Einige Tage vor unserer Rückreise nach Princeton traf ich mich mit Daniel am Kollwitzplatz. Daniel hatte fünf Jahre lang als Korrespondent in Washington gearbeitet, bevor er vor zwei Jahren nach Berlin zurückkehrte. Wir sprachen über Politik (warum es Angela Merkel an die politische Spitze geschafft hat und Hillary Clinton nicht), Wirtschaft und Gesellschaft (ob der hohe Ölpreis selbst die Amis zum Kleinwagenfahren bekehrt).

Sobald es aber um die persönlichen Erfahrungen mit dem Leben in den USA ging, waren wir uns einig: Es sind nicht die großen Themen, die über das Heimisch- oder Fremdfühlen im anderen Land entscheiden. Sondern zuallererst die kleinen Dinge, die in dem für Neueinwanderer wohl typischen Zustand einer stark gesteigerten Empfindlichkeit erstaunliche Dimensionen annehmen können.
Während seines ersten Jahres in Washington, berichtete Daniel, habe er sich bei jedem Flug nach Deutschland im Drogeriemarkt mit Duschgel, Shampoo und Zahnpasta eingedeckt. So groß war das Verlangen nach vertrauten Düften und erprobten Wirkungen in der Fremde. Und ich erinnerte mich sofort daran, daß eine der wichtigsten Umzugskisten aus unseren Containern vor zwei Jahren dieser kleine Karton mit Seifen, Deostiften und Cremedosen war, die wir vor dem Abflug noch bei "Rossmann" in Berlin gehamstert hatten.
Heute kauft Daniel jede Menge kleiner Dinge in seinem bevorzugten "drugstore", wann immer es ihn wieder in die USA verschlägt. Dinge, die er vermißt, seit er aus Washington weggezogen ist.
Von unserer zweiten Sommerreise nach Deutschland haben auch wir natürlich wieder einiges mitgebracht. Kleidung und Schuhe vor allem. (Andere bleibende Vorlieben für Europäisches sind entweder - Möbel - zu schwer, oder - Lebensmittel - mit Einfuhrverboten belegt.)
Aber Shampoo? Duschgel? So gut wie nichts gekauft. Offenbar habe ich mich an die hiesigen Produkte gewöhnt, seitdem unsere Vorräte der ersten Stunde aus Deutschland erschöpft sind.
Inzwischen haben wir eine ganze Reihe kleiner Dinge des Lebens in New Jersey schätzen gelernt. Etwa, daß es selbst in einer Kleinstadt kein Problem ist, am Sonntagabend um 8 Uhr noch frischen Fisch oder Gemüse einzukaufen. Daß man an jeder Kaufhaus- und Supermarktkasse gebührenfrei Bargeld ausgezahlt bekommt und sich damit lange Wege zum Geldautomaten erspart. (Wenn ich an die Samstagsvormittagsschlange vor dem Postbank-Geldautomaten an der Prenzlauer Allee denke...)

Wie haben wir es dagegen in Deutschland genossen, im Laden an der Ecke auch gleich ein Bier und eine Flasche Wein mitzunehmen - ohne extra zum "liquor store" fahren zu müssen! Die Jungs nackt am Strand herumturnen zu lassen, ohne sich strafbar zu machen. Oder bei einer Behörde anzurufen und sowohl freundliche als auch kompetente Auskunft zu bekommen. (Ja, ich weiß. Aber hat einer von euch schon mal mit der US-Steuerbehörde IRS telefoniert?) Solche kleinen - ehemals - Selbstverständlichkeiten können mit einer gewissen Distanz plötzlich ganz stark ins Zentrum der Alltagswahrnehmung rücken.
Nun sind wir also wieder hier. Und während rings um uns das Schreckgespenst einer Elch-häutenden Sarah Palin beschworen wird, die schon bald nur noch einen Herzschlag von der Macht über Amerikas Atomwaffenarsenale entfernt sein könnte, finden wir es schön, daß niemand hierzulande seinen Vorgarten mit Zäunen abschottet. Und freuen uns darüber, daß die Arzthelferin einen Tag vor dem Vorsorgetermin anruft, damit man ihn nicht vergißt.Ohne Zweifel: Im Großen und Ganzen kann dieses Land ganz schön abschrecken. Acht Jahre Bush/Cheney. Dicke Geländewagen, wohin das Auge reicht. Und jetzt: Faule Kredite und wilde Wetten, die Wall Street in Trümmer legen.
Im Kleinen und Alltäglichen hingegen ist es erstaunlich attraktiv. Schwer zu sagen, warum man sich dieser diffusen Macht des Angenehmen bei aller grundsätzlichen Distanz (die sich im Laufe der letzten zwei Jahre auch eher manifestiert, jedenfalls nicht verringert hat) nicht entziehen kann. Vielleicht die Dankbarkeit der Fremdlinge, die jedes Zeichen von Zuwendung besonders hungrig an sich ziehen?
Womöglich wirkt auch die Anziehungskraft einer ausgeprägten Fähigkeit, Unangenehmes auszublenden und die Dinge positiv zu sehen. Sich keine Sorgen zu machen, sondern Gewünschtes grundsätzlich für möglich und machbar zu halten - im Zweifel eben auf Kredit. Sind wir Deutschen ja nicht SO gut drin. Aber: Mal sehen, ob diese Mentalität auch der Druckwelle der ganz großen Finanzmarktkrise noch standhalten wird...
Die verläßlichste Integrationskraft hat am Ende wohl die Macht der Gewohnheit. Ein persönlicher Meilenstein auf diesem langen Weg der kleinen Schritte: Selbst nach einem ganzen Sommer in Europa schmeckt das Leitungswasser von New Jersey American Waters jetzt völlig normal.
Das war nicht immer so. Nach dem Umzug vor zwei Jahren habe ich monatelang jede Woche zwei, drei Gallonen Quellwasser aus dem Ökomarkt nach Hause getragen, weil schon der Chlorgeruch des "tap water" unerträglich war - vom Geschmack ganz zu schweigen.
N., damals 6, brauchte übrigens nur ein, zwei Wochen, um das hiesige Leitungswasser lecker zu finden.

(Princeton Post XX)
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