Eine Besucherin aus Berlin hat ihre ersten Erfahrungen in den USA kürzlich mit dem knappen Satz beschrieben: “Hier sind wir jetzt die Ossis.” Denn ebenso, wie es den (Ex-)DDR-Bürgern bei ihren ersten Ausflügen in die kapitalistische BRD erging, steht auch heute selbst der Westdeutsche oft ratlos in amerikanischen Malls, Supermärkten oder im Coffee Shop und weiß sich wegen der schieren Größe sowohl des Angebots als auch der Produkte selbst nicht recht zu helfen.
Milch und Orangensaft kommen immer gleich gallonenweise daher, die Eier – natürlich überwiegend in Jumbo-Größe, kleinere als “large” gibt es gar nicht – werden auch in der Jumbo-Packung verkauft. Das Fleisch einer Familienpackung reicht nach unserer Ansicht für mindestens drei Vier-Personen-Mahlzeiten, und in der Eisdiele entspricht die kleinste kaufbare Menge, ein scoop, ungefähr vier Kugeln beim “deutschen” Italiener. Mehr ist besser - das ist die erste wichtige Lektion, die hier gelernt sein will. Immerhin gehört Einkaufen in Amerika nicht nur zu den notwendigsten, sondern auch zu den heiligsten Verrichtungen des Alltags.
Daß auch der Umfang vieler US-Bürger nur in Superlativen beschrieben werden kann, ist nach den ersten Supermarkt-Besuchen gar nicht mehr erstaunlich. Denn selbstverständlich läßt die Riesen-Eispackung (deren Inhalt zusätzlich noch kräftig “enriched” ist) im Gefrierfach nur eine logische Schlußfolgerung zu – nämlich die, künftig größere Portionen Eis zu essen. Die Packung würde ja sonst nicht leer, und es könnte keine neue gekauft werden. Man ersetze nun “Eis” durch jedes beliebige andere Nahrungs- und Genußmittel, und schon ist die Gewichtszunahme nur noch eine Frage des Wieviel und Wie schnell.
Denkbar wäre allerdings auch, daß einer verhungert und verdurstet, weil er sich bei all der Auswahl einfach nicht entscheiden kann. Vierzehn verschiedene Kaffeesorten im beliebtesten örtlichen Café, sie alle in drei möglichen Größen und mit einer Vielzahl von wählbaren Extras (wie Sojamilch für den rein vegetarischen Latte), das überfordert selbst entscheidungsfreudigste Menschen. Sogar der arme Erstklässler N., der in Berlin zum Mittagessen in der Schule weitgehend zufrieden vertilgte, was es eben gab, muß nun eine monatliche Schul-Speisekarte studieren und auswählen, ob er statt des warmen Tagesgerichts nicht doch lieber einen Salat, ein Gelee-Sandwich oder womöglich CRACKER MIT ERDNUSSBUTTER will.
“Welcome to America”, grinst meine Nachbarin D., willkommen im Turbo-Kapitalismus. (Sie ist übrigens Vegetarierin, spindeldünn, und kompensiert nach meiner Beobachtung die ihr an den kilometerlangen Fleischkühlregalen entgehende Shopping-Befriedigung durch intensivere Einkäufe von Spielzeug und Kinderkleidung für ihren Dreieinhalbjährigen.)
Die Neigung zur Übertreibung erstreckt sich allerdings nicht nur auf das Essen. Auch Möbel, Autos und Gärten sind in der Regel erheblich größer als von daheim gewohnt. Und will einer darauf hinweisen, daß in einer bestimmten Gegend viele seiner Freunde wohnen, ist gleich von “zillions of friends there” die Rede.
Allein bei den Biermengen müssen zumindest Zugereiste aus Süddeutschland keine Anpassungsleistung nach oben erbringen; in den Bierlokalen New Jerseys sind – über den Daumen gepeilt, weil es beim Umrechnen der hiesigen Maße und Gewichte noch immer hapert - halbe Liter das Normalmaß. Selbstverständlich wird auch hier wieder eine erdrückende Sortenvielfalt angeboten, von “Honey Wheat” bis “Pumpkin Beer” zur Halloween-Zeit. (Bierkennern zufolge schmecken sie allerdings alle gleich schlapp.)
Nun entfliehen auch immer mehr gesundheits- und figurbewußte US-Bürger den Produkt-Massen und Massen-Produkten, indem sie in Öko-Supermärkten “organic food” einkaufen. Den Übertreibungen entkommt man damit allerdings nicht – nur stecken sie hier im Preis. 1,79 Dollar für eine (!) Öko-Zitrone, knapp sechs Dollar für einen kümmerlichen Blumenkohl – das verschlankt garaniert auch die Kaufkraft. Wie K.´s Kollege T. berichtet, wurde die (natürlich) aus Kalifornien stammende, erfolgreiche Öko-Kette “Whole Foods” selbst von ihren Fans sehr bald als “Whole Paycheck” bezeichnet…
Zugegebenermaßen hat das hiesige System der Übertreibungen aber zumindest eine potentiell positive Seite, nämlich die einer größeren Effizienz. Das kann zunächst katastrophale Folgen haben wie etwa bei der Dessertzubereitung – wo neun Blatt deutsche Gelatine eine angenehm lockere Crème Bavaroise ergeben, erzielen nur zwei Briefchen des entsprechenden US-Produkts eine Masse, mit der man das Fundament einer neuen Garage hätte gießen können.
Sofort erfreulich ist dagegen die Wirksamkeit gerade solcher Produkte, die in Deutschland ABSOLUT NIE halten, was sie versprechen – Medikamente gegen Erkältungen zum Beispiel oder Anti-Pickel-Cremes. Das hier in allen Supermärkten erhältliche Tylenol brachte nun schon zwei Schnupfen nach nur zwei bis drei Tagen zur Strecke, und die spottbillige Spezialcreme einer Discount-Drogeriemarktkette macht in noch kürzerer Zeit sämtlichen Pickeln den Garaus.
So ganz traut man dem Braten als gute Deutsche aber natürlich auch nicht. Ich warte jeden Tag darauf, daß sich durch die Discount-Creme meine Haut vollständig ablöst. Oder daß ich vom Tylenol creme-resistente Pickel kriege.
Princeton, 16. Oktober 2006 (Princeton Post II)
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