Freitag, 27. März 2009

Nerds, Wimpy Kids, and the Popular Crowd


Ein Zahnarzt hat neulich N.s Schule besucht und die Drittklässler über ein heikles Thema aufgeklärt: Zahnspangen. Was alle zuerst wissen wollten, berichtete mein Sohn, war: "Tut das weh?" In diesem Punkt konnte sie der Zahnarzt beruhigen. Aber es gäbe da trotzdem noch ein Problem, druckste N. herum. Und das wäre? "Your popularity goes down", murmelte N., vorsichtshalber auf Englisch.

Ob das auch der Zahnarzt gesagt hätte, wollte ich wissen. Nein, der nicht. Aber das sei halt so, das wisse doch jeder. Zum Beweis zeigte mir N. ein Buch, das in Amerika ein Bestseller ist: "Diary of a Wimpy Kid" von Jeff Kinney, das halb geschriebene, halb Strichmännchen-gezeichnete, fiktive Tagebuch des zwölfjährigen Greg (In Deutschland ist es unter dem Titel "Gregs Tagebuch - Von Idioten umzingelt" erschienen, und ein bißchen erinnert es mich an den "Kleinen Nick" von Sempé und Goscinny - auch wenn der nicht nur einem anderen Jahrhundert, sondern auch einer anderen Kultur entstammt).

Und da steht's, auf Seite 7: "Bryce is the most popular kid in our grade, so that leaves all the rest of us scrambling for the other spots." Er selbst stehe wohl so auf Rang 52 oder 53, mutmaßt Greg, aber: "the good news is that I'm about to move up one spot because Charlie Davies is above me, and he's getting his braces next week."

Auch N. und seine Klassenkameraden wissen ganz genau, wer der Populärste ihres Jahrgangs ist, und es ist völlig klar: Das ist bei den Jungs ein großes Thema (bei den Mädchen wahrscheinlich auch, aber da kenne ich mich weniger aus). Für das Ranking zählt unter anderem, wieviele Verabredungen zu sogenannten play dates man hat, zu wievielen Geburtstagspartys man eingeladen ist, und ob man in der Pause als einer der ersten in die Fußball/Basketball/Kickballmannschaft gewählt wird.

Bisher hatte ich geglaubt, Popularität werde erst in der High School akut, also bei Teenagern - Stichwort "the quarterback and the cutest cheerleader". Geht man nach der Masse der entsprechenden Berichte, Debatten und Lebenshilfe-Artikel, ist das Thema dort auch nach wie vor besonders virulent. Ein
Artikel der
New York Times beschreibt einen wahren "cult of popularity that reigns in high school". Die geistigen Fundamente aber werden offenbar schon Jahre vorher gelegt.

Denn nicht nur die Kinder selbst sorgen sich um ihren Beliebtheitsfaktor. K., der Vater eines Freundes von N., redete schon mit Blick auf seinen damals Siebenjährigen Klartext: Sein Sohn hat die neuesten Videospiele, die gößten Lego-Sets und die aufwendigsten Geburtstagspartys, "because I want him to be popular". Im sozialen Wettbewerb mag die "peer group" in der Schule der Austragungsort sein - den Anreiz zum sozialen Ehrgeiz gibt es oft schon im Elternhaus.

"Popularity" ist so wichtig, weil sie als eine der Grundzutaten für "success" gilt, für Erfolg. (Als erfolgreich wird in den Lebenshilfe-Rubriken üblicherweise
definiert, wer 1. Karriere und Geld macht, 2. ein schönes Heim hat und 3. ein glückliches Familienleben führt.) Die beiden Begriffe sind häufig miteinander verknüpft - selbst dort, wo ein direkter Zusammenhang bezweifelt wird. Ausgangspunkt ist immer die Annahme, daß Popularität im Leben irgendwie weiterhilft. Aber der Konkurrenzkampf ist hart: Nur 15 bis 20 Prozent eines Jahrgangs schaffen es laut einschlägigen Studien und Umfragen in die "popular crowd".

Im Idealfall bedeutet "to be popular", daß man einige gute Freunde und einen großen Bekanntenkreis hat, daß man sogar mit Eltern
gut auskommt - den eigenen wie denen seiner Freunde -, gut in der Schule und sportlich aktiv ist. "Wir reden hier von sozial überaus kompetenten Kids, die es schaffen, die unterschiedlichsten und schwierigsten sozialen Situationen zu meistern", wie es der vielzitierte Popularitätsforscher Joseph P. Allen von der Universität Virginia in der Times formuliert.

