Dienstag, 14. Dezember 2010

Screaming German


"
Das wird hier nicht laufen" – so mein Medienwissenschaftler-Mann über eine ganze Werbeseite in der New York Times am Nikolaustag. Da stand neben einer selbstbewusst allein stehenden Spülmaschine Marke Bosch:




Bei aller Wertschätzung (zumindest gutverdienender New-York-Times-Leser) für Porsche und Poggenpohl, Miele und Mercedes: This won't fly, um einmal die amerikanische Variante zu nehmen. Erstens lässt sich der Amerikaner an sich nicht so gern von den Deutschen erklären, dass sie alles besser können. Und zweitens hat wohl nicht nur der Blogger Mark Horn beim Anblick dieser Anzeige eine Gänsehaut bekommen (auch wenn er das fast befürchtet, weil er sowohl den Werbetexter als auch dessen Chefs für jünger als 35 hält): "Is it just me?", schrieb Horn unter dem Titel "Never juxtapose the word 'scream' with 'German engineering'":
  • "I mean, I realize it's been 65 years since the end of WWII, but the headline for this ad in today's New York Times made me recall the photographs of bodies stacked outside the crematoria. It just creeped me out."
Einen solchen Effekt wird Bosch wohl kaum einkalkuliert haben – auch wenn man schon einiges aufbieten muss, um im vorweihnachtlichen Werbewust noch aufzufallen. Wie auch immer, viel risikieren tut die Firma damit wohl nicht. Denn wer ihr "German engineering" zu Hause hat, ist damit in aller Regel glücklich: Bosch-Produkte stehen in den einschlägigen Kundenzufriedenheitsrankings meist ganz weit oben. Doch zumindest auf seiner Website schlägt das Unternehmen nun auch mit der Werbetrommel leisere Töne an: "We've taken a vow of silence", heißt es dort. "The 800 Plus is the quietest dishwasher in America."

Nun aber zu einem deutschen "Produkt", das mit dem ganzen Gegenteil von leisen Tönen in Amerika erfolgreich ist: Rammstein.

Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat die Gruppe aus Berlin am Samstag in den USA gespielt, und was soll man sagen – sie haben den Madison Square Garden voll gekriegt. Damit ist man kaum noch eine Underground-Band, wie es in der Welt hieß. (Dass das Konzert weniger als eine halbe Stunde nach Vorverkaufsbeginn im November bereits ausverkauft war, lag wohl eher daran, dass professionelle Zwischenhändler große Kontingente abgegriffen hatten, um die dann zu Wucherpreisen von bis zu drei-, vierhundert Dollar pro Ticket gleich wieder anzubieten. Damit mag sich aber manch einer verspekuliert haben. Wir haben noch fünf Stunden vor Konzertbeginn recht günstig elektronische Tickets für sehr gute Plätze bekommen.)

And, man, it was loud. Der reine Musikgenuss war das nicht bei einer Hallenakustik, die jede Feinheit in einem infernalischen Klangbrei absaufen ließ. Aber man kommt ja ohnehin nicht nur wegen der Musik zu Rammstein. Sondern, vielleicht sogar in erster Linie, wegen der Show – wobei schon dieser (angloamerikanische) Begriff so gar nicht zu dem passen will, was Rammstein auf die Bühne bringt: feuerspeiendes, kanonenschlagkrachendes, muskelprotzendes, sexstrotzendes, presslufthammerschwingendes, urgewaltiges Pathos.

Rammstein auf der Bühne, das ist große Oper – Liebe und Leid, mächtige Kulissen, grandiose Requisiten und pyrotechnische Knalleffekte bis hin zu Till Lindemanns eisernen Engelsflügeln im feuergewaltigen Finale. Wagner in Metal. Zwischentöne, balladenhaft oder ironisch, gehen, wie gesagt, im allgemeinen Großkrach eher unter.

Das ist hier natürlich erst recht manch einem allzu unheimlich deutsch; zumindest das Spiel der Band mit Nazi-Ästhetik ist kaum von der Hand zu weisen. Spätestens als man in den Zimmern der Amokläufer von Littleton 1999 Rammstein-Platten fand, gerieten Band und Publikum in Verruf. "Rammstein" und "rechtsextrem" wird auch in den USA immer wieder zusammengebracht, da mag es in ihrem Lied "Links 2-3-4" noch so oft heißen, ihr Herz schlage links.

Um zu sehen, dass man mit "rechts" und "links" bei Rammstein womöglich nicht weit kommt, musste man sich im Madison Square Garden nur einmal umdrehen. Das Publikum betrachten – das war auf seine Art so sehenswert wie die Gruppe selbst. Eine Menge kahlgeschorener Köpfe, heftig tätowierter Arme und schwarzer Kleidung, keine Frage – aber von aggressiver Stimmung keine Spur. All die harten Kerle (Frauen waren auch da, aber klar in der Minderheit) lassen sich freudig erregt von Platzanweisern zu ihren Sitzen führen. Oben links schwingt ein "Kollektiv Schwerin" eine große Deutschland-Fahne.

Vor uns: drei Männer aus Russland. Mitte vierzig, Freizeitkleidung, Goldkette. Ihr Bier im Plastikbecher stellen sie vorsichtig ganz weit unter den Klappsitz, damit es nicht umfällt, wenn später alle aufspringen.

Hinter uns: Eine Gruppe Hispanics, Anfang zwanzig, die Mädels im Gothic-Outfit. "Rammstein, woohooooo!", kreischt die eine, bricht aber mittendrin ab, um maschinengewehrfeuerschnell auf Spanisch in ihr Handy zu plappern. Das wird sich noch mindestens zwei Dutzend mal wiederholen. Ihr zierlicher Freund bleibt absolut cool unter seinem hellgrauen Stahlhelm mit aufgemalten deutschen Flaggen. Den wird er später auch beim Auf-der-Stelle-Tanzen nicht abnehmen.

Neben uns: Zwei Nachfahren amerikanischer Ureinwohner, Profile wie aus Stein gemeißelt, ein langer Zopf blauschwarzer Haare. Massiv gebaute Kerle, Unterarme so kräftig wie meine Oberschenkel. Sie kämen aus Mexico City, sagen sie. "And you? – Germany? That's good!"

Dann geht es los. "Ramms-tein, Ramms-tein", skandieren alle um uns herum; Russen, Amerikaner, Mexikaner. Tausende Arme fliegen in die Luft, hunderte Foto-Handys zeichnen auf. Und alle singen mit. Können die Texte auswendig, alle. "Feuer frei", "Ich will", "Du riechst so gut" mit rollendem R. Wieviel davon sie verstehen, wer weiß. Dass die Kommunikation funktioniert, zeigt – wieder einmal – die Schlauchbootfahrt des Keyboarders Flake auf dem Arme-Meer des Publikums. Er dirigiert, sie tragen ihn.

Rammsteins deutsches Pathos trägt fast zwei Stunden lang. Bis Till Lindemann, ganz irdisch wieder ohne Engelsflügel, Hand auf dem Herzen, zum Abschluss wohlerzogen sagt: "Das war Rammstein - thank you very much!" – und alle friedlich und zufrieden nach Hause gehen. Wo manch einer vielleicht von Zeit zu Zeit (wie wir) ganz laut eine CD von Rammstein hört, während im Hintergrund, ganz super-leise, die Bosch-Spülmaschine läuft.

(Princeton Post XXXV)

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