Mittwoch, 13. Oktober 2010

Angry Americans


Change? – So 2008! It's 2010, babe – ANGER is all the rage.

Es sieht schlecht aus für die Demokraten und ihre Kongressmehrheit. Midterm elections, Halbzeit für Präsident Obama und seine Partei. Von Aufbruchstimmung keine Rede mehr. Die Amerikaner, so heißt es, sind zornig – und das kann eigentlich nur heißen: Aus Stimmzetteln werden Denkzettel.

Zuletzt haben die Angry White Males die Demokratische Partei 1994 die M
ehrheit im Kongress gekostet. Damals regierte Bill Clinton (mit seiner Frau) im Weißen Haus. Bill & Hillary wollten eine Krankenversicherung für alle US-Bürger einführen. Doch die Republikaner mit Newt Gingrich an der Spitze machten "Hillarycare" zum "referendum on big government" – mit Erdrutsch-Erfolg. Bill Clinton musste fortan mit einer gegnerischen Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments regieren. (Manche sagen heute, der Demokrat Clinton habe dann die effizienteste republikanische Politik gemacht, die das Land je hatte.)

Obama
hat immerhin so gerade noch eine Gesundheitsreform hingekriegt, auch ein bisschen Bankenregulierung und einen Klecks Steuererleichterungen. Nicht, dass ihm oder seiner Partei das gedankt würde. Die Steuersenkungen haben die meisten nicht mal recht bemerkt. Wall Street macht weiter wie gehabt, dem großen Rest geht es ökonomisch nicht so toll. Große Infrastrukturprojekte, neue Bahnstrecken, Tunnels, Brücken, neue Stromnetze, neue Jobs? Nix zu sehen. Und für "Obamacare" hatten viele ohnehin nie viel übrig.

Nun also: Zorn, Wut auf und Frust über "big government". Zulauf für die Tea Party, die ja im Grunde gar keine Partei mit Programm und eigenen Kandidaten ist, sondern eine laute Protestbewegung, oft mit hässlichsten rassistischen Untertönen. Anger in America nannte der Karikaturist Chappatte eine Zeichnung zur Tea Party für den
International Herald Tribune ."There's something about a Democratic White House and Congress that brings out this ugliness", schrieb Steve Kornacki in Salon – ob der Präsident nun ein Farbiger mit afrikanischem Vater oder ein weißer Südstaatler ist.

Nichts Neues, könnte man also abwiegeln. Und auch gar nicht besonders ernstzunehmen, dieser Zorn, findet der amerikanische Schriftsteller John Irving (
The World According to Garp, Last Night in Twisted River). Im Interview der Zeitschrift Cicero will er die USA nicht "nach der im Moment sichtbarsten Gruppe" beurteilt wissen. "Man muss berücksichtigen, dass für die Medien radikale politische Strömungen interessanter sind als die ausgeglichenen Kräfte. Ich reibe mich zwar an meinem Land, aber so viel Vernunft, weder [Sarah] Palin noch die Tea Party zu wählen, traue ich Amerika durchaus zu."

Vernunft versus Zorn, sich abregen statt aufregen: Kein leichtes Gebot in der Mediendemokratie – kann sich doch dieses "hysterische und panische Informationssystem" (Peter Sloterdijk) nur durch ständige Selbst-Erregung davon überzeugen, dass es tatsächlich existiert. Zumal im Grunde in dieselbe Erregungs-Falle tappt, wer in all dem "anger" nichts weiter sieht als eine Verschwörung der Rechten – angeschoben von Demagogen wie Rush Limbaugh und Glenn Beck, finanziert von Big Business.

Doch kann man einfach davon ausgehen, dass dieser Zorn ganz ohne "grass roots" grassiert? Nichts weiter ist als ein Produkt der politischen "rage machine"?


Rob zum Beispiel ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was mein Pfälzer Gatte einen "Zornickel" nennt. Ein Bär von einem Kerl, aufgewachsen im ländlichen Pennsylvania, bodenständig und ein bisschen brummig.
Morgens bringt er seine jüngste Tochter zu Fuß zur Schule und holt sie nachmittags wieder ab.

Eines Tages beschließt Rob, sein
Haus zu renovieren. Er baut den Dachboden aus und einen Anbau dazu. Nicht wenig davon in Eigenarbeit, weil das Geld knapp ist. "Sobald wir fertig waren, stand der Steuerschätzer vor der Tür und hat unsere jährliche Grundsteuer um $3000 nach oben gesetzt", berichtet Rob. Begründung: Durch Ausbau und Renovierung sei der Wert des Hauses gestiegen. "Fair enough", wie Rob damals findet. Doch kurz darauf lässt die Gemeinde den Wert aller Eigenheime im Stadtgebiet neu schätzen. Obwohl die Immobilienblase schon ein Jahr zuvor geplatzt ist, soll Robs Haus nun noch einmal deutlich mehr wert sein als zuvor – und die "property tax" um weitere $3300 steigen. "That made me so mad", sagt Rob.

