Freitag, 10. September 2010

Back to School


Mit dem Labor Day, dem ersten Montag im September, endet der amerikanische Sommer. Erstaunlich oft hält sich sogar das Wetter daran. In jedem Fall aber geht dann, nach zweieinhalb Monaten Ferien, die Schule wieder los. Oder es steht – wie dieses Jahr für R., unseren Jüngsten – der erste Schultag überhaupt an. Für US-Kinder und ihre Eltern heißt das unterschiedslos: "Back to School".

In der FAZ war neulich von einer vergleichenden Studie zu lesen, wonach die Amerikaner deutlich mehr Vertrauen in die Institution Schule setzen als die Deutschen (Der erste Schultag. Pädagogische Berufskulturen im deutsch-amerikanischen Vergleich, VS Verlag, Wiesbaden 2009). Abzulesen, so die Autorin Sandra Rademacher, sei das schon an der unaufgeregten Formulierung "Back to School".

Für noch bedeutsamer aber hält sie es, dass amerikanischen Eltern am Einschulungstag ihrer Kinder überhaupt keine Rolle zugedacht ist – während Väter, Mütter, Omas, Opas und Paten der deutschen i-Dötzchen zu diesem feierlichen Anlass die Schulaula verstopfen (zumindest dort, wo man noch keine Grenzen à la: "Maximal zwei Erwachsene pro Schulkind!" gesetzt hat). Und während man in den USA den Aufbruch in ein neues, spannendes Schuljahr feiert, stellt man sich in Deutschland vor allem die bange Frage: Wird mein Kind in der familienfernen Instanz Schule womöglich gar nicht mehr so richtig Kind sein dürfen?

Im Vergleich dazu, so die These, verkraften Mom and Dad in den USA die neue Doppelrolle ihres Kindes als Schul-Kind ganz selbstverständlich und mühelos.

Schön wär's!

Doch selbst wenn ein deutscher Einfluss auf Amerikas Schulkultur bei aller Globalisierung wohl auszuschließen ist: Auch hierzulande drängeln sich Eltern in Schuldingen weiter nach vorn. Und weil auf dem Markt der US-Schulen ein harter Konkurrenzkampf herrscht, können selbst die "public schools" diesem Druck nicht einfach widerstehen. Mag man Mom und Dad auch am ersten Schultag keinen Platz in der Turnhalle anbieten – ihr Trennungsschmerz wird dafür bei einer ganz eigenen Veranstaltung gehätschelt.

In unserer Schule sind wenige Tage vor dem offiziellen Start Eltern und Kinder der neuen Vorschulklasse zu einer Begrüßungsfeier eingeladen. Man sitzt in der Aula, selbstverständlich unter dem Sternenbanner. Rede der zuständigen Vize-Direktorin. Vorstellung und Reden der Lehrer, der Krankenschwestern, der Sekretärin und des "school councelor". Das ist eine Art hauseigener Schulpsychologe.

Es gibt viele praktische Tips, aber auch hier viel Tröstliches ("If your child needs a hug, it will be sure to get one!"). So wird uns versichert, dass die "Kindergardeners", wie die Vorschüler hier heißen, zusätzlich zum Lunch jeden Tag zwei Snacks bekommen. (Der durchschnittliche Amerikaner glaubt, dass kein Kind länger als zwei, drei Stunden ohne Nahrungszufuhr überlebt.) Zuletzt noch die beinahe beschwörende Bitte der Lehrerin an die Eltern, am ersten Schultag nicht zu lange bei den Kindern zu verweilen ("I know that letting them go is SO hard, but we've got to start class at some point!"). Man werde aber, beeilt sie sich gleich zu versichern, noch genug Gelegenheit bekommen, im Klassenzimmer mit dabei zu sein.

Wem all das nicht reicht, dem wird kurz nach dem Schulstart die traditionelle "Back-to-School Night" geboten – eine Art feierlicher Kollektiv-Elternabend, wo man erneut den Reden der Rektoren lauscht und dann mit den Lehrern die Klassenzimmer besucht. Dort sitzt man eingeklemmt auf dem winzigen Stuhl seines Kindes, wird von der Lehrerin noch einmal über Tagesablauf und Lehrplan informiert. Schließlich ist noch ein Fragebogen auszufüllen, mit gut einem Dutzend Fragen zum je einzelnen Kind – über Stärken und Schwächen, Vorlieben und bevorzugte Konfliktlösungsmechanismen. Außerdem können wir ankreuzen, ob wir in der Klasse vorlesen oder beim Lesenlernen helfen, unsere Kinder zum "school lunch" oder in die Bibliothek begleiten wollen. Gleich als erstes aber möchte Ms. B. von uns, den Eltern, wissen: "What do you expect Kindergarden to do for your child?"

Nach so viel Teilhabe am Schulleben ihrer Kinder ist es eigentlich kein Wunder, dass Mom and Dad auch später nicht mehr loslassen können. "Students, Welcome to College – Parents, Go Home", hieß es neulich in der New York Times. Unter diesem Titel wurde von einem neuen Trend an Amerikas Universitäten berichtet, sogenannte "parting ceremonies" zu zelebrieren, um die "Kinder" von ihren besorgten Eltern loszueisen. Die seien andernfalls nämlich noch tagelang auf dem Campus unterwegs, Kontrollgänge machen.
In einer solchen Trennungszeremonie drehte in Minnesota ein Dekan den Angehörigen der neuen "Class of 2014" bei seiner Begrüßungsrede explizit den Rücken zu. Und in einem College in Atlanta (Georgia) blieben die Eltern buchstäblich außen vor: Nach den Begrüßungsreden in einer nahegelegenen Kirche wurden die "freshmen" auf den Campus geleitet – und gleich hinter ihnen demonstrativ die Tore geschlossen.

Nur gut, dass R. schon mit seinem großen Bruder im gelben Schulbus zur Schule fahren kann, dachte ich. Doch SO viel Selbstständigkeit durfte dann auch wieder nicht sein: "Kindergardeners" an der Schulbus-Haltestelle? Nur in Begleitung der Eltern!

Für das Resultat gibt es in den USA längst einen Terminus technicus: "Velcro parents" – Kletten-Eltern.

(Princeton Post XXXIII)

Keine Kommentare: