Bei McCaffrey´s herrscht Hochbetrieb. Alle zwölf Supermarktkassen sind geöffnet, die Warteschlangen dennoch lang, die Einkaufswagen hoch beladen. Die Kassiererin schwitzt trotz Klimaanlage. Als ich ihr meine Kreditkarte gebe, sagt sie lächelnd: “Thank you so much for bagging!” Kurze Irritation, dann geht mir ein Licht auf: Ich habe, wieder ganz in der deutschen Gewohnheit, meine Einkäufe selbst in Rucksack und Tüten eingepackt. Statt dies, wie hierzulande üblich, den Kassierern oder einer Hilfskraft zu überlassen. Die Kassiererin heißt Diana, so steht es auf ihrem Namensschild. Ich erkläre ihr, daß ich zweieinhalb Monate lang in Deutschland war und dort die Kunden immer selbst einpacken müssen. “Well, aren´t you glad to be back?!”, strahlt sie mich an.
Es ist der Freitag vor dem Labor Day, Beginn jenes langen Wochenendes Anfang September, der hier traditionell das Ende des Sommers markiert. Die Kinder müssen zurück in die Schule, die Universität fängt wieder an, und wirklich segeln von den Bäumen vor McCaffrey´s die ersten rot gefärbten Blätter. Dieses letzte offizielle Sommerwochenende wird gefeiert, unbedingt mit großem Barbecue, deshalb waren die Fleischtheken am späten Nachmittag schon fast leer. Trotzdem ist es noch seltsam ruhig in Princeton, die Straßen sonnendurchflutet, der Zikadengesang das lauteste Geräusch zumindest dort, wo kein Rasenmäher oder “leaf blower” lärmt.
Ein Grund für die Beschaulichkeit ist natürlich, daß die Studenten erst so langsam in die Stadt einrücken und schon deshalb noch Große-Ferien-Atmosphäre herrscht. Womöglich ist es aber auch nur der Kontrast zur Großstadt Berlin, der es hier so ruhig scheinen läßt. (Genauso wie nach zweieinhalb Monaten flotter BMW-Fahrt auf deutschen Autobahnen unser 25-jähriger texanischer Diesel-Daimler auf der Route 1 zunächst den Verdacht auf Motorschaden weckt – doch war er je schneller oder spritziger? Wohl eher nicht…)
Doch auch mit wachsendem zeitlichem Abstand zu Germanien bleibt die Empfindung: Es IST hier ruhiger, man läßt es langsamer angehen, nimmt sich Zeit für ungeplante Zwischenstops und kleine Gespräche. Deutsche Ungeduld beim Schlangestehen, genervte Seufzer und demonstratives Auf-die-Uhr-schauen im Postamt werden von den übrigen Wartenden mit beredten Blicken (“wie unhöflich!”) quittiert. Und man schämt sich noch ein bißchen mehr, wenn kurz darauf der “Lahmarsch” hinter dem Schalter mit freundlichstem Lächeln fragt, ob der Brief an die Großeltern in Deutschland Fotos enthalte, dann werde er gern noch einen “Bitte nicht knicken”-Sticker draufkleben.
Szenenwechsel. Von Princeton nach Ocean Grove, einem Badeort an der Atlantikküste. The Jersey Shore, Sonntagmittag, schönstes Badewetter – aber der Strand ist, von ein paar Rettungsschwimmern abgesehen, menschenleer. Erfreulich zunächst, erstaunlich auch, aber als wir mit Sonnenschirm und Buddelzeug endlich am Dünenrand stehen, kein Scherz: Der Strand ist GESCHLOSSEN. Es sei gute Tradition in Ocean Grove, belehrt uns ein Schild, sich an Sonntagen nicht vor 12.30 Uhr dem Badevergnügen hinzugeben. Und die meinen das ernst: An jedem Zugang sitzt ein grimmiger Senior mit “Beach Staff”-Schild am königsblauen Polohemd und wacht darüber, daß niemand das Sperrseil übersteigt. Nur die Eintrittskarte (ja, zum Strand) darf man schon etwas früher kaufen. Für sieben Dollar pro Person ab 12 Jahren.
Also wieder Schlange stehen, geduldig sein, nicht lachen, aber auch nicht sauer werden nach einer Stunde Fahrt bei über 30 Grad im Schatten, mit der Atlantikbrandung vor der Nase, so verlockend wie unerreichbar. Alle anderen warten auch, klappen ihre Strandstühle (director’s chair in Rot, Blau oder Schwarz, made in China, $8.99 bei Target) erstmal auf dem boardwalk, der hölzernen Promenade, aus. Eingeweihte kommen ab 12.15 Uhr. Eine ganze Urlauberschar steht oder sitzt da nun und wartet auf Einlaß – zum Strand. Grotesk. Selbst wenn man später lernt, daß Ocean Grove einst von Methodisten gegründet wurde und diese frommen Leute immer noch den Ton angeben – “they own the town”, wie es meine Nachbarin Sally formuliert. Da lauscht man am Sonntagvormittag der Predigt und nicht dem Wellenrauschen, diversity hin oder her.
Als dann, pünktlich auf die Minute, die Seile fallen, geht das Rennen um die besten Plätze los: Durchtrainierte Großväter, zwei Liegestühle unter jedem Arm, wühlen sich mit kampferprobten Stroller-Moms um die Wette durch den Sand, um ihre Sonnenschirmständer an der begehrten Flutlinie einzuschlagen. Ein Großelternpaar hat es geschafft, schwer atmend. Den Kindern das Buddelzeug hingeworfen, zwei Klappstühle leicht schräg zueinander mit Meerblick plaziert, plumps. Snacks auspacken. “Gatorate”-Flaschen. Aber kein Bier. Alkohol ist am Strand noch strenger verboten als Kinder- und Hundekacke. Erlaubt sind Rennboote mit brüllenden Motoren.
Wasser und Wellen: schwer zu toppen.Aber kein Café in Sicht. Kein Baum.
Ach, die Ostsee…
Princeton, 12. September 2007 (Princeton Post VIII)
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