Oder nehmen wir Jerry D. Davis, von dem gerade die New York Times berichtet hat. Davis verwaltet den Pensionsfonds für die städtischen Angestellten in New Orleans. Das Geld liegt bei JP Morgan Chase, und eines Tages schlagen die Banker Mr. Davis ein Geschäft vor: Der Fonds leiht der Bank Geld, damit sie damit spekulieren kann. Wirft das Investment Gewinn ab, teilen sich JP Morgan und der Fonds den Gewinn. Auf einem Verlust bliebe der Pensionsfonds aber allein sitzen. Als Davis Nein sagt, setzen die Banker die Daumenschrauben an: In diesem Fall müssten sie über höhere Gebühren für den Fonds nachdenken. Davis lenkt ein.

Bei der Finanzkrise des Jahres 2008 verliert der Fonds $340.000. Insgesamt verzockt JP Morgan eine halbe Milliarde aus den Pensionsrücklagen für IBM, den Staat New York und andere Arbeitgeber. Der Bank macht das nichts. Sie ist ja nur am Gewinn beteiligt, nicht am Verlust. Überdies hat sie sich vorher zusätzlich abgesichert, hat gegen ihre eigenen Kunden gewettet – und so auch aus deren Verlust noch Gewinn gemacht. Eine "win-win situation" für die Bank. Und was soll der Pensionsfonds jetzt machen? Aktien sind mau. Zinsen für Erspartes gibt es so gut wie keine. Immobilien? Lieber nicht!

Ob großer Fonds oder kleiner Sparer: Alle sind für die Altersvorsorge auf Kapitalerträge angewiesen. Inzwischen sind aber nur noch mit hoch riskanten Anlagen überhaupt Erträge möglich, wie sie zuvor Bundesanleihen oder festverzinsliche Wertpapiere abwarfen. Damit werden selbst grundsolide Sparer zu Hasardeursgeschäften gedrängt. Und wenn's schiefgeht – tja, Pech gehabt.


Im Großen wie im Kleinen, auf Bundes- oder kommunaler Ebene: Joe und Jane Average fühlen sich allzu oft und systematisch verraten und verkauft. Sie versuchen, solide zu wirtschaften – und kommen auf keinen grünen Zweig. Sie spielen nach den Regeln – und sehen, dass die Politik die Regeln ändert. Nicht in ihrem Interesse, sondern nach den Vorgaben von Lobbyisten, ob die nun für die Finanzwirtschaft oder für die Lehrergewerkschaften arbeiten. Bei allem Wissen um den uramerikanischen Affekt gegen "big government": Wenn das kein Grund ist, zornig zu sein, weiß ich keinen. Und so sind wohl auch nicht alle, die Sympathie für die Tea Party hegen, von der Sorte, die Obama als "Weißen-Hasser" und "Muslim" zum Teufel jagen wollen.

In der legendären TV-Serie
The West Wing dreht sich eine Folge um einen Geschäftsmann aus dem Mittleren Westen, der gemeinsam mit seiner Tochter deren Traum-Colleges besichtigt. Abends sitzt er melancholisch vor dem zweiten Whiskey an der Hotelbar. Dort trifft er Josh und Toby, zwei Berater des Serien-Präsidenten Josiah Bartlet auf Wahlkampftour, und schüttet ihnen sein Herz aus. Wie soll er seiner Tochter sagen, dass aus ihrem Traum nichts werden kann? Sein Einkommen reicht nicht für die Studiengebühren der teuren Privatunis. Er hat noch einen Sohn, der auch aufs College gehen soll.

"Ich will ja gar nicht, dass es nicht schwer ist", sagt der Mann aus Amerikas "Heartland". "Ich mag es, wenn es schwer ist. Aber es ist zu schwer geworden. Selbst einer wie ich kann es nicht mehr schaffen." Sein einziger Wunsch an die Politik: "Wenn sie es nur ein kleines bisschen leichter machen würde. Uns ein bisschen Luft lassen, damit wir es wieder schaffen können!"

Die Präsidentenberater sind tatsächlich so beeindruckt, dass sie ein neues Gesetz anschieben: Studiengebühren sollen künftig von der Steuer absetzbar sein. Allein, man ahnt es schon, ihr schöner Plan schlägt fehl. Er wird in den Deals und Machtkämpfen zwischen Parteien, Kongress und Weißem Haus zerrieben. Nicht einmal im amerikanischen Fernsehen ist es möglich, dass aus einem Stück Politik um der Sache willen etwas werden darf.

Zorn ändert an diesen Verhältnissen nichts? Vielleicht doch. In einer Kleinstadt bei Los Angeles haben die Bürger gerade ihren hoffnungslos korrupten Stadtrat samt Bürgermeister aus dem Amt gejagt. Ohne Wut im Bauch geht das nicht. Auch Rob hat erst der "anger" den Antrieb gegeben, sich kundig zu machen und seine Steuererhöhung anzufechten. "I got a relief", sagt er. Das gilt für beides – Steuern und Zorn.

Zumindest dort, wo er nicht blind wütet, kann "anger" also politisch durchaus produktiv sein. Womöglich ist er sogar eine (letzte?) Hoffnung für "change".

(Princeton Post XXXIV)