Auswandern… oder Einwandern? Wieso überhaupt WANDERN, wenn nur ein gewöhnlicher Achteinhalb- bis Neunstundenflug zwischen der alten Heimat und dem neuen, sagen wir, Wohnort liegt? Daß eine weite Strecke zurückzulegen ist und dies mit teils unerwarteter Mühsal verbunden ist, spricht dennoch für das Wander-Wort. Wobei zuerst gar nicht so ganz klar ist, woher das Schwere eigentlich kommt. Schließlich sind wir Luxus-Auswanderer, von keiner ökonomischen Not getrieben, und viele sonst übliche Steine im Weg wurden weggeräumt von der äußerst kooperativen Princeton University, die horrende Umzugskosten ebenso umstandslos bezahlt hat wie ein Drittel unseres neuen Hauses in der Hawthorne Avenue und die bestmögliche soziale Absicherung für die ganze Familie noch obendrauf legt.
An mangelnden Willkommens-Fanfaren liegt es ebenso sicher nicht. Da sind neue Kollegen, die mit herzlichen Worten und Taten, darunter unzählige Leihgaben wie Toaster und Geschirrbestände, Luftbetten und Kinderstühlchen – geholfen haben, neue Nachbarn, die allesamt gleich vorbeigekommen sind und uns von fair gehandeltem Bio-Kaffee über selbst gekochte Pfirsichmarmelade bis hin zu ganzen Gartenmöbel-Ensembles gebracht haben, was immer sie für Neuankömmlinge von weit her für lebenswichtig halten. So weit sehr angenehm.
Auch die Stadt Princeton erklärt keine überreizten Nerven und Panikattacken (nicht einmal für überzeugte Wahl-Berliner, die “ihre” Stadt nur ungern verlassen haben). Klein und überschaubar, aber dennoch reich an Angeboten für Familien und Kulturbeflissene gleichermaßen, sicher und grün (der Müll wird getrennt, es gibt sogar eine Gelbe Tonne), entschieden international und VÖLLIG FREI VON HUNDEKACKE, weil hier tatsächlich JEDER Köter-Besitzer zur sofortigen Haufen-Entsorgung Schäufelchen und Plastiktütchen bei sich trägt. Man entschuldigt sich sogar bei herannahenden Passanten für die Geruchsbelästigung. (Sicher gibt es dafür im Staat New Jersey strenge rules and regulations, aber davon ein andermal mehr.)
Was also macht das Einleben so schwer? Die Frage ist noch weit entfernt davon, erschöpfend beantwortet zu sein. Aber ein paar erste Verdächtige gibt es schon. Es sind fast alles unerwartete Stellen, an denen es hakt. Zum Beispiel nicht erfüllte Erwartungen an “die Amerikaner”. Amerikaner sind höfliche, rücksichtsvolle Autofahrer? Nicht im nördlichen New Jersey. Hier wird gerast, gedrängelt und geschnitten – fast wie auf Deutschlands berüchtigten Autobahnen. Nur nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei das vorübergehend ganz anders gewesen, erzählt meine neue Friseuse mit dem beeindruckenden Namen Armida Bella.”Das hat ungefähr ein halbes Jahr gehalten. Dann war wieder alles genauso wie vorher.” Und man ist irritiert, ja fast ein wenig gekränkt, daß etwas, was man doch als sicheren Pluspunkt seines neuen Lebens angenommen hatte, so gar nicht zutrifft.
Neben solchen eher marginalen Irritationen schon etwas schwerer wiegt die ständige Notwendigkeit, die eigene Identität nachzuweisen – und dabei zu erfahren, daß solide deutsche Dokumente wie der elektronisch lesbare Reisepaß oft weniger zählen als ein abgelaufener Führerschein aus Iowa, die Debit-Karte irgendeiner US-Bank oder ein formloser Computerausdruck der städtischen Behörden über die erste entrichtete Grundsteuer-Rate aufs neue Haus. Die Frage: Wer bin ich hier eigentlich? wird einem damit stets von neuem aufgedrängt. Obwohl man doch eigentlich nur ein Auto anmelden wollte. (Daß eine Behördenmaus einen dann noch hartnäckig mit “honey” anredet, macht es auch nicht besser.)
Und dann wäre da die Sprache, die wir doch recht gut zu beherrschen meinten. Vielleicht nicht gleich so perfekt, daß es für die Lehre an der Universität oder für die Arbeit bei amerikanischen Medien nicht noch Verbesserungsbedarf gäbe, aber für den Hausgebrauch, für den Alltag – so glaubten wir - müsste es doch allemal reichen. Spätestens nach einigen Telefonaten mit Call-Center-Mitarbeitern, die auch nach der dritten Nachfrage denselben unverstandenen Satz nur noch schneller herunterrattern, nach dem vierten oder fünften fremdländischen Akzent meist asiatischer oder lateinamerikanischer Einwanderer, in den man sich innerhalb weniger Stunden hineinhören muß, ahnt man aber, daß es eben doch nicht reicht. Selbstsicherheit ade - und weil es diesmal nicht nur um ein paar Wochen Urlaub oder ein, zwei Forschungssemester geht, wurmt dieses Defizit gerade jetzt enorm.
Immerhin: Ein wesentlicher Teil unseres Seins ist inzwischen wieder bei uns, nämlich unser Hab und Gut! Wer hätte gedacht, daß das Zuhause-Fühlen doch so stark von vertrauten DINGEN abhängt! Die Oliven- und Meeresalgen-Seifen von Rossmann, noch schnell vor dem Abflug gebunkert; die guten deutschen Töpfe und Pfannen; der von der Großmutter geerbte Kirschholzschrank, den drei freundliche Möbelpacker aus Ecuador mit mehr beherzter Kraft als Sinn für alte europäische Handwerkskunst wieder zusammengewuchtet haben. Nur in einem Punkt haben wir uns schnell und ohne jedes Bedauern amerikanisiert: Unser neues Bett gibt den daheim noch beliebten bodennahen Schick zugunsten einer angenehmeren Einstiegs- und Liegehöhe auf – und ist zumal nach vier Wochen Luftmatratzen-Schlaf eine wahre Offenbarung.
Princeton, 28. September 2006 (Princeton Post I)
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