Im echten Leben sieht das nicht immer so idyllisch aus. Die populärsten Schüler "haben die richtige Kleidung, die richtige Frisur und die richtigen Eltern. Wobei die richtigen Eltern oft nichts anderes bedeutet als das richtige Geld", heißt es etwa unter dem Titel
Popularity and Success in einem Artikel des Online-Magazins suite101. (Und KEINE Zahnspangen, möchte man hinzufügen). Doch seien sie auch dem sozialen Druck, der "peer pressure", am stärksten ausgeliefert, würden deshalb weit häufiger zu Ladendieben, Alkohol- und Drogenkonsumenten als der Durchschnitt.

Ob Ideal- oder Zerrbild: Auf jeden Fall bedeutet das Popularitätskonzept harte Arbeit - und damit harte Konkurrenz für andere Ziele im Leben der "kids". Wer "popular" sein will, muß viel Zeit und Energie aufwenden, um sich mit der eigenen Wirkung auf andere zu beschäftigen. Man muß sichtbar bleiben und gerade so auffällig sein, daß man nicht in den mittleren 50 Prozent verschwindet. Gleichzeitig muß man aber angepaßt genug sein, um nicht unangenehm aufzufallen und so bei den unteren 30 Prozent der "Looser" und "Nerds" zu landen.

Nichts gegen soziale Kompetenz. Aber wie
mainstream- und zeitabhängig (und damit letztlich doch mittelmäßig) "popularity" nur sein kann, ist hier zu besichtigen: In dem Lehrfilm Are You Popular? von 1947. Liebliches Lächeln, eine gute Maniküre und Hilfsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe werden hier zumindest für junge weibliche Wesen als Schlüssel zum Erfolg präsentiert.

Der klügste Text, den ich dazu im Netz gefunden habe, stammt von dem amerikanischen Programmierer und Essayisten Paul Graham:
Why Nerds Are Unpopular. Seine Antwort auf diese Frage heißt ganz einfach: "Smart kids ... don't really want to be popular." Hätte ihm das jemand schon in der Schule gesagt, hätte er den natürlich ausgelacht, so Graham weiter. "Natürlich wollte ich populär sein. Aber in Wirklichkeit eben doch nicht, jedenfalls nicht genug. Es gab etwas anderes, was ich noch lieber sein wollte: smart."

Popularität aber ist etwas, das man nicht nebenbei erledigen kann. Graham zitiert den italienischen Humanisten Leon Battista Alberti, wonach keine Kunst, so gering sie auch sei, weniger als völlige Hingabe verlangt, wenn man sie wirklich beherrschen will. Und wahrscheinlich arbeite niemand auf der Welt an irgendetwas hingebungsvoller als amerikanische Schüler an ihrer Popularität. Teils bewußt, teils unbewußt seien diese Teenager im Dauereinsatz als Konformisten. Die Meinung der anderen sei für sie zum Maß aller Dinge geworden. Nerds hingegen kümmerten sich nicht wirklich darum, weil sie etwas anderes zu tun hätten. Ihre Aufmerksamkeit gelte Büchern, Rechnern oder der Natur statt Parties oder Mode.

Beide Verhaltensweisen sind kein Zufall, sondern erlernt, wie Graham behauptet. Die populären Jugendlichen hätten gelernt, populär sein zu wollen, ebenso wie die Nerds gelernt hätten, smart sein zu wollen - und zwar bereits von ihren Eltern: "While the nerds were being trained to get the right answers, the popular kids were being trained to please."

In der geschlossenen Welt der Middle- und High Schools in Amerikas Vorstädten, wo Teenagern (in der bequemen Annahme, sie seien hormonbedingt durchgeknallt und deshalb ohnehin nicht erreichbar) mit dem Lehrstoff kaum Herausforderungen geboten werden, wächst sich Graham zufolge das inhaltsleere Ritual der "popularity contests" beinahe zwangsläufig ins Groteske aus. Nur gelernte Nerds - die eigensinnigen Bücherwürmer, Tüftler und Computerfreaks - hätten die Kraft, sich diesem Sog zu entziehen.

Was Grahams 2003 geschriebener Text für einen Nerv trifft, kann man an den Kommentaren ablesen. Nicht nur an deren Inhalt, sondern schon an der schieren Zahl. 967 sind zur Zeit aufgelistet - einige davon sind erst ein paar Stunden alt.

Und auf meiner Reizwort-Rangliste im Wortschatz meiner Söhne gibt es nun einen neuen Eintrag, noch vor "cool" und "dude": "popular".

(Princeton Post XXVI)

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