Sonntag, 14. März 2010

Storms


Am Samstagabend hatten wir Mike und Sue z
um Dinner eingeladen. Sue kam mit nassen Haaren: Der Föhn hatte nicht funktioniert, weil sie zu Hause seit einem halben Tag keinen Strom mehr hatten. Heizung auch nicht. Dafür stand das Wasser schon im Keller: Ein "storm" fegte über Princeton hinweg.

Die
beiden hatten die Fahrt durch ein Labyrinth aus Straßensperrungen, umgestürzten Bäumen und frei baumelnden, abgerissenen Stromleitungen trotzdem angetreten. So konnten sie noch einmal Licht und Wärme tanken. Denn laut Voraussage des Versorgers sollen sie erst am Dienstag wieder Strom haben.

Vorsichtshalber machten wir Kerzen und Kamin an. Doch diesmal kamen wir ungeschoren davon. Das Licht flackerte alle paar Minuten, als hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Aber es hielt durch. Genau wie unsere Pumpen, die den Keller trocken halten. Wenig später rief die Polizei an mit der Tonband-Anweisung, man solle das Haus nur noch im Notfall verlassen. Die Straßen seien inzwischen größtenteils unpassierbar. Wo nicht wegen Überflutung gesperrt war, lagen Bäume quer.

Sue und Mike wollten trotzdem nicht über Nacht bleiben. Spätabends schlugen sie sich noch zu ihrem acht Blocks entfernten Haus durch, um zu sehen, wie hoch der Wasserpegel im Keller bereits gestiegen war.

"Storms" sind hier eine Sache für sich. Ist ein solcher angekündigt, kann das heißen, dass es einfach nur zwei Tage in Strömen regnet oder übers Wochenende ein bisschen schneit. Es kann aber auch sein, dass die Gewitterhölle losbricht wie an diesem Samstag, oder dass ein Blizzard kommt und tagelang die Gegend lahmlegt wie zuletzt vor drei Wochen.

Man tut
jedenfalls immer gut daran, den Wetterbericht aufmerksam zu lesen. Und sobald sich die Alteingesessenen zum Abschied "Stay dry!" wünschen, ist Eile geboten: Kinder rechtzeitig aus den Schulen abholen; Hamsterkäufe tätigen; Kerzen, Taschenlampen und Eimer bereitstellen. Denn immer wenn im ländlich-suburbanen Amerika mit seinen oberirdisch verlegten Stromleitungen ein "storm" tobt, droht in jedem betroffenen Staat einer sechsstelligen Zahl von Haushalten der Blackout.

Bisher hatten wir immer Glück, auch wenn es beim vorletzten Regensturm verflixt knapp war: Viereinhalb Stunden lang kein Strom, das Wasser schwappte schon fast über den Rand der Pumpenschächte. Was ich tun werde, wenn unser Keller tatsächlich einmal vollläuft, weiß ich nicht. Die Gelassenheit von Mike und Sue kann ich bestimmt nicht aufbringen. "Warum soll ich mich über etwas aufregen, das ich doch nicht ändern kann?", fragt Mike, und da hat er natürlich irgendwo recht. Trotzdem fällt mir das Nicht-Aufregen deutlich leichter, wenn es sich um Dinge handelt, die man ändern kann.

Nun sind wir aber in Amerik
a, und hier kann man etwas lernen, wenn es darum geht, die Welt in positivem Licht zu sehen. Von Ken zum Beispiel: Auf das Haus seiner Nachbarn ist ein Baum gestürzt. Sobald er wusste, dass keiner der Bewohner verletzt war, hatte Ken den positiven Dreh schon raus: "Das ist doch das Beste, was ihnen passieren konnte. Jetzt bezahlt ihnen die Versicherung ein neues Dach!"

Zwar treiben es die Amerikaner mittlerweile allzu weit damit, wie die US-Journalistin Barbara Ehrenreich findet: Durch eine pervertierte Kultur des Positiven Denkens hätten ihre Landsleute verlernt, sich selbst und ihre Umwelt realistisch einzuschätzen, schreibt sie in ihrem Buch Bright-sided: How the Relentless Promotion of Positive Thinking Has Underminded America. Das Geschäft mancher How-To-Book-Autoren, Motivationstrainer und Life Coaches erinnert tatsächlich eher an Gesundbeten als an gesunden Optimismus: Job verloren, Haus gepfändet? Selbst schuld, wer nicht fest genug an sich selbst glaubt! Der Erfolg kommt automatisch, wenn man ihn nur intensiv genug herbeiwünscht. Stop whining, move on!

In maßvoller Dosierung allerdings ist Positive Thinking ein angenehmes Korrektiv zum (deutschen?) Dauerklagen, Händeringen und Das-Schlimmste-Befürchten. Galt nicht auch bei uns einmal, jeder sei seines Glückes Schmied? Und macht man sich nicht die meisten Sorgen umsonst?

Nur: Letztlich hat auch das Schwarzsehen wieder seine positive Seite. Man wird dann nämlich positiv überrascht. Entsprechend fühlen wir uns nach jedem "storm", den unser Keller wider Erwarten trocken übersteht, als wahre Glückspilze.

Doch jetzt kaufen wir uns wirklich so ein "power pack", einen Stromgenerator für die Pumpen. Der nächste "storm" kommt bestimmt. Und man soll sein Glück ja nicht herausfordern...

(Princeton Post XXXI)

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