Der erste Bli
zzard dieses Winters fand dummerweise in den Weihnachtsferien statt. Beim zweiten "Northeaster" am Mittwoch hatten unsere Jungs mehr Glück: 30 Zentimeter Neuschnee, Princetons Schulen machten dicht. Snow Day!Wobei man schon sagen muss: Hier in New Jersey sind sie ziemlich "chicken" mit dem Schnee. In New York kommen die Schüler nicht so leicht davon. Obwohl die Stadt weiter im Norden liegt und eher mehr als weniger Schnee abbekommt, gab es dort während der letzten 30 Jahre ganze fünf Snow Days (allein zwei davon allerdings in den vergangenen zwei Jahren, was auf eine gewisse Verweichlichung schließen lässt. Das wäre in, sagen wir mal, North Dakota nicht passiert).
Entsprechend aufwendig fallen die Rituale aus, die in NYC ganz viel Schnee und somit einen Snow Day herbeizaubern sollen: Man zieht den Schlafanzug auf links an, spült Eiswürfel die Toilette runter, rennt fünfmal um den Küchentisch und legt einen Löffel unters Kopfkissen. Altbewährtes Woodoo seit den Zeiten der Pilgrims. Vergebliche Liebesmüh allerdings bei Mayor Bloomberg: Schule findet statt, ließ er schon am Dienstagabend wissen – denn im Klassenzimmer sei die Jugend der Stadt allemal besser aufgehoben, als wenn sie orientierungs- und ziellos durch die Straßen irre.
Naja – ziellos? Ich weiß nicht, wie die Kinder in New York so drauf sind, aber hier legte schon um acht Uhr morgens der erste Elfjährige mit der
Schneeschippe los. Nebeneffekt: Der Bürgersteig wird ordnungsgemäß vom Schnee befreit (die Straßen, selbst Seitenstraßen, sind zu diesem Zeitpunkt längst freigesalzt, denn Snow Days gibt es nur für Schüler, nicht für Arbeitnehmer). Eigentliches Ziel: ein besonders hoher Schneeberg, in den sich später ein Iglu mit komplexem Tunnelsystem hineingraben lässt. Geeignetes Werkzeug findet sich in den umliegenden Garagen; unsere Pflanzkelle wird hoffentlich im Frühjahr wieder auftauchen, wenn der Iglu abschmilzt.Solche Schneestürme bringen aber auch in erwachsenen Amerikanern das Beste zum Vorschein. Um kurz nach acht, kaum war ich aus dem Bett, hörte ich einen Rasenmäher. Einen Rasenmäher?! Blick aus dem Fenster: Es handelte sich um einen "electricity-powered heavy-duty walk-behind snow blower", zu deutsch Schneefräse, geschoben von unserem Nachbarn Rees. Der hat lange im Mittleren Westen gewohnt; da hat so ein bisschen New-Jersey-Schnee nichts zu lachen. Und weil er
gerade dabei war, hat er unseren Abschnitt des "side walk" gleich mit freigefräst. Er weiß nämlich, dass wir armen Deutschen uns sonst stundenlang mit der Schneeschippe plagen; der Mann hat sogar ein extra langes Verlängerungskabel für seinen "blower" gekauft, damit es bis zu uns rüber reicht. Eine Stunde später hat Anne, seine Frau, auch noch unsere Garageneinfahrt freigelegt.Man revanchiert sich dann als hilfsbereiter Nachbar zum Beispiel, indem man fünf, sechs Kinder – darunter auch den Sohn von Rees und Anne – mittags mit Lunch und/oder Kakao versorgt. Das bedeutet fünf, sechs paar Riesenwinterstiefel, Schneehosen, haufenweise nasse Handschuhe und Mützen im Flur, Schneematsch überall und das Ende aller Brot- und Plätzchenvorräte. Ist aber unbedingt Bestandteil eines richtigen Snow Day.
Nun, von denen wird es, wenn ich das La-Niña-Phänomen richtig verstanden habe, in diesem Jahr noch ein paar mehr geben. Kritisch wird das erst ab dem vierten Mal: Fallen in einem Schuljahr mehr als drei Schneetage an, werden die von den Sommerferien abgezogen. Was aber bei zweieinhalb Monaten Sommerferien nicht so auffällt. Und so ein paar unverhoffte Ferientage im Schnee sind es das allemal wert.
Inzwischen weiß ich auch, dass die besten aller Nachbarn schon beim ersten Blizzard, der wesentlich mehr Schnee auf die Gegend hatte fallen lassen, für uns mitgeräumt haben (da waren wir gerade in Deutschland, Schneeschippen bei Oma und Opa). Das erklärt, warum uns der eigentlich damit beauftragte "snow removal service" keine Rechnung geschickt hat: Die Heinzelmännchen von Princeton waren schneller als die Profis.
Bevor ihr jetzt aber alle denkt, dass Amerikaner einfach immer NUR nett zueinander sind: Man wünsche nur einem grantigen New Yorker noch nach dem 4. Januar ein fröhliches "Happy New Year" – und eine unflätige Bemerkung ist fast garantiert. Michael Musto von The Village Voice jedenfalls meint:
- "Just like December 26 makes us suddenly safe from syrupy Christmas songs and TV movie reruns about small-town Santa miracles, so should January 4th be the last time anyone is legally allowed to say 'Happy New Year'."
Mit zehn Tagen Verspätung sei euch allen an dieser Stelle trotzdem noch ein glückliches und gesundes neues Jahr gewünscht!
(Princeton Post XXXVI)
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