Dienstag, 8. April 2008

Sugared Up


Meine derzeitige Lieblingswerbung zeigt ein verwirrtes Girl vor einem Lauband im Fitneßstudio. Sie fragt nach: "2640 more steps? Just to work off THIS water?" Darunter wird aufgeklärt: "Some vitamin enhanced waters are enhanced with 125 calories." Es folgt die Beschreibung des eigenen Produkts: "flavor. vitamins. 25 calories. how fit is YOUR water?"

Schlichtes Wasser ohne Farbe und ohne Geschmack - will heißen: ohne süßen Geschmack - tut es nicht. Das ist nicht "fit", ist kein "sports drink". Weder im Fitneßstudio für die Großen noch auf dem Fußballplatz für die Kleinen. Nicht einmal in der Studenten-Mensa. "Enhanced" muß das Wasser sein - angreichert und aufgehübscht.

Der Flascheninhalt tut meist den Augen weh: Neongrün, quietschpink, schlumpfblau. Die Cola von heute ist bunt, irgendwie irre sportlich und heißt Gatorade. Hat natürlich ganz viele Vitamine, Mineralien und andere hochgesunde Zusätze. Plus Zucker.

Gleichzeitig ist: "They are all sugared up!" ein Satz, den man immer häufiger hört. Auf dem Schulhof, auf dem Spielplatz, beim playdate - wo immer Kinder zusammen toben und dabei durchdrehen. Wo dieser Satz von Eltern geseufzt wird, haben die "kids" meistens vorher "sports drinks" getrunken und/oder "snacks" gegessen.

Energy bars, cookies, crackers. Snacks in hundert Varianten, die alle eins gemeinsam haben: Sie strotzen vor Zucker. Trotzdem wird dieser Satz mit einer Resignation vorgetragen, als handele es sich beim Überzuckertsein um ein Naturgesetz.

Man könnte auch fast denken, Zuckerzusätze seien Natur. "Plain yoghurt" zum Beispiel - ein kleiner Becher enthält hier um die 12 Gramm Zucker. Wer wirklich "einfachen", natürlichen Joghurt will, muß für teures Geld entweder spezielle Bio-Sorten oder Importjoghurt kaufen.

Erdnußbutter enthält in der Regel deutlich mehr Zucker als Salz. Was in den Supermarktregalen als Brot verkauft wird - uns erinnert's eher an abgepackte Toastscheiben - ist fast ausnahmslos mit Mais-Sirup gesüßt. Ein großer Teil der industriell hergestellten Lebensmittel enthält diesen Dickmacher, denn "corn" ist in den USA ein subventioniertes Anbauprodukt, und der viele Mais muß ja irgendwo hin. (
Man darf allerdings gespannt sein, ob die derzeit rasant steigende Nachfrage nach Mais zur Gewinnung von Biosprit womöglich weniger süße Zeiten einläutet...)

Baut ein Farmer hingegen auf seinem subventionierten Land Salat, Tomaten oder Broccoli an, um eine wachsende Nachfrage nach regionalen Gemüseprodukten zu bedienen, riskiert er deftige Bußgelder. Finanzielle Nachteile haben auch Schulen, die beim Lunch eher auf vitamin- als auf kalorienreiche Kost setzen. Die entsprechenden Pro-Kalorien-Gesetze stammen noch aus der Nachkriegszeit, als Teilen der Bevölkerung Unterernährung drohte. Sage keiner, die absurde EU-Agrarpolitik sei konkurrenzlos!

Anders als Zucker wird Fett offiziell verteufelt, denn Fett führt zu Fettleibigkeit, wie der Name schon sagt. Also kauft man den Fruchtjoghurt als "low fat"-Variante. Oder ißt Salat mit - ebenso massiv gezuckerter - Non-fat-Fertigsoße. Und wundert sich, wenn man trotzdem nicht dünn ist.

Vor kurzem mahnte nun die Direktorin von N.s Grundschule in ihrem monatlichen Rundbrief alle Eltern, auf die gesunde Ernährung ihrer Kinder zu achten und "obesity", Fettleibigkeit, vorzubeugen. Den Kleinen als snack lieber Müsliriegel als cookies einpacken, hieß es da - und: Keine Vollmilch, sondern fettarme Milch oder skim milk mitgeben. (Skim milk sieht aus wie mit etwas Deckweiß vermischtes Wasser. Schmeckt auch so. Hat aber fast kein Fett. Und enthält deshalb auch keine verwertbaren Vitamine mehr.)

Da haben die Eltern gestaunt. Denn erstens besteht das Lunchmenü für die Schüler nach wie vor hauptsächlich aus Junk Food - Nachos, Burgers, Pizza, French Toast, Peanut-Butter-and-Jelly-Sandwiches. Zweitens hatten N. und seine Klassenkameraden kurz zuvor, als der 100. Tag des Schuljahres gefeiert wurde, einen Beutel mit Süßigkeiten bekommen. Von der Lehrerin. Und in jedem Beutel steckten 100 - einhundert - Süßigkeiten. 10 Lollis, 10 Schokokugeln, 10 Kaubonbons und so weiter. Anders gerechnet: Die Lehrerin, selbst eher rundlich, hatte ihren 16 Schülern für diesen Tag 1600 "sweets" besorgt. Eintausendsechshundert "treats", wir es hier auch heißt, kleine Freuden, genußvolle (Selbst-)Belohnungen im Alltag.

They were all sugared up that day.

Herausragende Lektüre zum "American way of eating": "The Omnivore's Dilemma" von Michael Pollan, einem auf Ernährungsfragen und Agrarpolitik spezialisierten Journalisten und Professor an der Universität Berkeley.

(Princeton Post XVII)

Keine Kommentare: