Nach einer längeren Pause und mit einem Rückblick auf die bislang geschriebenen sechs Rundbriefe muß ich zugeben, bislang vorrangig und ausgiebig genörgelt zu haben. Das soll diesmal anders sein – auch wenn es selbstverständlich immer noch unglaublich viel Fragwürdiges und Kurioses zu beobachten gibt. Supermarkt-Kassiererinnen zum Beispiel, die Sellerieknollen, Rhabarberstangen oder auch Erdnüsse hochhalten und verblüfft fragen: “What´s THAT?”, weil ihnen etwa Erdnüsse bisher allenfalls in Form von peanut butter untergekommen sind. Oder der Einkommens-Größenwahn einzelner Berufszweige (Manager von Hedge Fonds oder Investmentbanker etwa), der selbst in “The Land of Plenty” noch Erstaunen auslöst. Doch davon ein andermal mehr.
Kurz vor der ersten Heimreise nach Deutschland– und nach den ersten neun Monaten im neuen Land – will auch einmal die Haben-Seite betrachtet sein. Sonst wollte man ja womöglich im Herbst gar nicht wieder zurück… SO schwer ist das übrigens gar nicht. Denn auch jenseits seiner berühmten Universität hat Princeton, das Albert Einstein als einer seiner prominentesten Einwohner einmal als „ein wundervolles Stückchen Erde und dabei ein ungemein drolliges zeremonielles Krähwinkel winziger stelzbeiniger Halbgötter” bezeichnete, durchaus Vorzüge.
Einer davon ist die “Princeton Public Library”. Die Stadtbibliothek also, und daß sie etwas Besonderes ist, merkt man an einem warmen Frühlingstag: Trotz strahlenden Sonnenscheins draußen ist die Bibliothek voll. Auch in der Kinder- und Jugendbibliothek, die ein ganzes - und das schönste - Stockwerk im ganzen Gebäude einnimmt, wimmeln Menschen von schätzungsweise sechs Monaten bis 60 Jahren durcheinander, lesen leise, lesen vor, hören zu, starren auf Computerbildschirme oder bewundern mit ans Glas gepreßten Händchen und Nasen die Fische im großen Aquarium direkt vor dem Aufzug.
Architektur und Einrichtung dieses Gebäudes schaffen eine gelassene, ruhige Atmosphäre, selbst wenn Kinder durcheinanderlaufen. Der unaufgeregte Backsteinbau mit großen Glasflächen ist erst wenige Jahre alt und mit Hilfe einer Fülle von Privatspenden gebaut worden. Es steht im Stadtzentrum an einem Platz mit vielen noch kleinen Bäumen und (Lese)Stühlen. Und wann immer wir auch nur in die Nähe dieses Ortes kommen, fragt selbst der zweijährige R. sofort hocherfreut: “Fahn wir in Biboteek?”
Aber das Gebäude und seine zentrale Lage erklären nur einen Teil der Sogwirkung, die diese Bibliothek auch und gerade auf die jungen Princetonier hat. Sue, deren Kinder heute über zwanzig sind, ging mit ihren damals noch Kleinen mindestens einmal pro Woche in den alten, unattraktiven Vorgängerbau der Bibliothek. Der war ebenso gut besucht wie die neue library. So viele Teenager trafen sich dort, daß sich ältere Nutzer regelmäßig über den Lärmpegel beklagt hätten, berichtet Sue: “Welche Bibliothek hat schon SOLCHE Probleme?!”
Ein Teil ihres Erfolgs ist sicher die extrem leichte Zugänglichkeit. Parken im angegliederten Parkhaus ist für Mitglieder 30 Minuten lang kostenlos. Einwohner Princetons bezahlen keine Mitglieds- oder Ausleihgebühren, und vom ersten “Hi, I´d like to enroll my son and myself at this library” bis zur Aushändigung zweier elektronisch lesbarer Nutzerkarten braucht der Bibliothekar am Tresen maximal sechs Minuten. Website und Kataloge sind nutzerfreundlich und informativ. Schon für die Kleinsten gibt es “story times”, wo vorgelesen und gesungen wird, ältere Kinder kommen abends im Pyjama, um “bedtime stories” zu hören. Erwachsenen werden neben Lesungen und Autoren-Workshops auch fachkundige Hilfe bei Datenbankrecherchen oder Seminare zum Thema Firmengründung angeboten. In jedem Stockwerk stehen dutzende Computer bereit; Internet-Surfen ist gratis, wenn auch auf eine Stunde pro Tag begrenzt. Und geöffnet ist die Bibliothek selbstredend jeden Tag, wochentags bis neun Uhr abends, am Wochenende bis sechs Uhr.
Auch als Integrationsfaktor für neu Zugezogene aus aller Welt, von denen es hier stets eine Menge gibt, ist die Library nicht zu unterschätzen. Bestimmt vier Regalmeter mit - ausgesprochen kundig ausgesuchten - deutschen Kinderbüchern sind im dritten Stock zu finden, und Deutsch ist wahrhaftig nicht die einzige Fremdsprache, die hier vertreten ist. Man trifft also Landsleute ebenso wie ein internationals Publikum, und zugleich mischen sich die Kinder ganz selbstverständlich unter das Volk, ziehen auch mal ein spannend aussehendes englisches Buch aus dem Regal oder eine “fremdsprachige” Film-DVD.
