Vor einigen Tagen saßen neben mir im Straßencafé auf Nassau Street zwei ältere, gut gekleidete Damen. Gefragt von einem Tischnachbarn, ob er bei ihrer Unterhaltung richtig einen britischen Akzent heraushöre, gaben sie sich als Londonerin und Schottin zu erkennen, zu Besuch bei Freunden in der Stadt.
Kurz darauf schrammte direkt vor dem Café ein UPS-Lieferwagen hart an einem parkenden Pkw entlang; der Fahrer hatte den Abstand falsch eingeschätzt. Schnell strömte eine kleine Menschenmenge zusammen. Er habe die Polizei bereits verständigt, erklärte der Cafébetreiber. Wie vom Blitz getroffen, sprang die Frau aus London auf: “Schnell weg hier, ich möchte wirklich nicht noch einmal mit der hiesigen Polizei in Berührung kommen!”. Die Britinnen eilten davon, ohne ihre Lattes auszutrinken.
Wie steckbrieflich gesuchte Bankräuber hatten die beiden wirklich nicht ausgesehen, und tatsächlich kam mir nie der Gedanke, dies könnte der Grund für ihre Flucht sein. Ich hätte ihr Verhalten schon nach meinen ersten eigenen Erfahrungen mit den Princetonischen Gesetzeshütern (siehe: "Rules and Regulations") nicht besonders merkwürdig gefunden. Seit ich regelmäßig die “Town Topics”, das hiesige Lokalblättchen, lese, scheint mir eine gute Portion Paranoia erst recht angebracht.
In der vorletzten Ausgabe hieß es da zum Beispiel, daß zwei schwule Männer in einem städtischen Waldgelände von einer Zivilstreife aufgespürt und verhaftet worden seien. Caught in the act, sozusagen. In diesem Park gehe die Polizei gezielt Streife, nachdem es entsprechende Anzeigen von Spaziergängern und bereits zwei Verhaftungen gegeben hatte.
So weit, so gut. Kopulierende Männer im Herrontown Woods Park, das muß man nicht verteidigen. “Sexual activities” jeglicher Art sind im öffentlichen Raum auch ausdrücklich verboten.
Warum ich trotzdem einigermaßen fassungslos vor dem Artikel saß? Weil beide Männer nicht nur verhaftet und wegen “lewdness” (Unzucht, Unanständigkeit, Lüsternheit) angeklagt, sondern darüber hinaus in der Zeitung an den Pranger gestellt wurden. Mit vollem Namen, Alter und Wohnort. Ein 53jähriger aus Montgomery Township; der andere, aus Princeton, war schon 85.
Am selben Nachmittag traf ich meine amerikanische Freundin Debbi. “Did you read that incredible story in the Town Topics?”, fragte sie. “Sure”, sagte ich, überzeugt, daß sie, mit der ich sonst über viele im weiteren Sinne politische Fragen einer Meinung bin, auch mein Entsetzen über diese Form der Bloßstellung teile. Aber weit gefehlt: “Remember I told you not to go running in Herrontown Woods!?”, lautete ihr Kommentar. Und die Namen, die habe die Zeitung wohl aus dem Polizeibericht entnommen, meinte sie achselzuckend.
Was eine solche Veröffentlichung für Schwule in einem kleinen Ort wie Princeton bedeutet, ahnt man vielleicht, wenn man etwa die kürzlich auf der Titelseite der “New York Times” erschienene Geschichte über die verbreitete gesellschaftliche Ächtung gerade älterer Homosexueller liest. Diese betrifft demnach Männer wie Frauen und reicht bis hin zu sogenannten “hate crimes” in der Altenpflege.
Doch das Anprangern ist in dieser Gesellschaft die Norm. Wer zum Beispiel “under the influence”, also unter Alkoholeinfluß am Steuer erwischt wird, kommt in die Zeitung. Und eben auch Straftäter, die keine Gefahr für Leib, Leben oder Besitz ihrer Mitbürger darstellen, sondern allenfalls deren Gefühl für Anstand und Moral verletzen.
Die Schwellen sind niedrig. Bei minderen Vergehen wie Schubsen, Drängeln oder mangelndem Respekt vor dem Lehrkörper werden bereits Schulkinder angehalten, vor der versammelten Klasse Selbstkritik und Reue zu üben. Damit alle gemeinsam dann dem betreffenden Kind “helfen” können, künftig die Regeln einzuhalten.
Ein weiteres Ärgernis, das für den Täter böse Folgen haben kann, ist Urinieren in der Öffentlichkeit. Der Pulitzer-Preisträger Richard Ford, der große Teile seiner berühmten Roman-Trilogie in Princeton (allerdings unter dem fikitiven Namen Haddam) angesiedelt hat, beschreibt im letzten Teil, “The Lay of The Land”, wiederholt die beklemmende Situation eines älteren Mannes mit beginnender Inkontinenz: Seine panische Suche nach einer Toilette, und dort, wo keine zu finden ist, die Scham des Entblößten, der nichts mehr fürchtet als entdeckt zu werden. Nur ältere Polizisten, weiß der Erzähler, ließen in solchen Fällen aus leidvoller eigener Erfahrung manchmal Gnade vor Recht ergehen.
