Montag, 15. Oktober 2007

Rules and Regulations

Seit zwei Wochen lernen wir wieder für den Führerschein. Wir lernen, daß man grundsätzlich anhalten muß, wenn man aus einer privaten Einfahrt hinausfährt. Daß man sich einem Schulbus mit blinkendem Rotlicht nur auf maximal acht Meter und beim Parken einem Feuerhydranten auf maximal drei Meter nähren darf. Seitenweise Verkehrsregeln müssen wir pauken, darunter auch viel behördlich Wissenswertes wie die Frist, innerhalb der ein neuer Bewohner New Jerseys eine “New Jersey driver`s license” erwerben muß, um überhaupt in diesem Staat ein Auto lenken zu dürfen. Die korrekte Antwort lautet: binnen 60 Tagen – oder früher, wenn der eigene Führerschein aus einem anderen Bundesstaat schon während dieser Zeit abläuft.

Daß wir sowohl unbefristet gültige EU- als auch internationale Führerscheine besitzen und beide seit mehr als zehn Jahren unfallfrei fahren, interessiert die hiesige Motor Vehicle Commission (MVC) überhaupt nicht. Also müssen wir – wie alle Zugezogenen – zumindest den theoretischen Teil des Führerscheins neu machen.

Um allerdings überhaupt erst zur Prüfung antreten zu dürfen, sind weitere Papiere erforderlich. So ist zum Beispiel die eigene Identität zu beweisen. Nach einem Punktesystem werden entsprechende Dokumente bewertet – ein Reisepaß etwa zählt vier Punkte, die Kreditkarte einer hiesigen Bank bringt immerhin einen Punkt. Mindestens sechs Punkte müssen zusammenkommen, sonst kann man gleich mit dem Bus fahren. Auch ein Beweis, daß wir tatsächlich in New Jersey wohnen, ist erforderlich – zum Beispiel ein Steuerbescheid der Gemeinde aufs neue Heim.

Nun könnte man argumentieren, daß solcher Aufwand berechtigt sei, weil es in diesem Land keine Personalausweise gibt und der Führerschein deshalb DAS Ausweisdokument schlechthin ist. Das sollte freilich niemand leichtfertig an Nicht-Berechtigte herausgeben. (Und schon gar nicht, nachdem mehrere der 9/11-Attentäter offenbar gültige New-Jersey-Führerscheine hatten, nachdem ihre Aufenthaltserlaubnis längst abgelaufen war…)

Aber auch der aus Texas eingeführte alte Mercedes braucht gleich ein neues Dokument, das ungefähr mit dem deutschen Kfz-Brief zu vergleichen ist. Texas ist schließlich weit, fast so weit wie Europa, und von dort stammende Urkunden gelten nichts. Hier zählt grundsätzlich nur, was den Stempel einer New-Jersey-Behörde trägt. Und selbstredend von allen Neulingen teuer zu bezahlen ist. Auch hier sind natürlich wieder Wohnsitz und Identität des Autobesitzers anhand mehrerer Dokumente nachzuweisen…

Im Wettlauf um den Spitzenplatz für Ausufernde Bürokratie kann New Jersey nicht nur bei Angelegenheiten rund um das Automobil mit Deutschland mithalten. Auch in anderen Bereichen wie Krankenversicherung, Schulverwaltung und Steuerangelegenheiten tobt ein Papierkrieg, der seinesgleichen sucht. Wer neue Fenster in sein Haus einbauen oder die Fassade neu streichen läßt, braucht eine behördliche Genehmigung. Danach nimmt die Behörde eine Neueinschätzung des Immobilienwerts vor und korrigiert diesen natürlich nach oben – mit der Folge, daß der Hausbesitzer fortan höhere Grundsteuern bezahlen muß. “Yes, we´ve got lots of rules and regulations”, sagt P., die Sekretärin des German Departments an der Universität, mit einem Seufzer. “But on the other hand, it´s very safe here.”

Vielleicht ein bißchen zu “sicher” für meinen Geschmack. Als ich vor einigen Wochen mit beiden Kindern im Auto unterwegs war, wollte ich dem Gatten kurz die zu Hause vergessene Brille ins Büro bringen. Weil der kleine R. im Kindersitz schlief und der große N. ohnehin nicht so gern mitkommen wollte, ließ ich die beiden im – selbstredend abgeschlossenen – Auto allein. Der Wagen stand an der Hauptstraße Princetons keine zwanzig Meter vom Eingang zur Universität entfernt, und ein paar Straßenbauarbeiter direkt neben uns sagten zu, sie hätten gerne kurz ein Auge auf die Kinder.

Als ich sechseinhalb Minuten später zurückkam, stand ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht neben unserem Auto. Zwei völlig verängstigte Kinder starrten einen riesigen Polizisten an, der mit zornesgefurchter Stirn an jeder Türe rüttelte. Die Strafpredigt, die ich dann über mich ergehen lassen mußte, spottet jeder Beschreibung. Daß man in Amerika nicht einmal ein Haustier allein im Auto lassen dürfe, weil es in der Hitze ersticken könnte. Daß Kinder allein im Auto Angst hätten. Und, mit Blick auf die Arbeiter, wie ich meine kostbaren Kinder völlig fremden Menschen anvertrauen könne? Nur weil ich tatsächlich nur sehr kurz fortgewesen sei und überdies aus dem Ausland stamme (wie er “AUSLAND” sagen konnte…), lasse er mich diesmal noch mit einer Verwarnung davonkommen.

Was hätte mir der Hinweis genutzt, daß der Wagen bei Temperaturen von knapp über 20 Grad Celsius im Schatten stand? Oder daß mein Sechsjähriger erst in dem Moment Angst bekam - und der Anderthalbjährige erst in dem Moment aufwachte -, als ein Wildfremder mit einer komischen Mütze auf dem Kopf sich mit Gewalt Zugang zum Auto verschaffen wollte? Sollte ich einem Polizisten tatsächlich sagen, daß ich die Vermutung einer spontanen Verschwörung von sieben Bauarbeitern zur Kindesentführung auf der belebtesten Straße Princetons für leicht paranoid hielte? Ich habe all das heruntergeschluckt, mich für die Belehrung bedankt und dann mit den Kindern – von denen mindestens eines fest glaubte, seine Mama werde gleich verhaftet - schnellstmöglich das Weite gesucht.

Vielleicht wird ja alles besser, wenn ich endlich den New-Jersey-Füherschein habe. In wenigen Tagen gehe ich in die Höhle des MVC-Löwen und versuche mein Glück. Zuerst einmal wird wohl eine Strafgebühr fällig sein, weil wir schon länger als 60 Tage hier wohnen. Aber wahrscheinlich werde ich ohnehin an Fragen wie dieser scheitern: “Autofahrer, die für sechs Monate bis ein Jahr ihren Führerschein wegen Fahrens unter Alkoholeinfluß verlieren, können außerdem bis zu 30 Tage Gefängnisstrafe bekommen. Welche Strafzahlungen und –gebühren hat der Autofahrer darüber hinaus zu erwarten?” Die komplett unlernbare Antwort lautet: Strafzahlungen von 250$ bis 500$, 75$ pro Tag IDRC(?)-Gebühr, 100$ Gebühr für den “drunk driving fund”, 100$ Gebühr für den Erziehungs- und Rehabilitations-Fonds für Alkoholsünder, drei Jahre lang 1000$ Aufschlag auf die jährliche Versicherungsprämie und 75$ Gebühr für den “safe meighborhood fund”. Na denn prost!

Princeton, 22. November 2006 (Princeton Post III)

Keine Kommentare: