Dienstag, 14. Oktober 2008
Krisenszenarien
Dagmar hat noch einmal gründlich überlegt, ob sie sich den Deutschkurs an der Princeton Adult School für $150 trotzdem leisten soll. Sie ist Ende 50 und seit kurzem arbeitslos. “Merrill Lynch”, sagt sie nur, lächelt resigniert. Ob sie noch einen neuen Job finden muss, oder ob ihr Angespartes ausreicht, um schon jetzt in Rente zu gehen, ist unklar. Ihr 401(k)-Guthaben, der steuerbegünstigte Sparplan, mit dem US-Arbeitnehmer Geld fürs Alter anlegen, schmilzt in Rekordzeit ab. “Im Moment ist es wohl ohnehin besser, in Bildung zu investieren”, sagt Dagmar sarkastisch, als sie den Scheck für den Sprachkurs ausstellt.
Phil merkt an seinen Aufträgen, daß sich die Finanzkrise zur allgemeinen Wirtschaftskrise auswächst. Kaum jemand läßt derzeit noch den Dachboden ausbauen, leistet sich eine komplette Küchenrenovierung oder ein neues Bad. Nur “odd jobs” könne er im Moment machen, sagt der selbständige Handwerker, kleinere Reparaturen, wie sie in den typischen Einfamilienhäusern ständig anfallen. Heute sei er froh, daß er sich auch einen Kundenstamm als “handyman” aufgebaut habe. Abflüsse reparieren, neue Lampen installieren, Bilder aufhängen, alles für $40 pro Stunde. Phil und seine Frau erwarten im November das zweite Kind. Es muss halt reichen, auch für vier.
Ann macht sich Sorgen um den Börsenwert ihres Unternehmens. Sie arbeitet als Beraterin für einen Technologiekonzern mit breit gefächertem Angebot – unter anderem Alarmanlagen, Feuerlöscher, Sprinkleranlagen, Medizintechnik, Armaturen und Stahlbauteile für die Autoindustrie. “Immerhin verkaufen wir echte Produkte, wir stellen etwas her, was auf dem Markt gebraucht wird”, sagt sie. Doch trotz eines guten Geschäftsjahrs ist der Aktienkurs in den vergangenen Wochen fast um die Hälfte eingebrochen. Schlechte Aussichten für Investitionen und Arbeitsplätze.
David bangt bereits akut um seinen Job. Er arbeitet für eine Werbefirma in New York – und ihre Werbeetats streichen krisengebeutelte Unternehmen als erstes zusammen. Mit seiner Frau überlegt er jetzt, ob beide ihre letzten Spardollars opfern und die Hypothek auf ihre Doppelhaushälfte tilgen sollen. Dann wäre wenigstens das Dach über dem Kopf fürs erste sicher.
Während alle diese Leute noch darauf warten, wie stark sie die Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren bekommen, blickt Andrew Dechet längst darüber hinaus. Der 40-jährige Princeton-Absolvent und Partner des Private-Equity-Unternehmens Texas Pacific Group, vor drei Jahren Münteferings bestgehaßte Heuschrecke, präsentiert als Festredner an seiner ehemaligen Universität die Krise im Power-Point-Format: Bewegte Kurven und Diagramme, die Verluste sind schon eingepreist, fast abgehakt, Bewegung bringt immer auch neue Gewinnchancen. Nicht alles Kapital ist vernichtet, viele Milliarden warten nur darauf, wieder investiert zu werden. Gut für sein Geschäft.
Dechets Job ist es nicht, Industriearbeitsplätze zu erhalten, sondern erstklassige Renditen zu erwirtschaften; für reiche Investoren, aber auch für Rentenfonds. Unternehmen auf Kredit gekauft, die Schulden der betreffenden Firma in die Bilanz geschrieben – wenn das gutgeht, profitieren angeblich alle; geht es schief, bleibt das gekaufte Unternehmen auf den Schulden sitzen, nicht die sogenannten Investoren. Smart.
In Dechets Welt gilt auch als “smart”, wer ohne Einsatz von Eigenkapital und mit Hilfe einer Ramschhypothek zu günstigen Zinsen zwei Jahre lang ein Haus “besitzt”, das er sich zur Miete nie leisten könnte. Steigt der Zinssatz ins Unbezahlbare, drückt man der Bank die Schlüssel in die Hand und zieht weiter. In Dechets Welt hat Pech, wer gerade in dem Moment, wo die Krise richtig reinhaut, das Rentenalter erreicht und sein 401(k)-Guthaben auf weniger als das Existenzminimum zusammengeschrumpft findet.
Wie geht das nun weiter? Frank Schirrmacher sieht in der FAZ nach dem “Bankrott der Metaphysik des Marktes” unsere Gesellschaftsordnung bedroht, und zwar ausdrücklich nicht durch die allzu menschliche Gier jedes einzelnen, sondern durch die Abkoppelung der Wirtschaftseliten vom Rest der Gesellschaft. Er zitiert den amerikanischen Evolutionsbiologen und Geographen Jared Diamond: “Nach Diamond steigt die Bereitschaft handelnder Eliten, eine Gesellschaft zu ruinieren, proportional mit ihrer Möglichkeit, sich von der Gesamtgesellschaft ökonomisch zu isolieren.” Diese Eliten “fühlen sich sicher”, so Jared, “weil sie sehr konzentriert und in überschaubarer Zahl auftreten. Sie sind durch die Aussicht auf schnelle, sichere Profite hoch motiviert, während sich die Verluste stets auf eine sehr große Zahl von Individuen verteilen.”
Nun sind sie zu weit gegangen, folgert der deutsche Intellektuelle: “Die Krise verändert nicht nur die Welt. Sie verändert das Denken.”
Nicht für das Wunderkind der angelsächsischen Finanzwelt. Auch Dechet fragt mit Blick auf die rasende Talfahrt der Power-Point-Kurven: “Verändert sich die Welt?”, antwortet aber naturgemäß mit Nein. Aus der Krise liest er keinen Bruch, kein Ende; er erzählt sie als Teil der zyklischen Wirtschaft – wenn auch in dieser Runde mit ungewöhnlich heftigen Ausschlägen. Daß die amerikanischen Anleger und Verbraucher jemals so nachhaltig pessimistisch werden könnten wie die Deutschen, mag er sich gar nicht vorstellen: “I am sure that in the end, the American consumer will always be optimistic.” Irgendwann geht es schon wieder aufwärts.
Bis es soweit ist - flexibel sein und in Bildung investieren, empfiehlt Dechet dann noch einem Studenten, der fragt, wo er demnächst einen Job finden soll: "Go to Grad school!" - mach deinen Doktor.
Lassen wir das Schlußwort dem frisch gekürten Nobelpreisträger aus Princeton, Paul Krugman. Der schrieb Anfang des Monats unter dem Titel "Edge of the Abyss" in der New York Times, sicher sei derzeit nur eines: "The next administration’s economic team had better be ready to hit the ground running, because from day one it will find itself dealing with the worst financial and economic crisis since the Great Depression."
(Princeton Post XXI)
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