Samstag, 27. September 2008

Depression statt Obamania?


Nach 20 Minuten Debatte schnarchten die ersten beiden schon.

Vielleicht lag es an der späten Stunde; 8 pm in Oxford, Mississippi heißt schon neun Uhr abends an der Ostküste, plus anderthalb Studen Obama versus McCain macht 10.30 pm, da sind hart arbeitende Amerikaner wochentags zu Hause und im Bett.

Nicht an diesem Freitagabend, da hatten sich acht "liberals", ausgewiesene Demokraten mit Obama- Plakat im Vorgarten, (und eine halbwegs neutrale Beobachterin aus Deutschland) bei Rees nebenan zum Debattengucken eingefunden. Mit Chardonnay aus Kalifornien, Bordeaux aus Frankreich und Italian prune cake zum Dessert.

Es läuft die erste TV-Debatte zwischen Obama und McCain, und das erste, was auffällt: Alle hier wollen den Senator aus Illinois im Weißen Haus sehen - aber von der Euphorie der Vorwahlkampfmonate ist fast nichts mehr zu spüren. Nicht mal in diesem Teil Princetons, einer Hochburg der "liberals". Damals waren im Frühlingsregen Obama-Anhänger an Knotenpunkten des Berufsverkehrs auf- und abgehüpft, hatten mit "Change"- und "Yes We Can"-Plakaten ein neues politisches Zeitalter heraufbeschworen.

Es hat sich ausgerappt. Obamas Vorsprung in den Umfragen ist drastisch geschrumpft - trotz oder womöglich gar
wegen Sarah Palin. Und eines der meistdiskutierten Themen an diesem Abend ist eine Untersuchung, wonach der erste schwarze Präsidentschaftskandidat von diesen Umfragewerten sogar noch sechs bis sieben Punkte abziehen müsse. Weil so viele Amerikaner in den "polls" nur nicht zugeben wollten, daß sie aus rassistischen Gründen in der Wahlkabine eben doch für den weißen Kandidaten stimmen würden.

Der Wall-Street-Blues gibt jetzt den Ton an. "Hoffentlich trägt die Kernschmelze in meinem Aktiendepot wenigstens dazu bei, daß nicht NOCH einmal ein Republikaner gewählt wird", sagt eine Mitt-Sechzigerin sarkastisch. Wie fast alle hier, in einem Land ohne umlagefinanziertes Rentensystem, sieht sie ihre Altersvorsorge schwinden. Er mache die Umschläge mit seinen Depotauszügen schon gar nicht mehr auf, sagt ein älterer Anwalt.

Von den beiden Kandidaten hat an diesem Abend keiner eine überzeugende Antwort, wie er mit der Finanzkrise umzugehen gedenkt. 700-Billion-Dollar-bailout - Yes or No? Um diese Frage eiern beide herum. McCain verwechselt mehrfach Steuerabschreibungen (depreciations) mit Dividenden (dividends), wie die Runde hämisch registriert.

Obama wirkt seltsam unberührt, trotz sichtbaren Bemühens um volksnahe Sätze. Er zündet nicht in diesem Debattenformat, wo das Live-Publikum am Austragungsort ausdrückliches Emotionsverbot hat - kein Jubel, kein Buhruf ist gestattet. Nicht einmal Applaus.

Auch in Rees' Wohnzimmer kommt keine Begeisterung auf, allenfalls bemäkelt man McCains paternalistisches, bisweilen fast feindseliges Gebaren. Wie gesagt, die ersten sind nach zwanzig Minuten eingeschlafen, zwischenzeitlich dämmern bis zu vier von acht Zuschauern weg.

"It's still Obama's to lose", sagt der Anwalt am Ende. Klingt eher beschwörend als überzeugt. Hatte man über Al Gore damals ja auch gesagt. Und was, wenn all die euphorisierten Erstwähler, auf die die Demokraten diesmal so große Hoffnungen setzen, ihren politischen Messias nun auf Normalkandidatenformat zurechtgedreht sehen?

Nahezu unbemerkt ist im Getöse der Banken-Götterdämmerung auch das Barometer der optimistischen Grundstimmung gefallen, nicht ins Bodenlose vielleicht, aber doch spürbar. Kaum einer mochte noch in das texanische Gedröhn des McCain-Beraters Phil Gramm einstimmen, der allenfalls eine "mental recession" für Amerika sehen wollte und über seine Landsleute spottete, sie hätten keinen Mumm mehr, seien "a nation of whiners" geworden - Jammerlappen-Land.

NZZ-Autorin Andrea Köhler geht so weit, von einer "moralischen Krise" zu sprechen, "die tief in den kollektiven Seelenhaushalt eingreift". Ihr Eindruck: Der von Peter Sloterdijk festgestellte "Vorrang der Manien vor den Depressionen" im psychodynamischen Gesellschaftsvertrag der USA wackelt. Die Implosion der Finanzindustrie hat zugleich die ökonomische Basis und den fundamentalen Stolz der Nation erschüttert. Da hilft es nicht, wenn Obama, der stets den "change" beschwor, nun auch nur die Floskel parat hat, dass "wir Amerikaner" schon andere Krisen gemeistert hätten. So viel Wandel wollte dann doch keiner.

Schwer zu sagen, wovor die Gruppe in Rees' Wohnzimmer mehr Angst hat: daß die Krise vollends aus dem Ruder läuft und ihre ökonomische Existenz bedroht - oder daß die Krise womöglich nicht hart genug ausfällt. Daß dieselben Leute, die nach ihrer Ansicht die Misere zu verantworten haben, mit Hilfe hunderter Steuerzahler-Milliarden irgendwie doch noch die Kurve kriegen. Daß sie davonkommen und obendrauf noch belohnt werden mit einem weiteren Wahlsieg ihrer Partei.

Jedenfalls sei sie nun noch entschlossener, in den letzten Wochen vor dem Urnengang am Telefon intensiv um potentielle Obama-Wähler zu werben, seufzt meine Nachbarin Alexandra, als wir nach der Debatte in den warmen September-Nieselregen hinaustreten. Auch Rees will am Samstagmorgen früh aufstehen, um sich in New Brunswick als Wahlkampf-"volunteer" schulen zu lassen.

Gedämpft ist der Optimismus schon. Aber nicht gebrochen.

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