Seit John Edwards aufgegeben hat, ist bei den Demokraten der Zweikampf zwischen Hillary und Obama endlich voll entbrannt. Weiße Frau gegen schwarzen Mann – mehr Spannung geht nicht. Bei den Republikanern ist es nicht ganz so aufregend: Wall-Street-Mormone gegen greisen Kriegshelden. Immerhin.
Immer mal wieder werde ich jetzt aus Deutschland gefragt, wer's denn meiner Meinung nach wird. Kandidat(in) und dann Präsident(in). Nur bin ich trotz geographischer Positionierung auch nicht näher am politischen Puls der Nation, fürchte ich. Aber schauen wir uns um.
Autoaufkleber? Fehlanzeige. Auch in Princetons Vorgärten geht es alles andere als aufgeregt kontrovers zu. In unserem gesamten Viertel – mehrheitlich white, upper middle class, liberal – habe ich bislang erst zwei von diesen Vorgarten-bumper stickers auf zwei dünnen Drahtbeinen erspäht.
Beide werben für Obama.Eines der Mini-Wahlplakate steht im Vorgarten unserer Nachbarin Betty. Sie ist 70, geschiedene Mutter von zwei Söhnen und mehrfache Großmutter – und politische Insiderin.
Vom Profil her könnte sie eine typische Hillary-Wählerin sein. Aber weit gefehlt. Wenn Hillarys Name fällt, erlaubt sich Betty, sonst ganz diskret, sogar einen angeekelten Gesichtsausdruck. “You don´t want to get involved with the Clintons”, sagt sie bestimmt. Um die Clintons sollte man einen weiten Bogen machen.
Betty hat den Wahlkampf der Basketball-Legende Bill Bradley gemanagt, als Bradley sich 2000 gegen Bill Clintons Vize Al Gore um die demokratische Präsidentschaftskandidatur bewarb. Er war, ähnlich wie Barack Obama heute, ein Abtrünniger des Parteiestablishments, der vor allem unabhängige Wähler ansprach. Auch Bradley und sein Wahlkampfteam bekamen zu spüren, daß die Clintons mit allen Mitteln kämpfen. Und daß sie besonders giftig werden können, wenn ihnen - oder ihren engeren Mitstreitern - einer aus der eigenen Partei die frontrunner-Stellung streitig macht.
Den Clintons gehe es allein um die Macht, sagt Betty. Obama hingegen hält sie für echt. Er wolle wirklich etwas bewegen, für Amerika. Sie hat Bill Bradley gefragt, und der habe ihr bestätigt: “Obama is for real. He is authentic.”
Nun ist Bradley selbst vor einigen Wochen als Berater in Obamas Wahlkampfteam eingestiegen, und es ist Teil seines Jobs, Multiplikatoren wie Betty – deren Rat auch bei jüngeren Leuten gefragt ist – günstig zu beeinflussen. Doch eindeutig ist Obama eine potentielle Identifikationsfigur für all jene, die der Geschichte vom Aufstand der Aufrechten gegen ein handlungsunfähiges und korruptes politisches Establishment (Feindbild: Washington, D.C.) folgen. Und das sind in den USA seit jeher nicht wenige.
Sieht man sich Obamas Spenden-Sammelrekord im vergangenen Monat an und bedenkt, daß ihn nun auch Ted Kennedy unterstützt, könnte man glatt beginnen, an eine Art Wunder zu glauben (wobei das Wort “believe” seine Wahlkampfrhetorik übrigens mindestens ebenso dominant durchzieht wie “change”).
New York Times-Kommentator David Brooks sieht – “grandparents and children united against the parents” – eine neue Verbindung zwischen Alten (Ted Kennedy) und Jungen (Obama) gegen die Clintons als die politischen Platzhirsche der Babyboomer-Generation. Geknüpft an die Hoffnung, wieder “gute” Politik nicht nur im taktischen, machterhaltenden Sinne zu machen: “inspiration versus calculation; future versus the past; and most of all, service versus selfishness”.
Aber will man wirklich noch einmal auf den alten JFK-Mythos hereinfallen!?
Interessanter fragt Peter J. Boyer im New Yorker, ob Obama und mehr noch der 38-jährige, charismatische Bürgermeister von Newark, Cory Booker, Vorreiter einer “post-racial generation” seien – einer neuen Politiker-Generation von schwarzen Eliteuni-Absolventen, die es erstmals in der US-Geschichte schaffen könnten, die Rassenfrage zu transzendieren.
Dana winkt beim Thema “Obama als Hoffnungsträger” gleich ab. Dana ist Mitte dreißig, Mutter (bald zweifache), außerdem business partner ihres Mannes und politisch engagiert, seit ihre Mutter, eine Delegierte des Staates New Jersey, sie 1984 zur National Convention der Demokraten nach San Francisco mitnahm. Für sie ist Obamas Hautfarbe nur ein Handicap im Kampf um das Weiße Haus, und vielleicht nicht einmal das größte.
“Nichts würde den Republikanern besser in den Kram passen, als wenn die Demokraten Obama zu ihrem Kandidaten machten”, sagt sie. Begründung: Wie jeder Mensch habe auch er Leichen im Keller. Die republikanischen spin doctors, Weltmeister in der oft entscheidenden Wahlkampfdisziplin Schmutzwerfen, hätten ihre Munition gegen ihn längst gesammelt und warteten nur darauf, sie einzusetzen.
(Für Fans von Verschwörungstheorien: Laut Dana haben sich in manchen Staaten republikanertreue Wähler massenhaft als Demokraten registrieren lassen, um bei den Vorwahlen für Obama zu stimmen und ihrer eigentlichen Partei damit den schwächeren Gegner zu verschaffen.)
Nach Danas Überzeugung hat allein Hillary eine Chance gegen die Republikaner, denn ihr könne das Dreckschleudern nichts mehr anhaben: “Über sie ist alles schon gesagt, jede mögliche Lüge verbreitet, jedes dunkle Detail aus ihrer Vergangenheit ans Licht gezerrt worden.” Das Pfund der politischen Erfahrung, mit dem Hillarys Wahlkampfteam ohnehin wuchert, wiegt in Danas Geschichte aus einer ganz ungewohnten Perspektive schwer.
Soviel also zu den stories. Prognosen aber will zu diesem Zeitpunkt fast niemand wagen. Fast alle meine amerikanischen Bekannten erinnern daran, was für ein politisch zersplittertes Land die USA heute seien. Sie verweisen etwa auf das Phänomen der sogenannten single issue voters; Wähler, die ihre Entscheidung für einen Präsidentschaftskandidaten ausschließlich von dessen Position zu einem einzigen Thema – wie Abtreibung – abhängig machen. Wer soll da durchfinden?
Nun kann man es mit David Remnick, dem Chefredakteur des New Yorker, halten. Der sagte kürzlich bei einem Vortrag in Princeton, noch nie seien die USA so schlecht regiert worden wie heute – und egal wie die Wahl ausginge, es könne nur besser werden.
Ich will mich aber zum guten Schluß doch noch aus der Deckung wagen. Also: Rutscht die amerikanische Wirtschaft weiter in die Krise, und das sieht so aus, wird in diesem Land weder ein schwarzer Mann noch eine weiße Frau gewählt. Sondern ein weißer Mann.
Remember: It's the economy, stupid!
Nach jüngsten Umfragen tippe ich damit auf John McCain. Aber wer glaubt schon an Umfragen… Und der Super Bowl haben auch die New York Giants gewonnen. Nicht die haushoch favorisierten Patriots.
(Princeton Post XIV)
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