Montag, 15. Oktober 2007

Körpersprache

Nach langer Eiseskälte macht der Frühling im nördlichen New Jersey seine ersten Gehversuche. Sonnenwärme, laues Lüftchen und Temperaturen an die 20 Grad (Celsius) im Schatten sind untrügliche Anzeichen – aber auch die Bekleidung der studentischen Bevölkerung Princetons. Nackte Beine unter Shorts und Miniröcken sind hier schon bei Temperaturen wenig über dem Gefrierpunkt zu sehen, wenn sich ortsansässige Mitteleuropäer noch in Wintermäntel hüllen. Steigt das Quecksilber gar in den zweistelligen Plusbereich, kommen unweigerlich auch der weibliche Bauchnabel sowie Hüften und Poansätze beider Geschlechter wieder zum Vorschein.

So weit vertraut aus dem heimischen Berlin. Verblüfft waren und sind wir aber doch von dem Ausmaß, in dem die jüngere Weiblichkeit hier Dekollete zeigt. Der Trend beim Oberteil heißt eindeutig: Sehr eng, sehr kurz, und außerdem noch SEHR großzügiger Ausschnitt. Das gilt nicht etwa nur für das Ausgehen am Abend oder den nachmittäglichen Gang ins Café, sondern bereits für die morgendliche Sitzung im Seminar. Sogar bei einer Familienfeier zum traditionellen Thanksgiving-Festessen boten sowohl die Nichte (Teenager) als auch die Tochter des Hauses (Twen) bereits zur Mittagszeit gleichermaßen atemberaubende Anblicke. Äußerst geschmackvoll in beiden Fällen, ohne jeden Zweifel – aber aus deutscher Sicht eben, sagen wir: auffällig.

Frau zeigt hier oft so viel, daß “man” – beiderlei Geschlechts – schon äußerste Disziplin üben muß, um nicht hinzustarren. Und schon wird es problematisch. Hingucken ist nämlich streng verboten. Die Drohung des sexual-harassment-Vorwurfs hängt über jedem, der anzügliche Blicke riskiert; von verbalen Äußerungen ganz zu schweigen.

Wer nicht hundsmäßig aufpaßt, kann in bizarre Situationen geraten. So zum Beispiel C., Graduate Student aus Deutschland – gestandene Anfang Dreißig, recht gelassen und vor allem erfahren im professionellen Umgang mit Studenten als Begleiter von Gruppenreisen und Tour Guide. Während einer U-Bahn-Fahrt mit amerikanischen Studentinnen im letzten Sommer, so sein Bericht, habe neben ihm eine junge Dame mit tiefrot verbrannten Schultern, Rücken und Dekollete gestanden, alles freigelegt durch eines der üblichen, knappen Tops. Sie habe einen Sonnenbrand, bemerkte sie nach einer Weile spitz, und C. erwiderte, oh ja, das sehe er. “So that´s why you are staring at my boobs all the time”, blaffte sie zurück.

Knallrot sei er geworden, berichtet C., und wahrscheinlich habe er tatsächlich auf ihren Busen gestarrt, ohne sich das recht bewußt zu machen. Was aber wäre wohl die von der jungen Dame ERWÜNSCHTE Reaktion gewesen, rätselten wir eine Weile herum – und kamen zu keinem rechten Ergebnis. Gar nicht beachten, so weit waren wir immerhin sicher, wäre jedenfalls auch nicht gut angekommen.

Relativ häufig erscheint der Umgang mit Körperlichkeit hier recht eigentümlich, oszillierend zwischen den Extremen von Verklemmtheit auf der einen – und nahezu brutaler Offenheit auf der anderen Seite. Deutsche Eltern berichten von Nachbarn, die die Polizei holten, weil fünf- bis siebenjährige Kinder im stickig heißen Hochsommer nackt im Garten herumliefen. In der Schule wird es gern gesehen, wenn die Schüler an Tagen mit Sportstunden gleich morgens in Sportkleidung zum Unterricht erscheinen - damit sie sich bloß nicht vor den anderen aus- und umziehen müssen.

Gleichzeitig scheint kaum jemand Anstoß daran zu nehmen, daß chirurgische Brustvergrößerungen und andere kosmetische Eingriffe selbst unter US-Teenagern inzwischen fast ebenso selbstverständlich sind wie früher Beinenthaarung oder Dauerwellen. “Look Great by Valentine´s Day!”, lockte eine Werbung, die uns vor wenigen Wochen ins Haus flatterte: “Botox Special only $199”.

Auch zur Weihnachtszeit erfreuen sich Geschenkgutscheine für Plastische Chirurgie offenbar wachsender Beliebtheit, wenn man nach der Menge der Werbeprospekte urteilt, die zu diesem Thema vor dem Fest an die Haushalte verteilt wurden. “Buy One Anti-Wrinkle-Treatment, Get One Free”, wurde da etwa die Gesichtshaut-Straffung angepriesen wie sonst Hähnchenschenkel-Familienpackungen bei Shop Rite. Selbst der Silikonbusen ist mittlerweile zum Schnäppchenpreis zu haben.

Verhält sich also die Schamschwelle umgekehrt proportional zum Anstieg der Gewinnchancen? Bei den kommerziellen Anbietern solch körperlicher Aufrüstung ist das sicher so - aber auch bei ihren Kundinnen?

Denkbar wäre das, wenn statt des schnöden Mammon in diesem Fall “der Mann des Lebens” als angestrebter Gewinn gedacht wird. Denn eine Beobachtung teilen alle mir bekannten Studenten aus Europa: Auf dem Beziehungsmarkt Campus sind es in der Regel die Frauen, die um die Männer werben (müssen) - und nicht umgekehrt. Daß sie dies mit aggressivem Körpereinsatz tun, wird bei jeder Studentenparty der jüngeren Jahrgänge – der sogenannten Undergraduates - deutlich. Die “boys” sind supercool, die “girls” machen Schaulaufen - bis hin zur Schlammschlacht als erweiterte Form des Wet-T-Shirt-Wettbewerbs. Nachzulesen übrigens auch bei Tom Wolfe in seinem Roman “I Am Charlotte Simmons” aus einem nur halb fiktiven Ivy-League-Milieu. (Als Vorbild diente unter anderem Princeton: “…the fictional college Wolfe cooks up from two parts Princeton and one part Duke”, hieß es in einer Buchbesprechung).

Ob nun bei all dem die Erotik stimuliert wird oder vielmehr auf der Strecke bleibt, können wohl nur die amerikanischen Boys und Girls selbst beantworten. Für irritierte Mitteleuropäer gilt: In der kommenden Woche sind vom Wetterbericht nochmals Temperaturen unter dem Gefrierpunkt angesagt. Eine Gnadenfrist also noch, um in Erwartung des unweigerlich bevorstehenden, massenhaften Brüste-Wippens auf Nassau Street Contenance - ein würdevolles Nicht-Hingucken - tatsächlich: zu üben.

Princeton, 3. März 2007 (Princeton Post VII)

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