Dienstag, 3. Juni 2008

Superpower, powerless


Neulich fing die Schule für N. 90 Minuten später an als üblich. Grund sei “a power failure”, erklärte uns ein Mitarbeiter der Schule am Telefon. Daß die Schule später öffnet oder früher schließt als üblich, kommt gar nicht so selten vor. Wenn Schneestürme oder Überschwemmungen den Verkehr lahmlegen. Oder wenn eben der Strom ausfällt.


Wir haben uns längst daran gewöhnt, daß bei Regen und Wind die Deckenstrahler flackern. Auch an die kurzen blackouts, wo für einige Sekunden das Licht ganz ausgeht und die Waschmaschine innehält. Sogar daran, daß man die Uhren an Mikrowelle, Herd etc. öfters mal neu programmieren muß.

Dauert es noch länger mit dem Stromausfall, versucht man, den zuständigen Energieversorger anzurufen, und wird per Computerstimme informiert, daß “due to a power failure in the Princeton area” die Telefonzentrale überlastet sei. Es folgt dann eine Schätzung, wann wieder Strom zu erwarten sei. So nach sechs, acht Stunden. Wenn im Eisschrank alles aufgetaut ist.

Glücklicherweise ist unser Versorger, PSE&G, meist übervorsichtig mit seinen Prognosen; beim letzten Mal war der Strom nach einer guten halben Stunde wieder da. Aber natürlich geht es nicht immer gut. Im April wurde bei Ken und Diana der frisch renovierte Keller während einer Party überflutet, weil während eines der hier üblichen Starkregen der Strom ausfiel – und damit auch die Pumpen, die den Keller trockenhalten sollten. (Pumpen gehören in Princeton zur Basisaustattung fürs basement. Denn, wie meine ortskundige Nachbarin Debbi erläutert: Spring Street im Stadtzentrum heißt nicht so wegen des Frühlings, sondern wegen der vielen Bäche, die beim Bau der Stadt umgeleitet werden mußten.)


Sieht man die windschiefen, rappeldürren Strommasten, das Gewirr der durchhängenden Leitungen, auf denen Eichhörnchen über den Straßen turnen, man wundert sich nicht. In Princeton, einer “tree city”, sind jeden Tag Säge-Mannschaften im Einsatz, die von Bäumen umwucherte Stromkabel freischlagen. Abgerissene Leitungen nach Stürmen? Normal, werden unverdrossen wieder an den alten Masten festgezurrt. Unterirdisch verlegte Stromleitungen? Kann man haben, kosten aber ein Vermögen – und reichen nur vom Haus bis zum Straßenrand, wo sie dann mit dem oberirdischen Altnetz verknüpft werden.

Das überalterte, marode und hoffnungslos überlastete Stromnetz ist Resultat einer Deregulierungspolitik, mit der in den 1990er Jahren die Verpflichtung zu regelmäßigen Investitionen in die Infrastruktur aufgegeben und ehemals staatlich kontrollierte Regionalanbieter zum Spielball von großen Konzernen und sogenannten Investoren gemacht wurden. Doch das wird eigentlich nur zum Thema, wenn große Blackouts wie 2003 im Nordosten und Mittleren Westen der USA oder in Kalifornien die Schlagzeilen beherrschen.

Die alltäglichen kleineren “power failures” werden hingenommen wie Naturphänomene. Da kann man halt nix machen. Oder, wie Mike sagt: “When there’s water in the basement, so what? There’s water in the basement.”

Soviel Gelassenheit vermochte ich nicht aufzubringen, als ich an einem Samstagvormittag vor einigen Wochen von einem Großeinkauf nach Hause kam. Beladen mit Steaks, Kabeljau und der unverzichtbaren Familienpackung “French Vanilla”-Eis. Und aus dem Gefrierschrank Tauwasser schwappte. Keine Beleuchtung. Kein Hauch von Kälte.

Mein lautstarkes Fluchen über die amerikanische Energiepolitik kann man hier nicht wiederholen. Bis mir auffiel: Das Lämpchen an der Kaffeemaschine brannte noch. Die Digitaluhren an Herd und Mikrowelle blinkten nicht.

Kühlschrank und Gefrierfach waren abgetaut, weil das Gerät abgeschaltet war. Regler auf Null gedreht. Diesmal also: kein Stromausfall. Menschliches Versagen?

Natürlich war’s keiner gewesen. Doch am Abend zuvor hatte ich R., unseren Dreijährigen, gesehen, wie er einen Barhocker vor den mehr als mannshohen Kühlschrank schob und sich nach oben hangelte. Er liebt Knöpfe, Hebel und Regler über alles.

R. streitet bis heute alles ab. Doch es ist kaum zu bezweifeln, daß unser bislang folgenreichster “blackout” ausnahmsweise NICHT dem maroden US-Stromnetz geschuldet war.

(Princeton Post XIX)

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