Denn eins muss man bei allem Gemecker doch sagen: Das Wetter ist hier einfach besser.
Bis bald in Good Old Germany!





































































(Princeton Post XXXII)