Mein älterer Sohn N. ist ein ganz normaler Siebenjähriger. Er weiß mächtig viel über Dinosaurier, liebt Flug- und Fahrzeuge aller Art – je mehr PS, desto besser. Er macht bei fast allem, was er tut, einen Heidenlärm, und kann an einem einzigen Tag zwei Paar Handschuhe verlieren. Außerdem begeistert er sich außerordentlich für Kämpfe – sei es beim Football-Match im Stadion, sei es bei spielerischen Schlachten auf dem Schulhof. Letzteres allerdings ist hierzulande nicht ganz unproblematisch.
Vor einigen Wochen bekam ich einen Anruf von N.s Lehrerin. Mrs. W. teilte mir in besorgtem Ton mit, daß mein Sohn in einen “knife fight” verwickelt gewesen sei. Alle Alarmglocken in meinem Kopf begannen zu schrillen. Messerkampf!? Mein Kleiner? In der ERSTEN KLASSE? Einen Moment lang sah ich vor meinem inneren Auge in einer abgelegenen Ecke des Schulhofs angriffslustige Bösewichter einander mit nach oben gerichteten Klingen in der Hand lauernd umschleichen, umringt und angefeuert von sensationslüsternen Mitschülern…
Glücklicherweise traf nichts davon zu. Aus den Erläuterungen der Lehrerin und N.s eigener Darstellung konnte ich mir ungefähr zusammenreimen , was geschehen war: Er und sein Freund Ashwin hatten nach dem Mittagessen Piraten gespielt. Als “Degen” dienten ihnen die stumpfen Messer des Schulbestecks – und über den Resten von Chicken Nuggets mit Potato Tops hatten die beiden Helden ihre Klingen gekreuzt.
Daß ich in diesem Fall nicht unbedingt von einem “Messerkampf” sprechen wollte, konnte die grundgute Mrs. W. noch zugestehen. Dennoch empfahl sie mir dringend zuzustimmen, daß N. künftig einmal pro Woche sein Mittagessen beim sogenannten Guidance Counselor, einer Art institutionalisierter Sittenwächterin der Schule, einnehmen solle – gemeinsam mit zwei, drei weiteren Delinquenten. Das solle nicht heißen, daß es “ein Problem” gebe, fügte sie noch hinzu. Dasselbe betonte der Guidance Counselor zwei Tage später in einem Schreiben, das um meine Unterschrift als Zustimmung zur wöchentlichen Sozial-Gruppentherapiesitzung für N. bat.
Ich habe unterschrieben und meinem Sohn klargemacht, daß wir hier wohl mitspielen müssten – obwohl ich mich weiterhin weigere, diesen “Messerkampf” auch ihm gegenüber irgendwie als “gefährliche Sache” ernstzunehmen. Und weiterhin bin ich in Erklärungsnöten, wenn ich darlegen soll, warum es einerseits kein “Problem” geben soll, auf der anderen Seite jedoch eine Sonderbehandlung verordnet wird, die N. unweigerlich als Bestrafung gedeutet hat. Aber Gewalt und Kämpfe gehören nicht in die Schule, wer wollte da widersprechen.
Erstaunt war ich dann allerdings über eine Schulbroschüre zum “Columbus Day”, in der die Entdeckung Amerikas gefeiert wurde. Denn auf der letzten Seite prangte als neuzeitliches Pendant zu den Segelschiffen des Christoph Columbus, sozusagen als Sinnbild der modernen Seefahrt, keineswegs ein friedliches Forschungsschiff, sondern ein mächtiger US-Flugzeugträger. Und jede Woche schleppt N. aus der Schulbibliothek – wir reden hier von einer Grundschule der Klassen K (Kindergarten) bis 6 – riesige Wälzer mit Titeln wie “The History of the US Navy”, “Men of War” oder “American Fighter Jets” nach Hause.
Wenn DAS nicht Kampfeslust und Heldengebaren von Siebenjährigen beflügelt, dann weiß ich es nicht. Förderlich für die weichen Tugenden ist solche Lektüre sicher nicht. Was also ist die Botschaft? Ist schlichtweg gesellschaftliche Schizophrenie im Spiel – oder soll hier womöglich schon auf ganz subtile Art die Abschreckungs-Doktrin einer Imperialmacht vermittelt werden, die noch auf den vor einem Jahrhundet amtierenden Präsidenten Theodore Roosevelt zurückgeht: “Speak softly, never unnecessarily offend – and carry a big stick”?!
Es kann aber noch schlimmer kommen, wie ich inzwischen weiß. So wurde der zwölfjährige Sohn einer Bekannten an seiner Schule wegen sexual harassment, also sexueller Belästigung, angeklagt. Begründung: Er (und zahlreiche andere Mitschüler) hatten gelacht, als einer aus der Klasse eine “obszöne Geste” machte – allem Anschein nach handelte es sich um den sogenannten Stinkefinger. Verurteilt wurden alle “Mitlacher” zur Teilnahme an mehreren Seminaren zum Thema sexual harassment awareness - und zum Basteln von Plakten für eine entsprechende Schulausstellung. Welche Strafe der Urheber des belästigenden Gelächters zu erdulden hatte, ist nicht überliefert, und ich glaube, ich möchte es auch lieber gar nicht wissen…
N. hat sich übrigens nach anfänglichem Sträuben mit seinem Schicksal abgefunden und ißt inzwischen sogar gern sein Mittagessen beim Guidance Counsellor. Denn sein Klassenkamerad und Kumpel Noah geht auch hin. Warum ER dort gelandet war, konnte mir Noah allerdings beim besten Willen nicht mehr sagen. Als die Sitzungen nach wochenlanger Wartezeit endlich anfingen, hatte er den Grund dafür längst vergessen.
Princeton, 24. Januar 2007 (Princeton Post V)
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