Die Bürger dieser Stadt WOLLEN ihre Bibliothek, und nach meinem Eindruck wollen sie ihn als Bildungseinrichtung ebenso wie als sozialen Ort. Allein der Förderverein, die “Friends of the Library”, zählt mehr als 1000 Mitglieder, die ihre Bibliothek regelmäßig finanziell unterstützen. Der Verein bestreitet die Hälfte des gesamten Bücheretats, von den neuen Hörbüchern und Filmen zahlt er sogar fast zwei Drittel. Nun ist Princeton ausgesprochen wohlhabend, und die bürgerlichen Schichten, die hier dominieren, sind gewiß besonders an jener Institution interessiert, die das Lesen als zentrales Kulturgut fördert und repräsentiert.
Aber stärker als etwa im – ebenfalls zunehmend bürgerlichen - Berliner Prenzlauer Berg, wo sich die Stadtteil-Bibliothek in einem liebevoll restaurierten Altbau um ihr Publikum bemüht, spürt man hier auch ein unmittelbares Interesse, ein direktes Engagement der Nutzer für “ihre” Einrichtung. Man verläßt sich, nicht nur im speziellen Fall der Bibliothek, in diesem Land eben nicht vorrangig darauf, daß der Staat für “seine” Institutionen zuständig ist. Dafür muß man nicht mit Folgen leben wie der, daß die Bibliothek im Prenzlauer Berg nur vier Tage pro Woche für einige Stunden geöffnet ist – und schon der Bücherbestand die Knappheit der Mittel reflektiert.
Die zweite Institution, die unser Leben hier in den ersten Monaten stark positiv geprägt hat, nennt sich schlicht: playgroups. Das sind privat organisierte Mutter- und Kindgruppen meist innerhalb einer “neighborhood”, wo man sich einmal pro Woche mit kleineren Kindern trifft; jeder ist turnusmäßig Gastgeber, der dann auch für einen Imbiß sorgt. Playgroups sind in Princeton unverzichbar für alle, die sich die meist völlig überteuerte Betreuung ihrer Ein- bis Vierjährigen in privaten Kindertagesstätten nicht leisten können oder wollen (städtische Kindergärten gibt es hier nur als Teil der “public schools”; sie entsprechen eher den deutschen Vorschulklassen und stehen in der Regel erst Fünfjährigen offen).
Nun sind solche playgroups auch in Deutschland keine Seltenheit und daher an sich nicht bemerkenswert. Sehr bemerkenswert aber ist, mit welchem Engagement auch diese Einrichtung hier von ihren Mitgliedern getragen wird. Bekommt beispielsweise eine playgroup-Mutter aus der Nachbarschaft ein Baby, werden nicht einfach Blumen oder Strampelanzüge geschenkt. Vielmehr bringt ihr jedes Gruppen-Mitglied nach genauer Absprache an je einem Abend ein selbstgekochtes Menü vorbei – will heißen, die Wöchnerin und ihre Familie müssen sich zwei Wochen lang nicht um das Dinner kümmern.
Daß auch die Mutter-Kind-Gruppen an diesem Ort international geprägt sind – allein in einer “meiner” beiden playgroups sind neben fünf Amerikanerinnen zwei Deutsche, eine Italienerin, eine Französin, eine Belgierin, eine Polin, eine Schweizerin, eine Koreanerin und eine Kolumbianerin vertreten – bringt den zusätzlichen Vorteil mit sich, daß sich die Gespräche selten oder nie um Windeln und “Mein-Kind-kann-aber-schon”-Wettkämpfe drehen. Denn natürlich ist es viel interessanter, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Erziehungs- und anderen Fragen zu diskutieren. Überdies verlassen die meisten Mütter hier die Arbeitswelt nur für kurze Zeit, so daß immer auch ein Interesse für Themen jenseits des Kinderzimmer-Küche-Kosmos besteht. Auf diese Weise bekommt man sehr schnell eine Infrastruktur, die nicht nur Notfall-Babsitterdienste, gemeinsame Ausgehabende und Informationen über die besten Kinderärzte bietet, sondern bis hin zu beruflichen Netzwerk-Kontakten reicht.
Bevor nun aber jemand denkt, hier sei das Paradies auf Erden mit nichts als praktizierter Nächstenliebe: Auch in unserer Nachbarschaft gibt es Leute, die die Polizei holen, wenn jemand in der Neujahrsnacht drei Sylversterraketen zündet (Feuerwerk ist in New Jersey natürlich verboten). Und in den Villenvierteln werden Handwerker bisweilen zur nächsten Tankstelle geschickt, wenn sie mal müssen. In solchen Fällen fiele zwar die Rechnung astronomisch hoch aus, wie Dave versichert, Chef von “Dave´s Minor Changes”, der kürzlich unser undichtes Anbau-Flachdach neu gedeckt hat. Nur machen ein paar tausend Dollar mehr oder weniger den hiesigen Luxusklo-Besitzern leider so GAR NICHTS aus…
Princeton, 28. Mai 2007 (Princeton Post VII)
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