Montag, 15. Oktober 2007

Von der Vielfalt

Unser erstes Weihnachtsfest in Princeton ist vorüber, und nie wieder werde ich – zumindest in diesem Land – irgendjemandem unbeschwert “Merry Christmas” wünschen können. Es sei denn, ich kenne den oder die Betreffende(n) so gut , daß ich sicher bin, mit diesem in Deutschland doch eher üblichen Wunsch keine religiösen, ethnischen oder sonstigen Gefühle zu verletzen. “Frohe Weihnachten”, das habe ich in den vergangenen Wochen gelernt, kann in “God´s Own Country” eine Beleidigung sein – ebenso wie zum Beispiel das Aufstellen eines Christbaums im Studentenwohnheim.

Im Zeichen der neueren US-Ideologie, die ältere Muster wie das der multikulturellen Gesellschaft oder der Affirmative Action abgelöst hat, gilt ein strenges Neutralitätsgebot. “Diversity”, Vielfalt, lautet der Leitbegriff, mit dem wenn schon kein wirkliches Miteinander, so doch wenigstens ein friedliches Nebeneinander der vielen in den USA vertretenen Ethnien, Religionen und Kulturen möglich bleiben soll. Und DRINGENDST zu vermeiden gilt dabei der Eindruck eines Vorrangs der weißen, christlichen Tradition vor irgendeiner anderen.

Die korrekte neue Gruß/Wunschformel zum Jahresende lautet entsprechend “Happy Holidays” - fröhliche Feiertage. Auf Werbebannern und Weihnachtskarten – von wegen, Feiertagskarten! - ist sie inzwischen häufiger zu finden als “Merry Christmas”. (Die Weihnachtsmänner, die sich nach wie vor in Scharen in den amerikanischen Städten tummeln, scheinen dagegen wenig umstritten. Wahrscheinlich gelten sie schon zu lange nur noch als Botschafter des fröhlichen Massenkonsums - Geschenkebringer und Coca-Cola-Truckfahrer eben, die mit dem eigentlichen Anlaß des Weihnachtsfestes keine Verbindung mehr haben.)

Besonders groß wird der Vielfalts-Gedanke an Schule und Universität geschrieben. Die Princeton University, bei vielen noch als konservativ verschrien, müht sich unter dem Banner der Diversity nach Kräften um ein politisch korrektes, fortschrittliches Image und wirbt auf ihrer Internet-Seite mit der Aussage: “The University is committed to building a diverse campus community”. So rief die Präsidentin der Universität, Shirley M. Tilghman (überdies die erste Frau auf dieser Position in der rund 250-jährigen Geschichte Princetons), 2004 eine Diversity Working Group ins Leben, die diesem Leitgedanken bei der Rekrutierung – und weiteren Behandlung - nicht nur von Studenten, sondern auch von Angestellten der altehrwürdigen Institution zum Durchbruch verhelfen soll. Im Fokus sind dabei in erster Linie “people of color”, wie es heißt.

Daß man mit der Mißachtung des Neutralitätsgebots in Teufels Küche kommen kann, wurde mir erstmals in der Schule klar. So bat mich die Lehrerin meines älteren Sohnes Mitte Dezember, dessen Klassenkameraden einmal zu schildern, wie in Deutschland Weihnachten gefeiert werde. “Don´t make it too religious, though”, warnte Mrs. W. mich aber gleich. “You don´t want to offend anyone.”

Blieb also nur die Beschreibung der weniger religiös konnotierten Bräuche wie des Adventskranzes mit Kerzen (Countdown zum Sturm auf die Geschenke?) oder des Baumschmückens erst am 24. Dezember, während die Tannen in den USA bereits Wochen oder wenigstens Tage vorher aufgestellt werden. Weihnachtskrippe, Christkind? Schon vermint – und die nachdrückliche Bemerkung einer Erstklässlerin, “Christmas is the day that Jesus was born”, trieb mir fast den Angstschweiß auf die Stirn. Was sollte der kleine Inder denken, der einen Tisch weiter sitzt und aller Wahrscheinlichkeit nach ein Hindu ist?!

Das Ganze hat natürlich entschieden positive Seiten: So habe ich über meinen Sohn und seine mit nach Hause gebrachten Schulunterlagen in den vergangenen vier Wochen so viel über das jüdische Lichterfest (Chanukka), das Hindu-Fest Diwali, das islamische Eid al-Fitr- oder das afrikanische Kwanzaa-Fest gelernt wie vorher in meinem ganzen Leben nicht. (Von manchen hatte ich, ehrlich gesagt, nie zuvor gehört.) Überdies ruft einem der Druck, auch eigene Feste und Bräuche wieder mehr auf ihre religiösen und kulturellen Bedeutungen hin abzuklopfen, diese überhaupt erst wieder ins Bewußtsein (oder läßt sie zumindest wieder mehr in den Vordergrund rücken…). Auf diese Weise könnte aus der erzwungenen Vermeidungsstrategie sogar – sozusagen durch die Hintertür - eine neue Rückversicherung der eigenen Wurzeln entstehen.

Auf der anderen Seite: Wenn alles gleich wichtig, berechtigt und wertvoll sein soll, wo kippt dann die Toleranz um in – bestenfalls – diffuse Allround-Begeisterung und – schlimmstenfalls – Indifferenz? Und wer soll entscheiden, wo jeweils die Grenzen sind zwischen (erwünschtem) Ausdruck der eigenen Identität ist und (unerwünschter) Beleidigung oder Mißachtung von anderen? Etwa wieder die Juristen?

Um noch einmal in den vor-feiertäglichen Klassenraum zurückzukehren: Als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt immerhin, daß alle zur selben Zeit schulfrei haben und ungestört dem Geschenke-Rausch frönen können. Denn für den Kauf von Präsenten oder Foto-Grußkarten wurde selbst in der Schule schon seit Oktober mit viel Tamtam geworben. Natürlich nur von solchen Unternehmen, die dann einen gewissen Prozentsatz ihres “Holiday”-Umsatzes der Schule spenden. So wird der Konsum gleich zum guten Zweck- auf den sich sicher auch alle einigen können.

Was MEINEN inneren Konflikt mit dem Thema “Weihnachten im Zeichen der Diversity” betrifft: Ich habe meinen Frieden gemacht mit der Vorstellung, als gelernte Historikerin die Religion in der Tat zunächst außen vor zu lassen und die Weihnachtsfrage in erster Linie historisch-neutral anzugehen. Denn wo soll man mit dem Glauben hinkommen, wenn es schon beim Wissen so viel nachzuholen gibt – wie die Frage von N´s Klassenkameradin Olivia zeigt: “Wann habt ihr in Deutschland eigentlich beschlossen, auch Weihnachten zu feiern wie wir Amerikaner?”

Princeton, 26. Dezember 2006 (Princeton Post IV)

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