Wie schnell man tatsächlich aufgespürt ist, konnten wir auf einer Irrfahrt durch North Jersey erleben: Mit zwei kleinen Jungs samt Oma und Opa im Auto, heillos verfranzt im Zufahrten-Dschungel des Garden State Parkway, war ich irgendwie auf dem Parkplatz eines gottverlassenen Gewerbegebiets gelandet. Während ich auf der Landkarte nach Auswegen suchte, mußten N. und sein Großvater pinkeln – kein Halten mehr, kein Klo weit und breit. Nur ein unkrautüberwucherter Zaun bot sich an.
Kaum waren die beiden zurück, hielt ein Polizeiauto neben uns. Aufgetaucht aus dem Nichts. Ob wir Hilfe brauchten, fragte der Cop auf dem Fahrersitz, während er unseren vollbesetzten alten Daimler mißtrauisch musterte. Ob wir wüßten, wie wir wieder nach Princeton zurückkämen, wollte er dann wissen. Meine elaborierte Antwort (Parkway South, exit No. 16 to 571 West usw.) fiel offenbar zufriedenstellend aus; er wünschte uns eine gute Fahrt und rauschte davon.
Nicht auszudenken, wenn er zwei Minuten früher gekommen wäre. Auch wir wären in der Zeitung gelandet. Wie jene 42-jährige Frau, die kürzlich auf Princetons Route 206 beim Pinkeln im Gebüsch ertappt wurde, und dies prompt- nebst vollem Namen und Wohnort - in den “Town Topics” verewigt fand.
Und dennoch – neulich hätten wir uns beinahe erneut zur Erregung öffentlichen Ärgernisses gezwungen gesehen. Am Bahnhof von Princeton Junction, wo man – auf der Hauptstrecke aus New York, Washington oder Philadelphia kommend – in einen kleinen Pendelzug umsteigen muß. Es war noch keine 10 Uhr abends, als Anja und ich dort ankamen und mehr als 20 Minuten auf den nächsten “Dinky”-Zug nach Princeton warten mußten. Nur ein einziges Klo gibt es auf diesem Bahnhof, in der Schalterhalle. Die aber war bereits geschlossen und verriegelt. Es war knapp. Aber wir litten gesetzestreu vor uns hin, bis wir wieder daheim waren.
Die Botschaft, fanden Anja (Mutter eines Anderthalbjährigen) und ich, ist klar: Wer um diese Zeit nicht zuhause bei der Familie ist, muß selber sehen, wie er – und vor allem: sie – klarkommt. Nicht umsonst nennt man unsereins stay-at-home moms!
Princeton, 12. Oktober 2007 (Princeton Post IX)
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2 Kommentare:
Junior said...
Die Amis haben eine höhere Einstiegsschwelle bei der Privatsphäre als die Deutschen. Das hat m.M. nach mehrere Gründe:
1. Die totale Ent-Privatisierung des Lebens in der Nazizeit hat daraufhin im Grundgesetz der BRD zu dem wahrscheinlich strengsten Privacy-Schutz eines Individuums in der zivilisierten Welt geführt.
2. Puritanische Prüderie und Politiker sind eine gefährliche Mischung für die amerikanische Form der Demokratie und das recht des Einzelnen:
drakonische Strafen selbst für Lapalien wie Urinieren oder sexuelle Verabredungen (kein Sex!) in Flughafen-Klos zu fordern, bringt in den USA immer Wähler und Wahlsiege, und so schaukeln sich Prüderie, Doppelmoral und Missachtung des Individuums immer höher, ohne dass es eine Instanz gäbe, diese Hysterie zu stoppen. Ein Rechtsgut wie Privatsphäre eines (noch nicht mal angeklagten, geschweige verurteilten!) Verdächtigen kommt dabei unter die Räder.
3. Die U.S. Demokratie ist keine Sozial- Demokratie im deutschen Nachkriegssinn:
Der U.S. Raub-Kapitalismus erlaubt Zeitungsverlegern ein Mass an Macht und editorialem Recht, durch Namensnennung, Anprangern, Verleumdung, usw. Auflagen zu steigern, dem in Deutschland ein Sozialvertrag dagegengehalten wird, der besagt: Das Individuum hat einen unverletzbaren Grundwert, der auch nicht von kommerziellen Giganten wie Banken oder Zeitungen angetastet weden kann.
Das der Schutz der Privatsphäre auch in Deutschland jetzt unter dem Argument 'Terrorbekämpfung' immer löcheriger wird, (Netzfahndung, Vorbeugehaft, Schäubles neueste verquere Ideen...) relativiert wieder alles runter auf ein Mass, wo ich mir nicht mehr klar bin, ob man sich noch als Deutscher so stolz auf die Brust klopfen kann.
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